Archiv: Medien für die sprachliche Bildung und Literacy

Bücher und Bilder, Spiele und Töne motivieren Sprache, Gefühle und Gedanken.​

Sylvia Näger bespricht für Sie Bücher, Spiele und audio-visuelle Medien, die Sie in Ihrer sprachlichen Bildungsarbeit, Sprachförderung und Literacyerziehung unterstützen. Die monatlich erscheinenden Rezensionen bieten Ihnen eine fundierte Besprechung der ausgewählten Titel und zeigen den Bezug zur sprachlichen und literarischen Bildung auf.

Angsthase und Muthase (Mai 2020)

Ängstliche Menschen werden oft Angsthasen genannt. Kein Wunder, dass es den Hasen irgendwann reicht. Auf einer internationalen Versammlung beschließen sie, es nicht länger hinzunehmen, dass Kinder in aller Welt als Angsthasen bezeichnet werden. Und dazu wollen sie es der ganzen Welt zeigen, dass Hasen alles andere als Feiglinge sind. Unerschrockenheit, Mut, Schnelligkeit Geist und Geschick sind die wahren Fähigkeiten, die Hasen so außergewöhnlich machen und Ihnen die „HASENSUPERPOWER“ verleihen. Wie die löffelharten Rennläufer mit allerhöchsten Sprüngen durch die Gegend toben, mit zitternden Barthaaren alles riechen, sehen und wittern können oder durch den Wald tanzen, das liest sich wunderbar in den unverkennbaren Bildern von Helga Bansch. Da bringt ein flitzender Hasenschatten den Fuchs zur Verzweiflung oder den Jäger samt Flinte zum Stolpern und selbst der Jagdhund wird dreimal im Kreis um einen Baum getrieben, bevor er einmal gebellt hat.  Die klugen Eulen im Wald, die Zeugen dieser hasenschnellen Taten sind, zeigen sich sichtlich angetan von diesem Heldenmut und Draufgängertum.

Somit wird deutlich erkennbar, dass Hasen nicht aus Angst sondern aus Mut und Klugheit so flink sind. Deshalb, beschließt die internationale Hasenversammlung, sind alle Kinder, die so einfallsreich und wendig wie Hasen sind, ab sofort ehrenvoll als „Muthasen“ zu bezeichnen. Damit das auch sichtbar rüberkommt illustriert Helga Bansch eine liebenswürdige Porträtgalerie mit Kindern, die diesen Ehrentitel tragen. Allesamt mit einem zweiohrigen Hasenhut auf dem Kopf und einem Schild um den Hals auf dem geschrieben steht: „Muthase Rita“, „Muthase Peter“, „Muthase Kim“…

Ein wundervolles Plädoyer, das ermuntert, Angst zu thematisieren, und dafür eine kreative Bearbeitungsstrategie anbietet.

Buchcover Kind mit Hasenohren
Heinz Janisch/Helga Bansch: Angsthase

Anregungen für die Praxis

  • Hintergrundwissen
    Jedes Kind hat individuelle Ängste, die sich aus sich aus seiner Persönlichkeitsstruktur, seinen aktuell zu bewältigenden Entwicklungsaufgaben und aus den Bedingungen seiner Umwelt ergeben. Ängste gehören zu Entwicklung und Gestaltung unserer Persönlichkeit dazu. Eine angstfreie Kindheit gibt es nicht, und Kinder zeigen in ihrer Entwicklung eine Reihe von Angstformen, die wir als Erwachsene bewältigt haben: Angst vor dem Dunkeln, Angst von einer engen Bezugsperson verlassen zu werden, Angst vor imaginären Gestalten oder Angst vor dem, was nicht vertraut ist.
    Um durch diesen "normalen" Ängste zu wachsen, braucht ein Kind Hilfe und Unterstützung. Was hilft, sind verlässliche und akzeptierende Gespräche. Kinder versuchen oft, uns auf verschiedene Art ihre Situation, ihre Angst deutlich zu machen. Auch Spiele helfen ihnen, erlebte oder erspürte Ängste zu bewältigen. Dabei begibt sich das Kind in eine fiktive Welt, die es nur in seiner Vorstellung gibt, es spielt die reale Situation nach. In dieser für sich erdachten und erspielten Welt kann es sich auch als Sieger und Held fühlen und beobachten. Daraus schöpft es Kraft und erlebt innere Bilder. Diese Fantasiewelt kann das Kind auch im realen Alltag umsetzen, indem es mit erkannter Kraft von sich selbst neue Wege beschreitet, Schritt für Schritt. Die Kinder in „Angsthasen“ haben ihre Angst bewältigt, indem sie beschlossen haben, dass sie „Muthasen“ werden. Mit Hilfe ihrer Entschlusskraft stellen sie sich den Tatsachen. Ihre Phantasie, ihre symbolische Kopfbedeckung und der schriftlich dokumentierte neue Name machen sie mutig und ermöglichen ihnen bestimmte und spielerische Wege einer konstruktive Angstbewältigung.
  • Angst thematisieren
    Das Bilderbuch regt an, mit Kindern über das Thema Angsthaben und ihre eigenen Ängste zu sprechen. Dabei sollte der erwachsene Gesprächspartner Verständnis und Mitgefühl zeigen. Kinder sollten in der Kommunikation auch erfahren, dass es durchaus normal ist, sich zu ängstigen, und daß auch Erwachsene und andere Kinder zeitweilig Angst haben.
  • Spielerische Anschlusskommunikation: Wir sind Muthasen
    Das Schaffen eigener Muthasen-Mützen oder einfacher Hasenohren unterstützt Rollenspiele, in denen Kinder Ängste thematisieren, bespielen, und dadurch auch schwächen oder ablegen können. Eine solche Kopfbedeckung zeigt spielerisch in Verbindung mit dem schriftlich dokumentierten „Muthasen“ und dem eigenen Namen, dass man ein Stück wachsen kann, wenn man Mut fasst.
    Mit einer Maskerade verspüren Kinder, dass sie verschiedene Aspekte ihrer Persönlichkeit zum Ausdruck bringen können. Maskeraden wie der Muthasen-Hut regen an, in eine Rolle zu schlüpfen. Sie tragen dazu bei, verborgene Qualitäten oder Schatten von sich selbst zu zeigen und sich manchmal so auf ganz neue Art und Weise kennen zu lernen. Solche Maskeraden eigenen sich gut für Rituale, bei denen es um die Persönlichkeit des Einzelnen geht oder darum, Eigenschaften anzunehmen oder abzulegen. Mit Kostümen und Maskeraden wagen auch schüchterne Kinder eher, sich darzustellen und aus sich herauszugehen.
  • Galerie mit Porträtfotos der Muthasen-Kinder
    Die ausdrucksstarke Porträtgalerie, die Helga Bansch geschaffen hat, kann erweitert werden. Dazu zeichnen sich die Kinder selbst als Muthase, oder man inszeniert ein entsprechendes Fotoshooting, dessen Bildproduktion eine eindrucksvolle Präsentation ermöglicht.
    Bei den Portraitaufnahmen der Kinder gilt:
    - Reden ist alles! Es gibt so vieles, was man fragen kann und durch das Gespräch mit
      Kinder wirken Portraitfotos auch automatisch viel natürlicher und entspannter.
    - Ein passender, ruhiger Hintergrund lenkt die Aufmerksamkeit auf das Kind.
    - Das Gesicht nicht mittig, sondern im rechten oder linken Drittel des Bildes platzieren.
    Wird die Drittelregel für die Bildgestaltung genutzt, hat das Bild mehr Spannung und ein gewisses Seitenverhältnis. Dazu wird das Bild in drei übereinander- und nebeneinander liegende Teile gegliedert.
  • Wir erfinden und sprechen Muthasen-Reime
    Reime wecken bei Kindern die Lust selber zu sprechen. Der Rhythmus und der klare Aufbau geben Kindern sichere und wohlempfundene Gefühle beim Erobern der Strukturen, die die deutsche Sprache ausmachen.
    Im Gespräch können Reimwörter gesucht und gefunden werden. „Welche Wörter reimen sich auf Hut oder Hase?“ „Wer findet am schnellsten ein Reimwort?“ So entstehen Reime oder Sprüche zum mutig Sein und über das Angst haben.
    Beispielsweise:
    - Lirum Larum Löffelstil, wer jetzt Mut hat, der kann viel.
    - Der Muthasen-Hut steht jedem gut.
      Schlangenei und Krötendreck, der (Name) setzt ihn auf, die Angst ist weg.
    - Akra Kadabra,
      Angst hau ab Mut komm her,
      Muthase werden ist nicht schwer.
    - Drei Hasen haben Mut.
      Sie fühlen sich sehr gut
      Sie tanzen ihren Hut-auf-Tanz
      mit dem Wi- Wa- Wabbelschwanz.
  • Über Heinz Janisch und Helga Bansch
    ▪ Heinz Janisch,  einer der bekanntesten Kinderbuchautoren Österreichs, will bei Kindern ein Bewusstsein für die vielen Facetten von Sprache wecken, damit sie sich ausdrücken und andere verstehen können, damit sie Verbindendes vor Trennendes stellen können.
    Er ist Schriftsteller, Radiomacher und Lyriker.
    Eine Kostprobe aus seiner lyrischen Speisekarte:
    Still sein und lesen.       
    Das sind schöne Stunden.
    Man liest – und es ist alles gewesen.
    Man hat nichts gesucht – und hat alles gefunden.
  • Helga Bansch wurde mehrfach ausgezeichnet,  u.a.  mit dem Österreichischen Kinder-und Jugendbuchpreis, dem Kinder-und Jugendbuchpreis der Stadt Wien, dem Outstanding Artist Award und dem Deutschen Evangelischen Buchpreis 2016. Ihre Bücher wurden in 27 Sprachen übersetzt.
    Sie schreibt: „Ich habe viele Jahre in Integrationsklassen der Grundschule unterrichtet. Damals habe ich erkannt,  dass es in erster Linie gilt, herauszufinden was Kinder können. Nicht  zu versuchen Schwächen oder Handicaps  auszumerzen, sondern Talente, Stärken und  Begabungen zu entdecken und zu fördern.  Um ein selbstbewusster, mutiger und zuversichtlicher Mensch zu werden, braucht es Akzeptanz, liebevolle Zuwendung,  Achtsamkeit und Wertschätzung. Und seien wir uns ehrlich: das gehört wohl zu den Grundbedürfnissen jedes  Menschen jeglichen Alters. So wie  das Essen, Trinken und Schlafen.“

Heinz Janisch/Helga Bansch: Angsthase. Wien: Jungbrunnen, 2020, 32 Seiten | € 15,00 | Für Kinder ab 4

Wo steckt der Drache? (April 2020)

Raus in die dunkle Nacht schickt der König seine drei Ritter. Der Kurze, der Lange und der Dicke sollen den Drachen jagen, der seine Majestät schlaflos macht. Mutig, bewaffnet mit Langschwert und Dolch, stapfen die drei mit einem qualmenden Nachtlicht los: „Wir suchen den Drachen im finsteren Wald. Er ist furchtbar hässlich, den haben wir bald.“ Plötzlich zeigt sich als Schattenriss ein ziemlich großes Tier, mit Zacken am Rücken. Wenn das nicht der Drache ist! Und schon packen die drei zu. Was sich da zunächst gezackt und gefährlich aussehend zeigt, ist aber alles andere als ein Ungetüm: im Schein der Kerze präsentiert sich ein Berg von Karotten, in dem Hasen sitzen. Die vermuteten Drachenzacken sind in Wirklichkeit Hasenohren. Derartige überraschende Täuschungsmanöver setzen sich fort. Andauernd entdecken die dusseligen Ritter Gebilde, die im Schatten der Nacht typische Merkmale eines Drachens zeigen. Doch immer wieder führen sie diese Trugbilder in die Irre und ihre genauso leidenschaftliche wie tapsige Jagd bleibt erfolglos. In größter Ungeschicklichkeit ramponiert sich die schlagende Truppe, haut sich gegenseitig Federschmuck vom Helm, landet im Wasser und trägt Pflaster auf Ritternasen.

Letztendlich reden sich die heldenhaften Drei ihren Sieg ein, verfolgt von einem mächtigen feuerspuckenden Drachen, der den König weiterhin um seinen seinem königlichen Schlaf bringt.

Die Betrachter dieser sozusagen bilderbuchreifen Szenen aber werden mit viel Humor unterhalten, erleben im Schatten der Nacht reichlich Action und zündende Überraschungen. Die in dunklen Farben gehaltenen Silhouetten stehen dabei im Kontrast zu den farbkräftigen Abbildungen, die zeigen, was sich da bei Lichte gesehen verbirgt. Leo Timmers illustriert in  unverwechselbar plastisch wirkendem Stil, er fordert mit Witz und Details die Lust am konzentrierten Schauen heraus und sorgt für begeistertes Auslesen seiner Bilder. Dabei lenkt der knappe Text das Betrachten der Bilder und begleitet sie mit Rhythmus und Reim.Ein Bilderbuch im wahrsten Sinne des Wortes: mit starken Bildern und bester Unterhaltung beglückt es Kinder und Erwachsene mit Bildgenuss und Lesefreude.

Buchcover Ritter und Drache
Leo Timmers: Wo steckt der Drache?

Anregungen für die Praxis

  • Spielerische Anschlusskommunikation zum Buch Der Aufforderungscharakter in der starken Bildsprachlichkeit dieses Buchs regt Kinder zum Fragen, Erzählen und Kommentieren an. Als Anschlusskommunikation zum Buch bieten sich insbesondere die Themenfelder Spielen mit dem Schatten und die Welt der Ritter an.  Anschlusskommunikation motiviert Kinder, eigene Erfahrungen einfließen zu lassen und sich mit Kernelementen des Bilderbuchs auseinanderzusetzen. Im Spiel wird sprachliche und kommunikative Interaktion entwickelt.
  • Schattenspiel
    Das Spiel mit rätselhaften Schattenformen prägt den Charakter der Charakter dieses Bilderbuchs. Naturwissenschaft sorgt somit für den Plot der Geschichte. Spielerische
    Experimente mit Schatten und Licht bringen eigene Erfahrungen und machen schon kleinen Kindern viel Spaß. Besonders wenn draußen die Sonne scheint, gibt es die Schattenabbilder zu entdecken: Mittags sehen die Kinder dass ihr Schatten ganz klein ist, denn die Sonne steht noch hoch am Himmel; Abends und Morgens bei niedrigerem Sonnenstand werden sie ihren längeren Schatten entdecken. Bei den Spielen mit künstlichen Lichtquellen werden sie selbst erleben, wie Schattenfiguren an die Wand kommen...
    Schattenspiele sind am eindrucksvollsten, wenn der Schatten scharfe Ränder hat, deswegen ist eine lichtstarke Quelle wie ein Projektor besonders gut geeignet. Strahlen Sie eine Leinwand oder ein Laken von hinten an und lassen Sie die Kinder zwischen dem Projektor und der Leinwand spielen. Einige experimentelle Anregungen, die Sie den Kindern geben können:- Betrachtet euren eigenen Schatten auf der Leinwand. - Findet heraus, wie euer Schatten größer oder kleiner wird. - Macht euch aus einem Blatt Zeitungspapier oder einem Geschirrhandtuch  eine Zwergenmütze. - Setzt sie auf und betrachtet euer neues Schattenbild. - hängt euch Tücher um, klemmt euch aus Wäscheklammern Drachenzacken auf den Rücken und probiert aus, wie ihr selber den Schatten eines Drachens erzeugen könnt.- Sammelt Gegenstände ein und lasst diese anhand der Schattenbilder erraten.- Probiert aus, was für ein Schatten mit einem Stück buntem Transparentpapier entsteht.
  • Naturwissenschaftliches Hintergrundwissen- Gegenstände, die lichtundurchlässig sind, durch die also Lichtstrahlen nicht  hindurch scheinen, erzeugen einen Schatten. - Ein Schatten entsteht, wenn ein Lichtstrahl unterbrochen wird.- Größe und Form des Schattens hängen davon ab, wie weit der Gegenstand von  der Lichtquelle weg ist. - Je näher ein Gegenstand dem Licht ist, desto größer wird der Schatten. - Farbige transparente Papiere werfen einen farbigen Schatten. 
    Für die bunten Schatten aus Transparentpapier können die Kinder aus einem Stück schwarzen Tonkarton eine Fläche ausschneiden und diese Öffnung mit Transparentpapier bekleben. Befestigen Sie einen Stab an den Kartons damit, die Schatten gut zu halten und beweglich sind.
  • Zum Wesen der Drachen
    Leo Timmers beschreibt seinen Bilderbuch-Drachen als riesengroßes Biest, furchtbar hässlich, mit Zacken am Rücken und Zähnen wie Messer, als gierigen feuerspeienden Fresser mit einem Hals wie ein Kran und einem Schwanz wie ein Speer.
    Drachen sind nicht nur in Kinderbüchern zu Hause, sondern auch in Märchen oder Sagen in vielen Ländern der Welt bekannt.
    Grundsätzlich zeigt sich der Drache als Mischwesen und setzt sich aus mehreren realen Tieren zusammen. Meist haben Drachen Flügel und einen schuppigen Körper. Manche haben sieben Köpfe oder sind so groß wie ein Haus. Weitere Merkmale sind ein scharfer, durchdringender Blick, ein feuriger Schlund und giftiger Atem.
    Populäre Drachentöter sind der heilige Georg, der Erzengel Michael oder Siegfried, eine der Hauptfiguren in der Nibelungensage.
    Im Grimm-Märchen „Die zwei Brüder“ erleben Zwillingsbrüder mit ihren zahmen sprechenden Tieren viele Abenteuer und einer erlegt einen siebenköpfigen Drachen: „Gar nicht lange, so kam mit großem Gebraus der siebenköpfige Drache daher gefahren. Als er den Jäger erblickte, verwunderte er sich und sprach: »Was hast du hier auf dem Berge zu schaffen?« Der Jäger antwortete: »Ich will mit dir kämpfen.« Sprach der Drache: »So mancher Rittersmann hat hier sein Leben gelassen, mit dir will ich auch fertig werden«, und atmete Feuer aus sieben Rachen…“
  • Zum Wesen der Ritter
    Ritter mussten kämpfen, verteidigen, treu und gehorsam sein und Befehle ihrer Lehnsherren erfüllen. Ritter lebten zumeist auf dem Land. Die Burg nutzte der Ritter während Friedenszeiten zur Vorbereitung auf künftige kriegerische Handlungen und zur Sicherstellung der täglichen Ernährung.
    Ein Ritter hatte Wehrlose und Schwache zu beschützen und gegen Ungläubige zu kämpfen. Er hatte Demut zu üben und musste kühn und höfisch sein, unerbittlich und hart gegenüber seinen Feinden, offen und freundlich zu seinen Freunden.
    In „Wo steckt der Drache?“ verändert Leo Timmers dieses traditionell männliche Heldenbild und zeigt humorvoll eine Truppe, die ziemliche Schwierigkeiten hat, als Ritter mit Schild und Schwert „ihren Mann zu stehen“.
  • Wortfelder zu Ritter und Schattenspiel
    - Ritter: Rüstung, Helm, Visier, Dolch, Schild, Federschmuck, Panzerhandschuhe,   
     Hellebarde (Die Hellebarde ist eine Mischform von Hieb- und Stichwaffe. Sie gehört zu
     den Stangenwaffen des Fußvolks und wurde vorwiegend vom 14. bis 16. Jahrhundert ver-
     wendet.)
     Wikingerschiff, Ruder, Speer, Speerspitze, Axt, Messer, Goldschatz.
    - Schattenspiel: Schatten, Lichtquelle, Lichtstrahl, Handschatten, Leinwand,
     einen Schatten werfen,
     Lampe, Projektor (Beamer, Diaprojektor).
     Lichtdurchlässig, lichtundurchlässig, groß, klein, bunt, scharf, nah, weit, dunkel, hell, kurz,
     lang, verändert, gleich, Licht anmachen, Licht ausschalten.

Leo Timmers: Wo steckt der Drache? Zürich: Aracari, 2020, 40 Seiten | € 14,00 | Für Kinder ab 3

Das Osterküken (März 2020)

Die Henne Hilda brütet seit 21 Tagen, doch ihr Küken will nicht schlüpfen. Es hat sich nämlich vorgenommen genau am Ostermorgen auf die Welt zu kommen. Durch die Schale fragt es seine Mutter: „Mama, wann ist Ostern?“ Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Denn Ostern ist manchmal im März und manchmal im April. Die Tiere des Bauernhofs können der Henne Hilda auch nicht helfen. Glücklicherweise kennt Max, der Steinkauz, das Geheimnis. Um ein echtes Osterküken zu werden, muss sich das Küken noch etwas gedulden und zwar bis zum ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang. Damit das Küken erkennen kann, wann Vollmond ist baut ihm Henne Hilda sogar eine Art Fernrohr und nach dem ersehnten Vollmond, beginnt es die Tage zu zählen. So schlüpft es genau am Ostersonntag aus dem Ei und wir erfahren auf liebenswerte Weise, warum sich das Osterdatum jedes Jahr ändert.

Die Geschichte wird mit einfacher Satzstruktur und klaren Dialogen erzählt. Sie befasst sich mit dem Thema Zeit, indem sie eine kindgerechte Erklärung auf die Frage bietet, warum Ostern jedes Jahr an einem anderen Termin stattfindet. Obwohl das Küken und die Folgen seines ungewöhnlichen Wunsches im Mittelpunkt stehen, werden Zitate aus dem christlichen Motivbereich benutzt. Text und Bilder deuten eine religiöse Dimension an, indem sie auf das Osterfest bezogene Metaphern bieten, wie beispielsweise die drei Kreuze auf dem Berg oder das neue Leben.

Alexandra Junge zeichnet ihre Bilder in Acryltechnik. Sie pflegt einen farbintensiven Stil voller witziger Einfälle. Ihre Hühner, Hasen und anderen Tiere bestechen, teils karikaturhaft verfremdet mit beredter Mimik und Körpersprache. Mit ungewöhnlichen Perspektiven, wie beispielweise die Gestaltung der Bäume, versteht sie es Spannung in ihren Bildaufbau zu bringen.

Buchcover Huhn mit Ei

Anregungen für die Praxis

  • Dialogorientierte Bilderbuch-Betrachtung Bilder zeigen und erzählen etwas, sie weisen auf etwas hin. Der Aufforderungscharakter dieser Bildsprachlichkeit regt Kinder zum Fragen, Erzählen und Kommentieren an.
    Lassen Sie Bedeutung entstehen, indem sie gemeinsam mit den Kindern konstruieren,  Abgebildetem nachspüren, oder einfach phantasieren.
    Wenn bei einer gemeinsamen Betrachtung eines Bilderbuchs der Dialog zwischen Vermittlerin und Kindern die zentrale Rolle spielt, sind die Kinder aktiv in die Bildbetrachtung mit einbezogen, also zugleich Zuhörer und Erzähler. 
    Eine dialogorientierte Bilderbuch-Betrachtung motiviert Kinder, eigene Erfahrungen einfließen zu lassen und sich mit der Ästhetik der Bilder auseinanderzusetzen. Fragen helfen, diese kommunikative Interaktion zu entwickeln.
    - Wie viele Eier hat Hilda Huhn wohl in ihrem Leben gelegt?
    - Warum geht das Ei nicht kaputt, wenn sich die Henne Hilda zum Brüten auf das Ei setzt?
    - Hilda hat für jeden Tag, den sie brütet einen Strich gezeichnet. Wie viele Striche sind es?
    - Was hatten die Hühner im Stall über das Osterfest erzählt?
    - Was würdet ihr tun, wenn ihr eine Stimme aus einem Ei hört?
    - Weshalb sind die zwei Hasen, die Hilda im Stall trifft keine Osterhasen?
    - Warum gehen Hühner so früh schlafen?
    - Woher weiß Max der Steinkauz so genau, wann das Osterfest ist?
    - Was meint ihr, braucht ein Tag, um ein Frühlingstag zu sein?
    - Was ist anders als sonst, wenn Vollmond ist?
    - Erzählt, wie das wohl gewesen ist, als das Küken im Ei saß und sich so schrecklich gelangweilt hat.
    - Könnt ihr euch erklären, woher die Hilda den Strohhalm hat?
    - Wie viele Glocken hat eure Kirche?
    - Wann läuten die Kirchenglocken und wann läuten sie besonders schön?
    - Welchen Namen haben die Kinder des Bauern dem Osterküken gegeben?
    - Was glaubt ihr, hat das Osterküken am liebsten gemacht: gespielt, Körner gepickt, geschlafen, oder gar etwas ganz anderes?

    Für die in jedem Bild versteckten Hasen, bietet sich eine zusätzliche Bildbetrachtung an, in der die Kinder schwerpunktmäßig ihre Wahrnehmung auf das Suchen der Hasen konzentrieren.
  • Auf ein Osterei zu schreibenDies Haus hat keine Ecken.Ist was Gutes drin,lass es dir schmecken.Steigt heraus ein Kikeriki,hast du Musik um vier in der Früh.                                                                                                                           Josef Guggenmos... aber auch jedes andere Kurzgedicht passt auf ein Ei. Ein längeres kann auf mehrere Eier aufgeteilt und in Eierbechern zum Lesen aufgestellt werden.
  • Küken aus dem Ei
    Material: Bierdeckel, Moos oder grünes Papier, Klebstoff, 2 halbe Eierschalen (beim Aufschlagen darauf achten, dass die Hälften nicht gleich groß sind), gelbe Schafwolle oder Watte, etwas schwarzes und rotes Tonpapier, Schere
    Einen Bierdeckel auf einer Seite mit Moos oder grünem Papier bekleben. Die beiden Eierschalen  so draufkleben, dass die Öffnung nach oben zeigt. In die größere Schale  Watte oder Schafwolle
    einkleben, sodass die obere Hälfte des Bauschs heraus schaut. Darauf kleine schwarze Augen und einen roten Schnabel aus Tonpapier kleben. Die andere Schale ist leer, sodass man meinen könnte, das Küken sei eben geschlüpft...
  • Eier- Experimente Roh oder gekocht?
    Wer nicht weiß, ob ein Ei gekocht oder noch roh ist, kann das leicht herausfinden: wenn sich das Ei leicht drehen lässt ist es gekocht. Ein rohes Ei dagegen kommt nicht so gut in Fahrt.
    Das Innere des gekochten Eies ist kompakter und dreht bei der Bewegung besser mit als das Innere eines rohen Eies, das noch flüssig ist und bei der Bewegung hin- und her schwabbelt.

    Starke Schalen
    Eierschalen bestehen aus Kalk und Wasser. Wenn eine brütende Henne auf dem Ei sitzt, muss dieses etwas aushalten können. Dass Eier viel robuster sind, als man allgemein glaubt, kann man selbst erleben: Man umklebt den Rand von drei halben Eierschalen mit Klebeband und schneidet die überstehenden Zacken mit einer Nagelschere ab. Die drei Eierschalenhälften sollen ungefähr gleich hoch sein und einen glatten Abschluss haben. Sie werden mit der Öffnung nach unten gestellt und so angeordnet dass ein Dreieck entsteht. Auf dieses wird eine volle Konservendose gestellt. Nun kann man vorsichtig einen bis zu vier Konservendosen hohen Turm stapeln.
    Die ovale Form der Eierschalen verleiht ihnen Stabilität. Durch sie wird die das Gewicht der Dosen gleichmäßig nach unten geleitet. Die Menschen haben sich die ovale Bauweise für verschiedene Bögen vom Ei abgeguckt, Beispielsweise: runde Brücken, Kuppeln von Kirchen und Moscheen, Bogenfenster in Kirchen und Iglus.

Wissenswertes zum Bilderbuch

  • Warum Ostern kein fixes Datum hatGrob gesagt, hängt es mit dem ersten Frühlingsvollmond zusammen, der seit Urzeiten kommt, wann er will. Da Ostern aber im 1. Kirchenkonzil, genau an diesen Mond gekoppelt wurde, avancierte es zum beweglichen Fest und ist stets am ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond des Frühlings. Stichtag ist der 21. März, die "Frühlings-Tagundnachtgleiche". Der Mondkalender ist für das tatsächliche Datum des Osterfestes ausschlaggebend. Der früheste mögliche Ostertermin ist der 22. März. Der späteste mögliche Ostertermin ist der 25. April.
  • Weltliche Traditionen eines christlichen Festes: Hasen, Eier und HühnerIm christlichen Sinn und auch in der Kunstgeschichte ist das Osterei das Symbol der Auferstehung. Nach altem Volksbrauch ist das Ei das Symbol von Fruchtbarkeit und ewiger Wiederkehr des Lebens. 
    Osterei und Osterhase haben sich als symbolische Speisen des heidnischen Frühlingsfestes, in der sie meist Symbole der Fruchtbarkeit darstellten, bis heute erhalten.
    Wie der Hase aber zum Osterhasen wurde, dafür gibt es unzählige Theorien, die mehr spekulativ als bewiesen sind. Man mag vieles deuten können, aber alles scheint dafür zu sprechen, dass die Fruchtbarkeit des Hasen - er bringt über 20 Jungen im Jahr zur Welt - sowie die damit verbundenen Assoziationen dafür gesorgt haben, dass der Hase bei uns zum Lieferanten der Ostereier gemacht wurde.
  • Vom Ei zum Küken
    Wenn eine Henne ein Ei legt und das Ei drei Wochen bebrütet, dann schlüpft nach 21 Tagen ein Küken. Das geht natürlich nur wenn ein Hahn das Ei befruchtet hat, bevor das Huhn das Ei legt. Die Henne wendet das Ei immer wieder und sorgt für eine gleichbleibende Temperatur von 25°C. Nach drei Bruttagen entwickeln sich auf dem Dotter Blutgefäße, die den Embryo mit Nährstoffen versorgen. Die luftdurchlässige Kalkschale ermöglicht die Aufnahme von Sauerstoff. Nach drei Wochen durchstößt das voll entwickelte Küken mit seinem Eizahn die Schale von innen und schlüpft.
  • Vom Küken zur Henne
    Kaum ist das Küken geschlüpft, lernt es Körner zu picken und Wasser zu trinken. Weil sich die Augen seitlich befinden, nimmt das Küken den Kopf beim Fressen weit zurück: Erst wenn es das Korn mit beiden Augen sieht, zielt es - und pickt. Wenn Küken im Brutkasten schlüpfen, muss man ihnen zeigen wie man pickt: man verteilt die Körner, und wenn man immer wieder mit einem Finger auf den Boden klopft, beginnt das Küken die Körner aufzupicken.
    Küken wachsen rasch heran. Nach fünf Monaten sind aus den Hühnerküken Hennen geworden, die selber Eier legen.
    Ob eine Henne weiße oder braune Eier legt, hängt von der Rasse ab. Die Farbe der Federn spielt keine Rolle. 
  • Wer heißt wie?
    Der Familienname ist Huhn. Manchmal nennt man die Weibchen Hühner. Eigentlich heißen sie aber Hennen. Die männlichen Hühner sind Hähne und die Jungtiere sind die Küken. Wenn ein Huhn Küken hat, bezeichnet man es als Glucke. Ein Kapaun ist ein kastrierter Hahn.

Géraldine Elschner und Alexandra Junge: Das Osterküken. Zürich: NordSüd, 2012, 32 Seiten | € 15,00 | Für Kinder ab 4

Eine Kiste Irgendwas (Februar 2020)

„Für Huhn“ steht auf der großen Kiste, die Paketbote Vogel auf einer kleinen Insel anliefert. Mitbewohner Hase will wissen, was in dem Paket drin ist, Huhn erklärt beiläufig: „Irgendwas“, und geht Milch kaufen. „Irgendwas“, das gefällt Hase. Er denkt, dass es sich bestimmt um irgendwas handelt, das man auf ihrer Insel gebrauchen kann: ein Kartenspiel, ein Ventilator oder eine Leiter für den Kokosnussbaum, vielleicht eine Badewanne? Plötzlich ist es ihm sonnenklar, dass das „Irgendwas“ ein Elefant sein muss, und der kann mit seinen Riesenohren Luft fächeln, mit seinem langen Rüssel Kokosnüsse knacken oder auch für erfrischendes Nass sorgen. Hase malt sich aus, dass der Elefant es wohl nicht schaffen wird, die Mau-Mau-Karten zu halten, aber das findet er nicht besonders schlimm.

Seltsam komisch findet er allerdings, dass man gar nichts in und aus der Kiste hört, und dass sie federleicht ist, wenn man sie anstupst. Letztendlich erfährt er von Huhn, dass das „Irgendwas“ in der Kiste sein Geburtstagsgeschenk ist. Zum Glück dauert es nur noch eine Nacht, bis er es auspacken kann. Ganz verzückt und tief zufrieden liegt Hase vor dem großen Karton und ist sich ziemlich sicher, dass dieses „Irgendwas“ ganz sicher etwas ist, was man auf der Insel absolut gut gebrauchen kann. Und wie schön, dass Huhn in ihrem Nest am Strand noch fürsorglich ein Geburtstagsei legt.

Zwei umwerfend sympathische Figuren, die in ihrer außerordentlichen Mimik und Gestik bestechen, in einer Geschichte, die Kinder zu Gedanken und Sprache beflügelt. Diese körperliche Ausdrucksfähigkeit der Protagonisten ist ein nicht zu unterschätzendes Auswahlkriterium, wenn Bilderbücher Kinder beim Aufwachsen begleiten. Kinder lesen in den Bildern, ohne Schriftkenntnis sind sie in besonderer Weise auf die Körpersprache der Protagonisten angewiesen.

Der Vorgängerband „Eine Kiste Nichts“ bietet eine ebenso charmante Geschichte, die Kinder vermittelt, wie eine Kiste die Phantasie anregen und zur Kreativität anstiften kann.

Beide Titel sind in folgenden Sprachausgaben erhältlich: Jeweils Deutsch mit Arabisch, Englisch, Französisch, Italienisch, Persisch, Spanisch, Russisch, Türkisch. Auf der beiliegenden CD ist die Geschichte immer in allen acht Sprachen zu hören.

Buchcover Kiste mit Hase und Huhn auf einer Insel

Anregungen für die Praxis

  • Praxistipp 1: Irgendwas, das meint umgangssprachlich: etwas nicht näher Spezifiziertes, eine nicht näher bestimmte Sache.
    Dieses Irgendwas, das von Hase erforscht wird, ist der große Reiz in diesem Bilderbuch: „Eine Kiste Irgendwas, denkt der Hase. Das gefällt ihm. Was mag dieses Irgendwas wohl sein?“ Diese Textpassage ergänzt ein Bild, das einen nachdenklich und zugleich neugierig auf die Kiste blickenden Hasen zeigt. Die folgenden Seiten bilden in Denkblasen jeweils das ab, was sich Hase als Inhalt vorstellt: Ventilator, Leiter, Badewanne, Gartenschlauch, Kartenspiel.
    Kinder genießen solche bildhaft anschaulichen Vorstellungen in Denkblasen, sind sie doch, wie auch die Sprechblasen, ein medienspezifischer Bestandteil der von ihnen so geschätzten Comic-Panels.
    Diese bildhafte Gestaltung in Denkblasen unterstützt Kinder auch darin, sinnlich nicht gegenwärtige sogenannte innere Bilder im Geiste zu entwickeln und diese anschaulich wahrzunehmen. Und Phantasie und Imagination sind unverzichtbare Kompetenzen, um sich zu einem begeisterten Leser entwickeln zu können.
    Die erste doppelseitige Abbildung wird so kopiert, dass die Bilder in den Denkblasen abgedeckt sind. Diese Kopiervorlage inspiriert Kinder, sich auszudenken, was der Hase sich wohl zum möglichen Inhalt zusätzlich vorgestellt haben könnte und dies in die Denkblasen zu malen.
  • Praxistipp 2: Das Buch endet sozusagen mit der Aussicht, dass dem am nächsten Tag anstehenden Geburtstagsfest, samt Kuchen und Geschenk, wirklich nichts mehr im Weg steht. Aus dieser beruhigenden Gewissheit heraus beginnen Kinder natürlicherweise, sich zu überlegen, was Hase nun wohl wirklich zum Geburtstag bekommen wird. So ist der offene Schluss ein Input, der Kinder zu eigenen Gedanken und aktiven Sprachhandlungen anregt.
    - Nachdem jedes Kind seine Vorstellung geäußert hat, was wohl dieses „Irgendwas“ ist, zeichnet es diese, und die pädagogische Fachkraft schreibt das Wort dazu. Jeder legt dies in eine kleine Schachtel und verpackt das Geschenk.
    Im Rollenspiel „Geburtstag feiern mit Hase und der Kiste Irgendwas“ erleben die Kinder eine Ausdrucksform, die zur sprachlichen auch die handelnde Ebene ermöglicht.
    - Anregendes Material für eine festliche Geburtstagsfeier samt Kuchen unterstützt die Spielhandlung.
    - Wir überlegen uns ein Geburtstagslied und ein Gedicht für Hase.
    - Der Hase bekommt die verpackten selbstgemalten „Irgendwas-Schachteln“ überreicht.
  • Praxistipp 3: Bilderbücher und Geschichten in verschiedenen Sprachen zu nutzen, zeigt die Grundhaltung, die Erstsprachen der Kinder in der Kita sichtbar zu machen.
    - Einen Überblick über den mehrsprachigen Kinderbuchmarkt bietet die Broschüre „Mehrsprachige Kinderbücher“.

Die Broschüre ist eine Gemeinschaftspublikation von Verlagen, die mehrsprachige Kinderbücher veröffentlichen und präsentiert zwei- und mehrsprachige Bücher in nahezu 100 Sprachen.
Kostenfreier download auf der homepage der Edition bi:libri, München:
http://www.edition-bilibri.com/gemeinschaftsbroschuere/

Lena Hesse: Eine Kiste Irgendwas.
München: bi:libri, 2020, 32 Seiten und Audio-CD| € 15,99 | ab 4

Textfrei und sprachstark: Ausflug zum Mond (Januar 2020)

Die Geschichte beginnt gleich auf dem Titelbild: Die Kinder steigen in das Raumschiff ein – und los geht die Reise zum Mond. Wo sonst im Bilderbuch die Geschichte erst beginnt, sind sie bereits gelandet, elf Kinder und eine Begleitperson. Und los geht die Monderkundung, mit nahezu schwerelosem Sprung über eine riesige Felsspalte, bis sie schließlich eine Anhöhe erklimmen – und am Himmel steht, blau und zunehmend: die Erde. Nur ein Kind ist zurückgeblieben, es trägt einen Block und einen Karton Malkreiden in den Händen. Während die anderen Kinder die Felsformationen erklärt bekommen, zeichnet es die Erde. Aber dann schläft es ein…

Als es wieder aufwacht, sind von den anderen nur die Fußspuren im Mondstaub geblieben, und das Shuttle hebt gerade ab in die schwarze Nacht. Vergeblich winkt das Kind ihm nach. Und so setzt es sich auf der Stelle hin und malt – das Objekt seiner Sehnsucht: die Erde, symbolisiert durch Wolken und Regenbogen. Dabei bemerkt es gar nicht, wie sich um es her die Mondoberfläche verändert: Augen wachsen aus den Felsen, dann klettern seltsame graue einäugige Figuren heraus und sehen ihm beim Malen zu. Sie erschrecken zutiefst und müssen sich verstecken, als das Kind sie bemerkt. Wie es den Mondbewohnern das Bild vom Regenbogen zeigt und ihnen die Kreiden leiht, sind sie begeistert und beginnen gleich, sich gegenseitig zu bemalen: ein Mondling hat gar ein Abbild der Erde auf dem Bauch, die andern füllen Blatt um Blatt auf dem Zeichenblock und malen auf die grauen Steine Portraits von sich und dem fremden Besucher.

Aber die Begeisterung findet ein jähes Ende. Als das gelbe Shuttle zurückkehrt, wühlen sich die Einheimischen schnell wieder in die Mondoberfläche. Wieder einmal ist es der Erwachsene, der nicht versteht, was sich da in seiner Abwesenheit ereignet hat: schließlich hat er etwas wieder gut zu machen, war er doch dafür verantwortlich, alle Kinder zurück zur Raumstation zu bringen. Er lässt das kreative Kind die Bilder seiner neuen Freunde abwischen, ohne zu ahnen, wer die Künstler in Wirklichkeit sind. Aber der Abschied hinter seinem Rücken ist herzlich, und die Mondbewohner erwidern das Winken des Kindes mit dessen bunten Kreiden in der Hand. Die grauen Tage des Erdtrabanten werden bald vorbei sein. Und auf dem Weg zurück zur Raumstation malt das Kind mit seiner einzig verbliebenen grauen Kreide – seine neuen Freunde vom Mond.

In seinem ersten Bilderbuch gelingt es John Hare mühelos, die Magie einer solchen fantastischen Geschichte in starke Bilder umzusetzen. Das Ergebnis ist ein anrührendes Bilderbuch, in dem die Farben in der grauen Steinwüste des Mondes für Sehnsucht und Hoffnung stehen – und entsprechend kräftig aufgetragen werden dürfen. So ist das Raumschiff beeindruckend gelb und hat überhaupt viel Ähnlichkeit mit einem amerikanischen Schulbus, nicht einmal die schwarzen Seitenstreifen fehlen. Und die Erde steht am Himmel exakt so wie auf den ersten Farbfotografien vom Mond.

Und dann ist da noch die Bildersprache: Weil die Menschen in ihren Raumanzügen nicht miteinander reden können, müssen sie viel über die Körpersprache kommunizieren. Das hilft den großen und kleinen Lesern, die Bildgeschichte, die vollkommen ohne Worte auskommt, ohne Mühe zu verstehen. Die dramatische Wendung, als sich das Kind allein auf dem Mond zurückgelassen sieht, und die Freude später über die Rückkehr des Shuttle sind so sprechend in Bilder gefasst, dass sich ein Text in der Tat erübrigen. Ein Bilderbuch, das Themen wie Neugier, Eigensinn, Aufgeschlossenheit und Freundschaft überzeugend zu vermitteln vermag.

Buchcover „Ausflug zum Mond“

Anregungen für die Praxis

  • John Hares intensive Bildsprache lädt Kind und Pädagogin ein, sich gemeinsam auf die Suche nach der Geschichte zu begeben. Die Bilder schaffen eine Art Spielraum für den Austausch von Gedanken und Gespräche in die auch eigene Gefühle und Erfahrungen miteingebracht werden.
  • Zudem gelingt es diesem Buch unschwer Kind und Pädagogin in den Dialog zu ziehen. Da der Erwachsene durch die textfreie Gestaltung auch nicht mehr weiß als das Kind, entsteht ein Bilderbuch-Dialog auf Augenhöhe. Besondere Wertschätzung erleben die kindlichen Aussagen wenn wir diese schriftlich festhalten und Kinder so den Text zum Buch selberschreiben.
  • Die Freude der Mondbewohner an Farben, ihre Lust in der Handhabung der den bunten Kreiden bietet sich für eigenständig künstlerisches Gestalten an:- Wer mag, bemalt seine Handoberfläche mit Körperschmink-Farben - Wir bemalen einen faustgroßen Kieselstein mit Figuren in Anlehnung an die Zeichnungen, die die Mondbewohner auf Mondgestein zeichnen. - Den Mondbewohnern werden die Farben anhand eines Liedes vorgestellt
  • Ein Flug durchs All wird in Bewegung zu einer spacigen Musik erlebt.

John Hare: Ausflug zum Mond.
Frankfurt : Moritz 2019, 48 Seiten | € 14,00 | ab 4

Jetzt noch ein Gedicht, und dann aus das Licht! (Dezember 2019)

 
 
„Gedichte können ernst sein,
manchmal sind sie toll,
einige klar und einfach,
andere geheimnisvoll.
Manche machen sich
gerne einen Reim auf die Welt,
andere erzählen Geschichten,
weil´s ihnen besser gefällt.
Gedichte erzeugen Bilder,
die lassen dich nicht mehr los,
und alle sind überraschend –
wie machen sie das bloß?“
Kenn NesbittÜbersetzung: Michael Krüger

Kinder lieben Sprache, weil sie klingt. Dieser Lust an sprachlichen Klangerfahrungen kommt Lyrik auf wunderbare Weise entgegen und vermittelt dabei wunderbar und kinderleicht phonologische und phonetische Aspekte von Sprache. In der Lyrik erleben Kinder Sprache gleichermaßen als Bedeutungsträger, als Bildanreger und als Klangvergnügen.
Wie Gedichte Vorstellungskräfte mächtig ankurbeln und Laute und Silben zum Tanzen bringen, lässt sich mit der ästhetisch ausgestatteten Anthologie „Jetzt noch ein Gedicht, und dann aus das Licht!“ überzeugend erleben.
All das, was jeder Tag im Kinderleben braucht: Zuwendung und Sprache, Wortspielerei in der es klingt und rappelt, die die Lust an Unfug und Humor zufriedenstellt, findet sich in diesem Sammelband.
Der auf die Schlafenszeit bezogene TitelJetzt noch ein Gedicht, und dann aus das Licht!“ sollte nicht zur Meinung führen, es handele sich hier ausschließlich um Gedichte zur guten Nacht. Vielmehr lassen sich Gedichte für morgens, mittags und abends entdecken, solche, die über den ersten Tag im Kindergarten oder die Badestunde der Elefantenbabys erzählen, andere die für den Herbst, die Schlafenszeit und für unterwegs passen oder welche, die zum Tanzen oder zum Trampolinspringen und Möwenfestfeiern einladen.
Ursprünglich ist die von über 130 amerikanischen AutorInnen geschriebene Sammlung in den USA erschienen. 115 deutsche Schriftsteller haben die Lyrikschätze ins Deutsche übersetzt. Humor und Gedankentiefe, Reim und Rhythmus lassen erleben, warum kein Kind ohne Gedichte groß werden möchte. Beruhigend, dass jede Kultur Lyrik beheimatet und weltweit Kindern poetische Erlebnisse sichert.

„Jetzt noch ein Gedicht, und dann aus das Licht!“ versammelt Reime, Gedichte und Wortspielereien, die Lust auf Sprache und Klang machen, die dazu einladen, erobert und auswendig gesprochen zu werden. Und immer geht es um eines: Um die kleinen und großen Dinge, die einen Kinderalltag so besonders machen. Wie ein Besuch im „Hinterhof Zirkus“:
 
Äpfel, Äpfel
jongliert, geworfen
einerlei.
Fällt einer runter,
Apfelbrei!“
Wer spielerisch mit Sprache umgehen kann, der hat es im Leben oft leichter. Kenn Nesbitt, dem Herausgeber dieses Gedichtbandes, ist dieses Spielerische in seiner Auswahl ebenso gelungen wie dem Illustrator Christoph Niemann mit seinen kongenialen Illustrationen.
 

Buchcover „Jetzt noch ein Gedicht, und dann aus das Licht!“

Anregungen für die Praxis

  • Praxistipp 1: Kenn Nesbitts „Gedichte können ernst sein“ in einer schönen Schrifttype in 20 Punkt abschreiben, im DINA4-Querformat mittelzentriert layouten und auf Pergament- oder Architekten-Papier ausdrucken. An der kürzeren Seite verkleben, sodass ein Zylinder entsteht. Den Zylinder mit einem ein Teelicht beleuchten – zum Aufstellen, Verschenken etc. Eine lyrische Aufmerksamkeit, die Licht in die Winterzeit bringt.
  • Praxistipp 2: Lieblingsgedichte aussuchen, die Texte auf unterschiedliche Personen aufteilen, klangvoll sprechen und digital oder analog aufnehmen. In der Gestaltung der Produktion gilt es zu beachten, dass zwischen den Reimen eine Pause sein soll, also kann man beispielsweise eine leise Tonleiter auf dem Xylophon spielen. Die auditive Distribution ermöglicht Kindern und Erwachsenen, den Text, zusätzlich zum Vorlesen, wiederholt zu hören und zu memorieren.
  • Praxistipp 3: Zusammen mit den Kindern Lieblings-Reime aussuchen, auf einen Pappteller schreiben und ein Bild malen. Auf einen Tisch eine weiße Papiertischdecke auflegen, mit den beschrifteten Tellern und Besteck eindecken und zu einem lyrischen Festmahl mit essbaren Buchstaben (z.B. Russisch-Brot) einladen. Guten Appetit auf Lyrik-art.

Kenn Nesbitt (Hrsg.)und Christoph Niemann (Illu.): Jetzt noch ein Gedicht, und dann aus das Licht! München: Hanser, 2019, 184 Seiten | € 22,00 | Für Kinder ab 5

Ein Fingerhut voll Mut (November 2019)

 
 
Kinder verstehen es mühelos, fantastische Wesen auferstehen zu lassen, und lieben es, ihnen in Büchern zu begegnen. Der daumengroße Winzling dieser Geschichte ist genauso verspielt wie mutig, trägt einen Finger-Hut und lebt bei den Menschen. Morgens steht er mit der Sonne auf, verlässt seinen Blumentopf und geht auf Entdeckertour. Auf einer Klopapierrolle fegt er quer durchs Badezimmer, in der Küche geht er im Limonadenglas auf Tauchstation. Die Topfpflanzen sind sein Kletterdschungel, sie dienen ihm als Depot für die Dinge, die er auf seinen Streifzügen findet: Marmeladendeckel, Büroklammern und andere kleine Schätze.
Manche seiner Fundstücke gebraucht er selbst: einen Fingerhut trägt er auf dem Kopf und eine Stecknadel als Schwert. Dermaßen gut behütet und gerüstet ist er auf dem Schreibtisch unterwegs, als er von einem dunklen Schatten verfolgt wird. Ist das ein Ungeheuer oder ein Feind? Und mit einem Fingerhut voll Mut und seinem stecknadelspitzen Schwert nähert er sich beherzt dem Schatten, der plötzlich zu schnurren beginnt.
Die schwarze Katze stellt sich als sanft und spielfreudig heraus, und mit ihr zusammen machen die Hauserkundungen noch mehr Spaß. Der neue Katzenfreund dient dem Däumling zudem als Reittier und Ruhekissen, er wird von ihm gefüttert und geduscht…
Eines Tages gehen die zwei durch die Katzenklappe hinaus auf große Abenteuer. Plötzlich taucht in dieser Draußenwelt ein neuer Schatten auf, der zu einem Hund gehört.
Tatal Levi liebte es schon als Kind zu zeichnen, um der langweiligen Realität zu entfliehen.
Sie hat eine Vorliebe für Geschichten mit phantastischen Elementen, in denen die Figuren ihre Verletzlichkeit akzeptieren und Herausforderungen meistern.
Für diese Däumlingsgeschichte hat sie mit zartem Strich und leichten Farben eine Umgebung geschaffen, in der sie mit leuchtendem Gelb Akzente setzt. Die Abenteuer des Winzlings und der Katze sind in außergewöhnlicher Perspektive mitzuerleben, die Kindern wohl besser vertraut ist als Erwachsenen. Die Ich-Erzählung aus der Sicht des Protagonisten besticht durch den prägnanten Satzbau und kurzgefassten Text.
Eine einfühlsam erzählte, ästhetisch gestaltete Geschichte, die einlädt, aus Sicht der Kinder wahrzunehmen und in die wunderbare Welt der Phantasie einzutauchen.

Buchcover "Ein Fingerhut voll Mut"

Anregungen für die Praxis

  • Die Gabe der Phantasie sorgt dafür, dass Kinder in ihrer Vorstellungskraft neue Welten konstruieren. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Erdachtem fließen nahezu nahtlos ineinander über. Gegenständliches wird belebt, unsichtbare Freunde sind Alltagsbegleiter und helfen in schwierigen Momenten.
    Der daumengroße Held mit dem Fingerhut bietet Kindern reichlich Identifikation.
    Es empfiehlt sich, zur Einführung der Geschichte einen Fingerhut und eine Stecknadel mit Glaskopf zu organisieren, da diese Utensilien eindrücklich die Größendimensionen verdeutlichen und Kindern heute auch nicht mehr unbedingt bekannt und vertraut sind.
  • Durch den offenen Schluss fordert diese Geschichte über Mut und Freundschaft Kinder auf, zu überlegen wie wohl die Begegnung der zwei Freunde mit dem Hund verlaufen wird. Einen starken Impuls zum Weitererzählen setzen der auf der vorletzten Doppelseite abgebildete Hundeschatten und auch die Hundeschnauze auf der letzten Seite im Buch.
    Eine solche Weiterführung der Erzählung lässt sich sowohl in Worten als auch in Bildern gestalten.
  • Kopieren Sie die auf der letzten Seite abgebildete Hundeschnauze an den linken Rand eines DINA4-Blatts, sodass die Kinder den Hund so weiterzeichnen können wie er in ihrer Phantasie ausschaut.
    Mit einem Fingerhut auf dem Finger lassen sich prächtig weitere Entdeckungen und Abenteuer des winzigen mutigen Wesens im Rollenspiel erleben und bespielen.

Taltal Levi: Ein Fingerhut voll MutZürich: NordSüd 2019, 48 Seiten | € 16 | ab 4

Drachenstarke Briefkultur … (Oktober 2019)

„Lieber Alex, Donnerwetter… Ein Babydrache!?!? Bei dir zu Hause? Hallihallo! Der muss sich verlaufen haben! Drachen sind nicht nur total unheimlich, sondern auch extrem feuergefährlich! Ganz besonders die jungen. Falls du ihn unbedingt behalten musst (und ich rate dir dringend davon ab), sorg dafür, dass er immer feucht bleibt… Man weiß nie, ob und wann er Feuer spuckt.“ Schreibt ein gewisser A. Larm, seines Zeichens oberster Feuerwehrmann, an Alex. Und deshalb steht der jetzt, mit Helm und Schlauch, in der Diele und spritzt dem Drachen die Nase nass. In Eimern und Kannen, Schüsseln und Pfannen hat er Wasser gefüllt, alles für die Befeuchtung seines neuen Freundes. Der findet die Wasserschlacht super, aber das Marmeladebrötchen zur Stärkung verschmäht er. Wiederholt wendet sich Alex per Briefpost an diverse Ratgeber, in der Ernährungsfrage etwa an den Metzger vor Ort. Reichlich saftige Fleischbrocken, schreibt der, sind die perfekt gesunde Nahrung für den neuen Mitbewohner, und sieht sich im Geiste schon vor Drachengulasch sitzen. Dem Antwortbrief liegt Werbung für seine „Schlachterei Nett und Mett“ bei, deren Spezialität Exotenfleisch ist.Alex füttert das Drachentier fleißig mit Steaks und Schinken, der begeisterte Drache brüllt zum Dank das ganze Haus zusammen. Und wie im richtigen Leben beschweren sich die Nachbarn per Brief vom Rechtsanwalt. Alex braucht Hilfe, denn leise sein, das schafft kein Drache der Welt. „Ein Drachenflug pro Tag“ hilft erfahrungsgemäß, schreibt Leo Pard, der 1. Vorsitzende des Weltschutztiervereins. Obwohl die prompt gestarteten Nachtflüge beide sehr glücklich machen, folgt Alex dem Rat seiner besten und äußerst klugen Freundin. Diese schreibt ihm, dass Drachen eben keine Haustiere sind und am liebsten frei sein wollen. Und so kommt der Tag, an dem sich die beiden Lebewohl sagen. Weil sich beste Freunde aber nie vergessen, bekommt Alex eines Tages Drachenpost: die angefressene Postkarte zeigt ein idyllisches Bergseepanorama und einen Fußabdruck auf der Rückseite!Durch die abwechslungsreiche Seitengestaltung, die anregenden Perspektiven und Ausschnitte ist die Geschichte interessant und geheimnisvoll ins Bild gesetzt. Als neonroter Hingucker prägt der Drache die überwiegend gedeckt kolorierten Illustrationen. Diese ergänzen den knapp gehaltenen Text, der spannungsvoll erweitert wird durch die Inhalte der herausnehmbaren Briefe. Teilweise ist der Text in Großbuchstaben gesetzt, was sich oft auch als Motivation erweist, dass Kinder diese als Vorlage nutzen und abschreiben. Das Bilderbuch besticht durch die in Buch und Brief verwobenen Textebenen und vermittelt Kindern anschaulich die Bedeutung von Schrift als Medium des Miteinanderkommunizierens.Schrift, erlebt in der Form analoger Kommunikation, wird somit als Möglichkeit verstanden, sich austauschen und etwas weitergeben zu können. In unserem digitalen Alltag brauchen Kinder Erlebnisse mit dem Wesen der Schrift. Sie profitieren von kompetenten Schriftnutzern wie Alex, der in der Geschichte selbstverständlich mit Schriftzeichen und Briefkultur umgeht.
Die Abenteuer und Herausforderungen, die Kinder in der „Drachenpost“ erleben, regen einerseits zum Erzählen und Sprechen an, andererseits zeigt das Bilderbuch wie spannend die Schrift unser Leben gestaltet und vermittelt Kindern reichlich Lust, die gezeigten Funktionen von Schriftlichkeit selbst erleben zu wollen.
„Drachenpost“ ist eine wunderbare literarische Anregung für eigene Briefe und eine sympathische Motivation, selbst Briefe zu schrieben.  

Buchcover: „wenn-ich-einmal-groß-bin"

Anregungen für die Praxis

Kinder wissen lange vor dem Übergang in die Schule, dass Schrift Kommunikation ermöglicht, Wissen festhält und dass Gedrucktes eine Geschichte erzählt. Sie erleben die Funktionen des Schreibens im Alltag und erproben, eigene Spuren zu hinterlassen und sich schreibend zu erleben. Deshalb sind die Jahre vor der Schule auch dazu da, um sich Schritt für Schritt in unterschiedliche Schreibhaltungen einzuschreiben: ins kommunikative, werbende Schreiben der ersten Botschaften und Einladungen, oder in erstes wissenschaftliches Dokumentieren, etwa einer Tabelle übers eigene Körperwachstum. In der Kita gibt es keine Leistungsbewertung, stattdessen Zeit und Spielraum für Versuche, Irrtümer und Wiederholungen. Zeit für fürs Sammeln und Pflücken von Buchstaben fürs Experimentieren in der Schreibecke der Kita mit Tafel, Buchstabenstempeln und Schreibutensilien.

  • Für Kinder ist die Auseinandersetzung mit dem Begriff Post meistens dadurch bestimmt, dass sie sich spielend mit dem Postwesen beschäftigen. Sie wollen Briefeschreiben, denn für viele Kinder ist dies der Inbegriff dafür, dass sich neue Türen für sie eröffnen werden. Dieses Interesse ist der Ausgangspunkt für die folgende Anregungen.
  • Gespräche über die möglichen Funktionen von Briefen:
    • Kontakt halten: „Hallo…“
    • Freundschaft pflegen: „Ich denke an dich…“
    • Urlaubs-, Genesungs-,/ Glückwünsche: „Wir wünschen dir…“
    • Trösten, ein Geheimnis anvertrauen
    • Sich entschuldigen, sich verabreden
    • Jemandem sagen , dass man ihn mag
    • Etwas wissen/erfahren wollen
    • Eine Forderung oder Rechnung stellen, z.B. Bußgeld/Strafzettel
    • Jemandem etwas Spannendes erzählen
    • Einfach jemandem so schreiben…
  • Wir erfahren, dass es diverse Möglichkeiten der Anrede im Brief gibt: Lieber Leo, Hallo Lotta, Hey Linus, Guten Tag liebe Jule, Sehr geehrter Herr Müller…
    Unterschiedliche Gruß- und Schlussformeln werden besprochen: Alles Liebe, bis bald; Tschüss deine Freundin Sophia; Liebe Grüße; Mit freundlichen Grüßen; Herzlichst…
  • In einem Kuvert ist der Brief gut verpackt. Nicht zuletzt deswegen braucht es im Kita-Schreibbüro eine Faltanleitung, die zeigt, wie wir einen Briefumschlag selbst herstellen und gestalten:
Bild: postundschule.de
  • Aus einem DIN-A4-Blatt ein Quadrat mit je 21 cm Höhe und Breite schneiden. Die Ecken 1, 2 und 3 nach innen klappen und die 3. Lasche festkleben. Die 4. Ecke wird dann mit einem Klebepunkt oder Siegel verschlossen. Umschlaggröße (gelbe Fläche): ca. 160 × 115 mm. Eine Schablone mit diesen Maßen erleichtert die Herstellung.
  • Die Kinder sollten diese Technik anwenden können, da dies einerseits eine große Motivation zum Schreiben schafft und andererseits ermöglicht, in unbegrenzten Mengen Brief zu schreiben und zu kuvertieren.
  • Zur Information: Damit der selbstgestaltete Brief von der Sortiermaschine bei der Post bearbeitet werden kann, sollte die Adresse auf eine weiße Fläche, zum Beispiel einen Adressaufkleber, geschrieben werden.
  • In Briefumschlägen ist nicht nur Platz für eine Nachricht – wir überlegen, welche kleinen Überraschungen man in einem Brief mitschicken kann.
  • Ein selbsthergestellter Briefkasten motiviert das „Postspielen“. Zum Ausdrucken gibt es unter: postundschule.de in der PDF „Briefkasten basteln“| ein Posthorn und eine Original-Vorlage, in die Leerungszeiten einzutragen sind.
  • Wortschatz: Auf dem Umschlag/Kuvert steht der Absender: Das ist die eigene Adresse, für den Fall, dass die Adresse nicht richtig ist und der Brief zurück kommt. Der Empfänger ist immer derjenige, an den der Brief geht. Deshalb schreiben wir die Adresse vorne rechts auf den Umschlag. Dazu gehört auch die richtige Postleitzahl. Welche PLZ haben wir in der Kita, welche zu Hause? Usw. Die Briefmarke, auch Porto genannt, ist der Wert, der dafür bezahlt wird, dass ein Brief transportiert wird.
  • Briefmarken haben viele unterschiedliche Motive. Im Netz kann man ganze Serien betrachten: Leuchttürme, Blumen etc. Derzeit erhältlich ist das Sonderpostwertzeichen „Der Grüffolo“. Wir stellen mit einer Zackenschere eigene Kita- Briefmarken her.

Emma Yarlett: Drachenpost.Stuttgart: Thienemann-Esslinger 2019, 32 Seiten | € 15,00 | ab 4

Wenn ich einmal groß bin… (September 2019)

…kann ich bestimmen und das machen, was ich will. Wunschdenken beflügelt und Kinder malen sich liebend gerne aus, was alles möglich wäre, wenn sie selbstbestimmte Gestaltungsräume hätten.Sie verstehen es, einzutauchen in magisches und illusionsfreudiges Denken, und oft wird dieses für sie zu einem beliebten Spiel.Maria Dek hat angedockt an diese kindlichen Zukunftsträume und sie originell verwoben mit der Welt der Zahlen: „Wenn ich einmal groß bin, werde ich richtig groß sein, so groß wie 1 Riese.“ Und ich werde alles machen, was ich will: 5 Kugeln Eis essen, mit einem Schritt über 9 Pfützen springen, mit 15 Bären in einem Baumhaus wohnen, 18 zahme Spinnen haben und erst um 25 Uhr ins Bett gehen…Auf einer Doppelseite sind sämtliche Berufsvorstellungen abgebildet: „… einen für jeden Tag der Woche. Aber mein Lieblingsberuf wird Tiersitter sein. Und meinen 8 Tieren bringe ich dann tolle Kunststücke bei.“Zartbunt und fantasievoll sind die Wünsche und Träume von Kindern ins Bild gesetzt. So regt das trefflich gestaltete Zahlenbuch zum Nachdenken über eigene Zukunftsideen und Lebensvorstellungen an und bespielt dabei wunderbar den Zahlenraum von 1 bis 25.  

Buchcover: „wenn-ich-einmal-groß-bin"

Anregungen für die Praxis

Für Kinder ist die Auseinandersetzung mit dem Begriff „größer werden“ meistens dadurch bestimmt, dass sie sich mit ihrer eigenen “Größe” beschäftigen. Sie wollen wachsen, denn größer werden ist der Inbegriff dafür, dass sich neue Türen für sie eröffnen werden, indem sie ihre Fähigkeiten und ihr Wissen entwickeln. Dieses Interesse an der eigenen Größe ist der Ausgangspunkt für die folgende Messaktion.

  • Vorbereitung: Stellen Sie eine Sammlung von Metermaßen zusammen: ein Messlatte, die an der Wand befestigt werden kann und über eine Skale von 1 – 100 cm verfügt; ein klappbares Metermaß, wie es Handwerker verwenden; verschieden lange Lineale; ein flexibles Schneidermaßband.Erstellen Sie eine dreispaltige Tabelle, in die die Kinder ihre Ergebnisse eintragen können: Name, Länge in cm, und die Reihenfolge in aufsteigender Nummerierung.
  • Gruppe: bis zu sechs KinderMaterial: Metermaßsammlung, Bleischnur (erhältlich in Gardinenabteilungen), mitteldicke Kordeln (aus Plastik in vielen Farben und Stärken erhältlich in Baumärkten)
  • Einstimmung: Erzählen Sie den Kindern, dass ein Riese sie gefragt habe, wie groß eigentlich Kinder seien, die in die Kita gehen. Seine riesigen Kinder hätten ihn gefragt, und er wisse das nicht wirklich, und am liebsten hätte er von jedem Kind ein Bild, den Namen und ganz genaue Zahlen. Dann kann er seinen Kindern am Metermaß zeigen, wie groß diese Menschenkinder in der Kita sind.
  • Zeigen Sie den Kindern die Messlatte und erklären Sie, dass diese Zahlen zeigen, wie groß etwas ist. Erklären Sie, dass Zahlen, die etwas über die Länge aussagen, einen Familiennamen haben, der „Zentimeter“ ist, und dass ihre Messlatte 100 solche Zentimeter lang ist.
  • Aufgaben der Kinder:- Geht zu zweit zusammen. - Einer stellt sich an die Messlatte und der andere schaut sich die Zahl an, die über dem Kopf sichtbar ist.- Er schreibt die Zahlen hinter den Namen des Kindes in die Tabelle.- Dann misst der, der gemessen wurde, wie viele Zentimeter sein Partner hat.- Wenn alle sich gegenseitig gemessen haben und die Ergebnisse aufgeschrieben sind, stelltihr euch der Größe nach auf.- Wer ist nun am größten, wer hat die meisten Zentimeter? Dieser erhält in der dritten Spalte die 1, das Kind, das am zweitgrößten ist, die 2, usw. Diesen Eintrag moderieren und erklären Sie und führen ihn auch durch. Fordern Sie Kinder auf, nun selbst etwas zu vermessen und aus den Messergebnissen eine Reihenfolge zusammenzustellen: Legosteine, Bilderbücher, Bauklötze - alles Mögliche ist geeignet. Unbewegliche Gegenstände können die Kinder mit der Bleischnur oder der Kordel abmessen und die Zentimeterzahlen an der Messlatte feststellen. Zeigen Sie den Kindern die verschiedenen Formen der Messwerkzeuge und lassen Sie sie selbst entscheiden, was sie wie abmessen.

Dinge zu vermessen ist eine sehr vielfältige Beschäftigung. Sie hilft Kindern, sich handlungsorientiert sprachliche Begriffe wie kleiner, größer, länger, kürzer, mehr, weniger, klein, groß, schmal, breit anzueignen. Zudem ist das Maßnehmen eine unschätzbare Erfahrung, um eine mathematische Denkweise zu entwickeln und durch eigene Tätigkeit die gebräuchliche Maßeinheit cm kennen zu lernen.

Maria Dek: Wenn ich einmal groß bin. Das Zahlenbuch der großen Träume.
München: Knesebeck 2019, 48 Seiten | € 13,00 | ab 4

Sylvia Näger, Freiburg;
Diplom-Medienpädagogin. Dozentin in der Aus-und Fortbildung von Grundschullehrenden, Erzieherinnen und Bibliothekaren. Lehrtätigkeit in den Bereichen sprachliche Bildung, Literacy, Kinder- und Jugendliteratur,  Lyrik und Medienpädagogik.
Langjährige Herausgeberin der Edition „Bilderbuchkino” und Autorin pädagogischer Fachbücher.

„Ich bin der stärkste im ganzen Land!“ (August 2019)

Eines Tages beschließt der Wolf mal wieder durch den Wald zu gehen, um zu hören, wie die anderen Tiere über ihn reden. Alle, vom kleinen Häschen, über Rotkäppchen bis zu den drei kleinen Schweinchen, erschrecken vor seiner aufgeblasenen Erscheinung und beteuern angstvoll und ergeben, dass er der Stärkste im ganzen Land ist. Der Wolf wird immer stolzer, er fühlt sich großartig und ist überaus selbstzufrieden. Ganz gleich ob er auf seinem Spaziergang dem kleinen Hasen, dem Rotkäppchen, drei kleinen Schweinchen, den sieben Zwergen oder dem kleinen Drachenkind begegnet, sein ungewöhnliches Maß an Selbstbezogenheit lebt er voll aus. Mit stolzgeschwellter Brust, hocherhobenen Hauptes spaziert er durch den Wald. Zu seinem Wohlbefinden fehlt nur noch die absolute Unterwerfung aller Waldbewohner. Wer hundert Meilen gegen den Wind so viel Selbstzufriedenheit ausstrahlt, mit dem will sich keiner in die Wolle kriegen. Immer wieder bohrt der Wolf, hakt nach wer hier wohl der Stärkste sei. Und die ohnehin schon Kleinen, die ihn devot bestätigen, redet er sicherheitshalber noch kleiner. Dass die Befragten, allesamt Figuren aus Wolfsmärchen, ihm körperlich unterlegen sind, nimmt er gar nicht zur Kenntnis. Aber im Märchenwald ist es wie im realen Leben. Es gibt immer einen, der noch größer, noch schöner oder noch stärker ist. Ein kleiner Kröterich stoppt schließlich den Egotrip des Wolfes, als er ihm seine riesige Drachenmutter vorstellt, die eindeutig die Stärkste im ganzen Land ist. Kinderleicht erfahren junge Betrachter und Zuhörer, wie man mit einem Großmaul umgehen kann und wie gut es ist, eine starke Mama hinter sich zu haben.

Buchcover: „Ich bin der stärkste im ganzen Land!“

Mario Ramos gestaltet den Spaziergang des Wolfes durch den Märchenwald mit kräftigen kontrastintensiven Farbakzenten. Konzentriert auf den Kern, den Witz und die Botschaft, braucht er weder viele Worte noch einen feinen Pinsel für Details. Der klare Aufbau präsentiert in flottem Cartoonstrich Bilder, die für sich sprechen. In seiner schnörkellosen Zeichenkunst kommen Mimik und Gestik höchst ergötzlich zur Darstellung, die Körpersprache des Wolfes spricht Bände. Die in schlichter Struktur erzählte Geschichte endet mit einem Kunstgriff, der immer wieder Begeisterung und Lacher auslöst. Dazu ist die knappe, sichere Pointe bildstark in Szene gesetzt, in dem sich das kleine grüne Etwas als Drachenkind erweist, dessen Mama so riesig ist, dass sie nur ausschnittsweise ins Bildformat passt … Klar, dass bei einem solchen Anblick ein Großmaul ziemlich klein wird.

Die Bilder des bereits 2003 erschienen Buchs wirken im Kamishibai auf besondere Art:  wundervoll überzeugend und faszinierend verschaffen sie dem egomanischen Wolf einen absolut starken Auftritt.

Anregungen für die Praxis

  • Sprachliche Eigenschaften der märchenhaften Geschichte
    Der einfache Text, der Märchenduktus und Umgangssprache mischt, bereitet seinen Zuhörern großen Spaß. Die Geschichte wird prägnant und mit bildlicher Sprache erzählt, sie ist geprägt vom intensiven Dialog der handelnden Figuren. Das ritualisierte Frage- und Antwortschema ermöglicht Kindern, die Deutsch als Zweitsprache erwerben, wiederholt die gleiche Satzstruktur zu erleben. „Ich bin der stärkste im ganzen Land!“ regt an, zusätzliche Superlative (der Wildeste, der Fürchterlichste, der Liebste etc.)  und die Steigerung von Adjektiven zu thematisieren.
  • Die dialogorientierte Anschlusskommunikation
    - nach der Präsentation im Kamishiabai - motiviert Kinder, eigene Erfahrungen einfließen zu lassen und sich mit der Ästhetik der Bilder auseinanderzusetzen. W-Fragen helfen, diese kommunikative Interaktion zu entwickeln, z.B.:
    • Warum hat der komische kleine Kröterich keine Angst vor dem Wolf?
    • Warum behauptet er bei der Drachenmutter, ein lieber kleiner Wolf zu sein?
    • Wieso nennt sich der Wolf erst bös und groß und am Ende klein und lieb?
    • Was würdet ihr tun, wenn euch der Wolf begegnet und fragt, ob ihr wisst wer der Stärkste im ganzen Land ist?
    • Wen kennt ihr, der besonders stark ist?
    • Was ist eure “starke Seite”?
    Wohin geht er, als er schnellstens vor der Drachenmutter weg läuft?
    Wie hat sich der Wolf wohl gefühlt, als er nicht mehr der Stärkste war?
  • Spiel: Ich bin der Geschickteste im ganzen Land
    Mit Kreide wird eine Sonne  von ca. 50 cm auf den Boden gezeichnet. In die Mitte des Kreises wird ein selbst gezeichnetes Bild des Wolfs gelegt. Außerdem benötigt jeder noch drei kleine Äste oder Stöckchen.
    In ca. einem Meter Entfernung stellt sich der erste Spieler mit dem Rücken zum Wolf  auf und versucht, seine Ästchen nach hinten über die Schulter in den Kreis zu werfen.
    Für jedes Ästchen im Kreis um den Wolf gibt es drei Punkte, für die, die in den Strahlen gelandet sind, einen Punkt.
    Nacheinander spielen die Kinder so viel Runden, wie vorher abgemacht. Wer die meisten Punkte hat, wird „der Geschickteste im ganzen Land” und kann dem starken Wolf die Pfote reichen...
  • Phantasiebild zeichnen: Die Stärkste im ganzen Land
    Die riesige Drachenmutter hat Mario Ramos lediglich ausschnittsweise und angedeutet abgebildet. Das regt Kinder an, die Drachenmama so weiter zu zeichnen wie sie ihrer Vorstellung nach ausschaut.
    Dafür wird der Ausschnitt des letzten Bildes kopiert und die Kinder zeichnen davon ausgehend ihre Vorstellung der Figur.

Mario Ramos: Ich bin der Stärkste im ganzen Land!
Viersprachiges Bildkartenset für Kamishibai.
Deutsch – Französisch – Polnisch – Türkisch.
Frankfurt: Moritz 2019, 13 Bildkarten im Format A3| € 18,00 | ab 3

Sylvia Näger, Freiburg;
Diplom-Medienpädagogin. Dozentin in der Aus-und Fortbildung von Grundschullehrenden, Erzieherinnen und Bibliothekaren. Lehrtätigkeit in den Bereichen sprachliche Bildung, Literacy, Kinder- und Jugendliteratur,  Lyrik und Medienpädagogik.
Langjährige Herausgeberin der Edition „Bilderbuchkino” und Autorin pädagogischer Fachbücher.

Wie man ein Zottorunkel zähmt (Juni 2019)

oder: Probier´s doch mal mit Höflichkeit…

Das Zottorunkel frisst, dass es kaum zu glauben ist: Schokolade, Süßigkeiten aller Art, rohe Eier, und Blumen samt Vase. Landet es in der Küche, beißt das ungeheuerliche, stets heißhungrige Wesen gerne auch mal in die Walze vom Nudelholz. Das alles passiert vornehmlich zu nachtschlafender Zeit: dann steigt es aus seinem Baum und zottelt „zottig, zornig, rauppig-rau, krawallig, hornig“ raus aus dem Wald zu den Häusern.

Buchcover: Spaziergang mit Hund
Andrea Schomberg und Katja Gehrmann: Wie man ein Zotterunkel zähmt

Kommt das Zottorunkel- Monster an die Haustür, klingelt es natürlich nicht, sondern tritt mit kawumm die Tür ein, macht sich über den Apfelsaft her und durchwühlt Schränke und Schubladen. Hat es schließlich das Objekt seiner Begierde, seine heißgeliebte Schokolade, gefunden, schmatzt und mampft es genüsslich, bis es müde ist und laut schnarchend daniederliegt. Am Morgen ist dann nicht nur die Schokolade, sondern auch das Zottorunkel verschwunden, in der Tür klafft ein Loch, und in der Küche sieht es aus wie bei Hempels unterm Sofa.

Soweit so gut – aber da es nicht immer so enden kann, nimmt die Geschichte jetzt eine Kehrtwende und erzählt ausführlich, wie man einem derartigen Wesen entschieden entgegentritt: nämlich mit ausgesuchter Höflichkeit. Ohne jegliche Angst öffnet man die Tür, begrüßt das Tier und bittet es herein. Dann geht man „mutig, froh und frisch voraus bis an den Küchentisch“ und sagt „sehr höflich diesen Satz: „Hier bitte nehmen Sie doch Platz!“ Sicherheitshalber teilt man die Schokolade und den Apfelsaft mit dem Gast und verwendet konsequent und absolut stilsicher höfliche Worte wie „Danke“ und „Bitte“. Bei zottorunkeligen Patzern, die das des Formgefühls nicht kundige Tier natürlich liefert, zeigt man sich verständnisvoll und entgegenkommend. Soviel positive Verstärkung wirkt selbst bei einem Zottorunkel. Das lila-glubschäugige Getüm wird immer zufriedener, hilft bei der Reparatur der Eingangstür und versucht sich schlussendlich in höflichen Benimm: „ …es reicht dir deine Zottelpranke: Schön war´s! ich sag wie heißt das …?“ Danke!“

Dem kann man sich durchaus anschließen und sich bei Andrea Schomburg bedanken für diese äußerst unterhaltsame Schule des Guten Tons. Erzählt in Reim und Rhythmus, weckt die amüsante Zottorunkel-Geschichte Gedanken und Gefühle für gesittete Umgangsformen, ohne einen schweren pädagogischen Zeigefinger auszustrecken. Sozialfreundliche Manieren rückt die Autorin sprachspielerisch ins Zentrum und schafft mit der Geschichte über das Zottorunkel ein sympathisches Plädoyer für gute Sitten.

Katja Gehrmann setzt das Ungetüm als lila-zottelige Figur ins Bild. In türkis-gelben Farbmelangen zeichnet sie die Geschichte, deren Bilder wild in Bewegung geraten und mit viel Vergnügen die Dynamik der monstermäßigen Manieren in Szene setzen.

Anregungen für die Praxis

  • Höflichkeit ist ein Sprachregister, das durch einen bestimmten, charakteristischen Wortschatz und Strukturen gekennzeichnet ist. Das Sprachregister der Höflichkeit ist ein Bestandteil sprachlicher Bildung, die Kinder befähigt, zwischen Sprachebenen zu unterscheiden und diese situationsgerecht zu verwenden. Das bedeutet: Kinder sind darauf angewiesen, dieses Register in ihrer Sprachentwicklung zu erfahren und zu erlernen. Erst dann können sie einschätzen, in welchen Bereichen der Kommunikation Höflichkeit angemessen oder gar unverzichtbar ist.
  • Höflichkeit und das Verständnis dafür, was sie in Sprache oder Verhalten ausmacht, ist dem Wandel der Zeit unterworfen. Trotzdem ist Höflichkeit nicht altmodisch, und Umgangsformen sind ein immer aktuelles Thema. Höflichkeit ist gesellschaftlich wichtig, damit wir leichter, besser und angenehmer miteinander umgehen können.
  • Ausgehend von den Verhaltensformen des Zottorunkels greifen lassen sich
    Fragestellungen aufgreifen:
  • Wie begrüßen wir uns:
                - Hallo? Guten Tag? Grüß Gott? High Five? Moin?
                - Besprechen und erleben von Begrüßungsritualen der Kulturen, die in der Kita zu Hause sind.
  • Danke, Bitte und Wie bitte?
                - Weswegen verwenden wir Dankesworte?
                - Warum ist Danke ein „Zauberwort“?
    Zur eigenen Reflexion: Welche Vorbilder sind wir für die Kinder, was den Gebrauch dieser Worte angeht?
  • Anklopfen
                - Welche Funktion hat die Türklingel?
                - Wann sind Türen geschlossen und weswegen?
                - Wozu dienen Türschilder und Türanhänger?
    Erstellen Sie mit den Kindern einen Türanhänger, der dem Zottorunkel anzeigt, ob es das Haus betreten soll oder nicht.

Andrea Schomburg/Katja Gehrmann: Wie man ein Zottorunkel zähmtFrankfurt: Fischer Sauerländer 2019, 32 Seiten | € 14,99 | ab 4

Ene, mene, Eierkuchen (Mai 2019)

Eine Geschichte mit Piep und Pfanne

Eichhörnchen steht mit umgebundener Schürze am Küchentisch und hat Großes vor: es möchte Eierkuchen backen. Im Chaos auf dem Küchentisch verliert das Tier den Überblick und fragt: „Ene mene, Hühnerdreck, wieso sind die Eier weg? Ohne Eier keinen Kuchen, also muss ich Eier suchen. Eier, Eier seid so lieb, sagt doch bitte einmal ‚piep‘“.

Buchcover: Spaziergang mit Hund
Jörg Isermeyer und Daniel Napp: Ene, mene, Eierkuchen

Und aus einem Sechserpack, der hinter dem Rührgerät versteckt ist melden sich die Eier doch tatsächlich mit einem deutlich vernehmbaren „piep“. Die Eier sind aber nicht die einzigen Zutaten, die nicht auffindbar sind. Bis Eichhorn am Tisch sitzt und sich an seinen Eierkuchen sattessen kann, müssen sich noch Rührschüssel, Zucker oder das Handrührgerät - bitte - mit einem „piep“ melden. Der Schauplatz der gereimten Geschichte bleibt immer der gleiche. Und so erfahren Kinder in diesem Kammerspiel, entzückt vom immer größer werdenden Küchenchaos, was es alles an Zutaten und Küchenutensilien braucht, um einen Pfann- oder Eierkuchen zu backen. Natürlich übernehmen sie das „Piepsagen“ mit zuverlässiger Begeisterung und biegen sich vor Lachen, wenn das rasende Rührgerät den Eierkuchenteig durchs Zimmer spritzt. Dass der Eierkuchen beim Wenden so fantastische Luftsprünge macht, eine Punktlandung zwischen Eichhorns Pinselohren hinlegt und ihm die Augen verdeckt ist superpraktisch. So kann das Hörnchen seinen Eierkuchen Stück für Stück genüsslich vom Kopf essen und wieder sehen, wies so ausschaut rund um die Pfanne…

Flott gereimt ist halb gebacken – die lyrische Erzählung unterstreicht die Küchendynamik und sorgt mit dem interaktiven Leser-Piepen für ein absolut sprachlustiges Leseerlebnis. Daniel Napps Eichhörnchen platzt vor Entdeckerfreude schier aus seinem Fell und strahlt die Begeisterung eines empathischen Kochs aus, der sich schon von Beginn seiner Unternehmung an auf eines freut: am Tisch zu sitzen und zusammen mit seinem Freund, der Meise, genüsslich zu speisen.

Ein Kleinod in Pappe, das den Humorbedarf von Kindern kunstvoll, kniezig und sprachlustig bedient.

Anregungen für die Praxis

  • Die simple aber absolut leselustige Geschichte ist voll von Situationskomik, sodass sie auch ältere Kinder in ein begeistertes kurzweiliges Leseerlebnis verwickelt.
    Nicht nur, dass die Geschichte anregt Zutaten zu benennen oder einen Produktionsablauf zu formulieren, ihre witzigen unterhaltsamen Bilder animieren förmlich dazu, Pfannkuchen selber zu backen.
    Da eine solche Aktion unschwer in Bildern festzuhalten ist, kann als Anschlusskommunikation zu „Ene mene, Eierkuchen“ ein eigenes Sachbilderbuch mit Fotos entstehen.
    In einem solchen Literacyprojekt erleben Kinder eine Funktion von Schrift und Bild, sie erproben einen Produktionsablauf so darzustellen, dass er nachvollzogen und wiederholt werden kann.
  • Tipps zur Produktion eines Fotobilderbuchs
    Fotobilderbücher brauchen eine Vorbereitung, in der die Handlung in Szenen aufgeteilt und im sogenannten Storyboard festgehalten wird:
    Szene 1: Alle Zutaten und Arbeitsgeräte stehen auf dem Tisch. | Totale
    Szene 2: Die Eier werden aufgeschlagen und in die Schüssel gegeben. | Nahaufnahme usw.
  • Beim Fotografieren:
    - Halten Sie die Kamera ruhig
    - Achten Sie auf Motivschärfe
    - Gehen Sie nahe genug an das Motiv heran
    - Achten Sie auf genügend Licht
    - Fotografieren Sie nicht gegen das Licht
    - Wählen Sie ungewöhnliche Perspektiven
    - Probieren Sie verschiedene Formate und Einstellungsgrößen aus:
                Totale | Halbtotale | Nahaufnahme| Detail
    - Machen Sie mehrere Bilder, damit Sie hinterher eine Auswahl haben.
  • Im Buch werden die Bilder jeweils auf einer Seite präsentiert, der kurze Text steht unter oder über den Bildern.
    Das komplette Rezept steht am Anfang des Buchs.
    Spiralbindungen sind für diesen Buchtyp gut geeignet.
  • Die bewusste Auseinandersetzung mit der Gestaltung von Büchern sensibilisiert Kinder für die Vielfältigkeit von Sprache und Bildern in der Literatur. Bei der Produktion von Fotogeschichten üben Kinder, Bild­sprache und Bildsymbole zu verstehen. Dieses Verständnis ist eine bedeutsame Kompetenz der Literacy­.
    Kinder erfassen in der Gestaltung der eigenen Bücher, dass die Abfolge und Aussagen mehrerer Abbildungen eine Dokumentation oder Geschichte ergeben. Verständlich wird für sie auch, dass die Umsetzung eines realen zeitlichen Ablaufs zu einer Folge von Bildern verdichtet werden muss, um dem Betrachter durch ein Medium vermittelt werden zu können.

Jörg Isermeyer und Daniel Napp: Ene, mene, Eierkuchen
Zürich: Atlantis 2019, 18 Seiten | € 9,95 | ab 2

Spaziergang mit Hund (April 2019)

Ein phantastisches Lese- und Seherlebnis der besonderen Art

Seit sich Menschen Geschichten erzählen, spielt die Phantasie mit. Werden diese Geschichten gekonnt ins Bild gesetzt, wird das Wunderbare, Unwirkliche und Sonderbare sichtbar. Wie faszinierend das sein kann, präsentiert Sven Nordqvist in seinem neuen opulenten Bilderbuch „Spaziergang mit Hund“.

Buchcover: Spaziergang mit Hund
Sven Nordqvist: Spaziergang mit Hund

Der Schöpfer von Findus, Petterson und Mamma Muh zeigt, was möglich ist, wenn in detailreichen wimmeligen Bilderwelten die Phantasie regiert. Dabei fängt alles ganz real an: Ein kleiner Junge geht mit einem großen zotteligen Hund auf eine kleine Runde zum Pippimachen. Unversehens landen die Zwei an einem alten Bahnhof und besteigen einen Zug, der über senkrechte Gleise himmelwärts direkt ins Land der Phantasie einfährt. In diesem Land gibt es die verschiedensten Gegenden und verzauberte Orte wie eine abenteuerlich erbaute Burg, die vornehmlich aus Türmen besteht. Auf den Mauern des Turmlabyrinths verlaufen kühn verlegt die Gleise, und aus dem Fenster eines Turms schmeißt eine Kuh den Passagieren im Zug Karotten als Reiseproviant zu. Dermaßen gestärkt kommen alle in einem Park an, in dessen Brunnen unzählige Wasserspeier zu bestaunen sind. Vor allem aber sind hier merkwürdige, von Ziegen gezogene Longboards unterwegs, auf denen Menschen in prächtigen Rokokokostümen stehen. Im Tiergehege hockt ein rosarotes Mammut im Käfig, die Affen spielen mit einem Kind, das sie aus dem Buggy geklaut haben, und die Hühner von Petterson und Findus zelten hier. Hunderte derartiger Details zeigen eine Fülle geheimnisvoller und gedankenanregender Momente, die den Betrachter als Feuerwerk der Phantasie bestens unterhalten. In den Bildern sind auch auch reale Menschen unterwegs. Nicht selten schauen diese auf ihr Smartphone, das hin und wieder als Kamera fungiert, aber auch bereits von manch einem der phantastischen Bewohner verwendet wird. Überhaupt ist bei geneigter Betrachtung zu entdecken, dass in den Abenteuer- und Märchenwelten Sven Nordqvists ein breites Medienensemble genutzt wird.

Kind und Hund, die als roter Faden die opulenten Bildertafeln verbinden, sind nicht immer auf Anhieb auffindbar. Sind sie doch meist mitten im Gewimmel unterwegs, mal eisessend, mal sprechend mit Wesen, die den Mucklas ähneln oder reigenspielend in den grünen Hügeln des Blaubeerwaldes. Letztendlich ist die Suche nach den Zweien auch eher der Start in die Zauberwelt dieser Literatur, oder sie läuft nebenher, denn die detailreichen Szenen ziehen die Betrachter in den Sog des Schauens und Staunens. Dabei lösen die Bilder ganz unschwer und erfreulich selbstverständlich größte Lust am Erzählen aus. Das liegt an den Gestalten oder Szenen, die Sprache unterschiedlich herauslocken. Einmal ist das ein schneller Kommentar wie „Schau mal, der Leuchtturm ist aber eine Kerze“ oder „Die kenn ich, das sind die sieben Zwerge“. Ein andermal generiert ein Bildimpuls eine kleine Geschichte darüber, was die extrem angeberische Hyäne aus dem Land der Katzentiere ihren Mitkatzen erzählt, während Findus, ganz ohne grüne Hose, danebensitzt, eine Maus in den Pfoten hält und intensiv beäugt.

Für Kinder ist der Ausflug in solch phantastische Welten ein Kinderspiel, das sie aus ihrem Alltag oder ihrem eigenen Spiel zur Genüge kennen. Sie können, wie Seven Nordqvist, ihre Phantasiewelt kreieren, mitten aus dem Alltag heraus. Dieses Wegbeamen in andere Welten bis hin zum Erschaffen phantastischer Weggefährten ist Ausdruck kindlicher Phantasie. Sven Nordqvist ist in ihr zu Hause, und hat aus seiner Vorstellungskraft Figuren und Szenen geschöpft, die Kinder und der Phantasie zugeneigte Erwachsene gleichermaßen faszinieren und erfreuen. Das besonders Schöne an dieser wimmeligen Fantasy-Literatur aber ist der Moment, wenn Leser gemeinsam aus der Realität treten und in die Bilderwelten eintauchen, in denen Sprache wie von selbst dazu findet.

Anregungen für die Praxis

  • Beim dialogischen Lesen in Wimmelbildern ergeben sich unschwer Situationen, die das Kommentieren und Erzählen herausfordern. Sie öffnen die Tür zu Sprache und Geschichten, die bei jedem Kind individuell ausfallen werden.
    Als Vorfreude auf solche Erlebnisse sind im Folgenden die Stationen der bildstarken Reise zusammengefasst.
    In den einzelnen Welten lassen sich Szenen spielerisch umsetzen, weiterspinnen und in offenen Fragen auf Erfahrungen, Vorstellungen und Gedanken der Kinder beziehen.
  • Stationen, die der kleine Knirps und der große Hund auf ihrer phantastischen Reise erleben.
    - Viktorianischer Bahnhof
    - Traumlandschaft mit Baumhäusern
    - Gleislandschaft auf den Türmen einer Burg
    - Brunnen im Park
    - Tiergehege
    - Tropenhotel mit Kaffee, Musik und Eis
    - Tiere im Land der Riesen
    - Inselschiffe
    - Die Stadt der blauen Bäume und Denkmäler
    - Im Antiquitätenladen
    - Im Kinderzimmer
    - Im Tomaten- und Heidelbeergarten
    - Gefährliches Land der Burgen
    - Krocketspiel im Wunderland
    - Die Stadt der Katzen
  • Die Reise durch die Phantasiewelt beginnt und endet an der Haustür einer älteren Dame, die den Jungen und den Hund verabschiedet bzw. zurückerwartet. Auf der ersten Seite führen Spuren von Hund und Kind in die Geschichte hinein und auf der letzten hinaus.
    Wo kommen diese her, wo führen sie hin? Dazu haben Kinder Vorstellungen und Meinungen.

Sven Nordqvist: Spaziergang mit Hund.
Hamburg: Oetinger 2019, 32 Seiten | € 20,00 | ab 4

Felix Frosch (März 2019)

Ein blattgrüner Baumfrosch hört seltsame Geräusche

Felix, der kleine Laubfrosch, ist vaterseelenalleine im Dschungel unterwegs, er hat sich verirrt. Umgeben von den Geheimnissen des dichten tiefen Dschungelwaldes hüpft er ziellos umher und hört seltsame Geräusche: Es raschelt hinter einem Stein, knirscht und klappert im Geäst und ganz oben aus dem Baum  vernimmt Felix ein seltsames Klopfen. Kein Wunder dass ihn diese Geräusche ängstigen, da er meist nicht weiß, was sich dahinter verbirgt. Und so schaut der kleine Frosch immer wieder mit großen Augen furchtsam in die Dschungelwelt. Glücklicherweise aber erfordert die interaktiv angelegte Struktur der Geschichte die Beteiligung der Leserschaft heraus. So können die zuhörenden Kinder dem kleinen grasgrünen Regenwaldbewohner Mut zusprechen, indem sie wiederholt und ritualisiert formulieren: “Keine Angst, kleiner Frosch, davor musst du dich nicht fürchten“.

Buchcover: Felix Frosch

Je nachdem, was die Geschichte verlangt, dürfen die Leser aktiv werden. So verscheuchen sie eine listig zischende Schlange mit lautem Händeklatschen oder unterstützen den Frosch durch lautes Mitzählen dabei, flink in eine rettende Baumkrone zu klettern. Immer wieder gilt es sich in die Geschichte einzubringen, den kleinen Hüpfer im Bild zu entdecken und sich darum zu kümmern und mitzuhelfen, dass der grasgrüne Kletterer seine Furchtsamkeit und Ängste überwinden und den Weg nach Hause finden kann.

Damit bietet „Felix Frosch“, zusätzlich zur Ebene des Bilderlesens und Vorlesens, eine weitere Erlebnisebene, die den Effekt zeitigt, dass Kinder sich in dieser Geschichte pudelwohl fühlen. Die Illustration, von Brita Teckentrup, in kunstvollen Collagen gestaltet, sorgt mit intensiven und leuchtenden Farben für großformatige stimmungsvolle Dschungelbilder. Dass Felix seinen Papa wiederfindet und dieser ihn hoch oben im Baumwipfel liebevoll ins Bett bringt, ist das glückliche Ende dieser Vater-Sohn-Geschichte, die gelungen vermittelt, wie Ängste mutig überwunden werden und zeigt, dass Kinder und Frösche Nestwärme und Geborgensein brauchen.

Anregungen für die Praxis

  • Die aktive Mitmachebene der Geschichte und der anteilig formelhaft gestaltete Sprachgebrauch unterstützen spielerisch den Spracherwerb. So eignet sich dieses bildstarke, durchgehend doppelseitig illustrierte Geschichte bestens für den Einsatz im Bereich Deutsch als Zweitspracherwerb.
  • Geräusche und Klänge fördern das Eintauchen in die Geschichte und unterstützen das „Kino im Kopf“. Die in die Handlung der Geschichten integrierten und in Worten beschriebenen Geräusche geben Anlass, das Hören und Zuhören zu thematisieren und spielerisch zu begreifen. Unsere Ohren sind immer offen, die auditive Wahrnehmung ermöglicht uns, unterschiedliche Höreindrücke aus verschiedenen Richtungen zu sammeln und diese zu einem stimmigen scharfen Bild zusammenzusetzen. Dabei müssen Töne, Klänge und Geräusche erkannt und zugeordnet werden, damit sich ein Sinnbezug ergibt. Geräusche geben uns Orientierung, sie befördern Erinnerungen, informieren und inspirieren. Umwelt, Landschaft, Wetter und Tiere schaffen Geräusche, die zu Hörgewohnheiten werden.
  • In der Geschichte von „Felix Frosch“ kommen folgende Verursacher und Beschreibungen von Geräuschen vor:
    - Die Schildkröte im Teich: „Plitsch! Platsch!“
    - Ein glänzender Käfer, der über die Blätter krabbelt: „Tripp! Trapp! Raschel! Raschel!“
    - Die frechen Affen: „Knirsch! Knack! Klapper!“
    - Die listige Schlange: „Swusch-Wusch!“
    - Der Buntspecht: Tock, tock, tock!
    - Die Fortbewegung von Papa Frosch: „Hüpf…hüpf…hüpf...“
  • Mit in der Geschichte integrierten Geräuschen, versuchen wir einzelne Elemente des Handlungsablaufes akustisch zu illustrieren. Dabei imitieren wir mit Musikinstrumenten oder Materialien die Geräusche und Klänge der Handlung oder stellen assoziativ akustische Entsprechungen dazu her.
    Dabei können die Kinder überlegen was es braucht, damit die Geräusche ähnlich wie Wasserplätschern oder Blätterrascheln klingen.
    Anregungen zur synthetischen Produktion der Geräusche:
    - Eine Plastikschüssel mit Wasser füllen und ein flaches Holzbrettchen im Rhythmus hinein tauchen.
    - Ein Stück Butterbrotpapier langsam und vorsichtig zerknüllen.
    - Astholz zerbrechen, mit zwei halben Kokosnussschalen klappern
    - Ein Küchen- bzw. Abtrockentuch an zwei Ecken fassen und durch schnelles Hin- und Herschwingen ein „wuschiges“ Geräusche verursachen
    - Schlaghölzer aufeinanderschlagen
    - Mit einer nassen Hand locker auf den Tisch schlagen

Jane Clarke / Britta Teckentrup: Felix Frosch.
Berlin: Anette Betz 2019, 32 Seiten | € 14,95 | ab 3

Der Wolf und die Fliege (Februar 2019)

Ein „kleines Hüngerchen“ für große Leselust

Wenn Erwachsene zusammen mit Kindern Bücher nutzen, übt das Kind ein Muster ein. Denn ein Zusammensein mit dem Buch und die Abläufe des Austauschs zwischen Bezugsperson und Kind funktionieren immer wieder gleich. Der Ablauf von Schauen und Zeigen, Lesen und Benennen wird wiederholt und festigt beim Kind die Vorstellung davon, was es bedeutet, Bücher zu lesen, und wie das vonstattengeht. Für diese frühen Leseerlebnisse braucht es also knappe und reduzierte Geschichten, die dennoch einen zündenden Funken schaffen. „Der Wolf und die Fliege“ ist eine solche und zeigt vor allen Dingen, wie spielend leicht und charmant es gelingt, im frühen Bilderbuchlesen mit minimal veränderter Wiederholung zu erzählen und dennoch große Unterhaltung zu schaffen.

Buchcover: Der Wolf und die Fliege

Antje Damm erzählt vom nimmersatten Wolf, der frisst und frisst und frisst: ein Spielzeug nach dem Anderen. Einzig einen Kaktus verschmäht er, und schlussendlich verdrückt er noch eine köstliche Fliege. Das aber hätte er lieber bleiben lassen sollen, denn die befördert mit ihrem Zappeln und Kitzeln den Apfel, die Katze, die Ente, das Auto, den Fisch und den Vogelwieder aus seinem Bauch heraus.

Da Kinder geübte Bilderleser sind, entdecken sie in deren Abfolge die plötzlichen Regungen der einzelnen zunächst unbelebten Spielzeuge. Was ist da los? Auf einmal hat die Ente den Schnabel offen, das Autolicht geht an oder der Vogel hüpft los. Diese minimalen Veränderungen sind Impuls dafür, dass das Kind erkennt, was das ewig hungrige Wölfchen als nächstes verschlingen wird. Quietschvergnügt und begeistert steuert es seine Erkenntnis beim Vorlesen begeistert bei. Vermittler und Kind lesen das Pappbuch also in trauter vergnüglicher Gemeinsamkeit, was die unbändige Lust der wiederholungswütigen kleinen Leser auf ein „Nochmal“ ins fast Unendliche steigert.

Auf mancher Doppelseite blickt das ausdrucksvolle verfressene Tier begeistert auf das Futter im Regal. Mal hängt ihm aus Freude auf den nächsten Happen die Zunge aus dem Maul, mal liegt es vollgefressen und schnarchend im Verdauungsschläfchen. Selbst grün im Gesicht oder spuckend gibt der räuberische Vierbeiner eine überzeugende Figur ab, dessen „kleines Hüngerchen“ für den Humor sorgt, den Kinder lieben und brauchen, um geneigte und überzeugte Leser zu werden. Spiel- und Lesefreude kunstvoll zu verweben und einen minimalistischen Ablauf farb- und formästhetisch ins Pappbilderbuch zu bringen, das gelingt Antje Damm und ihrem sympathischen Isegrim mit bewundernswertem Charme und brillanter Leichtigkeit.

Anregungen für die Praxis

  • Ein formelhafter Sprachgebrauch unterstützt spielerisch Sprache zu erwerben. So eignet sich dieses Bilderbuch auch bestens für den Einsatz im Bereich Deutsch als Zweitspracherwerb.

    In jeder Episode ist eine Lücke eingebaut, die von den Kindern ergänzt wird: „Einmal hatte der Wolf eine kleines Hüngerchen! Da fraß er den…“ Die Kinder ergänzen die Lücke durch das Lesen im Bild, blättern vor und zurück und entdecken - durch das im Regal fehlende Objekt -, dass der Wolf zuerst den Apfel gefressen hat. Im Speiseplan folgen: die Katze, die Ente, das Auto, der Fisch, der Vogel und die Fliege - und schon wissen die Kinder, wie die Artikel im Akkusativ lauten.
  • Im dialogischen Lesen ergeben sich unschwer Situationen, die den Gebrauch des Dativs und Genitivs herausfordern: „Vor wem hat die Katze Angst?“ „Vor dem Wolf“ - „Woran kannst du sehen, wen der Wolf als nächstes frisst?“ „An den Augen der Katze“.
  • Die Geschichte lässt sich spielerisch umsetzen, indem die erste Doppelseite kopiert wird und der Wolf und die acht Gegenstände ausgeschnitten werden.

    Die drei Ebenen des Regals werden auf ein Blatt Papier gezeichnet. Die Kinder können nun die Gegenstände in der vorgegebenen Reihenfolge der Geschichte oder in einer selbstbestimmten Abfolge ins Regal stellen, den Wolf füttern und die Geschichte selbst erzählen.

    Zusätzlich denken sich die Kinder aus, was der Wolf noch gerne fressen würde, zeichnen die Gegenstände und spielen die Geschichte nach dem bekannten Muster neu.

Antje Damm: Der Wolf und die Fliege.
Frankfurt: Moritz 2019, 22 Seiten | € 8,95 | ab 2

Welches Tier lief denn hier? (Januar 2019)

Spuren als Symbole

„ABC, die Katze lief im Schnee…“ erzählt ein traditionelles Kinderlied. Aber wer weiß wie ihre Spuren, die sie dabei im Schnee hinterlässt, aussehen? Allen, die das nicht so genau beschreiben können, kann in dieser Sache und auch beim weiteren Spurenlesen geholfen werden: „Ihre Pfotenabdrücke sind rund. Es sind jeweils vier Zehen zu erkennen. Krallen wie beim Hund kann man nicht sehen. Sie sind beim Laufen eingezogen.“ schreibt Svenja Ernsten, und Christine Henkel ergänzt das Wissen, das dieses spannende Sachbuch liefert, mit Tierspuren in Originalgröße.

Buchcover: SorTIERbuch

In jeder Umgebung sind Tiere unterwegs, die im verschneiten Park, auf der Wiese oder im Wald ihre Fährten hinterlassen. Am See finden sich die gut erkennbaren Abdrücke der Stockenten mit ihren Schwimmhäuten, die fast so aussehen wie gemalte Fledermäuse. Und sicher finden sich auch noch andere Vogelspuren. Die Abdrücke der Krähenfüße sind gut zu erkennen und zuzuordnen. Sie gleichen einem Strichmännchen mit erhobenen Armen – nur ohne Kopf und ohne Beine…

Tierspuren erzählen wer unterwegs war, sie geben Aufschluss, wer vielleicht soeben noch hier entlang gehüpft, gelaufen oder gehoppelt ist. Bereits ab dem Alter von zwei bis drei Jahren sind Kinder fähig, symbolisch zu denken, d.h. sie interessieren sich für Zeichen und ihre Bedeutung. So verstehen sie, dass die Form einer Spur ein bestimmtes Tier repräsentiert. Manche Tiere sind menschenscheu, sie zeigen sich selten oder kommen nur nachts aus ihren Verstecken. Dabei aber hinterlassen sie ihre verräterischen Spuren: Trippelspuren, Trittspuren, Kriechspuren.  

So motiviert dieses Buch nicht nur, wenn es frisch geschneit hat, nach draußen zu gehen und eine Spurensuche der besonderen Art aufzunehmen, sondern auch dazu, sich bereits vor dem Schriftspracherwerb mit Zeichen und Symbolen zu beschäftigen.

Anregungen für die Praxis und zum Nachsinnen

  • Trittsiegel, so heißt der Fachbegriff für die Fußabdrücke der Tiere, lassen sich auch von Kinderfüßen herstellen. Die Kinder können ihre Fußabdrücke betrachten, indem sie mit eingefärbten Fußsohlen über ein großes Blatt Papier laufen. Werden die Sohlen von Gummistiefeln eingefärbt und wird darin über ein Blatt Papier gelaufen, entstehen Spuren wie im Schnee, und das Profil von Noppen und Rillen unterschiedlicher Schuhe kann verglichen werden.
  • Tierspuren lassen sich mit in die Kita nehmen. Dazu werden sie einfach mit Gips ausgegossen.

    Dafür braucht es:
    500 Gramm weißen und schnell härtenden Gips
    Einen alten Becher
    Einen Stock  zum Rühren
    Einen 25 Zentimeter langen und 4 Zentimeter breiten Kartonstreifen
    Eine Büroklammer
    Etwas Wasser
    Eine Tüte für Reste und Müll

    So geht es:
    Zuerst wird der der Kartonstreifen zu einem Ring zusammengelegt und die überlappenden Enden mit der Büroklammer befestigt. Dann wird der Ring um die Spur herum in den Boden gedrückt. Der Gips wird mit Wasser angerührt. Der flüssige Gips wird in die Spur gegossen. Sobald der  Gips erhärtet ist, wird er vom Boden gelöst. Fertig ist der Abdruck der Tierspur!
  • Spuren von Ente, Hase, Hund, Igel, Katze, Maus, Reh, Pferd, Schwein und Taube
    sind als Stempel erhältlich.  (Sunnysue 200-13 - Holzstempel Tierspuren, 10-teilig)  
    Stempeln Sie eine Liste der Fährten und schreiben  Sie dazu die Tiernamen in Großbuchstaben vor. Regen Sie die Kinder an, die gestempelten Spuren mit den jeweiligen Tiernamen zu beschriften. Dabei üben sich die Kinder im Umgang mit Zeichen und Schriftzeichen, die eine Bedeutung tragen und somit eine Funktion haben. Sie entwickeln Symbolbewusstsein und Einsichten in die Funktion und Struktur von Schrift und anderen Zeichen.
  • Gut zu wissen: Wenn Kinder erkennen, dass Wörter durch eine Abfolge von Schriftzeichen abgebildet werden, befinden sie sich in der logographischen Stufe der Schreibentwicklung. In dieser Stufe können sie meist ihren Namen schreiben, verfügen aber noch nicht über die Kenntnisse Laute in Buchstaben umzusetzen. Sie betrachten die Gestalt des Wortes und prägen sich das Wortbild als Ganzes ein.

Svenja Ernsten/Christine Henkel: Welches Tier lief denn hier?
Eine spannende Spurensuche.
Stuttgart: Franckh-Kosmos 2018, 32 Seiten | € 14,99 | ab 4

Kontakt

Daniela Bischler
Trägerübergreifende Fachberaterin Sprachliche Bildung

Amt für Kinder, Jugend und Familie
Abteilung Förderung von Kindertageseinrichtungen
Europaplatz 1
79098 Freiburg

Tel. 0761 / 201 - 8431
Fax 0761 / 201 - 8409
daniela.bischler@stadt.freiburg.de

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