Medien für die sprachliche Bildung und Literacy

Bücher und Bilder, Spiele und Töne motivieren Sprache, Gefühle und Gedanken.​

Sylvia Näger bespricht für Sie Bücher, Spiele und audio-visuelle Medien, die Sie in Ihrer sprachlichen Bildungsarbeit, Sprachförderung und Literacyerziehung unterstützen.

Die monatlich erscheinenden Rezensionen bieten Ihnen eine fundierte Besprechung der ausgewählten Titel und zeigen den Bezug zur sprachlichen und literarischen Bildung auf.

Starke mehrsprachige Geschichten für das Kamishibai

Ab diesem Sommer stehen drei bewährte Bilderbücher aus dem Moritzverlag im Format der Bildkartensets für das Kamishibai zur Verfügung: „Der Besuch“ von Antje Damm, „Pfoten hoch“ von Catharina Valckx und „Ich bin der stärkste im ganzen Land!“ von Mario Ramos.

Nicht nur diese Auswahl erfreut, sondern auch die Tatsache, dass die Texte der drei wunderbaren Geschichten in deutscher, englischer, türkischer und französischer Sprache zur Verfügung stehen. Die praktische stabile Pappverpackung und die laminierte Vorderseite der Bildtafeln sind eine absolut löbliche nutzer- und praxisfreundliche Ausstattung.

Als Stellvertreter für diese Neuerscheinungen soll hier in den Medientipps die Geschichte vom  Egotrip des Wolfs dienen, der irrtümlicher weise denkt:

„Ich bin der stärkste im ganzen Land!“

Eines Tages beschließt der Wolf mal wieder durch den Wald zu gehen, um zu hören, wie die anderen Tiere über ihn reden. Alle, vom kleinen Häschen, über Rotkäppchen bis zu den drei kleinen Schweinchen, erschrecken vor seiner aufgeblasenen Erscheinung und beteuern angstvoll und ergeben, dass er der Stärkste im ganzen Land ist. Der Wolf wird immer stolzer, er fühlt sich großartig und ist überaus selbstzufrieden. Ganz gleich ob er auf seinem Spaziergang dem kleinen Hasen, dem Rotkäppchen, drei kleinen Schweinchen, den sieben Zwergen oder dem kleinen Drachenkind begegnet, sein ungewöhnliches Maß an Selbstbezogenheit lebt er voll aus. Mit stolzgeschwellter Brust, hocherhobenen Hauptes spaziert er durch den Wald. Zu seinem Wohlbefinden fehlt nur noch die absolute Unterwerfung aller Waldbewohner. Wer hundert Meilen gegen den Wind so viel Selbstzufriedenheit ausstrahlt, mit dem will sich keiner in die Wolle kriegen. Immer wieder bohrt der Wolf, hakt nach wer hier wohl der Stärkste sei. Und die ohnehin schon Kleinen, die ihn devot bestätigen, redet er sicherheitshalber noch kleiner. Dass die Befragten, allesamt Figuren aus Wolfsmärchen, ihm körperlich unterlegen sind, nimmt er gar nicht zur Kenntnis. Aber im Märchenwald ist es wie im realen Leben. Es gibt immer einen, der noch größer, noch schöner oder noch stärker ist. Ein kleiner Kröterich stoppt schließlich den Egotrip des Wolfes, als er ihm seine riesige Drachenmutter vorstellt, die eindeutig die Stärkste im ganzen Land ist. Kinderleicht erfahren junge Betrachter und Zuhörer, wie man mit einem Großmaul umgehen kann und wie gut es ist, eine starke Mama hinter sich zu haben.

Buchcover: „Ich bin der stärkste im ganzen Land!“

Mario Ramos gestaltet den Spaziergang des Wolfes durch den Märchenwald mit kräftigen kontrastintensiven Farbakzenten. Konzentriert auf den Kern, den Witz und die Botschaft, braucht er weder viele Worte noch einen feinen Pinsel für Details. Der klare Aufbau präsentiert in flottem Cartoonstrich Bilder, die für sich sprechen. In seiner schnörkellosen Zeichenkunst kommen Mimik und Gestik höchst ergötzlich zur Darstellung, die Körpersprache des Wolfes spricht Bände. Die in schlichter Struktur erzählte Geschichte endet mit einem Kunstgriff, der immer wieder Begeisterung und Lacher auslöst. Dazu ist die knappe, sichere Pointe bildstark in Szene gesetzt, in dem sich das kleine grüne Etwas als Drachenkind erweist, dessen Mama so riesig ist, dass sie nur ausschnittsweise ins Bildformat passt … Klar, dass bei einem solchen Anblick ein Großmaul ziemlich klein wird.

Die Bilder des bereits 2003 erschienen Buchs wirken im Kamishibai auf besondere Art:  wundervoll überzeugend und faszinierend verschaffen sie dem egomanischen Wolf einen absolut starken Auftritt.

Anregungen für die Praxis

  • Sprachliche Eigenschaften der märchenhaften Geschichte
    Der einfache Text, der Märchenduktus und Umgangssprache mischt, bereitet seinen Zuhörern großen Spaß. Die Geschichte wird prägnant und mit bildlicher Sprache erzählt, sie ist geprägt vom intensiven Dialog der handelnden Figuren. Das ritualisierte Frage- und Antwortschema ermöglicht Kindern, die Deutsch als Zweitsprache erwerben, wiederholt die gleiche Satzstruktur zu erleben. „Ich bin der stärkste im ganzen Land!“ regt an, zusätzliche Superlative (der Wildeste, der Fürchterlichste, der Liebste etc.)  und die Steigerung von Adjektiven zu thematisieren.
  • Die dialogorientierte Anschlusskommunikation
    - nach der Präsentation im Kamishiabai - motiviert Kinder, eigene Erfahrungen einfließen zu lassen und sich mit der Ästhetik der Bilder auseinanderzusetzen. W-Fragen helfen, diese kommunikative Interaktion zu entwickeln, z.B.:
    • Warum hat der komische kleine Kröterich keine Angst vor dem Wolf?
    • Warum behauptet er bei der Drachenmutter, ein lieber kleiner Wolf zu sein?
    • Wieso nennt sich der Wolf erst bös und groß und am Ende klein und lieb?
    • Was würdet ihr tun, wenn euch der Wolf begegnet und fragt, ob ihr wisst wer der Stärkste im ganzen Land ist?
    • Wen kennt ihr, der besonders stark ist?
    • Was ist eure “starke Seite”?
    Wohin geht er, als er schnellstens vor der Drachenmutter weg läuft?
    Wie hat sich der Wolf wohl gefühlt, als er nicht mehr der Stärkste war?
  • Spiel: Ich bin der Geschickteste im ganzen Land
    Mit Kreide wird eine Sonne  von ca. 50 cm auf den Boden gezeichnet. In die Mitte des Kreises wird ein selbst gezeichnetes Bild des Wolfs gelegt. Außerdem benötigt jeder noch drei kleine Äste oder Stöckchen.
    In ca. einem Meter Entfernung stellt sich der erste Spieler mit dem Rücken zum Wolf  auf und versucht, seine Ästchen nach hinten über die Schulter in den Kreis zu werfen.
    Für jedes Ästchen im Kreis um den Wolf gibt es drei Punkte, für die, die in den Strahlen gelandet sind, einen Punkt.
    Nacheinander spielen die Kinder so viel Runden, wie vorher abgemacht. Wer die meisten Punkte hat, wird „der Geschickteste im ganzen Land” und kann dem starken Wolf die Pfote reichen...
  • Phantasiebild zeichnen: Die Stärkste im ganzen Land
    Die riesige Drachenmutter hat Mario Ramos lediglich ausschnittsweise und angedeutet abgebildet. Das regt Kinder an, die Drachenmama so weiter zu zeichnen wie sie ihrer Vorstellung nach ausschaut.
    Dafür wird der Ausschnitt des letzten Bildes kopiert und die Kinder zeichnen davon ausgehend ihre Vorstellung der Figur.

Mario Ramos: Ich bin der Stärkste im ganzen Land!
Viersprachiges Bildkartenset für Kamishibai.
Deutsch – Französisch – Polnisch – Türkisch.
Frankfurt: Moritz 2019, 13 Bildkarten im Format A3| € 18,00 | ab 3

Sylvia Näger, Freiburg;
Diplom-Medienpädagogin. Dozentin in der Aus-und Fortbildung von Grundschullehrenden, Erzieherinnen und Bibliothekaren. Lehrtätigkeit in den Bereichen sprachliche Bildung, Literacy, Kinder- und Jugendliteratur,  Lyrik und Medienpädagogik.
Langjährige Herausgeberin der Edition „Bilderbuchkino” und Autorin pädagogischer Fachbücher.

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Kontakt

Daniela Bischler
Trägerübergreifende Fachberaterin Sprachliche Bildung

Amt für Kinder, Jugend und Familie
Abteilung Förderung von Kindertageseinrichtungen
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Tel. 0761 / 201 - 8431
Fax 0761 / 201 - 8409
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