Ein Einhorn für alle
Theater zeigt Weihnachtskinderstück auch mit Gebärdensprache

Auch in dieser Spielzeit gibt es das Weihnachtskinderstück wieder mit einer ganz besonderen Übersetzung. Was steckt hinter der Aufführung für Menschen, die sich mit der Deutschen Gebärdensprache verständigen? Das Amtsblatt hat nachgefragt.
Barrieren abbauen und auf die Bedarfe möglichst vieler Menschen eingehen, das ist dem Theater ein wichtiges Anliegen. „Inklusion ist ein Prozess“, erklärt Isabella Kammerer, die beim Theater unter anderem für Zugänglichkeit zuständig ist. Mittlerweile gibt es eine ganze Bandbreite an zugänglichen Formaten, dazu gehören Vorstellungen in Leichter Sprache, „Entspannte“ Stücke, bei denen das Publikum nicht still sitzen bleiben muss – und eben auch Aufführungen mit Übersetzung in die Deutsche Gebärdensprache.
„Im ersten Schritt sind oft keine großen Gesten notwendig, um inklusiver zu werden“, ergänzt Michael Kaiser, Leiter des Jungen Theaters. Häufig genüge eine kurze Ankündigung zu Beginn der Vorstellung, dass es ein bisschen anders zugehe als sonst – zum Beispiel, wenn simultan in die Deutsche Gebärdensprache übersetzt wird.
Wie sich die Gruppe derer bezeichnet, die sich mit dieser Sprache verständigen, ist unterschiedlich: Manche wählen den Begriff „gehörlos“, weil sie „taub“ als abwertend empfinden, andere eignen sich letzteren Begriff wieder an, weil er ohne Suffix „-los“ auskommt und daher keinen Mangel anzeigt. In diesem Artikel wird der Begriff „Taub“ verwendet, der als Selbstbezeichnung immer großgeschrieben wird.
Besonders geeignet für die Übersetzung ist das Weihnachtskinderstück. Die Idee: Weil die Zielgruppe Familien sind, können diese Vorstellungen sowohl Taube Großeltern, Eltern oder Kinder besuchen. Langfristig will man jedoch in allen Sparten inklusive Formate anbieten. "Beim Familienkonzert Let’s Pling Again kurz vor Weihnachten ist der Gebärdenchor der Singenden Hände dabei, und auch im Schauspiel planen wir, eine Inszenierung mit Gebärdensprache anzubieten", sagt Kaiser.
Aufwendige Übersetzung
Die Vorstellungen in Gebärdensprache gehören seit einigen Jahren zum Repertoire des Theaters. Begonnen hat alles damit, dass Klassen des Bildungs- und Beratungszentrums für Hörgeschädigte in Stegen eigene Dolmetscher*innen zum jährlichen Theaterbesuch mitbrachten. „Irgendwann habe ich mich gefragt: Warum machen wir das nicht selbst?“, erinnert sich der Leiter des Jungen Theaters. So könnten mehr Menschen von der Arbeit der Dolmetschenden profitieren.
Denn diese ist sehr komplex: Zum einen muss der Text eins zu eins in die Deutsche Gebärdensprache übertragen werden. Dazu braucht es viel Kreativität, zum Beispiel, wenn es um Wortwitze oder -neuschöpfungen geht. Zum anderen gehört auch ein bisschen eigenes Schauspiel dazu: Körperhaltung und Mimik zeigen dem Publikum, wer spricht und in welcher Stimmung die Figur ist. „Das alles zu beachten, ist eine große Herausforderung für Übersetzer*innen“, sagt Kammerer. Entsprechend wenige spezialisieren sich auf die Arbeit mit dem Schauspiel. Mindestens zwei Dolmetschende sind nötig, um die Dialoge auf der Bühne gut abbilden zu können.

Doch der Aufwand lohnt sich. Kinder können der Gebärdensprache leichter folgen als Übertiteln. Außerdem passt eine Sprache, die mit dem gesamten Körper gesprochen wird, gut zum Theater: Die Dolmetschenden können spontanes Spiel oder Reaktionen aus dem Publikum direkt aufgreifen.
Bei den Vorstellungen sind für Taube Menschen Plätze mit guter Sicht auf die Übersetzer*innen reserviert. Diese stehen mittig vor der ersten Reihe, hell ausgeleuchtet. Auch auf das restliche Publikum haben sie deshalb eine Wirkung. Das beobachtete Kammerer nach einer Vorführung von „Die Schöne und das Biest“ mit Gebärdensprachedolmetschenden in der Spielzeit 2023/24: Nach der Vorstellung hätten einige Kinder die Geste für das Wort „Rose“ nachgemacht, erzählt sie. Die Simultanübersetzung rege also auch bei vielen, die die Gebärdensprache nicht nutzen, zum Nachdenken über Inklusion an.
Positives Feedback
Und wie finden Taube Menschen das Angebot? Die Reaktionen seien sehr positiv, erzählt die Zugänglichkeits-Expertin, denn: „Die Leute wissen, dass wir gerne auf sie eingehen.“ Das sei nicht überall der Fall: Noch immer würden Taube Menschen viel zu oft nicht ernst genommen. Deshalb müsse man zuerst daran arbeiten, Vertrauen aufzubauen, ergänzt Kaiser:
Ein Knackpunkt ist, die Menschen, um die es geht, auch wirklich mit in die Planung einzubeziehen.
Michael Kaiser, Leiter Junges Theater
Mit diesem Anspruch nahm das Theater während der Spielzeit 2023/24 seine Zugänglichkeitsstrukturen unter die Lupe, unterstützt vom Landes-Förderprogramm „Weiterkommen!“. „Etwa 20 Personen mit unterschiedlichen Behinderungen haben regelmäßig Vorstellungen besucht und uns auf Probleme hingewiesen, egal ob baulich oder programmatisch“, erzählt der Leiter des Jungen Theaters. Seitdem wurde an verschiedenen Stellen nachgebessert. Auch, dass es mit Isabella Kammerer eine Ansprechpartnerin für Zugänglichkeitsthemen gibt, ist ein Ergebnis des Prozesses.
Um Inklusion dauerhaft zu verankern, braucht es einen langen Atem“, sagt Kaiser. „Im Kunstbetrieb arbeiten alle am Limit, für zusätzliche Projekte fehlt im Arbeitsalltag oft die Zeit.“ Unterstützung von außen sei daher wichtig, wie zuletzt durch das Landes-Förderprogramm „Kurswechsel Kultur“, das den Austausch mit anderen Kultureinrichtungen ermöglicht. Dieser sei entscheidend, meint er: „Je genauer man hinsieht, desto mehr Fragen tauchen auf.“ Inklusion lasse sich aber nicht von heute auf morgen umsetzen, sondern Schritt für Schritt. „Und am Ende des Tages profitieren wir alle davon.“
Karten für eine Aufführung von „Das letzte Einhorn“ mit Übersetzung in die Deutsche Gebärdesprache gibt es noch für Sonntag, 14. Dezember, um 17 Uhr, und für Sonntag, 18. Januar, um 15 Uhr: www.theater.freiburg.de/de_DE/tickets
Dieser Artikel erschien im Amtsblatt Nr. 899 vom 22. November 2025. Wer auf dem Laufenden bleiben will, wird alle zwei Wochen per Newsletter über das neue Amtsblatt informiert. Jetzt anmelden!