Interview
"Das Gartenzaun-Denken überwinden"

Am 28. März wird Ulrich von Kirchbach 70, drei Tage später endet seine Amtszeit nach genau 24 Jahren. Als Bürgermeister war er für Kultur, Soziales und Integration zuständig. Was seit dem 1. April 2002 passiert ist, welche Ereignisse ihn geprägt haben und was er sich für den Ruhestand wünscht, hat er im Gespräch mit der Amtsblatt-Redaktion erzählt.
Amtsblatt: Sie waren bei der Wahl 2002 45 Jahre alt. Hätten Sie sich es träumen lassen, dass Sie mit 70 Jahren immer noch im Amt sind?
Ulrich von Kirchbach: Zu Beginn macht man sich noch keine Gedanken über das Ende. Man geht Schritt für Schritt: zunächst mal die ersten acht Jahre, und nachdem die ganz gut verlaufen sind, habe ich dann die zweite Amtszeit in Angriff genommen, die ja auch noch parallel zur OB-Wahl stattfand. (Anm. der Redaktion: Bei der Oberbürgermeisterwahl 2010 kandidierte Ulrich von Kirchbach für die SPD, verlor aber gegen den damaligen Amtsinhaber Dieter Salomon.) Das war keine ganz einfache Situation. Beim dritten Mal, 2018, habe ich dann wirklich lange überlegt: Habe ich noch genügend Ideen, genügend Energie? In einer Klausur mit mir selbst bin ich zu dem Ergebnis gekommen: Ja, und die SPD hat auch gesagt, sie fände es super, wenn ich noch mal antrete. So kam es dann zu einer dritten Amtszeit.
Sind Sie froh über diese Entscheidung?
Im Nachhinein schon, denn ich konnte doch noch vieles in die Wege leiten und am Schluss auch noch einiges ernten, was ich vorher gesät habe. Zum Beispiel das Augustinermuseum oder auch andere Eröffnungen wie NS-Dokuzentrum und Morat-Hallen. Insofern hat diese Amtszeit meine Arbeit abgerundet. Ich glaube, die Bilanz kann sich sehen lassen.
Was waren in diesen 24 Jahren die Highlights, welche besonderen Momente gab es?
Eine wichtige Herausforderung war die Situation mit den Geflüchteten im Jahr 2015 – das lief bei mir im Dezernat zusammen. Ich glaube, wir haben das alle zusammen im Team gut gemanagt und mit dem Amt für Migration und Integration eine gute Struktur geschaffen und diese im letzten Jahr auch noch stark verbessert. Auch das Stadtjubiläum will ich nennen, auch wenn es wegen Corona anders wurde als gedacht. Aber wir haben aus der Situation das Beste gemacht, auch da konnte sich der Output sehen lassen.
Ein weiteres Highlight war natürlich die Gesamteröffnung des Augustinermuseums, obwohl es deutlich länger gedauert hat als gedacht. Und auch politisch haben wir doch einiges auf den Weg gebracht, wie das Kulturkonzept und die Museumsentwicklungsplanung. Dazu gehören auch die Zielvereinbarung mit dem Theater, die jeweils für fünf Jahre Planungssicherheit gebracht hat, und die Bühnensanierung, die nicht ganz reibungslos verlief, weil eine Firma insolvent wurde.
Das waren Stresssituationen, aber meine große Gabe ist, dass ich dann immer sehr ruhig werde. Deshalb sind wir auch in Krisensituationen immer zu guten Ergebnissen gekommen, die zielführend für die Stadt insgesamt waren. Die Verbesserung der Infrastruktur für Wohnungslose und der Ausbau der Quartiersarbeit sind hier auch zu nennen.
Was hat Sie in Ihrer Dienstzeit am meisten bewegt?
Mich hat immer mitgenommen, wenn in meinem Büro Menschen saßen, die gerade wegen einer Kündigung oder Trennung ihre Wohnung verloren haben. Da konnte ich natürlich nicht immer eine Lösung anbieten, und das hat mich ehrlich gesagt oft belastet. Weil ich gesehen habe, wie schnell es gehen kann, dass Menschen, die ein paar Monate zuvor noch in einer gesicherten Situation waren, plötzlich vor der Obdachlosigkeit standen.
Hat das Amt Sie verändert?
Ich würde sagen im Kern nicht, weil ich nie meine Person in den Vordergrund gestellt habe oder von einer übergroßen Eitelkeit getrieben war. Es ging mir immer um die Sache, darum, dass wir als Stadt vorankommen. Ich habe immer gewusst: Ich habe ein Amt auf Zeit und meine Machtposition nie in irgendeiner Form ausgenutzt. Ich glaube, das können meine Mitarbeiter*innen bestätigen. Bei mir wurde zwar viel und hart gearbeitet, aber trotzdem war die Stimmung gut – auch, weil ich ein fehlerfreundlicher Chef war und gesagt habe, wer viel arbeitet, macht auch Fehler.
Würde Ihre Frau auch sagen, dass Sie sich nicht groß verändert haben?
Ich glaube schon. Natürlich gab es Situationen, wo ich etwas getriebener oder gestresster war und das nicht unbedingt abschütteln konnte. Aber ich sage mal vom Kern, von der Persönlichkeit her, hat sich nichts geändert. Ich glaube, es macht auch einen Unterschied, ob man mit 45 in so ein Amt kommt oder mit 25.

Es hätte ja auch anders kommen können, und wir würden hier über eine andere Amtszeit sprechen, denn 2010 wollten Sie OB werden. Was wäre denn mit Ihnen anders gelaufen als mit Dieter Salomon?
Ich habe damals gesagt, ich schätze Dieter Salomon als Mensch – und trotzdem muss es in einer Demokratie möglich sein, gegeneinander anzutreten, wenn man unterschiedliche Ansichten hat. Natürlich war das eine herausfordernde und schwierige Situation. Der Knackpunkt für mich war damals die Wohnungspolitik, der Plan, die Stadtbauwohnungen zu verkaufen. Das konnte ich als Sozialbürgermeister und auch persönlich nicht nachvollziehen. Aus meiner Sicht war es das vollkommen falsche Mittel, um kurzfristig die finanzielle Frage zu lösen. Insofern hätte ich den Schwerpunkt auf die Wohnungspolitik gelegt und den Hebel, mehr zu bauen und richtig zu bauen, schon früher umgelegt. Das geht natürlich immer nur mit dem Gemeinderat.
Sie hätten quasi die Politik von Martin Horn ein Stück weit vorweggenommen?
Ja – aber ich habe erst im Nachhinein einschätzen können, dass es damals keine Abwahlstimmung gab. Trotzdem fand ich es wichtig zu kandidieren, denn ich wollte sicherstellen, dass – wenn Dieter Salomon nicht gewählt wird – auch jemand drankommt, der das kann. Wir haben uns dann ausgesprochen und wieder ein professionelles Verhältnis miteinander gefunden, später auch wieder persönlich ein sehr gutes.
Gab es einen Moment, wo Sie das Amt am liebsten hingeschmissen und etwas anderes gemacht hätten?
Nein, den gab es eigentlich nie. Denn ich bin von der Persönlichkeit ein Typ, der jeden Tag eine Tagesbilanz und auch immer eine Wochen- und eine Monatsbilanz zieht. Dabei schaue ich immer, dass ich mich auf die positiven Dinge fokussiere. Es gibt ja Menschen, die sich von ein, zwei negativen Ereignissen am Tag runterziehen lassen und die das Positive nicht sehen. Ich mache es umgekehrt. Ich sehe immer: Was lief positiv? Man hat ja auch eine Verantwortung für die Stadt. Da wäre es nicht gut, aus einer persönlichen Verärgerung heraus, weil irgendwas schief lief oder sich die Dinge nicht so schnell durchsetzen lassen wie erhofft, die Flinte ins Korn zu werfen.
Hatten Sie einen Lebenstraum, noch etwas ganz anderes zu machen?
Nein. Ich war seit meinem 16. Lebensjahr politisch aktiv, und die Kommunalpolitik war eigentlich immer mein Traum. Denn hier sind die Auswirkungen unmittelbar zu sehen, und du kannst auch unmittelbar zur Rechenschaft gezogen werden, also auch von den Bürgerinnen und Bürgern. Insofern war und ist das mein Traumberuf.
Sie verantworten zwei sehr unterschiedliche Bereiche: Sind Soziales und Kultur Konkurrenten, gerade in schwierigen Haushaltszeiten, oder Verbündete im Kampf um den gesellschaftlichen Zusammenhalt?
Für mich ist das die ideale Zusammensetzung. Zwar sind es die beiden Bereiche, die am meisten Geld kosten, aber die beiden Bereiche dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Natürlich muss man beides aber mit großer Kenntnis und mit viel Empathie managen und gestalten. Ich glaube, alle haben gespürt, dass ich überall präsent war – sowohl im sozialen als auch im kulturellen Bereich. Ich habe beides immer zusammengedacht und fand es deshalb auch gut, dass sie zu einem Dezernat gehörten.
Eigentlich fände ich es gut, wenn die Dezernenten und Dezernentinnen mal einen Monat miteinander tauschen würden, um mehr Verständnis füreinander zu haben. Mal zu sehen, in welchen Zwängen sie stehen und wie groß ihr Verantwortungsbereich ist. Ich glaube, es wäre besser, wenn wir dieses Gartenzaun-Denken, dieses Denken in Zuständigkeiten überwinden. Denn es gibt kaum ein größeres Projekt, das nicht auch andere Dezernate berührt.
Gibt es etwas, das Sie Ihrem Nachfolger Roland Meder mitgeben möchten als Rat?
Ich werde ihm sicher nicht auf den Geist gehen, indem ich im Rathaus umherschwirre und ihm gute Ratschläge erteile. Ratschläge sind auch Schläge, insofern werde ich mich zurückhalten. Das Einzige, was ich ihm geraten habe, ist, seinen eigenen Weg zu gehen. Das habe ich damals auch machen müssen, als ich die Nachfolge von Hans-Jörg Seeh angetreten habe. Jeder hat seine eigenen Stärken und Schwächen, und ich glaube, da darf man sich von Fußstapfen eines Vorgängers nicht beirren lassen, man sollte niemanden nachahmen.
Welche Eigenschaften braucht es für dieses Amt?
Wenn man authentisch ist, und das ist Roland Meder, und die Menschen ernst nimmt, dann wird man auch selbst ernst genommen und respektvoll behandelt. Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn man sich dem politischen Nahkampf stellt und argumentiert, dann kann man auch gut auseinandergehen – auch wenn es manchmal Zeit kostet und manche Diskussionen nicht einfach sind.
Man muss raus aus der Komfortzone.
Ulrich von Kirchbach, Erster Bürgermeister
Aber ich glaube, es bleibt uns und den Parteien insgesamt nichts anderes übrig, als den steinigen Weg zu gehen: auch in die Stadtteile zu gehen, in denen die Probleme deutlicher auf dem Tisch liegen und es manchmal etwas härter zur Sache geht. Nur so kann man Populisten und Extremisten die Plattform nehmen. Man muss raus aus der Komfortzone. Joschka Fischer hat mal gesagt: Wer Hitze nicht ertragen kann, sollte nicht Koch werden.
Sie sind sehr offen mit Ihrer schweren Krebserkrankung umgegangen. Dürfen wir Sie zum Abschluss fragen: Wie geht es Ihnen? Und auf was freuen Sie sich im Ruhestand am meisten?
Ich habe meine Erkrankung nie tabuisiert. Ich war 41 Jahre nicht krank und bekam plötzlich von heute auf morgen eine Krebsdiagnose. Aber davor ist niemand gefeit – ich glaube, man muss es einfach annehmen und versuchen, Schritt für Schritt zu gehen. Klar, es war eine harte Zeit für mich, auch mit vielen Chemos. Aber bis auf die zwei Wochen, in denen ich operiert wurde und im Krankenhaus war, und bis auf die Chemotage habe ich immer weitergearbeitet. Ich habe alle drei Monate ein CT, und klar ist: Eine Garantie gibt es nicht. Aber die Prognose ist ganz gut.
Meine Friseurin verlangt auch schon wieder das volle Geld; eine Zeit lang hat sie nur die Hälfte verlangt; sie hat gesagt, da sei ja gar nichts mehr zu schneiden. Beim letzten Mal hat sie dann gesagt, jetzt müsste sie wieder alles verlangen. Darüber bin ich froh, lieber bezahle ich. Insofern kann ich sagen: Es geht mir gut, und ich freue mich jetzt auf Tagesabläufe, die nicht von morgens bis spätabends vom Terminkalender durchgetaktet sind. Ich freue mich darauf, mehr Freiraum zu haben. Meine Frau macht ab Juli ein Sabbatjahr, dann können wir Zeit miteinander verbringen und die ein oder andere Reise unternehmen.
Zur Person
Ulrich von Kirchbach wurde am 28. März 1956 in Deggingen im Landkreis Göppingen geboren und machte 1975 in Esslingen Abitur. Er studierte Rechtswissenschaften in Tübingen und übernahm nach dem Referendariat die stellvertretende Leitung der Außenstelle Freiburg der Wasser- und Schiffahrtsdirektion Südwest. 1988 wechselte er als Leiter des Referats Wasser- und Schiffahrtsrecht zum Regierungspräsidium Freiburg. 1992 wurde von Kirchbach Dezernent beim Landratsamt Rastatt, zunächst für Umwelt und Straßenverkehr, später für Soziales. Von 1999 bis 2002 gehörte er dem Freiburger Gemeinderat an. Dieser wählte ihn 2002 zum Bürgermeister für Soziales, Jugend, Bürgerdienste und Feuerwehr. 2010 und 2018 wurde er in seinem Amt bestätigt. Ulrich von Kirchbach ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern.
Dieser Artikel erschien im Amtsblatt Nr. 907 vom 28. März 2026. Wer auf dem Laufenden bleiben will, wird alle zwei Wochen per Newsletter über das neue Amtsblatt informiert. Jetzt anmelden!