Medien für die sprachliche Bildung und Literacy

Bücher und Bilder, Spiele und Töne motivieren Sprache, Gefühle und Gedanken.​

Sylvia Näger bespricht für Sie Bücher, Spiele und audio-visuelle Medien, die Sie in Ihrer sprachlichen Bildungsarbeit, Sprachförderung und Literacyerziehung unterstützen.

Die monatlich erscheinenden Rezensionen bieten Ihnen eine fundierte Besprechung der ausgewählten Titel und zeigen den Bezug zur sprachlichen und literarischen Bildung auf. 

Verlieren ist was für Gewinner

Tiere um einen Pokal

Wer ist das Beste Tier im Wald? Das wollen die Waldbewohner herausfinden und versuchen im Waldspiel, ihre Fähigkeiten auf die Probe zu stellen und zu messen. Der Sieger erhält den Pokal, verkündet der Fuchs, der das Ganze  organsiert und sich zum Spielleiter berufen fühlt.   Den Pokal hat er an der Bushaltestelle am Waldrand gefunden.

Zunächst versuchen die spielfreudigen Tiere den Sinn des Waldspiels zu ergründen und machen sich Gedanken über den Ablauf. „Wie geht denn das Waldspiel? fragt  der Vogel. „Wer den meisten auf die Nase haut, gewinnt!“ schlägt der Bär vor. Der Hase sieht das anders. „Nein, wer haut, hat automatisch verloren, denn das machen nur Verlierer“. Der Fuchs ist für Gerechtigkeit und schlägt vor, dass der Schlauste gewinnt. Der Bär will wissen warum nicht der Blödeste und die Winkekatze fühlt sich auf der Stelle als die geborene Gewinnerin.

Inmitten dieser chaotischen Situation verteilt der Fuchs sein Kartenspiel. Er setzt gerade zur Erklärung der Spielregeln an, als das rosarote Einhorn schon „Hurra gewonnen“ kreischt und „Gewinner Einhorn“ genannt werden will.  Um dem Chaos zu entkommen einigen sich die Tiere, dass jeder zeigen darf, was er am besten kann. Dazu  stellen sie ein paar Regeln auf und sind überzeugt, dass am Ende schon einer gewinnen wird. Der Vogel fliegt, der Bär reimt und das Einhorn zaubert einen Regenbogen über die Lichtung. Sekundenschnell hoppelt der Hase im Kreis, die Winkekatze winkt wirklich wunderbar und der Fuchs sitzt rum und denkt. Aber leider bringen weder diese Spielvariante noch die vom schlauen Fuchs gefassten Gedanken den erhofften Gewinner zu Tage. Die Sache mit dem Regelspiel entpuppt sich als zu schwierig für die Waldtiere, die sich alle als Sieger sehen und zudem auch noch als miserable Verlierer zeigen, die sich zeternd und brüllend auf den Waldboden werfen.  Sie heulen derart rum, dass der Fuchs sich plötzlich wieder an seine vergessen geglaubte dritte Regel erinnert, die da lautet „Alle Verlierer sind Gewinner“. Da aber der Waldpokal inzwischen bereits von einem besonders tapferen Mädchen mit einem roten Käppchen stibitzt wurde, basteln sich die Tiere ihre Siegertrophäen selbst. Und so entstehen, aus allem was der Wald so hergibt, Medaillen, Kronen und Siegerkränze. So herrlich charmant und  herzig wie tierische Gewinner sie eben brauchen. Kein Wunder, dass das Ganze mit einem gemeinsamen vergnügten Siegerfreudentänzchen inmitten der Waldlichtung endet.

Die Geschichte mit dem leicht merkwürdigen und spleenigen Personal spiegelt Kindern auf humorvolle Weise, wie Regelspiele von Gewinnern und Verlierern soziale Leistungen und Fähigkeiten fordern. Gleichzeitig vermitteln die schrägen Protagonisten, dass zusammen spielen die Freude an der Gemeinschaft steigert und die Bereitschaft erhöht, sich in eine Gruppe zu integrieren.  Die Autorin und Illustratorin Katharina Grossmann-Hensel meint, ihr Bilderbuch sei eines zum Trösten und zeigt, „dass auch Verlieren ein Gewinn sein kann und andersrum, dass das nicht so wichtig zu nehmen ist – und dass es vor allem um die Gemeinschaft geht.“

Wer genau hinschaut findet in den detailreichen Bildern unterhaltsame Entdeckungen wie etwa die Eule, die im Wald ein Smartphone findet und sich intensiv damit beschäftigt oder das weiße Huhn, das ein Friedenszeichen durch den Wald schleppt. Die dynamische Bildgestaltung illustriert sowohl die Herausforderungen als auch Freuden, die die Protagonisten erleben, souverän und unterhaltsam.

Theoretischer Hintergrund

„Aber wir müssen trotzdem ein paar Regeln aufstellen“, sagt der Fuchs, der ganz bilderbuchtypisch schlau und hinterhältig die Szene bestimmen möchte: „Ohne Regeln kein Spiel und kein Gewinner!“

Zu Beginn der Kitazeit sind ungebundene Formen des Spiels wie das Rollenspiel von Bedeutung. Später, im Alter von vier bis sechs Jahren, beginnen sich Kinder für Spiele zu interessieren, die durch Regeln geprägt sind.
Im geregelten Spiel wird zum einen ohne Material, wie bei Singspielen oder Abzählreimen, zum anderen mit unterschiedlichen Hilfsmitteln wie Ball, Murmeln, Karten und Brettspielen gespielt.

Regelspiele fordern von Kindern soziale Leistungen und Fähigkeiten. Die Regel ist eine soziale Vereinbarung, die das Spiel erst ermöglicht. Solche Vereinbarungen kennen die Kinder aus ihrer Lebenswelt. Trotzdem können sie sich manchmal schwer damit tun - vor allem am Anfang ihrer Bekanntschaft mit dieser neuen Spielform.

Der kindliche Egozentrismus ist oft die Ursache, die insbesondere den Drei- und Vierjährigen das Regelspiel erschwert. Zur sozialen Spielfähigkeit gehört das Regelbewusstsein, dessen Entwicklung in Zusammenhang mit dem Alter steht.  Kinder setzen zunächst ins Spiel um, was sie sehen: sie spielen nachahmend. Bei Regelspielen auf dem Brett beispielsweise würfeln und ziehen sie, weil sie das als modellhafte Verhaltensvorgaben wahrnehmen. Und wenn der Würfel so schön fällt und klackert, würfelt der Dreijährige gerne hingebungsvoll wiederholt vor sich hin. Erwachsene sollten Spielverhalten nicht als Regelwidrigkeit ahnden, sondern Tipps und Unterstützung geben, bis das Kind fähig ist, Regeln als gültige Spielvereinbarung anzuerkennen und umzusetzen. Die Drei- und Vierjährigen brauchen noch die Mithilfe der Großen, um nacheinander reihum den Spielablauf organisieren zu können. Denn dazu müssen sie lernen sich abzuwechseln, das ist eine wichtige Grundfähigkeit fürs Miteinanderspielen. Als Fünf- und Sechsjährige können sie dann schon selbst untereinander darauf achten, dass die Reihenfolge und die Spielregeln eingehalten werden.

Regelspiele sind somit eine Spielform, bei der Kinder wichtige und grundlegende soziale Verhaltensweisen erproben: sich auf Mitmenschen einzulassen, Konflikte auszutragen, sich in Gruppen ein-, über- oder unterzuordnen. Sie sind eine spielerische Möglichkeit, bei Kindern Verständnis für die Notwendigkeit sozialer Spielregeln zu erwecken.

Für die Praxis

Regelspiele, die Kindern im Vorschulalter Spaß machen und ihre Spiellust fördern, brauchen Spielstrukturen, die so angelegt sind, dass das Spielziel auch ohne genau geplante Verfahrensweise erreicht werden kann. Das Ziel des Spiels muss für Kinder so klar sein, dass es auch durch Nebenhandlungen, die durchaus gewisse Teilziele erfordern können, nicht verzerrt und aus den Augen verloren wird. Die Fähigkeit des spielerischen Perspektivenwechsels, sich in den Blickwinkel des anderen hineinzuversetzen und versuchen, dessen Spielplanung zu verstehen sowie dessen einzelne Spielzüge gedanklich vorwegzunehmen entfaltet sich am besten auf der Basis altersgerechter Regelspiele.
Trotz allem gilt der Grundsatz: Spielregeln sind auch dazu da, verändert zu werden. Dies heißt im Spiel mit den Kindern: lieber die Regel an die Fähigkeiten der Kinder anzupassen, als die Kinder an die Regeln. Allerdings darf die Gültigkeit der Spielregeln, die Kindern bereits bekannt sind, nicht außer Acht gelassen oder, wie sie es manchmal versuchen, während eines Spiels geändert werden.

Spielerische Anschlusskommunikation zur Arbeit mit dem Bilderbuch „Verlieren ist was für Gewinner“

  • Anregungen zum Dialogischen Lesen
    Alle Situationen, die das Spielen ausmachen: die Spielfreude, die Funktion der Regeln, der Wettkampf, das Siegen- und Gewinnenwollen bis hin zum Verlierenkönnen beschäftigen die tierische Bagage, die sich als Spiegelbild für das kindliche Denken und Fühlen offenbart. Damit fordert das Bilderbuch Gespräche über das Verhalten bei Regelspielen geradezu heraus und gibt Kindern Impulse und Motivation, ihre Sicht und Erfahrungen mit geregelten Spielwelten zu thematisieren.
    Die Gestaltung des Vorsatz und Nachsatz zeigen Szenen, die dazu anregen, die Geschichte aus der Perspektive des Fuchses zu erzählen.
  • Ein Spiel zum Selbermachen und Regeln ausdenken
    Das Bohnen-Kreisel-Spiel lässt sich mit einfachstem Material herstellen und bietet Kindern Spielraum, sich mit dem Wesen von Regelwerken auseinanderzusetzen.
    Dazu benötigen Sie:
    - Für 4 - 6 Spieler ein Marmeladeglas mit einem Deckel aus Blech. In die Deckelmitte
       - mit  einem Dosenöffner - ein Loch von der Größe eines Bohnenkerns stanzen.
    - 1 Packung getrocknete Bohnenkerne
    - 1 Fingerkreisel
    Spielverlauf:
    Jeder Mitspielende erhält Bohnenkerne; die benötigte Anzahl hängt von der Laufqualität des Kreisels ab. Für einen gut tanzenden Fingerkreisel aus Holz reichen etwa 60 Bohnen. Für Kinder kann man eine Maßeinheit schaffen, in die ca. 60 Bohnen passen, beispielsweise einen Pappbecher auf diesen Umfang zuschneiden.
    Ein Spieler beginnt und dreht den Kreisel. So lange dieser tanzt, versucht er, mit einer Hand einen Bohnenkern nach dem anderen durch das Loch im Deckel in das Glas fallen zu lassen. Kippt der Tanzknopf um, kommt der Nächste dran.
    So geht es reihum, bis der erste Spieler alle seine Bohnenkerne weg hat und damit Bohnen-Kreisel-König ist.
  • Das Bohnen-Kreisel-Spiel regt an, eigene Regeln zu erfinden
    Beispielsweise:
    - Solange sich der Kreisel in Bewegung hält, kann der Spieler, der an der Reihe ist,        versuchen, die Bohnen wieder aus dem vollen Glas herauszuschütteln.
    -  Im Winter gibt es eine Spielrunde mit Handschuhen.
    - Bei der sportlichen Spielrunde laufen die Mitspieler erst einmal um den Tisch oder    kriechen unter diesem durch, bevor sie die Bohnen loswerden können. Nebenher soll      ein Reim aufgesagt werden... usw.
  • Wenn Sie den Kindern ein Glas, gefüllt mit Bohnen, und eine selbstgestaltete Spielregel-Sammlung nach Hause mitgeben, animiert dies sicherlich zu Dialogen über Regelwerke und zum Weiterspielen.
    Denn der Kreisel ist ein spannendes Geschicklichkeitsspielzeug, das auch Erwachsene zum Mitspielen anregt. In diesem Spiel hat er die Rolle des Zeitmessers. Das Abzählen der Bohnen umfasst die Eins-zu-Eins-Zuordnung von Zahlwort und Element und veranlasst Kinder die Zahlwortreihe aufzusagen.

Katharina Grossmann-Hensel: Verlieren ist was für Gewinner.
Berlin: Anette Betz, 2020, 32 Seiten| € 14,95 | Für Kinder ab 5

Sylvia Näger, Freiburg;
Diplom-Medienpädagogin. Dozentin in der Aus-und Fortbildung von Grundschullehrenden, Pädagogischen Fachkräften und Bibliothekaren. Lehrtätigkeit in den Bereichen sprachliche Bildung, Literacy, Kinder- und Jugendliteratur, Lyrik und Medienpädagogik.

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Kontakt

Daniela Bischler
Trägerübergreifende Fachberaterin Sprachliche Bildung

Amt für Kinder, Jugend und Familie
Abteilung Förderung von Kindertageseinrichtungen
Europaplatz 1
79098 Freiburg

Tel. 0761 / 201 - 8431
Fax 0761 / 201 - 8409
daniela.bischler@stadt.freiburg.de

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