Medien für die sprachliche Bildung und Literacy

Bücher und Bilder, Spiele und Töne motivieren Sprache, Gefühle und Gedanken.​

Sylvia Näger bespricht für Sie Bücher, Spiele und audio-visuelle Medien, die Sie in Ihrer sprachlichen Bildungsarbeit, Sprachförderung und Literacyerziehung unterstützen.

Die monatlich erscheinenden Rezensionen bieten Ihnen eine fundierte Besprechung der ausgewählten Titel und zeigen den Bezug zur sprachlichen und literarischen Bildung auf.

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Angsthase und Muthase

Ängstliche Menschen werden oft Angsthasen genannt. Kein Wunder, dass es den Hasen irgendwann reicht. Auf einer internationalen Versammlung beschließen sie, es nicht länger hinzunehmen, dass Kinder in aller Welt als Angsthasen bezeichnet werden. Und dazu wollen sie es der ganzen Welt zeigen, dass Hasen alles andere als Feiglinge sind. Unerschrockenheit, Mut, Schnelligkeit Geist und Geschick sind die wahren Fähigkeiten, die Hasen so außergewöhnlich machen und Ihnen die „HASENSUPERPOWER“ verleihen. Wie die löffelharten Rennläufer mit allerhöchsten Sprüngen durch die Gegend toben, mit zitternden Barthaaren alles riechen, sehen und wittern können oder durch den Wald tanzen, das liest sich wunderbar in den unverkennbaren Bildern von Helga Bansch. Da bringt ein flitzender Hasenschatten den Fuchs zur Verzweiflung oder den Jäger samt Flinte zum Stolpern und selbst der Jagdhund wird dreimal im Kreis um einen Baum getrieben, bevor er einmal gebellt hat.  Die klugen Eulen im Wald, die Zeugen dieser hasenschnellen Taten sind, zeigen sich sichtlich angetan von diesem Heldenmut und Draufgängertum.

Somit wird deutlich erkennbar, dass Hasen nicht aus Angst sondern aus Mut und Klugheit so flink sind. Deshalb, beschließt die internationale Hasenversammlung, sind alle Kinder, die so einfallsreich und wendig wie Hasen sind, ab sofort ehrenvoll als „Muthasen“ zu bezeichnen. Damit das auch sichtbar rüberkommt illustriert Helga Bansch eine liebenswürdige Porträtgalerie mit Kindern, die diesen Ehrentitel tragen. Allesamt mit einem zweiohrigen Hasenhut auf dem Kopf und einem Schild um den Hals auf dem geschrieben steht: „Muthase Rita“, „Muthase Peter“, „Muthase Kim“…

Ein wundervolles Plädoyer, das ermuntert, Angst zu thematisieren, und dafür eine kreative Bearbeitungsstrategie anbietet.

Buchcover Kind mit Hasenohren
Heinz Janisch/Helga Bansch: Angsthase

Anregungen für die Praxis

  • Hintergrundwissen
    Jedes Kind hat individuelle Ängste, die sich aus sich aus seiner Persönlichkeitsstruktur, seinen aktuell zu bewältigenden Entwicklungsaufgaben und aus den Bedingungen seiner Umwelt ergeben. Ängste gehören zu Entwicklung und Gestaltung unserer Persönlichkeit dazu. Eine angstfreie Kindheit gibt es nicht, und Kinder zeigen in ihrer Entwicklung eine Reihe von Angstformen, die wir als Erwachsene bewältigt haben: Angst vor dem Dunkeln, Angst von einer engen Bezugsperson verlassen zu werden, Angst vor imaginären Gestalten oder Angst vor dem, was nicht vertraut ist.
    Um durch diesen "normalen" Ängste zu wachsen, braucht ein Kind Hilfe und Unterstützung. Was hilft, sind verlässliche und akzeptierende Gespräche. Kinder versuchen oft, uns auf verschiedene Art ihre Situation, ihre Angst deutlich zu machen. Auch Spiele helfen ihnen, erlebte oder erspürte Ängste zu bewältigen. Dabei begibt sich das Kind in eine fiktive Welt, die es nur in seiner Vorstellung gibt, es spielt die reale Situation nach. In dieser für sich erdachten und erspielten Welt kann es sich auch als Sieger und Held fühlen und beobachten. Daraus schöpft es Kraft und erlebt innere Bilder. Diese Fantasiewelt kann das Kind auch im realen Alltag umsetzen, indem es mit erkannter Kraft von sich selbst neue Wege beschreitet, Schritt für Schritt. Die Kinder in „Angsthasen“ haben ihre Angst bewältigt, indem sie beschlossen haben, dass sie „Muthasen“ werden. Mit Hilfe ihrer Entschlusskraft stellen sie sich den Tatsachen. Ihre Phantasie, ihre symbolische Kopfbedeckung und der schriftlich dokumentierte neue Name machen sie mutig und ermöglichen ihnen bestimmte und spielerische Wege einer konstruktive Angstbewältigung.
  • Angst thematisieren
    Das Bilderbuch regt an, mit Kindern über das Thema Angsthaben und ihre eigenen Ängste zu sprechen. Dabei sollte der erwachsene Gesprächspartner Verständnis und Mitgefühl zeigen. Kinder sollten in der Kommunikation auch erfahren, dass es durchaus normal ist, sich zu ängstigen, und daß auch Erwachsene und andere Kinder zeitweilig Angst haben.
  • Spielerische Anschlusskommunikation: Wir sind Muthasen
    Das Schaffen eigener Muthasen-Mützen oder einfacher Hasenohren unterstützt Rollenspiele, in denen Kinder Ängste thematisieren, bespielen, und dadurch auch schwächen oder ablegen können. Eine solche Kopfbedeckung zeigt spielerisch in Verbindung mit dem schriftlich dokumentierten „Muthasen“ und dem eigenen Namen, dass man ein Stück wachsen kann, wenn man Mut fasst.
    Mit einer Maskerade verspüren Kinder, dass sie verschiedene Aspekte ihrer Persönlichkeit zum Ausdruck bringen können. Maskeraden wie der Muthasen-Hut regen an, in eine Rolle zu schlüpfen. Sie tragen dazu bei, verborgene Qualitäten oder Schatten von sich selbst zu zeigen und sich manchmal so auf ganz neue Art und Weise kennen zu lernen. Solche Maskeraden eigenen sich gut für Rituale, bei denen es um die Persönlichkeit des Einzelnen geht oder darum, Eigenschaften anzunehmen oder abzulegen. Mit Kostümen und Maskeraden wagen auch schüchterne Kinder eher, sich darzustellen und aus sich herauszugehen.
  • Galerie mit Porträtfotos der Muthasen-Kinder
    Die ausdrucksstarke Porträtgalerie, die Helga Bansch geschaffen hat, kann erweitert werden. Dazu zeichnen sich die Kinder selbst als Muthase, oder man inszeniert ein entsprechendes Fotoshooting, dessen Bildproduktion eine eindrucksvolle Präsentation ermöglicht.
    Bei den Portraitaufnahmen der Kinder gilt:
    - Reden ist alles! Es gibt so vieles, was man fragen kann und durch das Gespräch mit
      Kinder wirken Portraitfotos auch automatisch viel natürlicher und entspannter.
    - Ein passender, ruhiger Hintergrund lenkt die Aufmerksamkeit auf das Kind.
    - Das Gesicht nicht mittig, sondern im rechten oder linken Drittel des Bildes platzieren.
    Wird die Drittelregel für die Bildgestaltung genutzt, hat das Bild mehr Spannung und ein gewisses Seitenverhältnis. Dazu wird das Bild in drei übereinander- und nebeneinander liegende Teile gegliedert.
  • Wir erfinden und sprechen Muthasen-Reime
    Reime wecken bei Kindern die Lust selber zu sprechen. Der Rhythmus und der klare Aufbau geben Kindern sichere und wohlempfundene Gefühle beim Erobern der Strukturen, die die deutsche Sprache ausmachen.
    Im Gespräch können Reimwörter gesucht und gefunden werden. „Welche Wörter reimen sich auf Hut oder Hase?“ „Wer findet am schnellsten ein Reimwort?“ So entstehen Reime oder Sprüche zum mutig Sein und über das Angst haben.
    Beispielsweise:
    - Lirum Larum Löffelstil, wer jetzt Mut hat, der kann viel.
    - Der Muthasen-Hut steht jedem gut.
      Schlangenei und Krötendreck, der (Name) setzt ihn auf, die Angst ist weg.
    - Akra Kadabra,
      Angst hau ab Mut komm her,
      Muthase werden ist nicht schwer.
    - Drei Hasen haben Mut.
      Sie fühlen sich sehr gut
      Sie tanzen ihren Hut-auf-Tanz
      mit dem Wi- Wa- Wabbelschwanz.
  • Über Heinz Janisch und Helga Bansch
    ▪ Heinz Janisch,  einer der bekanntesten Kinderbuchautoren Österreichs, will bei Kindern ein Bewusstsein für die vielen Facetten von Sprache wecken, damit sie sich ausdrücken und andere verstehen können, damit sie Verbindendes vor Trennendes stellen können.
    Er ist Schriftsteller, Radiomacher und Lyriker.
    Eine Kostprobe aus seiner lyrischen Speisekarte:
    Still sein und lesen.       
    Das sind schöne Stunden.
    Man liest – und es ist alles gewesen.
    Man hat nichts gesucht – und hat alles gefunden.
  • Helga Bansch wurde mehrfach ausgezeichnet,  u.a.  mit dem Österreichischen Kinder-und Jugendbuchpreis, dem Kinder-und Jugendbuchpreis der Stadt Wien, dem Outstanding Artist Award und dem Deutschen Evangelischen Buchpreis 2016. Ihre Bücher wurden in 27 Sprachen übersetzt.
    Sie schreibt: „Ich habe viele Jahre in Integrationsklassen der Grundschule unterrichtet. Damals habe ich erkannt,  dass es in erster Linie gilt, herauszufinden was Kinder können. Nicht  zu versuchen Schwächen oder Handicaps  auszumerzen, sondern Talente, Stärken und  Begabungen zu entdecken und zu fördern.  Um ein selbstbewusster, mutiger und zuversichtlicher Mensch zu werden, braucht es Akzeptanz, liebevolle Zuwendung,  Achtsamkeit und Wertschätzung. Und seien wir uns ehrlich: das gehört wohl zu den Grundbedürfnissen jedes  Menschen jeglichen Alters. So wie  das Essen, Trinken und Schlafen.“

Heinz Janisch/Helga Bansch: Angsthase. Wien: Jungbrunnen, 2020, 32 Seiten | € 15,00 | Für Kinder ab 4

Sylvia Näger, Freiburg;
Diplom-Medienpädagogin. Dozentin in der Aus-und Fortbildung von Grundschullehrenden, Pädagogischen Fachkräften und Bibliothekaren. Lehrtätigkeit in den Bereichen sprachliche Bildung, Literacy, Kinder- und Jugendliteratur, Lyrik und Medienpädagogik.

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Kontakt

Daniela Bischler
Trägerübergreifende Fachberaterin Sprachliche Bildung

Amt für Kinder, Jugend und Familie
Abteilung Förderung von Kindertageseinrichtungen
Europaplatz 1
79098 Freiburg

Tel. 0761 / 201 - 8431
Fax 0761 / 201 - 8409
daniela.bischler@stadt.freiburg.de

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