Mitspielen, mittanzen, dabei sein

Programm des Stadttheaters für die Spielzeit 25/26 vorgestellt

Ein Gruppenfoto des Leitungsteams des Stadttheaters.
Das Leitungsteam des Stadttheaters möchte Kunst für alle machen. (Foto: Britt Schilling)

Drei kleine Buchstaben können einiges ändern: Der designierte Intendant des Stadttheaters Felix Rothenhäusler und sein Team machen aus den althergebrachten Sparten Sp(iel)arten und  stellen damit den Spielplan für die nächste Saison auf den Kopf.

Selfies und Signalfarben

Schon das Programmheft für die Spielzeit 25/26 zeigt, dass einiges anders sein wird: In Hochglanz und pink-orange kommt es daher, innen chronologisch sortiert statt nach Sparten, in der  Mitte herausnehmbare Poster, die an die Bravo erinnern sollen, außen 28 verschiedene Cover. Nicht nur auf der Titelseite, auch innen gibt es großformatige Selfies von Mitarbeitenden des  Theaters, mal in beruflichem, mal in privatem Umfeld. "Zämme" – oder hochdeutsch zusammen – wollen sie das Theater für die Stadtgesellschaft öffnen: "Denn", so Rothäusler, "dieses Haus  lebt nicht von Mauern, sondern von Menschen."

Krach und Wonne

Neben "Zämme" ist ein weiteres Arbeitsmotto für Rothäuser und seinen Vize Franz-Erdmann Meyer-Herder "My house is your house and your house is my house". Die Menschen in Freiburg  sollen partizipieren können. Beim Symphonic Mob musizieren Musikliebende beispielsweise zusammen mit dem Philharmonischen Orchester, Tanzliebende können mit Choreograf Andy  Zondaq im Swarm Lab Schwarmverhalten erkunden oder sich in einem der vier Tanzclubs ausprobieren.

Im Theater selbst gibt es neue Formate wie "Krach & Wonne", eine After-Show-Party nach Tanz-Gastspielen oder auch "Open Mondays". An jedem ersten Montag im Monat warten ab dem  späten Nachmittag im Theaterfoyer Drinks, eine Programmüberraschung und ein Mitglied der Theaterleitung auf Kulturliebende. In Diskursformaten wie "Zu Tisch", "How Queer!" oder "Unser  Plan zur Rettung der Welt" lädt das Theater das Publikum zum Austausch ein.

Bei Anruf Chor!

Doch das Theater bleibt nicht im Haus, sondern kommt auch zu den Menschen. Bei "Phil.On.Tour" besucht das Orchester die Stadtteile, und mit "Bei Anruf Chor!" können gemeinnützige Einrichtungen den Kinder und Jugendchor einladen.

Eine Kostprobe seiner Gesangskunst gab es bereits bei der Pressekonferenz. Sie blieb nicht der einzige lebendige Vorgeschmack auf die kommende Spielzeit. Schauspieler Matthieu  Svetchine brachte als Wasserwesen eine Passage aus dem Musical "Wasserwelt" mit ins Winterer-Foyer. Und auch Chefdramaturg Meyer-Herder präsentiert sich der Presse als Figur aus  "La Cage aux Folles" und verkörpert damit Thema Nummer eins der vier Kernthemen der Spielzeit gleich selbst: Queerness als Einladung. Queerness meint dabei auch ein Anderssein außerhalb von Geschlechterkategorien, so wie es etwa das Schaf im Figurentheater "Der Wolfspelz" erlebt.

Übergeordnete Themen

Insgesamt vier Themen lassen sich alle Aufführungen zuordnen, unter anderem Natur als Ereignis. Hier wird das Verhältnis von Mensch und Natur infrage gestellt. Es warten unter anderem,  so Rothäusler, "theatrale Expeditionen ins Nicht-Menschliche" wie beim Weihnachtskinderstück "Das letzte Einhorn" oder "irrsinnige Verfolgungsjagden" wie bei Moby Dick. "Ein Tanz über den  Zorn der Welt" ist das Stück "Combat des lianes" des Kameruner Choreografen Zora Snake.

Das dritte Thema, kommunikative Grundlagen unseres menschlichen Miteinanders, wird unter anderem – wie kann es anders sein – im partizipativen Tanzstück "Sprechen" transportiert. Das  Mixed-Abled-Ensemble möchte dabei auch mehr Menschen mit Behinderung auf die Bühne bringen. Aber auch Klassiker wie "Der zerbrochne Krug", "Werther" oder "Hamlet" werden aus  dieser kommunikativen Perspektive neu beleuchtet, rücken näher ans Publikum und gewähren manchen "Blick in den Abgrund", wie Meyer- Herder ankündigt.

Auch Thema Nummer vier, Erinnerungspolitik, wird in allen Spielarten aufgegriffen und erweckt – mit dem Tanztheater "Josephine Baker" – nicht nur Freiheitskämpferinnen wieder zum Leben,  sondern stellt auch manch neue Kooperation auf die Beine. Das Rechercheprojekt "Fassade" entsteht zusammen mit dem neuen Dokumentationszentrum Nationalsozialismus und soll  Verborgenes in die Öffentlichkeit bringen.

Freiburg statt Schredder

Die Frage, wer darf sich wo zu Hause fühlen, stellt sich die designierte Hausregisseurin Lena Reißner in "Heidi". Die Koproduktion mit dem Theater Neumarkt Zürich steht beispielhaft für  zahlreiche Koproduktionen, Übernahmen und Gastspiele. Sie sollen die Nachhaltigkeit in der Theaterbranche fördern und verhindern, dass die Produktionen "woanders geschreddert werden",  wie Rothäusler es erklärt.

Reißner wird aber auch eigene Stücke entwickeln und schreiben. Am Tag eins gibt es dabei kaum mehr als das Thema und eine Grundausstattung. Der Text entsteht während der Proben  gemeinsam mit dem Ensemble. Den Auftakt macht die Produktion "Verdammt verwandt". Hier katapultiert Reißner eine der ältesten Familiengeschichten überhaupt, den Fluch der Tantaliden  aus der griechischen Mythologie, in die heile Welt der 90er-Jahre-Familien-Sitcoms.

Das Team um Rothenhäusler, Meyer-Herder und die leitende Schauspieldramaturgin Katrina Mäntele will das Haus zu einem modernen Volkstheater machen, in dem es keinen Unterschied  zwischen dem Populären und dem Erhabenen gibt. Rothenhäuslers Worte klingen fast wie ein Versprechen, wenn er sagt: "Wir sind nicht nur Theater, wir sind Gasthaus, Forschungslabor und Ort der Feier."

Infos zu Programm und Eintrittspreisen unter www.theater.freiburg.de

Dieser Artikel erschien im Amtsblatt Nr. 888, am 24. Mai 2025. Wer auf dem Laufenden bleiben will, wird alle zwei Wochen per Newsletter über das neue Amtsblatt informiert. Jetzt anmelden!

Veröffentlicht am 26. Mai 2025