„Das Gefühl, erwünscht zu sein“

Das Kulturamt hat drei Kultureinrichtungen auf ihrem Weg zu mehr Inklusion begleitet

Drei Personen sitzen im Kreis und unterhalten sich
Ihr seid klasse! Kulturamtsmitarbeiterin Clementine Herzog (r.) bedankt sich bei den Fachmoderatorinnen Judith Blumberg und Valerie Gebhard (v. l.) für ihre unterstützende Arbeit.

Barrieren abbauen und Menschen mit Behinderung den Zugang leichter machen – darum ging es bei einem Projekt des städtischen Kulturamts, das kürzlich zu Ende gegangen ist. Mit dabei waren die „Critical Friends“, die zuvor schon das Theater Freiburg beraten haben. So konnten sich jetzt drei weitere Freiburger Kulturinstitutionen auf den Weg hin zu einem offeneren Haus machen.

Ob auf ihrer Website, im Ticketverkauf oder im sanitären Bereich – seit Beginn des Projekts Anfang dieses Jahres ist im E-Werk, im Literaturhaus Freiburg und im Theater im Marienbad so einiges in Bewegung gekommen. So gibt es auf der Website des Literaturhauses jetzt etwa erweiterte Infos zur Zugänglichkeit: neben räumlichen Gegebenheiten auch zum Rahmen der Veranstaltungen. „Gerne reservieren wir Ihnen vorab einen Platz“, heißt es da – eigentlich eine Kleinigkeit, die aber ein wichtiges Signal setzt: „Sie sind uns willkommen.“ Und die längst nicht bei allen (Kultur-)Einrichtungen selbstverständlich ist.

Critical Friends

Was für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen wichtig ist, darüber wissen die „Critical Friends“ bestens Bescheid. Die 12-köpfige Gruppe von Privatpersonen und Menschen aus Interessensgruppen von und für Menschen mit Behinderung sowie von Fachleuten in Sachen Barriereabbau hat, nach ihrem Einsatz am Theater Freiburg, den Prozess in den drei Kultureinrichtungen von Anfang an begleitet. „Wir dachten uns: Mit dieser Gruppe und ihrem Erfahrungsschatz müssen wir arbeiten“, sagt Clementine Herzog vom Kulturamt, die das Projekt gemeinsam mit Kathrin Feldhaus initiiert und geleitet hat.

Für die Umsetzung beantragten die beiden eine Förderung durch das Projekt „Impulse Inklusion“, mit dem das baden-württembergische Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration das gleichberechtigte Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderungen voranbringen will. Sie bekamen den Zuschlag und damit Fördermittel in Höhe von rund 10.000 Euro.

Los ging’s mit grundsätzlichen Überlegungen für die beteiligten Kultureinrichtungen bei einem halbtägigen Workshop am 14. März, im Anschluss folgten eine Kick-off-Veranstaltung mit allen Beteiligten sowie die einzelnen Beratungstermine im E-Werk, dem Theater im Marienbad und dem Literaturhaus. Neben übergeordneten Zielen wie besserer Orientierung im Haus, einer barriereärmeren Website oder einem Ticketing-System, das Karten für Menschen mit Behinderung samt Begleitung anbietet, sowie Feedback zu Programmangeboten ging es bei den Besuchen vor Ort oft um ganz praktische Aspekte.

Mit Vorlauf statt spontan

„Wenn ich sehe, wie eine Person im Rollstuhl versucht, eine schwere Tür zu öffnen, ist das viel unmittelbarer, als wenn ich es nur geschildert bekomme“, fasst Clementine Herzog ihre Erfahrungen zusammen. Sie selbst entscheide sich oft spontan, ins Theater zu gehen. „Aber wenn ich im Rollstuhl sitze, brauche ich erheblichen zeitlichen Vorlauf: etwa um meine Assistenz anfragen und mitnehmen zu können, oder um das Taxi zu buchen.“

Ein großes Thema seien auch Informationen zu sensorischen Reizen der Stücke gewesen, erzählt Kathrin Feldhaus. „Das betrifft etwa den Einsatz eines Stroboskops, Lautstärke, Licht oder auch Inhalte, von denen man vielleicht getriggert wird. Dafür wollten die Critical Friends die Einrichtungen sensibilisieren.“ Um sich im Vorfeld gut informieren zu können, sind Hinweise und Trailer hilfreich, ein Video in Gebärdensprache oder auch einfach das Angebot, Kontakt aufzunehmen. „Ihr wollt eines unserer Theaterstücke besuchen, seid Euch aber unsicher, welches das richtige ist? Wir beraten Euch gerne“, schreibt das Theater im Marienbad, das seine Website umgestellt hat.

„Quick Wins“

Auch die Beschilderung im Haus oder die Position von Rollstuhlplätzen seien solche „Quick Wins“, sagt Feldhaus. „Ich hätte gar nicht erwartet, wie schnell sich manches umsetzen lässt.“ „Der Prozess ist gut in Gang gekommen“, findet auch Herzog. Berührend war für sie, dass an jedem der drei Treffen vor Ort auch die anderen Einrichtungen dabei waren, um voneinander lernen zu können. „Wir betrachten uns als lernende Gemeinschaft“, sagt Feldhaus.

Das Projekt ging Mitte November mit einer großen Abschlussveranstaltung zu Ende, der Prozess selbst ist aber längst nicht abgeschlossen. „Danke für eure Perspektiven, euren kritischen Blick und den gemeinsamen Prozess“, wandte sich das Team des E-Werks auf Facebook an die Critical Friends. „Wir nehmen unglaublich viel mit und machen uns jetzt weiter auf den Weg: für ein Haus, das noch barrierefreier wird.“ Auf diesen Weg haben sich alle drei Institutionen gemacht und geben damit einen wichtigen Impuls an alle Menschen mit Behinderung oder eingeschränkter Mobilität. Als Herzog zum Schluss nach einem Moment fragte, der besonders in Erinnerung geblieben ist, bekam sie als Antwort: „Das Gefühl, gesehen und gehört zu werden und erwünscht zu sein.“

Dieser Artikel erschien im Amtsblatt Nr. 900 vom 6. Dezember 2025. Wer auf dem Laufenden bleiben will, wird alle zwei Wochen per Newsletter über das neue Amtsblatt informiert. Jetzt anmelden!

Veröffentlicht am 09. Dezember 2025