Gesamtkonzept bezahlbar Wohnen

„Schon viel erreicht, aber noch nicht am Ziel“

Grafiti an Hauswand: "Leerstand ist Scheiße!"
Allen, die eine (bezahlbare) Wohnung suchen, ist Leerstand ein Dorn im Auge.

Untätigkeit ist wahrscheinlich das Letzte, was man der Ratshausspitze nachsagen kann, wenn es um die Schaffung bezahlbaren Wohnraums geht. „Man sieht, wie vielfältig das Portfolio ist“, sagte Oberbürgermeister Martin Horn bei der Vorstellung der Halbzeitbilanz des Ende 2020 beschlossenen „Gesamtkonzepts bezahlbar Wohnen 2030“. Auf dem Weg habe man schon viel erreicht, sei aber noch nicht am Ziel. 

Es ist ein umfassender Überblick, den die Verwaltung auf über 80 Seiten dem Gemeinderat vorlegte. Darin enthalten ist alles, was Stadtverwaltung und Gemeinderat, zumeist in engem Schulterschluss, seit 2020 und zum Teil schon viel früher unternommen haben, um mehr und vor allem bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Dazu zählen natürlich die großen Neubauprojekte, allen voran Dietenbach mit fast 7000 geplanten Wohnungen, aber auch Kleineschholz und Lehen, wo zusammen fast 1100 Wohnungen entstehen. Dass bei städtischen Projekten immer mindestens die Hälfte als geförderter Wohnraum gebaut wird, ist der Initiative des Gemeinderats zu verdanken. Dass Kleineschholz sogar zu 100 Prozent gemeinwohlorientiert entstehen wird, entspringt einer Idee des 2018 neu gewählten Oberbürgermeisters Horn, die er schon in seiner Antrittsrede formulierte. 

FSB immer dabei

Neben den großen hat die Stadt in den vergangenen fünf Jahren viele kleinere Projekte vorangetrieben. Manche sind noch in der Planung, andere schon im Bau, viele sogar schon fertiggestellt. Fast immer ist dabei die städtische Tochtergesellschaft Freiburger Stadtbau (FSB) mit im Boot, beispielsweise in Haslach im Quartier Uffhauser Straße und am Schildackerweg, im Mooswald am Elefantenweg und in der Elsässer Straße oder am Lindenwäldle in Landwasser. Immer häufiger nimmt die FSB dabei besondere Zielgruppen ins Visier. So ist in der Wirthstraße in Landwasser das erste Azubiwohnheim fast fertig, das 89 Wohnungen mit 145 Wohnheimplätzen für Auszubildende bietet.

Viele Stellschrauben

Dass die große Bautätigkeit auch zum gewünschten Anstieg bezahlbaren Wohnraums führt, belegt eine Zahl: Gegen den bundesweiten Trend ist die Anzahl geförderter Wohnungen seit 2018 um 18 Prozent gestiegen. „Wir haben den Turnaround geschafft“, kommentierte Baubürgermeister Martin Haag. Um Bezahlbarkeit zu ermöglichen oder zu erhalten, hat die Verwaltung noch an vielen weiteren Stellschrauben gedreht, allen voran mit dem Konzept „FSB 2030“. Das sieht vor, dass bis 2030 rund 2500 neue Wohnungen entstehen, mit einem Investitionsvolumen von einer dreiviertel Milliarde Euro. Ebenfalls zu nennen sind in diesem Zusammenhang der Erlass von Milieuschutzsatzungen, die Luxussanierungen verhindern, die aktive Liegenschaftspolitik mit dem Verzicht auf den Verkauf städtischer Flächen und Aktivitäten gegen Mietwucher, Leerstand oder zur Förderung von Wohnungstausch.

Nicht bei allen lässt sich die Wirkung unmittelbar messen, ist aber trotzdem nicht zu unterschätzen, wie Martin Haag mit einem kleinen Rechenbeispiel belegte: So hat die Wohnungstauschbörse, die von fast 3000 Personen genutzt wird und rund 360 aktive Angebote umfasst, zwar nur zu sechs Wohnungstauschen pro Jahr geführt, wie die Verwaltung auf Nachfrage aus dem Gemeinderat mitteilte. Wenn man aber bei jedem dieser sechs Tausche das Freiwerden von nur 33 Quadratmetern unterstelle, so käme man zusammen schon auf 200. „Wenn wir die bauen müssten, würde das eine Million Euro kosten“, so Haag.

Lob und Kritik im Rat

In der über einstündigen Aussprache im Gemeinderat wurde einmal mehr beleuchtet, wie dringend, aber auch komplex das Thema ist. „Die Maßnahmen sind gut und wichtig“, lobte Grünen- Fraktionschef Simon Sumbert einerseits. Andererseits fehle ihm die „kritisch-konstruktive Evaluation“. Seine Fraktion jedenfalls werde Kurs halten, um das Thema zu priorisieren. SPD/JF-Sprecher Walter Krögner befand: „Wir sind auf dem richtigen Weg, aber es reicht nicht aus.“ Es brauche mehr Unterstützung von Bund und Land. Mit klaren Worten stellte er die Bedeutung des Gemeinderats heraus: „Wo wären wir ohne den 50-Prozent-Beschluss, wo wären wir, wenn wir die Stadtbau verkauft hätten?“

Lina Wiemer-Cialowicz von Eine Stadt für alle verwies darauf, dass die Wohnungsfrage „nicht nur eine soziale, sondern eine wirtschaftliche“ sei. Wenn Fachkräfte keine Wohnung fänden, schade das auch der Wirtschaft. Gemeinsam mit einer großen Mehrheit im Gemeinderat beantragte sie, einige „Stellschrauben fester zu drehen“, um noch mehr zu erreichen. So sollen eine Onlineplattform zur Meldung von Zweckentfremdung, Leerstand und Mietwucher geprüft, die Wohnungstauschbörse erweitert und das Potenzial von Dachausbauten besser genutzt werden. Außerdem soll die Verwaltung rechtlich prüfen, inwieweit der Mietspiegel auch auf Wohngemeinschaften anzuwenden ist. „Das könnte ein Gamechanger sein, zumindest für die Menschen, die dort wohnen“, hofft ihr Fraktionskollege Gregor Mohlberg.

Manche Anregung werde sich durch den von der Bundesregierung geplanten Bauturbo erledigen, schätzte CDU-Sprecher Bernhard Rotzinger. Er lobte die Halbzeitbilanz als „sehr gutes Kompendium“. Sie zeige, was „kommunal vernünftigerweise machbar ist“, aber es fehle an der Unterstützung durch Bund und Land. Als „Handlungsund Entscheidungsgrundlage“ sei die Bilanz wegen fehlender Kennzahlen aber nur bedingt geeignet.

„Fels in der Brandung“

Sehr ähnlich war der Tenor des Redebeitrags von Johannes Gröger (Freie Wähler). „Statt Eigenlob“ hätte er sich eine „faktenbezogene Bestandsaufnahme“ gewünscht. „Es geht nicht darum, alles schlechtzureden. Aber wir müssen doch wissen, auf welcher Grundlage wir diskutieren.“ Sehr viel Optimismus schwang hingegen im Redebeitrag von Uwe Stasch (FDP/ BfF) mit. „Wir haben einen klaren Plan und die Kraft zur Umsetzung.“ Dabei sei die FSB der „Fels in der Brandung“. Und: „Wenn es jemand kann, dann wir.“ Ganz anders sah das Karl Schwarz von der AfD. Wohnen sei zum Luxusgut geworden, weil „die grüne Energiewende“ die Mietkosten in die Höhe treibe. Einen weiteren Aspekt brachte Einzelstadtrat Wolf-Dieter Winkler von Freiburg Lebenswert ein. „Wir müssen aufhören, unsere landwirtschaftlichen Nutzflächen zuzubauen.“ Ohnehin werde es Freiburg „nie schaffen, ausreichend Wohnraum zu bauen“.

„Was ist die Alternative?“

Sicherlich auch darauf bezog sich in seinem abschließenden Fazit Baubürgermeister Martin Haag: „Was ist die Alternative?“ Den rechten Populisten das Thema zu überlassen jedenfalls nicht, sagte Oberbürgermeister Martin Horn – und dankte dem Gemeinderat „für die konstruktive Begleitung“. Eine Abstimmung gab es nicht: Die Halbzeitbilanz war lediglich eine Informationsvorlage.

Dieser Artikel erschien im Amtsblatt Nr. 897 vom 25. Oktober 2025. Wer auf dem Laufenden bleiben will, wird alle zwei Wochen per Newsletter über das neue Amtsblatt informiert. Jetzt anmelden!

Veröffentlicht am 24. Oktober 2025