Dieser Beitrag ist aus dem Jahr 2025, möglicherweise gibt er nicht den aktuellen Stand wieder.

OB vor Ort im Stühlinger

Lebhafte Diskussion um den Stühlinger Kirchplatz

Neue Sitzgelegenheiten auf dem Stühlinger Kirchplatz
Einladend: Neue Sitzinseln aus Holz sind nur ein kleines Puzzleteil in einem umfassenden Konzept. Ziel ist, den Stühlinger Kirchplatz schöner und sicherer zu machen.

Das Thema bewegt, polarisiert und interessiert: Rund 150 Menschen tauschten sich kürzlich beim Bürgergespräch „OB vor Ort“ über die Situation auf und um den Stühlinger Kirchplatz aus. Die Mensa der Hebelschule war rappelvoll, die Diskussion lebhaft, kontrovers, aber auch konstruktiv.

„Ich habe mein Amt im vergangenen Juni angetreten, und der Platz war vom ersten Tag an Dauerthema“, berichtete Franziska Scheuble, Leiterin des Amts für öffentliche Ordnung, und führte mit einer kurzen Präsentation in das Hauptthema des Abends ein. Der Stühlinger Kirchplatz habe zwei Gesichter: Er sei ein wunderschöner Stadtteilplatz, aber auch „eine Ansammlung von Herausforderungen“.

Was durchaus wohlwollend formuliert war – verglichen mit Aussagen von Anwohner*innen im Publikum wie „Die Nachtruhe hier ist unter aller Sau“ oder „Ich traue mich seit 15 Jahren nachts nicht mehr auf die Straße“.

Nicht die Bronx Freiburgs

„Wir dürfen den Stühlinger Kirchplatz nicht als die Bronx Freiburgs schlechtreden“, dieser Satz sei im Akteursgespräch am Nachmittag gefallen, berichtete Scheuble. Sie stellte das vom Gemeinderat im Dezember verabschiedete Konzept vor, das den Platz schöner und sicherer machen soll: mit Sitzinseln aus Holz, zurückgeschnittenen Hecken, Rollrasen und Blühbüschen sowie besserer Beleuchtung unter der Stadtbahnbrücke. Außerdem sind ab April erstmals die Nachtmediator*innen auf dem Platz im Einsatz, und ab Herbst soll ein Kulturkiosk den Platz beleben. 2027/28 wird im Rahmen des nächsten Doppelhaushalts eine Machbarkeitsstudie für die bauliche Gestaltung des Platzes erstellt. Ideen und Maßnahmen daraus sollen schließlich in den Haushaltsjahren 2029/30 umgesetzt werden.

„Was habe ich von den ganzen Verschönerungen, wenn ich mich nachts nicht mehr auf die Straße traue?“, fragte ein Anwohner, ein anderer stellte den Einsatz der Nachtmediator*innen infrage: „Die sind doch nur bis elf da, was sollen die? Das ist eine Albernheit.“ Antwort des OB: „Klar ist: Alle diese Ideen sind ohne mehr Sicherheit auf dem Platz wertlos.“ Er versprach, alles zu tun, um die Sicherheit zu erhöhen. „Aber schimpfen Sie nicht auf die Nachteulen. Die Nachtmediator*innen haben den Auftrag, Gruppen proaktiv anzusprechen, bevor es eskaliert. Das löst das Problem nicht, aber sie sind ein Puzzle­teil.“

Ziel ist Sicherheit

Die Stadt nehme für den Stühlinger Kirchplatz „richtig Geld in die Hand“, betonte Horn. „Ziel ist, dass die Menschen sich auf dem Platz sicher fühlen – tagsüber, aber auch nachts.“ Warum es dort dann keine Notrufsäule gebe, fragte eine Anwohnerin. „Das würde mein Sicherheitsgefühl erhöhen.“ Die Säulen würden so gut wie gar nicht mehr genutzt, entgegnete der Leiter des Polizeireviers Nord, Ulrich Hildenbrand. „Außerdem geht es keine 24 Stunden, dann ist sie Opfer von Vandalismus geworden und außer Betrieb.“

Das Grundübel sei doch, so ein weiterer Anwohner, „dass sich die Migranten auf dem Platz den ganzen Tag langweilen. Wir müssen ihnen Arbeit geben, damit sie die Sprache lernen und integriert werden.“ Die ganzen Maßnahmen seien zwar „super begrüßenswert, aber an der Grundmisere ändern sie nichts“. „Sie haben sicher recht damit, dass es schwer ist, wenn Menschen keinerlei Perspektiven haben“, antwortete der OB. Aber in Freiburg gebe es viele Initiativen, die sich darum kümmerten – wie etwa die Werkstatt „p3“, die junge Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund auf eine Ausbildung in Deutschland vorbereitet.

Mit ihrem Posten in der Klarastraße sei die Polizei zu weit weg vom Geschehen, meinte ein Mann, der seit 20 Jahren im Stühlinger wohnt. Besser wäre doch das Gebäude direkt am Platz, in dem auch der Edeka untergebracht sei. „Ein Polizeiposten direkt daneben bringt gar nichts, Polizei bringt nur auf dem Platz was“, sagte dazu Revierleiter Hildenbrand – und verwies auf die täglichen Polizeikontrollen, auf Identitätsfeststellungen, Fest- und Gewahrsamnahmen, Platzverbote und Razzien. „Mehr wäre wünschenswert, aber das hängt am Personal.“

Immer wieder habe er sich diesbezüglich an den Innenminister gewandt, sagte dazu Martin Horn. Mit dem Ergebnis, dass Freiburg im Rahmen der mit dem Land abgeschlossenen Sicherheitspartnerschaft 130 zusätzliche neue Stellen bekommt – rund 60 davon sollen den Polizeirevieren Nord und Süd zugutekommen. „Das ist überproportional viel“, betonte der OB. Im Gegenzug will die Stadt ihren Kommunalen Vollzugsdienst von 11 auf 22 Stellen aufstocken.

„Polemik hilft zero“

Nicht genug für einen Mann, der sagte, er habe Angst, „überfallen und abgestochen“ zu werden. „Knast für Räuber, keine Bänke“, forderte er, Bezug nehmend auf die neuen Sitzgelegenheiten – und blieb damit nicht alleine. Verteilt im Raum skandierten wenig später mehrere Menschen lauthals diese Forderung, was Horn zu einer entschiedenen Gegenrede veranlasste: „Mit dieser Art von Polemik schaden Sie dem Anliegen“, sagte er. „Der Platz wird durch gemeinsame Kraftanstrengung sicherer. Polemik hilft uns dabei genau zero.“ Rund zehn Menschen verließen daraufhin den Saal.

Auch eine Frau aus dem Publikum riet von Polemik ab. „Ich wohne seit 30 Jahren hier, ich wohne hier gut und gehe auch über den Platz“, sagte sie. Sorge bereite ihr die Nachverdichtung durch die zusätzlichen Wohnungen im Metzgergrün und im neuen Quartier Kleineschholz: „Wo sind dann noch Grünflächen?“

Der Stadtteil gewinne Grün dazu, versprach Horn. „Klein­eschholz wird ein richtig cooles Quartier mit einem großen neuen Stadtteilpark – dafür entsiegeln wir einen Teil der Sundgauallee.“

Es kam noch viel anderes zur Sprache: eine Taubenplage, der Wunsch nach Toiletten für den Beachvolleyballplatz am Ende der Klarastraße, ein anderer Platz für den Glascontainer unter der Stadtbahnbrücke, hinter dem sich die Drogendealer verstecken würden, hellere Lampen für die Wiwili­brücke – vieles davon versprach der OB mitzunehmen und weiterzuleiten.

„Aktiv und positiv“

„Ich erlebe die Stadt als unglaublich aktiv“, sagte schließlich Andrea Lehmann, die Leiterin der Hebelschule. Ihre Geburtsstadt Kassel habe etliche Plätze schon aufgegeben, dort gebe es No-go-Areas. „So ein Format wie das hier, wo Anwohner, Stadt und Polizei bis abends um neun zusammen nach Lösungen suchen, das gibt es dort nicht. Dieses Engagement erlebe ich als unglaublich positiv.“

Mit diesem „Fast-schon-Schlusswort“ sprach sie OB Horn aus der Seele. „Von Schimpfen und Meckern wird unsere Stadt nicht besser“, sagte er abschließend. Sein Motto sei: „Nicht meckern, sondern machen. Ich freue mich, wenn die Menschen sagen: Ja, es gibt Herausforderungen – aber wir gehen sie an und machen diese Stadt gemeinsam Stück für Stück ein bisschen besser.“

Dieser Artikel erschien im Amtsblatt Nr. 884, am 29. März 2025. Wer auf dem Laufenden bleiben will, wird alle zwei Wochen per Newsletter über das neue Amtsblatt informiert. Jetzt anmelden!

Veröffentlicht am 28. März 2025