Erste Sonderausstellung im Dokumentationszentrum Nationalsozialismus

Ende der Zeitzeugenschaft?

Eine junge Frau sitzt in einem grünen Sessel und liest eine Broschüre. Im Hintergrund ein Ausschnitt aus einem Video.
Gehen unter die Haut - auch ohne persönliche Begegnung: die Interviewausschnitte in der Ausstellung zur Zeitzeugenschaft.

Bald wird es keine lebenden Zeitzeug*innen der NS-Verbrechen mehr geben. Überlebende des Holocaust werden ihre Erlebnisse und Erfahrungen dann nicht mehr persönlich mitteilen können. Die Sonderausstellung "Ende der Zeitzeugenschaft?" im Dokumentationszentrum Nationalsozialismus hinterfragt, was Zeitzeugenschaft ist und welche Bedeutung sie seit 1945 hat.

Die erste Sonderausstellung des Dokumentationszentrums Nationalsozialismus (DZNS) seit seiner Eröffnung im vergangenen Jahr ist eine Übernahme des Projekts des Jüdischen Museums Hohenems und der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Sie nimmt unterschiedliche Aspekte von Zeitzeug*innenschaft in den Blick: Wie entstehen aus Erinnerungen Erzählungen und was beeinflusst sie? Was hat sich im Umgang mit ihnen seit 1945 verändert? Wer oder was erinnert uns in 50 Jahren an den Holocaust und die NS-Verbrechen? Wie kommen wir ohne direkte persönliche Begegnungen mit Zeitzeug*innen aus? Und wie gehen Museen oder Gedenkstätten damit um?

Das Ende der Zeitzeugenschaft werde auf Tagungen immer wieder thematisiert, sagte der Leiter des KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und Co-Kurator der Ausstellung, Jörg-Ulrich Skriebeleit. „Das wollten wir gegen den Strich bürsten und eine Ausstellung machen, die nicht die Zeitzeugen, sondern die Zeitzeugenschaft in den Mittelpunkt rückt. Zwar verschwinden die Zeitzeugen, aber über die Jahrzehnte sind heterogenste Materialien entstanden."

So zeigt die 2019/20 kuratierte Wanderausstellung eine Vielzahl an Quellen, Interviews und Erinnerungsstücken. In Freiburg – dem achten Ort, an dem sie zu sehen ist – wurde sie mit Ausschnitten aus zehn Interviews mit überlebenden Freiburger*innen ergänzt: darunter die Schriftstellerin Lotte Paepcke, der als US-Agent bekannt gewordene Fred Mayer, der in der Colombistraße 11 wohnhafte Max Eisenmann und der spätere Pfarrer Helmut Schwarz.

„Es sind Beispiele dafür, wie unterschiedlich Menschen ihre Erinnerungen erzählen“, sagt Caroline Klemm, wissenschaftliche Mitarbeiterin des DZNS, die den Freiburger Teil der Ausstellung zusammengestellt und kuratiert hat. „Manche sind sehr emotional, manche erzählen mit Humor, andere ganz professionell.“

"Heimat ist es nicht"

So ist etwa der 1910 in Freiburg geborenen Jüdin Lotte Paepcke, die nach dem Krieg in Deutschland blieb, die Trauer deutlich anzumerken, als sie im Interview nach ihrer Heimat gefragt wird. „Ich bin nicht ungern in Deutschland, aber Heimat ist es nicht mehr.“ Ob sie Sehnsucht nach Heimat habe? „Ja, die habe ich. Aber ich bin überzeugt, dass ich es nicht kriege.“ Sie habe ein schweres Leben gehabt, erzählt Paepcke – „eigentlich zu schwer für meine Kraft“ –, aber es sei nicht ohne Glück gewesen. „Das Leben ist Glück gewesen. Denken ist Glück gewesen. Die Natur macht mich glücklich, die Berge geben mir immer wieder Kraft.“

Auch eine Leihgabe des Maximilian-Kolbe-Werks Freiburg geht in die Ausstellung ein: die Häftlingsjacke, die der polnische Überlebende Jozef Krzepina (*1920) auf einem „Todesmarsch“ aus dem KZ Sachsenhausen tragen musste. Krzepina besuchte Freiburg auf Einladung des Kolbe-Werks viele Jahre im Zuge von Zeitzeugengesprächen und Überlebenden-Treffen und schenkte die Jacke 1993 dem Kolbe-Werk zum 20. Jahrestag seines Bestehens.

Eine neue Audiotour in der Museen-Freiburg-App setzt das Thema der Sonderausstellung mit Objekten und Zeugnissen der Dauerausstellung in Beziehung. Dabei geht es um die Frage, wer oder was den Holocaust bezeugen kann, auch nach dem „Ende der Zeitzeugenschaft“. Zudem bietet das DZNS ein breites Vermittlungsangebot für Gruppen und Schulklassen an, zum Beispiel mit Workshops.

Hinzu kommen viele Veranstaltungen. So zeigt das Kommunale Kino im Rahmen der Reihe „Hinschauen“ Filme, mit der Möglichkeit zum anschließenden Austausch. Bei einem Erzählcafé auf dem Grethergelände geht es um Erfahrungen von Überlebenden und ihren Familien nach 1945.

Im DZNS selbst findet ein Gespräch mit dem Nachkommen Joachim S. Nelson über die als jüdisch verfolgte Freiburger Familie Nelson statt. Zum Abschluss der Sonderausstellung, die bis 13. September zu sehen ist, diskutiert das DZNS auf einem Podium unter dem Motto „Wie gestalten wir das Erinnern ohne direkte Zeitzeug*innen? Alternative Formen des Erinnerns an den Holocaust“.

Mehr Infos zum Dokumentationszentrum Nationalsozialismus, seinem Programm für Gruppen und Schulklassen sowie zu Veranstaltungen unter www.museen.freiburg.de

Dieser Artikel erschien im Amtsblatt Nr. 903 vom 31. Januar 2026. Wer auf dem Laufenden bleiben will, wird alle zwei Wochen per Newsletter über das neue Amtsblatt informiert. Jetzt anmelden!

Veröffentlicht am 03. Februar 2026