Das Herz macht dokidoki
Tanzen, musizieren und gebärden: Das ist „Sprechen“

Ob schnell, ob langsam, ob spanisch, japanisch oder deutsch: Sprechen ist in vielen verschiedenen Varianten möglich. Das zeigt das gleichnamige Improvisations-Tanzstück von Birgit Freitag zusammen mit dem Jungen Theater auf. Eine weitere Dimension bringt die Gebärdensprache ein.
Über den Bühneneingang holen die Darsteller*innen und Mitarbeitenden des städtischen Theaters die Zuschauer*innen ab. Eine Familie gebärdet auf dem Weg zum Bühnenraum miteinander, die Tochter bekommt einen Luftballon in die Hand gedrückt. Das ist eine Unterstützung, um Vibrationen besser zu erspüren, um zum Beispiel Musik nicht hörenden Menschen erlebbarer zu machen.
Die Kulisse für das Stück sieht auf den ersten Blick wie gewürfelt aus: Schlagzeug, E-Gitarre und Mikrofon in einer Ecke; in der anderen stehen mobile Ständer, an denen durchsichtige, bunte Plastikfolien aufgespannt sind. In der Mitte an der Wand ist ein quadratischer Tisch aufgebaut, auf dem ein Tablet, ein Mischpult und ein Kabelsalat ihren Platz haben. Ein Camcorder filmt, was am Tisch passiert, ein Projektor wirft das Bild an die weiße Wand.
Die große Liebe?
Mit der Zeit merkt man aber, dass beim Bühnenbild alles durchdacht ist. Zuerst eröffnet ein Schlagzeugsolo das Geschehen, darauf folgt eine Tanzeinlage. Im Anschluss stellen sich die Darsteller*innen aus dem „Labor für Sprechexperimente“ vor. Sie sind Expert*innen fürs Schnellsprechen, fürs Lernen von fremden Sprachen, für Gebärden, Kommunikation, Worte und fürs Zuhören. Und in den kommenden 65 Minuten präsentieren sie ihre Forschungsergebnisse.
Neus Ledesma Vidal bringt ihre Kenntnis der katalanischen Sprache mit ein, Kei Muramoto vergleicht japanische und deutsche Lautmalereien. Er fragt das Publikum, wie ein Herz pocht, wenn jemand aufgeregt ist, die große Liebe antrifft. Das Publikum antwortet mit „bumm bumm“, auf japanisch heißt das: dokidoki. Das Stück besteht aus vielen solcher Impro-Elemente; die Darsteller*innen teilen ihre Erfahrungen und finden Neues aus den Zuschauerrängen heraus.
Mehr als nur Lautsprache
Bernadette Neukirch streckt die Finger ihrer Hand, spreizt sie und führt dann den Zeigefinger senkrecht ans Kinn: So geht die Gebärde für das Wort „Sprechen“. Die Expertin für Deutsche Gebärdensprache (DGS) erklärt, dass Sprechen nicht nur mit Lauten geschieht, sondern auch mit Gesten. Bei der Vorstellung an diesem Tag sind auch Gebärdendolmetscher*innen dabei, die für das teilweise gehörlose Publikum alles Gesprochene übersetzen. Und sie stehen nicht nur am Rand, sondern neben dem Ensemble, laufen mit ihm mit, sind Teil des Stücks.
Bei einem Interview im Vorfeld erklärte Neukirch, dass die Dolmetscher*innen auch zu Darsteller*innen werden. „Gebärdenspache ist eine Bühnensprache“, sagte sie. Mehrere Sprachen sind bei „Sprechen“ Teil der Vorstellung, auch DGS. Alle Gebärden werden in Lautsprache übersetzt. Nur an einer Stelle verbindet Neukirch Tanz und Gebärden miteinander in einer poetischen Interpretation der DGS, es wird nichts dazu gesprochen. Die Hörenden im Publikum werden zu Nicht-Hörenden und umgekehrt.
Rotze auf Stimmbändern
Zum Ende des Stücks formieren sich die Darsteller*innen plötzlich zu einer Band, es geht in dieser punkigen Performance um Stimmbänder und Rotze. Der Projektor wirft den Text wie beim Karaoke an die Wand. Anschließend treten sie nacheinander an ein Mikrofon und geben Geräusche von sich, manchmal Worte, manchmal Laute, wie ein übertriebenes Lachen oder ein tiefes Brummen. Diese Geräusche werden aufgenommen, verzerrt und noch mal abgespielt, gleichzeitig kommt immer wieder Neues dazu. Es wirkt so, als ob man in einer vollen Messehalle alle Gespräche gleichzeitig hören würde. Danach: Stille. Es ist vorbei mit „Sprechen“.
Weitere Termine
Doch in dieser Spielzeit gibt es noch weitere Termine: Am 13., 14., 17. und 20. Mai wird wieder gesprochen. Die letzte Aufführung ist am Donnerstag, 21. Mai. Dort sind auch wieder die Gebärdendolmetscher*innen dabei. Bernadette Neukirch würde gerne mehr solche Vorführungen sehen. Außerdem wünsche sie sich für die Zukunft „für Gehörlose bei allen Stücken Ober- oder Untertitel“. Ein Theater, in dem Hörende und Nicht-Hörende gleichermaßen unterhalten werden können, ist eine Bereicherung für die Szene. Das zeigt „Sprechen“ spielerisch gut auf.
Karten unter: www.theater.freiburg.de
Dieser Artikel erschien im Amtsblatt Nr. 910 vom 9. Mai 2026. Wer auf dem Laufenden bleiben will, wird alle zwei Wochen per Newsletter über das neue Amtsblatt informiert. Jetzt anmelden!