Freiburg gegen Gewalt

Istanbul-Konvention

Frau hält Hand vor das Gesicht mit Schriftzug "Stop"
(Foto: Serghei-Turcanu/istockphoto.com)

Die Istanbul-Konvention gilt in Deutschland seit Februar 2018. Als Übereinkommen des Europarats verpflichtet sie, Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt umfassend zu bekämpfen. Dazu zählen Prävention, Opferschutz, Strafverfolgung und die rechtliche Gleichstellung der Geschlechter. Die Istanbul-Konvention ist völkerrechtlich bindend.

Zentrale Verpflichtungen der Istanbul-Konvention

Die unterzeichnenden Staaten müssen eine ganzheitliche Gewaltschutzstrategie umsetzen. Im Fokus steht geschlechtsspezifische Gewalt, also Gewalt, die sich gegen Frauen richtet oder sie überproportional trifft. Der Schutz kann auch auf Betroffene jeglichen Geschlechts ausgeweitet werden.

Zweck dieses Übereinkommens ist es, Frauen vor allen Formen von Gewalt zu schützen und Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt zu verhüten, zu verfolgen und zu beseitigen.

Istanbul-Konvention, Art. 1a

Zu den verbindlichen Maßnahmen gehören

  • Prävention: Bewusstsein schaffen, Öffentlichkeit sensibilisieren.
  • Unterstützung und Schutz: Hilfsdienste bereitstellen, Fachkräfte ausbilden, Frauen- und Kinderschutzhäuser anbieten.
  • Strafverfolgung: Normen und Verfahren zur Aufklärung und Verfolgung.
  • Sofortschutz: Kontakt- und Näherungsverbote.
  • Aufenthalts- und Asylrecht: Maßnahmen auf Asylverfahren ausweiten, eigenständige Aufenthaltstitel für Gewaltopfer ermöglichen.

Dabei muss bei dem Umgang mit gewalttätigen Personen sorgsam zwischen dem Schutz der Opfer und den Freiheitsrechten der Täter*innen abgewägt werden.

Umsetzung in Freiburg

Die Koordinationsstelle Istanbul-Konvention verfolgt folgende Maßnahmen in Zusammenarbeit mit den Freiburger Fachstellen:

  1. Projekt STOP - Stadtteile ohne Partnergewalt in Freiburg-Weingarten
  2. Ausbau Jungen*arbeit mit Schwerpunkt Gewaltprävention
  3. Prävention von häuslicher und sexualisierter Gewalt für Kindertageseinrichtungen
  4. Kompetenz- und Fortbildungsstelle zu geschlechtsspezifischer Gewalt
  5. Kampagnenarbeit
  6. Durchführung von Fachtagen und Dialogveranstaltungen
  7. Schulaktionstag gegen Gewalt - für Schutz und Respekt
  8. Anti-Gewalt-Training, proaktiver Ansatz und Ausbau der Arbeit bei Stalking und sexualisierter Gewalt

Gewaltschutz und Schutzkonzepte

Ein wirksames Schutzkonzept darf nicht nur an einzelnen Punkten ansetzen. Es muss die gesamte Organisation oder Sozialräume erfassen – Strukturen, Abläufe, Haltung, Personal, Räume und den Umgang miteinander. Die Umsetzung von Schutzkonzepten ist wichtig, um Gewalt vorzubeugen.  

Projekt STOP - Stadtteile ohne Partnergewalt in Freiburg-Weingarten

„StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt“ basiert auf einem deutschlandweit bekannten Konzept, welches 2010 in Hamburg gestartet ist. Ehrenamtliche engagieren sich im Quartier durch öffentlichkeitswirksame Aktionen gegen Gewalt. Alle Menschen im Stadtteil sollen zu häuslicher Gewalt sowie über Handlungsmöglichkeiten und konkrete Hilfen informiert sein. Dadurch können Betroffene in der Nachbarschaft leichter Unterstützung finden. Auch wird gezeigt, dass gewalttätiges Verhalten im Stadtteil abgelehnt wird. Weitere Infos unter

Start der AG Jungen* und Ausbau der Jungen*arbeit mit Schwerpunkt Gewaltprävention

Zur Weiterentwicklung der sozialpädagogischen Arbeit mit Jungen* und männlichen Jugendlichen* fand im Juli 2026 ein Fachtag statt. Dieser diente der Ermittlung der Bedarfe. Geschlechtsspezifische und gewaltpräventive Aspekte standen dabei im Mittelpunkt. Geplant ist in allen pädagogischen Bereichen vorhandene Angebote zur feministischen Jungen*arbeit auszubauen. Auch entwickeln und erproben einzelne Organisationen neue Ansätze für Empowerment und Gleichberechtigung. Nicht nur junge Menschen, auch Eltern und Fachkräfte sollen beteiligt werden. Das Jugendhilfswerk Freiburg e. V. koordiniert die Aktion, vernetzt sich mit Fachkräften der Kinder- und Jugendarbeit und unterstützt bestehende Freiburger Initiativen. Weitere Infos unter

Prävention von häuslicher und sexualisierter Gewalt für Kindertageseinrichtungen

Pugs+ führt Inhalte der beiden bewährten Programme Pugs (lokales Präventionsprogramm seit 2010) und Resi+ zusammen. Das deutschlandweit verbreitete Präventionsprogramm Resi+ beugt sowohl sexualisierter als auch häuslicher Gewalt durch Resilienzförderung vor. Pugs+ geht dagegen von einer geschlechterreflektierenden Sexualpädagogik aus und schult Fachkräfte ebenfalls zu sexualisierter und häuslicher Gewalt. Ziel ist ein wirksamer Kinderschutz. Das Programm beinhaltet eine große Methodenvielfalt, ein Theaterstück für Kinder und einen Elternabend. 

Wendepunkt e.V. arbeitet mit pro familia e. V. und der Freiburger Fachstelle Intervention gegen häusliche Gewalt (FRIG) an der Erprobung, Umsetzung und Verbreitung. Hierfür hat die Stadt Freiburg anteilige finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt. Wendepunkt e. V. kümmert sich um die Akquise von Spenden, so dass die Teilnahme möglichst vieler Freiburger Kindertageseinrichtungen ermöglicht wird. Weitere Infos unter

Bildungs- und Bewusstseinsarbeit

Durch Bildungsangebote und Öffentlichkeitsarbeit wird die Stadtbevölkerung über geschlechtsspezifische Gewalt aufgeklärt. In Zusammenarbeit mit Expert*innen bündelt das Netzwerk Informationen und bereitet diese in zielgruppengerechter Sprache auf. Somit werden Gewalthandlungen, Dunkelfeld, patriarchale Strukturen und Stereotypen durch Aufklärung reduziert und bestenfalls beseitigt.

Kompetenz- und Fortbildungsstelle zu geschlechtsspezifischer Gewalt

Das bundesweit einzigartige Modellprojekt (kurz: KomFor) etabliert einen kommunalen Qualitätsstandard im Bereich Gewaltschutz und vernetzt Fachkräfte miteinander. Es gibt Einzelveranstaltungen für Fachkräfte und die Zivilgesellschaft. Zudem soll im Herbst 2026 erstmalig die Weiterbildung „Geschlechtsspezifischer Gewaltschutz in Freiburg“ mit vier zweitägigen praxisnahen Modulen stattfinden. Dabei wird die Expertise der Freiburger Fachberatungsstellen gebündelt.  Teilnehmende geben ihr Wissen in ihre jeweiligen Arbeitskontexte weiter, z. B. über  

  • Häusliche Gewalt: Dynamiken, Unterstützung, Täter*innenarbeit
  • Sexualisierte Gewalt: Prävention, rechtliche Maßnahmen, Unterstützung
  • Missbrauch: Erkennung, Intervention, Schutzstrategien
  • Täter*innenarbeit: Opferschutzorientierte Ansätze, Rückfallprävention

Kampagne

Die Kampagne „Nicht okay. Nicht egal. Nicht deine Schuld.“ ist ein wichtiger und verbindender Teil der Präventionsstrategie. Sie zielt darauf ab, geschlechtsspezifische Gewalt sichtbar zu machen und breite gesellschaftliche Gruppen in Freiburg zu erreichen. Sie wird über digitale Kanäle, Printmedien und Partnerkommunikation ausgespielt. Wer mitmachen möchte, kann sich hier für den Newsletter anmelden.

Bei geschlechtsspezifischer Gewalt gibt es ein hohes Dunkelfeld. Statistische Erhebungen sind daher unverzichtbar, um Ausmaß und politischen Handlungsbedarf sichtbar zu machen. Laut Ergebnissen der Studie "Frauen leben" hat in Baden-Württemberg jede achte Frau Gewalt durch einen Partner erlebt, was als Untergrenze zu verstehen ist. Schutz- und Beratungsangebote müssen deshalb auch die erreichen, die in keiner Statistik auftauchen.

Statement des Cornelia Helfferich Instituts für Geschlechter- und Familienforschung zur Nennung von statistischen Zahlen, die für die Kampagne verwendet wurden.

Durchführung von Fachtagen und Dialogveranstaltungen

Einmal jährlich ist zur Sensibilisierung, Weiterbildung und Vernetzung eine Veranstaltung geplant.

Im September 2025 fand die erste große interdisziplinäre Fachtagung „Gewaltbetroffene Frauen*-Hilfen, Unterstützung & Handlungssicherheit für Gesundheitswesen, Polizei und Rechtsexpert*innen“ in Zusammenarbeit mit Frauenhorizonte e.V. und der Fachstelle Intervention gegen häusliche Gewalt (FRIG) statt. Über 400 Multiplikator*innen konnten erreicht werden. Dabei ging es zum Beispiel um Traumaarbeit, therapeutische Ansätze bei sexualisierter Gewalt, rechtspsychologische Begutachtung, Spurensicherung, Ursachen und Folgen sowie Unterstützungsmöglichkeiten bei häuslicher Gewalt. Die Präsentationen und weitere Infos zum Schwerpunkt „Sexualisierte Gewalt“ auf www.frauenhorizonte.de und zum Schwerpunkt „Häusliche Gewalt“ unter www.frig-freiburg.de.

Um gemeinsam Erreichtes zu würdigen, werden Fachkräfte der kooperierenden Organisationen zur Dialogveranstaltung „Netzwerktag Istanbul-Konvention“ am 2. Oktober 2026 ins Rathaus eingeladen. Dabei können Maßnahmen weiterentwickelt, und neue Schwerpunkte zur Fortschreibung des Aktionsplanes vorgeschlagen werden.

Schulaktionstag gegen Gewalt

Beim „Schulaktionstag gegen Gewalt - für Schutz und Respekt“ am 21. Juli 2026 im Europaparkstadion setzten sich zahlreiche Schüler*innen der Klassenstufen 8 bis 11 mit Grenzverletzungen, Gewaltprävention, Gleichstellung und Respekt in Bezug auf ihre Lebenswelten auseinander. Auch pädagogische Fachkräfte und Schulleitungen wurden sensibilisiert und zu einer geschlechterreflektierten Perspektive angeregt. Der Bildungsträger in.be.we. organisierte den Tag in Zusammenarbeit mit dem SC Freiburg und vielen Freiburger Fachstellen. Erfahrungen von Schüler*innen, Referent*innen und Lehrkräften fließen in die Planung des nächsten Aktionstages ein.

Täter*innenarbeit ist Opferschutz

Einstellungen, Verhaltensweisen, Machtvorstellungen und patriarchale Muster werden bei der Arbeit mit gewaltausübenden Personen hinterfragt und gegebenenfalls verändert. Damit wird ein Teil der strukturellen Ursachen von Gewalt abgeschwächt. Mit dieser Zielrichtung werden bestehende Angebote für Erwachsene in Freiburg ausgebaut und auch neue entwickelt.

Strafen ändern meist nichts am Verhalten von Menschen, die Gewalt ausüben. Doch eine persönliche Auseinandersetzung mit eigenen Kommunikations- und Beziehungsmustern in der Gruppe oder im Einzelsetting kann zu nachhaltigen Veränderungen führen. Insbesondere, wenn die Folgen für alle Beteiligten reflektiert und eigene Opfererfahrungen bearbeitet werden. Weitere Themen: Männer- und Frauenbilder, die elterliche Verantwortung und das Einüben gewaltfreier Konfliktlösungswege.

Anti-Gewalt-Training, proaktiver Ansatz und Ausbau der Arbeit bei Stalking und sexualisierter Gewalt

Ergänzend zum Anti-Gewalt-Training bei häuslicher und öffentlicher Gewalt des Bezirksvereins für soziale Rechtspflege mit den Modulen „Gewalt“,  „Opferperspektive“ , „(Männliche) Identität und Partnerschaft“ sowie  „Rückfallverhinderung“ - startete 2026 das Projekt „Spurwechsel“. Dieses neue Beratungs- und Trainingsangebot für erwachsene Täter*innen aus dem Bereich Stalking oder bei niederschwelliger sexualisierter Gewalt, soll dazu beitragen, die Gewaltspirale zu durchbrechen. Die Fachkräfte von Spurwechsel arbeiten im Team und kooperieren eng mit Opferschutzeinrichtungen, Polizei und Justiz.

Darüber hinaus verfolgt der Bezirksverein den proaktiven Ansatz, der durch eine Gesetzesänderung des Polizeigesetzes nun auch seit dem 1. Juli 2026  in Baden Württemberg umgesetzt wird. Ziel ist eine standardisierte zeitnahe Fallvermittlung zwischen Polizei und Täterarbeitseinrichtungen. Das Dunkelfeld wird aufgehellt und spezialisierte Fachkräfte aus der Täter*innenarbeit können zeitnah eine Erstberatung anbieten.

Plakate zeigen Alltagssituationen

Die aktuelle Kampagne zeigt sowohl im öffentlichen Raum als auch auf Social Media Alltagssituationen, die viele Menschen kennen: eine Frau an ihrem Arbeitsplatz, neben ihr steht – viel zu nahe – ein Kollege. Sechs weitere Motive und zwei typographische Plakate, die die Botschaft unterstreichen, sind aktuell in der Stadt zu sehen. Sie thematisieren sexualisierte Gewalt im Netz, im Nachtleben, Gewalterfahrungen von Frauen und Mädchen in Städten, Gewaltbetroffenheit queerer Menschen, Partnerschaftsgewalt und deren Auswirkung auf Kinder. Auf den Plakatmotiven sind weder Taten noch Gesichter abgebildet, denn geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen, queere Menschen und Kinder bleibt oft im Verborgenen. Sie verursacht viel Leid und Scham bei Betroffenen. Die Kampagne soll Mut machen Hilfe zu suchen und fordert uns alle auf, hinzuschauen und sich für Betroffene einzusetzen.

Plakat mit Aufschrift: 64 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben sexualisierte Gewalt im Netz erfahren.

64 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben sexualisierte Gewalt im Netz erfahren.

Plakat mit Aufschrift: 40 Prozent der Frauen wurden bereits am Arbeitsplatz sexuell belästigt

40 Prozent der Frauen wurden bereits am Arbeitsplatz sexuell belästigt.

Plakat mit Aufschrift: 66 Prozent aller trans* Personen haben in den letzten fünf Jahren Gewalterfahrungen gemacht

66 Prozent aller trans* Personen haben in den letzten fünf Jahren Gewalterfahrungen gemacht.

Grünes Plakat mit Aufschrift: Nicht okay. Nicht egal. Nicht deine Schuld.

Nicht okay.
Nicht egal.
Nicht deine Schuld.

Plakat mit Aufschrift: 55 Prozent aller Frauen haben sexualisierte Gewalt im Nachtleben erfahren.

55 Prozent aller Frauen haben sexualisierte Gewalt im Nachtleben erfahren.

Plakat mit Aufschrift: 50 Prozent der queeren Menschen erleben Gewalt im öffentlichen Raum

50 Prozent der queeren Menschen erleben Gewalt im öffentlichen Raum.

Plakat mit Aufschrift: 20 Prozent der Frauen* haben in ihrer Stadt schon Gewalt erfahren, wurden verfolgt oder bedroht.

20 Prozent der Frauen* haben in ihrer Stadt schon Gewalt erfahren, wurden verfolgt oder bedroht.

Plakat mit Aufschrift: Mehr als 95 Prozent aller Fälle von Gewalt in (Ex-) Partnerschaften werden nicht angezeigt.

Mehr als 95 Prozent aller Fälle von Gewalt in (Ex-) Partnerschaften werden nicht angezeigt.

Grünes Plakat mit Aufschrift: 100 Prozent von uns haben Täter in ihrem Umfeld...es sind auch deine Freunde, deine Bekannten, deine Kollegen ...

100 Prozent von uns haben Täter in ihrem Umfeld... es sind auch deine Freunde, deine Bekannten, deine Kollegen...

Sabine Burkhardt

Sabine Burkhardt

Koordinatorin Istanbul-Konvention

Wir müssen Schutzkonzepte umsetzen, Bewusstseinsarbeit voranbringen, aber auch in die Täter*innenarbeit investieren. Gewaltausübende Menschen waren häufig selbst einmal Opfer. Es ist hilfreich für alle, wenn sie sich mit den Folgen ihres Handelns auseinandersetzen und gesunde Alternativen einüben.

Einen wertvollen Beitrag zur Umsetzung des Aktionsplanes leistet die Mekriba Stiftung. Sie richtet sich an Menschen, die professionell in der Verhinderung und Prävention sexualisierter Gewalt tätig sind. Sie fördert Projekte, die Betroffene unterstützen und auf unterschiedliche Weise dazu beitragen, unsere Gesellschaft gewaltfrei, gerecht und sicher zu gestalten.

Schriftzug: mekriba, für ein respektvolles Miteinander

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