OB Horn beim Neujahrsempfang

"Auf das schauen, was uns verbindet"

OB Horn umarmt den weinenden EBM von Kirchbach.
Stehenden Applaus erhielt Erster Bürgermeister Ulrich von Kirchbach, der Ende März aus dem Amt scheidet. "Es fällt uns schwer, Dich gehen zu lassen", sagte OB Horn.

In seiner Neujahrsrede sprach Oberbürgermeister Martin Horn zunächst über die Themen, die in Freiburg im vergangenen Jahr weit oben auf der Agenda standen – und weiterhin stehen. Im zweiten Teil richtete er den Blick vor allem auf die Themen Demokratie und Mitmenschlichkeit – mit bewegenden Beispielen aus der Geschichte. Konkret sprach er über...

... Zuversicht

Freiburg ist eine besondere Stadt. Hier wird angepackt – füreinander und miteinander! Deshalb habe ich mir das auch als Motto genommen fürs neue Jahr: Zusammenhalt und Zuversicht!

... den Haushalt

Angesichts der teils desolaten Finanzlage in vielen Städten steht Freiburg vergleichsweise gut da. Keine Haushaltssperre, keine geschlossenen öffentlichen Einrichtungen wie Bäder. Im Gegenteil, wir investieren kräftig und verantwortungsvoll weiter.

... Schulen und Bildung

Am 5. November konnten wir die neue Staudingerschule einweihen. Das größte Schulbauprojekt in der Freiburger Geschichte – eine Investition von rund 110 Millionen Euro. Zwei Wochen später die Anne-Frank-Schule – ebenfalls ein Großprojekt über mehrere Jahre mit einem Volumen von 31 Millionen. Dran sind wir auch an der Digitalisierung der Schulen: mehr als 1000 Klassenzimmer in Freiburg sind bereits digitalisiert und 20.000 Endgeräte sind im Einsatz.

... Mobilität

Freiburg liegt bundesweit als Fahrradstadt auf Platz 1. Der Anteil des Radverkehrs bei uns ist nochmals um zehn Prozentpunkte gestiegen auf jetzt 33 Prozent. Ein richtiges Erfolgsmodell sind übrigens unsere Frelos – allein 2025 sind sie insgesamt stolze 1,2 Millionen Kilometer gefahren – das ist dreimal von hier bis zum Mond! Die Zahl der E-Busse ist um 22 auf jetzt 45 gestiegen – damit fahren jetzt ziemlich genau zwei Drittel aller Busse elektrisch. Und bei der ASF sind mittlerweile tatsächlich alle Müllwagen mit Wasserstoff unterwegs – die größte Wasserstoff-Flotte in ganz Deutschland.

... Klimaschutz

Vor genau einem Jahr haben wir den Startschuss für den Klimapakt gegeben. Damals haben rund 30 Unternehmen und Institutionen mitgemacht. Jetzt sind es bereits 112. Im Bereich Klimaschutz passiert aber noch viel mehr. Die Badenova ist dran am Thema Erdwärme. Und wir bauen die Windkraft immer weiter aus.

... den Sport

Eine tolle Nachricht, die noch vor wenigen Jahren wohl kaum einer geglaubt hätte: Nach über 20 Jahren hat unser Westbad jetzt wieder ein Außenbecken! Und noch eine Nachricht, an die noch vor Kurzem keiner geglaubt hätte: Wir haben endlich eine gute Lösung für die Eishalle gefunden. Die Machbarkeitsstudie hat gezeigt: Die Generalsanierung der Echte-Helden-Arena ist möglich.

... die Feuerwehr

Am 1. Oktober abends haben wir einen der größten Brände in Freiburgs Geschichte erlebt, mit einer lichterloh brennenden Lagerhalle im Gewerbegebiet Hochdorf. Rund 250 Feuerwehrleute haben es gemeinsam geschafft, eine Ausbreitung und damit Schlimmeres zu verhindern. Ein ganz großer Dank an die ganze Blaulichtfamilie!

... Kultur

Unser Augustinermuseum wird in 44 Tagen eröffnet – am 27. Februar ist es endlich soweit! Und ebenfalls im Februar eröffnen die Morat-Hallen als neue städtische Galerie. Und unsere Musikschule hat ein neues und wirklich gut passendes Zuhause gefunden.

... die Ukraine

Schauen wir zu unseren Freunden in der Ukraine – seit fast vier Jahren lässt Putin das Land brutal angreifen. Umso beeindruckender ist der Zusammenhalt der Menschen dort. Und umso schöner ist es, dass wir dank großzügiger Spenden der Freiburgerinnen und Freiburger ein Trauma-Zentrum in unserer ukrainischen Partnerstadt Lviv aufbauen können.

... Margot Friedländer

Im letzten Jahr ist eine unglaublich große und starke Persönlichkeit von uns gegangen: Margot Friedländer. Sie hat das Konzentrationslager Theresienstadt und den Holocaust überlebt. In einem Interview warnte sie eindrücklich vor dem wiedererstarkenden Hass in Deutschland. Sie sagte: „Der Hass ist jetzt wieder laut geworden, der damals aufgestachelt wurde. Es sind Menschen, die Menschen nicht anerkennen als Menschen. Und dabei sind wir doch alle gleich. Es gibt kein christliches, muslimisches oder jüdisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut. Und das ist, was ich euch sage: Respektiert Menschen.“ Wir dürfen nie vergessen, wohin Hass führen kann. Das sind wir Margot Friedländer, Millionen weiteren Opfern der Nazis, aber auch unseren Kindern und Enkelkindern schuldig.

... Gertrud Luckner

Im letzten Jahr konnten wir einen sehr besonderen Ort eröffnen: Unser Dokumentationszentrum Nationalsozialismus erinnert an alle Verfolgten und Opfer der Nazis in Freiburg. Eine dieser Verfolgten war Gertrud Luckner, eine der größten Persönlichkeiten in der Geschichte Freiburgs. Während die Nazis immer stärker wurden, half sie bedrohten Jüdinnen und Juden. Sie warnte gefährdete Menschen, organisierte Verstecke, Geld, Ausweise und Fluchtmöglichkeiten. Und rettete so vielen Menschen das Leben. 1943 wurde sie verhaftet und ins KZ deportiert. Nach der Befreiung kehrte sie nach Freiburg zurück. Sie wurde Ehrenbürgerin unserer Stadt und als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet. Margot Friedländer und Gertrud Luckner lehren uns Menschlichkeit – gerade auch in unmenschlichen Zeiten. Da ist es eine umso schönere Nachricht, dass bereits über 40.000 Menschen unser Dokumentationszentrum Nationalsozialismus besucht haben.

... die Demokratie

Wenn wir uns die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ansehen, war es vielleicht noch nie so wichtig wie heute, dass wir unsere Demokratie stärken und verteidigen. Demokratie lässt sich mit Mitteln der Demokratie abschaffen – das war in der Weimarer Republik möglich, und das ist auch heute erschreckenderweise wieder aktuell. Was also tun? Wie stellen wir uns dem entgegen? Eine große Verantwortung hat zweifellos die Politik. Politikerinnen und Politiker müssen sich um die Themen kümmern, die den Menschen wichtig sind. Untätigkeit und Realitätsferne gefährden die Demokratie. Wenn die Politik aber anpackt und Lösungen findet, dann stärkt das das Vertrauen in die Demokratie. Aber es geht heute um noch etwas anderes:

Menschenmenge beim Neujahrsempfang

... Mitmenschlichkeit

Um unsere Demokratie zu schützen, ist es doch vor allem auch ganz entscheidend, dass wir menschlich sind und menschlich bleiben. Aber viel zu viele lassen sich von rechtsextremistischen und demokratiefeindlichen Kräften aufhetzen. Und verstehen nicht, dass diese Kräfte keine Lösungen haben, sondern nur Feindbilder. Sie rufen: „Alle abschieben.“ Sie rufen: „Remigration.“ Und merken weder, dass das unmenschlich ist, noch, dass das auch neue Probleme schaffen würde. Wie sollen wir denn bitte 7000 syrische Ärztinnen und Ärzte in Deutschland ersetzen, wo es doch sowieso schon einen großen Mangel an Medizinerinnen und Medizinern gibt? Und wie sollen wir denn ohne ausländische Fachkräfte den steigenden Bedarf an Pflegekräften für ältere Menschen decken? Ich wünsche mir, dass wir über Migration viel positiver und wertschätzender sprechen. Viele sehen aber nur noch das Fremde in anderen Menschen. Und merken nicht, wie viele Gemeinsamkeiten wir eigentlich haben. Margot Friedländer hatte uns auch dazu etwas zu sagen – ich zitiere sie noch einmal: „Schaut nicht auf das, was euch trennt. Schaut auf das, was euch verbindet.“

... das Miteinander

Im vergangenen Jahr bin ich in unserer Stadt zahlreichen Menschen begegnet, die sich um andere kümmern: um ältere oder kranke Menschen, um Kinder und Jugendliche, die es schwerer haben als andere, um Wohnungslose und um so viele Menschen mehr. Sie alle machen Freiburg menschlich. Das ist ungemein bedeutend – gerade in Zeiten, in denen wir immer wieder Angriffe auf unsere Demokratie und Gesellschaft erleben. Aber auch in solchen Zeiten sollten wir nie vergessen: Wir, die die Demokratie schätzen, sind mehr als die, die sie zerstören wollen. Die Hetzer und Spalter mögen vielleicht manchmal lauter sein, aber wenn wir zusammenhalten, sind wir viel stärker.

... die Wahlen

Umso mehr wünsche ich mir, gerade mit Blick auf die kommenden Monate, dass das Gemeinsame auch in Zeiten von Wahlkämpfen nicht aus dem Blick gerät. Wir müssen fair miteinander umgehen, um unsere Demokratie zu schützen. Ja, auch mal hart in der Sache. Aber stets so, dass man sich am Ende immer noch in die Augen schauen kann. Ich wünsche uns allen faire Wahlkämpfe. Und eine hohe Wahlbeteiligung. Vor allem aber wünsche ich mir, dass wir in Freiburg weiterhin füreinander da sind. Dass wir nicht auf das schauen, was uns trennt, sondern auf das, was uns verbindet!

Dieser Artikel erschien im Amtsblatt Nr. 902 vom 17. Januar 2026.

Veröffentlicht am 16. Januar 2026