Reinhold-Schneider-Preis der Stadt Freiburg

Der Reinhold Schneider-Preis ist der Kulturpreis der Stadt Freiburg und wird seit 1960 alle zwei Jahre turnusmäßig wechselnd in den Bereichen Literatur, Musik und Bildende Kunst verliehen. Neben dem Hauptpreis, der mit 15.000 Euro dotiert ist, wird eine Ehrengabe bzw. ein Stipendium, dotiert mit 6.000 Euro, vergeben.

Über die Preisvergabe entscheidet unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters eine Jury aus Gemeinderäten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Ein wichtiges Kriterium ist die Verbundenheit des Preisträgers und/oder seines Werkes mit Freiburg. Damit knüpft die Auszeichnung an den Namensgeber, den Schriftsteller Reinhold Schneider an, dessen Werk und Leben stark mit Freiburg verbunden war.

Preisträgerinnen und Preisträger seit 1960

2018 ensemble recherche (Musik)
Ralf Schmid (Stipendium)
BAR (Stipendium)
2016 Susi Juvan (Bildende Kunst)
Andreas von Ow (Stipendium)
Helga Marten (Ehrengabe)
2014 Klaus Theweleit (Literatur)
Lisa Kränzler (Stipendium)
2012 Rainer Kussmaul (Musik)
Cécile Verny Quartet (Förderpreis)
Günter A. Buchwald (Förderpreis)
2010 Thomas Kitzinger (Bildende Kunst)
Beatrice Adler (Stipendium)
Stefanie Gerhardt (Stipendium)
2008 Wolfgang Heidenreich (Literatur)
Erika Glassen und Jens Peter Laut (Ehrengabe)
Martin Gülich (Förderpreis)
2006 Freiburger Barockorchester (Musik)
Dieter Ilg (Förderpreis)
2004 Peter Vogel (Bildende Kunst)
Freya Richter (Stipendium)
Sabine Wannenmacher (Stipendium)
2002 Kyra Stromberg (Literatur)
Helma und Bernd Hassenstein (Ehrengabe)
Annette Pehnt (Stipendium)
1999 Edith Picht-Axenfeld (Musik)
Günter Steinke (Förderpreis)
1997 Peter Staechelin (Bildende Kunst)
Viola Keiser (Förderpreis)
Hans Rath (Förderpreis)
1995 Swetlana Geier (Literatur)
Ragni-Maria Seidl-Gschwend (Förderpreis)
1993 Kulturzeitschrift allmende
Arnold Stadler (Förderpreis)
1990 Experimentalstudio:
Hans Peter Haller und André Richard (Musik)
Walter Mossmann (Förderpreis)
1988 Artur Stoll (Bildende Kunst)
Christine Gerstel-Naubereit (Förderpreis)
Lotte Paepke (Förderpreis)
1986 Walter Dirks (Literatur)
Nina Gladitz (Förderpreis)
Peter Krieg (Förderpreis)
1984 Klaus Huber (Musik)
Ernst Helmuth Flammer (Förderpreis)
Frank Michael (Förderpreis)
1982 Karl-Heinz Scherer (Bildende Kunst)
Bernd Völkle (Förderpreis)
Susi Juvan (Förderpreis)
1980 Peter Huchel (Literatur)
Maria Wimmer (Förderpreis)
1978 Carl Seemann (Musik)
Wolfgang Rihm (Förderpreis)
1976 Peter Dreher (Bildende Kunst)
Rudolf Dischinger (Förderpreis)
1974 Christoph Meckel (Literatur, Bildende Kunst)
1972 Wolfgang Fortner (Musik)
1970 Walter Schelenz (Bildende Kunst)
Jürgen Brodwolf (Förderpreis)
1968 Kurt Heynike (Literatur)
1966 Theodor Egel (Musik)
Dietrich von Bausznern (Förderpreis)
Peter Förtig (Förderpreis)
1964 Rudolf Riester (Bildende Kunst)
1962 Franz Schneller (Literatur)
1960 Franz Philipp (Musik)

2018

Preisverleihung

Die Verleihung des Reinhold-Schneider-Preises 2018 in der Sparte Musik findet am 15. November im Rahmen eines Festaktes, Beginn um 19.30 Uhr, im Kaisersaal des Historischen Kaufhauses am Münsterplatz statt. Die Preise werden durch Oberbürgermeister Martin Horn übergeben.Mit dem diesjährigen Kulturpreis zeichnet die Stadt Freiburg das 1985 gegründete und seither hier ansässige ensemble recherche aus. Der Reinhold-Schneider-Preis ist mit 15.000 Euro dotiert. Das Stipendium in Höhe von 6.000 Euro geht zu gleichen Teilen an den Jazzpianisten Ralf Schmid sowie an die Freiburger Band BAR.  


Jury

Nach der vom Gemeinderat am 23. Oktober 2001 beschlossenen Satzung besteht die Jury aus dem Oberbürgermeister, dem Kulturbürgermeister, fünf Mitgliedern des Gemeinderates und sechs Persönlichkeiten des geistigen und kulturellen Lebens.

Mitglieder des Preisgerichts 2018 – Sparte Musik

  • Oberbürgermeister Dr. Dieter Salomon (Vorsitz und Stimme übertragen an EBM von Kirchbach)​
  • Erster Bürgermeister Ulrich von Kirchbach (Vorsitz)

Stadträtinnen und Stadträte

  • Stadträtin Pia Federer
    Bündnis 90/Die GRÜNEN
  • Stadträtin Dr. Carolin Jenkner
    CDU-Fraktion
  • Stadträtin Türkan Karakurt
    SPD-Fraktion
  • Stadtrat Atai Keller
    Fraktionsgemeinschaft Unabhängige Listen
  • Stadtrat Prof. Klaus-Dieter RückauerFraktionsgemeinschaft Freiburg Lebenswert/ Für Freiburg

Persönlichkeiten des geistigen und kulturellen Lebens

  • Bernhard Amelung
    Redakteur der Badischen Zeitung, Schwerpunkte: Pop- und Clubkultur, Freizeit- und Veranstaltungsportal bz-ticket.de, Onlinemagazin fudder.de
  • Prof. Carola Bauckholt
    Komponistin, Verlegerin und Intermedia-Künstlerin
  • Hae-Kyung Jung
    Kantorin/Organistin an der Christuskirche Freiburg und Bezirkskantorin des Stadtkirchenbezirks
  • Prof. Camille Savage-Kroll
    Professorin für Elementare Musikpädagogik und Rhythmik an der Hochschule für Musik Freiburg
  • Reinhard Stephan
    Mitgründer und ehemaliger Geschäftsführer der Freiburger Jazz- und Rockschulen (JRS), Mitgründer der HKDM. Mitglied der Freiburger Band Tabasco
  • Cécile Verny
    Frontsängerin des Cécile Verny Quartets, Reinhold-Schneider-Preisträgerin 2012

Presse

2016

Preisverleihung

Oberbürgermeister Dieter Salomon und Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach mit den Preisträgern Susi Juvan, Andreas von Ow und Helga Marten (Foto: Albert Josef Schmidt)

Am 7. April 2016 verlieh Oberbürgermeister Dieter Salomon im Rahmen eines Festaktes im Kaisersaal des Historischen Kaufhauses am Münsterplatz den Reinhold-Schneider-Preis der Stadt Freiburg in der Sparte Bildende Kunst. Mit dem Reinhold-Schneider-Hauptpreis zeichnet die Stadt Freiburg die Malerin Susi Juvan aus. Das Stipendium zum Reinhold-Schneider-Preis hat die Jury dem Künstler Andreas von Ow zugesprochen. Die Ehrengabe zum Reinhold-Schneider-Preis wurde in diesem Jahr der Malerin Helga Marten verliehen.


Hauptpreis: Susi Javan

Susi Juvan (Foto: Albert Josef Schmidt)

Mit dem Reinhold-Schneider-Preis würdigt die unter Vorsitz von Oberbürgermeister Dieter Salomon tagende Jury aus dem Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach, Mitgliedern des Gemeinderates und Kunstexpertinnen und -experten das malerische Werk Susi Juvans.1950 in Ebersbach geboren, studierte Susi Juvan von 1972 bis 1978 bei Professor Peter Dreher an der Freiburger Außenstelle der Staatlichen Akademie der Künste Karlsruhe. Bereits 1982 wurde ihr Frühwerk mit dem Reinhold-Schneider-Förderpreis ausgezeichnet, seitdem folgten zahlreiche Stipendien, Auszeichnungen und Ausstellungen im In- und Ausland. Juvan lebt und arbeitet in Freiburg.

Jurybegründung

Unberechenbar, impulsiv und zweifelnd, schauend und getrieben, übersetzt Susi Juvan ihr Erleben in Malerei. Im kompromisslosen Ringen mit dem Bild, immer mit dem Scheitern an ihrer Seite, schafft sie sich in ihre Sujets hinein, die sich in diesem Prozess aufzulösen scheinen, bis die Farbmaterie über die Gegenständlichkeit triumphiert. Dabei gibt es keine Hierarchie von Farbe und Form, keine Rücksicht auf ein allgemeingültiges ästhetisches Empfinden. Susi Juvan malt die Suche selbst.

Laudatio

Martin R. Dean
Der Weg zu einem Bild

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
Sehr geehrte Damen und Herren,
Werte Preisträgerinnen und Preisträger,
Liebe Susi,
 
man hat mich gebeten, ein paar Worte zur Verleihung des Reinhold- Schneider Preises an Susi Juvan zu sprechen. Dies ist, natürlich, eine Ehre wie auch eine Aufgabe, zuallererst aber eine Freude. Denn Susi Juvan ist nicht nur eine verdiente Preisträgerin, sondern auch eine langjährige, vielleicht meine längste Freundin. Befreundet sind wir seit den frühen achtziger Jahren, nachdem die im Bodenseegebiet Geborene und Aufgewachsene mit einem Kleinkind aus den USA nach Freiburg zurückgekehrt war, mit dem festen Entschluss, Malerei zu studieren. Seit jener Zeit verfolge ich ein Leben, das sich ganz der Kunst verpflichtet hat, ein Schaffen, das sich, fast jeden Tag, möchte man sagen, der aufreibenden, der unmöglichen Aufgabe der Kunst stellt. Denn Susi Juvan malt nicht, weil es schick ist, Malerin zu sein, auch nicht, weil sie damit das grosse Geld machen will oder weil sie es an der Akademie gelernt hat. Sie malt, weil sie etwas zu sagen hat, das anders als mit und durch ihre Bilder sich nicht sagen lässt. Ihr Projekt, das im Laufe der Jahre und Jahrzehnte dringlicher geworden ist, ist von einer singulären, beeindruckenden Stringenz. Wichtigen Ausstellungsmachern entging die Bedeutung dieses Werkes nicht, weswegen die Auseinandersetzung, die Juvan in der Stille des Ateliers führt, auch immer wieder in nachhaltigen Ausstellungen nachvollzogen werden konnte. Natürlich hat die Rücksichtslosigkeit, mit der die Künstlerin ein Leben lang ihr Schaffen vorangetrieben hat, auch ihren Preis. Wer sich der Kunst verschreibt, dessen Leben wird alternativlos, es obliegt der Homöostase des täglichen Gelingens und Scheiterns. Aber das war auch bei Kafka so, bei Büchner, bei all denen, die ihr Denken, ihre Sinnlichkeit und den Zweck ihres Daseins nur in der Kunst erfahren können.

Das Juvan-Projekt: Kunst nicht als Divertissement, sondern als Selbstverpflichtung. Nicht als Therapie, sondern als Forschung am Sehen und unserer Wahrnehmung, als Arbeit am Bildkomplex einer Gesellschaft, die bildersüchtig ist. Man muss nicht auf die Selfie-Manie rekurrieren, um zu begreifen: wir haben ein unstillbares Bedürfnis, uns zu sehen, uns sichtbar zu machen, präsent zu sein. Sichtbar machen wir uns seit einem halben Jahrhundert in Fotoalben und auf Superachtfilmen. Epidemisch vervielfältigen wir unsere Sichtbarkeit heute auf Facebook und Instagram. Heute sind wir eine „tagebuchlose“ Gesellschaft geworden; dem eigenen Lebenslauf begegnen wir nur noch auf Fotostrecken im Internet. Was nicht sichtbar wird, hört auf zu existieren. Im Pariser Gare de Lyon hängen Dutzende grossformatiger Bilder von jungen Menschen, aufgenommen mit dem neuesten I-Phone. Wir schauen zu den Bildern hoch, weil sie verblüffend scharf sind. Was sie zeigen: natürlich DICH und MICH, die Konsumenten des I-Phones. Die Rückverwandlung des Bürgers, des Menschen in einen Warenträger und Konsumenten erfolgt meist über (Werbe-) Bilder; der Kapitalismus ist die vielleicht bilderfreundlichste Religion, die es je gab. Suggestiv werden wir auf die Bildfläche geholt, je schärfer desto besser.

Juvans Bilder verweigern sich diesem Präzisionsanspruch. Was sie aus Werbebildern macht, sieht man am Beispiel der Serie Flick-Flack aus dem Jahre 2012. Die über die Leinwand verwischten Farbflächen, die sich fast zur Eigenständigkeit aufschwingenden Farbflächen wollen nicht einfach abbilden; sie stehen zuerst für sich selber und verweisen dann auf eine Wahrheit, die nicht in der Tiefenschärfe und Abbildbarkeit ihr Mass hat.

Um die Sichtbarmachung dieser anderen Wahrheit hat Juvan ein Leben lang gerungen. Damit das Sehen und nicht die Apparatur, − die nie etwas anderes als petrifizierte Wahrnehmung ist − wieder ins Recht gesetzt wird. Wie wir etwas sehen, entscheidet darüber, wie wir damit umgehen. Wie wir uns sehen, beeinflusst unsere Umgebung. Wie wir unsere Umgebung sehen, färbt wiederum auf das ab, was wir entscheiden. Wie wir mit dem Unverständlichen in der Kunst umgehen, hat seine Wirkung auf unseren Umgang mit Menschen, auch mit den Fremden, die zu uns kommen.

Was ist das für eine Freiheit, die das Leben frisst? − Es ist die Freiheit ästhetischer Arbeit. Die Umwandlung des Gesehenen und des Sehens in ein Bild. Diese Freiheit muss immer erst errungen werden. Um nur ein Beispiel herauszugreifen: ich habe Juvans Ringen mit ihrer Kunst anhand der Bilder über ihren Professorvater Dreher erlebt. Am Anfang schien die Künstlerin in den Darstellungsmöglichkeiten zu ertrinken, unendlich präsentierte sich die Zahl der möglichen Bilder. In monatelanger Arbeit hat sich Juvan von den Vorformulierungen, hier auch: vom Vor-Bild freigemalt. Sie hat sich auf den Weg zu einem Bild begeben, wobei an jeder Wegbiegung das Scheitern lauerte. „Die ewigen Skrupel, das Zögern und Bedenken, Ändern und Verwerfen! Dieses nicht weiter machen Können und nicht aufhören Können“, so beschreibt der Kunsthistoriker Hans-Joachim Müller hellsichtig die Juvansche Arbeitsweise. Da darf keine Routine sein, bereits Gesehenes wird für ungültig erklärt, dauernde Zweifel an der Wahrnehmungssicherheit begleiten den Prozess der Bildfindung. „Ich will mich selbst aus der Bahn werfen, um in Neuland zu fallen, um auf verborgenen Wegen ein Bild zu finden, das vollkommen unvorhersehbar war,“ sagt mir Susi. So geht keine, die den Weg des geringsten Widerstandes geht. Im Gegenteil: der Widerstand wird zum Antrieb, noch weiter zu gehen als nur um die nächste Wegbiegung, bis zum Unausdenkbaren. So entsteht Qualität.

Juvan sucht im Material also den ästhetischen Widerstand. Farbflächen werden übermalt, berichtigt, jeden Tag macht sie einen Schritt vorwärts oder auch zurück. Oft sind, wie in den Katalogen nachzulesen, Fotografien der Ausgangspunkt. Authentisches Material unterliegt einer Rückverwandlung in malerische Fiktion. An den Portraits von Annette von Droste-Hülshoff oder der Pompadour wird dieser Prozess der Anverwandlung und Verfremdung auch in Bezug auf kunstgeschichtliches Material sehr schön sichtbar. Diese Bilder aber handeln weniger von der Travestie ihres Vorbilds als vom Prozess des Malens selber. Und dabei entgleitet sich das Malen. Ja, richtig: die Malerei findet unterhalb der rigorosen Beherrschung ihrer Mittel zu einem traumhaften Farberlebnis. Dieses Sichgehenlassen auf höchstem Niveau gehört m.E. ganz spezifisch zum Juvanschen Stil. Nicht der Wille weist zuletzt den Weg, sondern die am Objekt entzündete Imagination. Bilder müssen im Endstadium „geschehen“; das Gelingen kann nicht anders sein als dass die Momente des Nichtgewollten, Nichtintendierten sich Bahn brechen: das macht für mich die Schönheit und Farbigkeit dieser Bilder aus.

Natürlich werden die Vorgaben immer auch deformiert; ästhetische Gewalt ist im Überzeichnen und Verformen am Werk. Eine Gewalt, die als Arbeit wieder auf den Betrachter zurückgeht: Juvans Bilder sind sperrig ebenso wie sie ein Rausch sind, sie wollen mit höchstem Kunstverstand begriffen werden und lassen sich doch am besten als imaginatives Eintauchen in die Farben begreifen.

Wer solche Kunst macht, nimmt diese gegen jede Auftragskunst in Schutz. Wer sich so hingibt, hat Teil am Stoffwechsel von Farbe und Form, entrichtet mit dem dauernden Risiko des Scheiterns auch mit seinem Leben einen Preis. Monoman mag dem einen oder anderen Freund dieses Leben erscheinen; intensiv und sinngebend dürfte es für die Künstlerin sein.

„Das Werk ist die Totenmaske der Konzeption“, hat Walter Benjamin geschrieben. Susi Juvans Werk will dieses Axiom Bild um Bild widerlegen. Lebendiger und formgerechter findet Malerei hier zu sich selber. Für dieses Glück, das uns die Bilder schenken, ist der Künstlerin zu danken.
 


Stipendium: Andreas von Ow

Andreas von Ow (Foto: Albert Josef Schmidt)

Mit dem Stipendium zum Reinhold-Schneider-Preis zeichnet die unter Vorsitz von Oberbürgermeister Dieter Salomon tagende Jury aus dem Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach, Mitgliedern des Gemeinderates und Kunstexpertinnen und -experten den 1981 in Freiburg geborenen und seit einiger Zeit in Berlin lebenden Andreas von Ow aus.Im Alltag oder an den Orten seiner Ausstellungen kondensiert von Ow aus Beeren, Kräutern, Bohrstaub oder Kehricht authentische Malsubstanz, aus der er, ebenso wie in Videos und Installationen, konzentrierte poetische Setzungen erschafft. Der Künstler studierte von 2006 bis 2012 an der Freiburger Außenstelle der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste unter anderem bei Professor Günter Umberg und als Meisterschüler bei Professorin Tatjana Doll.Für sein junges Werk erhielt er bereits mehrere Stipendien und Auszeichnungen, zuletzt 2015 den Kunstpreis der Freiburger van Look-Stiftung. Von Ow war in seiner Freiburger Zeit wichtiger und sehr engagierter Impulsgeber für die junge Freiburger Kunstszene, unter anderem als Gründer des Off-Spaces plan b.

Jurybegründung

Seine Malerei hat die lapidare Konzentrationskraft der Radikalen Malerei. Doch schreibt Andreas von Ow der Farbe eine Bildlegende. Er entnimmt, womit er malt, der Umwelt, dem eigenen Lebensumfeld. Staub, Ziegelstaub, Früchte, Gemüse … Mit den gefundenen, eigenhändig aufbereiteten Stoffen erschließt sich eine ganz unprätentiös poetische Weltoffenheit. Und nichts anderes sucht und findet Andreas von Ow auch im Bildfluss seiner Videos. Dem Sichtbaren zeichnet der Künstler mit allem eine diskrete Hommage.

Laudatio

Thomas Schlereth
Mit den Farben auf dem Weg

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Salomon,
sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Andreas,

über einen Maler, seine Malerei zu sprechen, ohne vor einem Bild oder zumindest einer Abbildung zu stehen, ist eine spezielle Situation. Die Worte und Überlegungen sind ganz auf die Erinnerung angewiesen. Zu erinnern ist im Vorfeld auch an eine Laudatio, die Volker Bauermeister erst im vergangenen Oktober auf die Arbeit von Andreas von Ow hielt. Der Anlass war die Verleihung des Van-Look- Preises und eine begleitende Ausstellung im E-Werk. Auch wenn mich diese Ausführungen nur als Text erreichten, kamen mir der Maler und sein Tun beim Lesen ungemein lebendig vor Augen. Über die Internetseite der Van-Look-Stiftung kann die Rede von Herrn Bauermeister nachgelesen werden. Ich erwähne sie deshalb, weil sie mich in der Vorbereitung des Folgenden anspornte, den Versuch weiterzutreiben, der Arbeit von Andreas von Ow sprachlich nahezukommen. Da ich jedoch nicht voraussetzen will, dass Sie alle besagter Rede beiwohnten, möchte ich die in Frage stehenden Bildwerke zuerst möglichst voraussetzungsfrei in Erinnerung rufen. Im Anschluss werde ich mich dem Wirken der Farben zuwenden, um einen so spezifischen wie weitreichenden Aspekt herauszugreifen.

Mit der Farbe ist auch in der Beschreibung der Arbeiten von Andreas von Ow zu beginnen. Kein Bild und kein Gebilde, in dem die Farbe nicht von zentraler Bedeutung ist. Am augenscheinlichsten wird dies in den Arbeiten, die sich klar und eindeutig als Malereien zu erkennen geben: Mit dem Pinsel auf Papier, auf Glas oder direkt auf die Wand aufgetragen, tritt die Farbe vor Augen. Meist sind es zahlreiche Schichten, die sich überlagern, um immer dichter und reicher zu werden. Wenn die einzelnen Lagen an den Rändern unterschiedlich auslaufen, lässt sich der Malprozess und mit ihm die Entstehung der Farbtiefe schrittweise nachvollziehen. Zur Mitte des Bildes hin wachsen Intensität und Sättigung. Die Augen folgen der Farbe dorthin, sehen sich hineingezogen in die Tiefe der Töne und wandern wieder zurück. Offenkundig zeugen diese Farbläufe von einem experimentierenden Vorgehen. Die Notwendigkeit jeder weiteren Schicht muss im Entstehungsprozess der Bilder ersehen werden; sicher berechnen lässt sie sich vorab nicht. Ein sehr aufmerksames, empfindsames Auge folgt der Farbe. Es achtet auf ihre Tendenzen und Entwicklungen. Langsam entfaltet die Farbe ihren Farbraum. Das schrittweise Vorgehen des Malers lotet dabei aus, ab wann die Farbe eine bildtragende und bildgebende Tiefe erreicht. Seine Experimente wissen im Vorfeld nicht oder nur grob, was sie erwartet. Umso schöner, wenn sich Überraschungen ereignen. Mit den Videoarbeiten verhält es sich schließlich ganz ähnlich: In großformatiger Projektion durchziehen blau-graue Rauchschwaden das Blickfeld, als wären sie dafür gemacht, vom inneren Leben der Farben zu berichten. In stiller Verwandtschaft gehört ein anderes Video fast gänzlich dem Blau des Himmels, in das sich ab und an der Lauf einzelner Flugzeuge einzeichnet. Beide Filme widmen sich den Farben des Himmels, wie sich diese in sehr unterschiedlichen Formen und Rhythmen wandeln.

Auch die Malgründe und Bildträger zeugen von Experimenten: Ein zerbrochener und geklebter Teller wusste kurz zuvor noch nichts von seinem Glück und ganz ähnlich muss es wohl jenen Scheiben ergangen sein, die nun mit dem Rot Freiburger Autorücklichter oder dem Türkis von einem Jerusalemer Markt in neuem Licht erscheinen. Die Zusammenstellung der Farben und Materialien dient dabei keinem übergeordneten Motiv. Die Bilder stehen als sie selbst vor Augen; mal kräftig, mal in gedeckteren Tönen strahlen sie aus, ohne auf etwas zu deuten. Sie sind, was sie sind. Die Videos zeigen entsprechend speziell gewählte Ausschnitte: Weder geht es darin um das qualmende Kraftwerk, noch um den Flugverkehr. Was zum Bild wird, ist Farbe, ein bestimmter Ton, bei näherer Hinsicht in einer Fülle von Bestandteilen. Jede Farbe ist es diesen Arbeiten wert, entdeckt, extrahiert und ausgeweitet zu werden. Und die Farben müssen sich offensichtlich nicht lange bitten lassen. Waren die Pigmente – etwa im Fall der Autorücklichter – eben noch Teil der Verkehrsordnung, ergießen sie sich nun über eine hochformatige Glasscheibe, bilden eine Fläche aus, die sich nach unten hin farblich verdünnt und unregelmäßig ausläuft. Das Rot sieht sich freigestellt. Zwar ist es nun mit Kasein an den Glasträger gebunden, aber die neue Form bringt es mit sich, dass die Signalfarbe nicht mehr vorrangig „Vorsicht“ und „Bremsen“ bedeutet, sondern in einem ebenbürtigen Sinne Rot-Ton sein kann. Dieser malerische Ansatz bietet freigiebig an, eigens auf Farbe zu achten. Dabei schafft er einen Ausgleich im Beziehungsgefüge, in dem Farbe immer schon steht: Die Farbe beginnt, etwas von ihrer Unberechenbarkeit zurückzugewinnen.

Damit komme ich zum zweiten Teil meiner Ausführungen. Die Bilder von Andreas von Ow können dahin führen, Farbe weniger als Gegenstand, denn als Medium zu betrachten. Diesen Unterschied, den Unterschied zwischen Gegenstand und Medium, möchte ich herausstellen. Zuerst: Was kann man darunter verstehen, Farbe als Gegenstand aufzufassen? Kein Ding derWelt kommt ohne Farbe aus. Entsprechend kann bei jedem Ding eigens auf Farbe geachtet werden. Dabei sind wir es gewohnt, Farbe als eine Eigenschaft wahrzunehmen. Jeder Körper, jedes Element besitzt diese Eigenschaft auf seineWeise. Farbigkeit tritt als Kategorie auf und stiftet ein wichtiges Unterscheidungskriterium. So weitreichend diese Kategorie allerdings Geltung beanspruchen mag, so sehr bleibt sie nur eine Rubrik neben anderen. Mal dient sie als praktisches Mittel der Beschreibung und Zuordnung, bald ist es an anderen Kriterien, einen Gegenstand oder ein Geschehen zu bestimmen. Nicht selten ist es praktischer, von der Anzahl oder den Ausmaßen, dem Ort oder der Zeit auszugehen als von der Farbe. Wenn Farbe weniger als Gegenstand denn als Medium vor Augen tritt, wirkt sie nicht mehr unbedingt als Eigenschaft.

Im Wirkungsraum der Farbmalerei findet die Probe eines Rollenwechsels statt: Nicht mehr die Farbe stellt eine Eigenschaft dieses oder jenes Dings dar, sondern der Gegenstand wird zu einer Eigenschaft von Farbigkeit. Ein ungewohnter Gedanke. Was soll das heißen: der Gegenstand als eine Eigenschaft der Farbe? Welche anderen Optionen sollte die Farbe haben, jenseits dessen, einem Gegenstand anzugehören? Ein Blick auf die Arbeiten von Andreas von Ow: Die Augen laufen über die Flächen, suchen nach Anhaltspunkten, fokussieren ein Detail und lassen es wieder los. Die ausgebreiteten und dargebotenen Farben bieten diesen Bewegungen Raum. Bestimmte Abläufe und Tendenzen sind dabei bereits im Kolorit angelegt: Während das Freiburger Rot aufsteigt und ausstrahlt, neigt das Jerusalemer Türkis eher dazu, sich zu sammeln und zu setzen. Der Streuung und Ausschweifung korrespondieren Verdichtung und Vertiefung. Als Eigenschaft eines Gegenstandes steht Farbe für einen bestimmten und bestimmbaren Zustand. In Wellenlängen weiß die Physik diesen Zustand exakt zu messen. Als Medium verabschiedet sich die Farbe dagegen von den Zügeln der Zahl. Farbe ist nun nicht mehr Zustand, sondern befindet sich im Prozess: Im Fluss der Farbnuancen und -modulationen kann ein Gegenstand Form annehmen, muss er aber nicht. Jede Farbform geht früher oder später wieder in den großen Lauf, das weite Wogen der Farben ein. Sie wird Teil einer Atmosphäre, geht unter im Dunst und ersteht in neuem Licht womöglich wieder auf. Die Malerei von Andreas von Ow gibt sich diesem Geschehen hin: Farbe ist nicht allein Substanz, nicht nur gestaltete und eigens zur Schau gestellte Materie, sondern in einem ebenbürtigen Sinne Medium. Demnach hat Farbe keinen festen Ort mehr, sondern wandelt sich. Während sie erscheint, betritt sie weitere, mitunter neue Wege: Sie bewegt sich zwischen Sammlung und Zerstreuung, Aufscheinen und Ausklingen, wie zwischen Ding und Umraum, zwischen Ort und Atmosphäre. Wären die Farben nichts weiter als eine Eigenschaft der Dinge oder selbst Ding, wären sie wohl längst schon verblasst. Umso kostbarer und dankenswerter die Hinweise auf jene Weite, jenes unabgeschlossene Pulsieren des Farbreichtums, wie sie in den Malereien von Andreas von Ow begegnen.

Jener Rollenwechsel zwischen Ding- und Farbwelt geht mit einer veränderten Haltung einher, die ich abschließend noch kurz beleuchten möchte. Die Farbe als eine Eigenschaft von Gegenständen aufzufassen, intendiert die Herstellung von Ordnung: Dieses Bild ist rot, jenes türkis, das Video blau mit ab und an weißen Streifen. In dieses Vorgehen sind wir hineingeboren und -erzogen worden. Möglichst selbstbewusst und gemeinverständlich baut ein jeder seine Welt aus Einzeldingen auf. Unter diesen Prämissen werden Farben verortet, systematisiert und gestalterisch eingesetzt. Die Farbe wird dann, zumindest zwischenzeitlich, selbst zum Gegenstand. Dabei bleibt sie jedoch ein Mittel zum Zweck, dem Zweck einer bestimmten Ordnung. Maler und Betrachter behalten das Ruder in der Hand und entscheiden, wie lange und wie weit die Farbe als Eigenschaft oder Gegenstand von Relevanz ist. So sehr dieses Verfahren Teil der Arbeit und der Vorgehensweise von Andreas von Ow sein mag, so sehr lässt er diese plausible und vertraute Haltung los. In der Weise, wie er zu seinen Farben kommt und wie sie im Arbeitsprozess ihrer Wege gehen, drückt sich eine Bereitschaft aus, vom Fließen und Strömen der Farbe eingenommen und mitgenommen zu werden. Die Farbe übernimmt dann die Regie. Das Sehen achtet darauf, ihren Bewegungen zu folgen. Der kleine Fund auf dem Spaziergang, der Farbauftrag beim Malen, die Betrachtung des trocknenden und später fertigen Bildes – sie alle werden zu Experimenten im Sehen von Farbe. Dabei kommt zu Bewusstsein, von Farbe berührt, von ihr umströmt, ja durchströmt zu werden. Mit jedem Augenblick wandelt sich dieser Farbkosmos. In ihm ist nichts Einzelding, alles ist Beziehung. Sich in ihm zu bewegen, erfordert Freude am Überrascht-Werden. Dazu gehört sicher auch Frustrationstoleranz. Experimente zeichnen sich dadurch aus, dass sie auch schiefgehen können. Eine Schicht zuviel und der Farbraum verschließt sich, wird undurchlässig, flach und dumpf.

Sich dem Lauf der Farben in ihrer Eigenwilligkeit und Unbestimmtheit anzuvertrauen, kostet allerdings nicht nur Kraft, sondern gibt sie auch. In aller Stille können sich große Intensitäten ereignen.

In der Arbeit von Andreas von Ow sehe ich eindringliche, aber stets vornehm und höflich auftretende Erinnerungen daran, bei diesem Fest der Farben eingeladen, ja immer schon mittendrin zu sein und überreich beschenkt zu werden. Dafür danke ich Dir, lieber Andreas, ganz herzlich!


Ehrengabe: Helga Marten

Helga Marten (Foto: Albert Josef Schmidt)

Mit der Ehrengabe zum Reinhold-Schneider-Preis würdigt die unter Vorsitz von Oberbürgermeister Dieter Salomon tagende Jury aus dem Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach, Mitgliedern des Gemeinderates und Kunstexpertinnen und -experten in diesem Jahr Helga Marten.Die 84-jährige Künstlerin lebt seit 1953 in Freiburg und geht noch täglich zum Malen in ihr Atelier. Von 1952 bis 1960 studierte sie Malerei an den Staatlichen Akademien der Bildenden Künste in München und Freiburg, zuletzt als Meisterschülerin von Professor Hans Meyboden an der Freiburger Außenstelle der Kunstakademie Karlsruhe.Im Zentrum ihres bisherigen malerischen und grafischen Lebenswerks stehen Porträts und Landschaften. Diese werden von Helga Marten nicht naturalistisch abgebildet, sondern sind ihr in Tradition der klassischen Moderne Anlässe für Farb-Experimente, die zwar auf die Landschaft oder den Menschen verweisen, immer aber eigene künstlerische Realitäten kreieren.

Jurybegründung

Helga Marten hat zu jeder Zeit ihrer über ein halbes Jahrhundert zurück reichenden künstlerischen Arbeit die malerische Herausforderung gesucht. Im Vertrauen auf die Tradition umfasst sie die klassischen Genres – Stillleben, Landschaften und Bildnisse. Das umfangreiche grafische Werk enthält Zeichnungen, Radierungen und Monotypien. Helga Marten komponiert, verdichtet und transponiert Motive ihrer direkten Umgebung in die zweidimensionale Bildebene. Signifikant für ihre malerische Bildsprache ist eine sublime Modifikation der alltäglichen Dingwelt durch geheimnisvolle Farbgebung in Malerei. Und so zeugen diese Bilder vom Sehen und Malen voller Dynamik und Sinnlichkeit.

Laudatio

Hans-Joachim Müller

Herr Oberbürgermeister, Herr Bürgermeister, verehrte, liebe Frau Marten, meine Damen und Herren,
 
Wir reden von einem Werk, das in Jahrzehnten ins Unüberschaubare gewachsen ist. Wir reden von Bildern, die es noch immer zu entdecken gilt. Wir ehren eine Malerin, die mit Entschiedenheit ihren eigenen Weg gegangen ist, ihren eigenen Weg geht. Unbeeindruckt von den launischen Travestien, in denen sich die Kunst ihres Jahrhunderts immer neu erfunden hat. Und doch zugleich weltwach und sich selber nie zu schade für die kritische Teilhabe am Behauptungsstolz, der Gegenwart heißt.
 
Wenn es etwas gibt, das dieses Werk zusammenhält und die unausgesetzte Malarbeit Tag um Tag antreibt, dann ist es der wohl begründete Verlass auf die Tradition als unausgesetzte Verpflichtung. Nichts in der Kunst ist erledigt, nichts ist unmöglich geworden, das war von Beginn an in den späten fünfziger Jahren Gewissheit, Motto und Programm. Und in Hans Meyboden hatte die Künstlerin einen Lehrer an der Freiburger Außenstelle der Karlsruher Akademie, der mit gelassener Skepsis das Nachkriegsringen um den sogenannten künstlerischen Fortschritt geschehen ließ. Einen anderen Lehrer hätte sich Helga Marten nicht gesucht.
 
Für sie ist Malerei − und das stand immer fest − ein unvollendetes, mithin ein unvollendbares Projekt, das Wahrheit und Würde in immer neuer Erprobung der Bildgattungen „Landschaft“, Stillleben“ und „Porträt“ erfährt. Dass Malerei als Auseinandersetzung mit den Dingen und Belangen der sichtbaren und unsichtbaren Welt an ihrem geschichtsnotwendigen Ziel angekommen sei und die Zukunft des Bildes nurmehr in der Dekonstruktion seiner gegenständlich figürlichen Überlieferung liegen könne, der Gedanke ist der Malerin immer fremd gewesen.
 
Dabei ist es keineswegs so, dass dieses Werk auf Rückzug und Abwehr gründen würde. Und zu keinem Zeitpunkt war so etwas wie kämpferische Opposition spürbar. Die große Übersichtsausstellung, die noch immer aussteht, würde zeigen, wie „modern“, um ein bald altdeutsches Wort zu gebrauchen, wie „modern“ dieses Werk begonnen hat, wie der noch immer schwankende Boden dieser Jahre seine gleichsam seismische Entsprechung fand in riskanten Raumarchitekturen und zuckenden Farbsignalen.
 
Dass Helga Marten den Verführungen der Abstraktion widerstanden hat, denen sich die deutsche Nachkriegskunst so bereitwillig hingab, heißt nicht, dass sie keine intakten Mittel gehabt hätte, auf ihre Zeit zu reagieren, ihre Erfahrungen zu gestalten, Bilder zu malen, denen man heute im Abstand von fünfzig, sechzig Jahren mit nicht geringem Staunen begegnet. Bilder von einer musealen Frische, wie sie kostbar geworden ist.
 
Stillleben, Landschaft, Porträt − sie rhythmisieren dieses Werk. Man könnte nicht sagen, dass in einer Phase das eine Thema das andere verdrängt hätte. Und bis heute lässt sich schwer prophezeien, wohin die Malerin bei jedem neuen Bild tendiert. Wohl ist es so, dass die Balance aus der Bezogenheit der Motive stammt. Motiv ist ja nicht das, was das Bild zu sagen oder zu zeigen hat. Motiv ist bildnerischer Beweggrund, das, was die Malerei induziert, was sie mit Dynamik füllt, was sie am Leben hält. Und wenn mal ein Stillleben, mal eine Landschaft, mal ein Figurenbild die Aufgabe übernimmt, dann heißt das nur, dass die Malerin aus vernetzten Energiequellen schöpft.
 
Stillleben meint Anschauung. Mit der Landschaft verbindet sich räumliche Erfahrung. Das Porträt, das Bildnis handelt von der Begegnung.
 
Und so geht es beim Stillleben um künstliche Ordnung und isolierende Betrachtung der Dinge, um ihre Lösung aus Zweck und Bestimmung und Ursächlichkeit. Und in allem ist das Stillleben kontrafaktische Welterzählung. Es erzählt von etwas, das sich nicht einfach abbilden lässt.
 
Daneben hat das Landschaftsbild mit Ausschnitt und Fenster zu tun, mit der Übersetzung des Raums in ein flächiges Äquivalent. Und nicht zuletzt setzt das Landschaftsbild auf ihn, auf den unverwüstlichen Schönheitstrost, der allein jene Zumutung erträglich macht, die darin besteht, dass die Zeichen für das Lebendige eben immer nur leblose Zeichen sein können.
 
Und das Porträt? Das Porträt sucht nach jener wundersamen Übereinstimmung von Augenblick und Dauer, nach dem Wesenhaften, das sich im Blickkontakt erschließt.
 
Und so sind alle drei beteiligt an der Verwandlung der Welt in reinen Sinnenstoff, in Formen und Farben, denen die Zeit nichts anhaben kann. Und alle drei Modi sind angewiesen auf die Abgeschirmtheit, auch Abgeschiedenheit des Ateliers, wo sich behutsam, Farbwölkchen um Farbwölkchen, die Sehkunst in der Malkunst vergegenständlicht.
 
Nie sind die Bilder von Helga Marten anderswo als in dieser Abgeschirmtheit und Abgeschiedenheit des Ateliers gemalt worden. Es ist, gerade was die Landschaften angeht, keine Pleinair-Malerei. Allenfalls führen ein paar Zeichnungen, die vor Ort entstanden sind, zum Bild. Kleine Blätter aus einem Handblock fürs schnelle Fixieren. Ein Strichsystem von der Qualität eines Journal-Eintrags. Aber dann, im Atelier, gilt der Journal-Eintrag nicht mehr viel. Malend lässt sich die Malerin auf unabschätzbare Seh- und Erkenntnisabenteuer ein. Malend schöpft sie aus dem Vorrat an Erlebnissen und Erinnerungen, Begegnungen und Erfahrungen, Kenntnissen und Ahnungen.
 
Ein erstaunliches Werk, von dem man zu wenig weiß. Jede Ausstellung ist wieder Überraschung. Und wer einmal im Atelier war, der hat doch nur eine ungefähre Vorstellung davon, was sich in den Archiven eines künstlerisch ungemein produktiven Lebens noch alles verborgen hält. Dass ihre Bilder nicht immer gleich aufgefallen sind, das hat Helga Marten nie beirren können. Es galt und es gilt für sie stets nur die Gegenwart, das Bild, an dem sie arbeitet, das sie im Kopf hat, das sie vor Augen hat.
 
Ich denke, dazu hat viel Mut gehört, nie anders als bei der eigenen Sache geblieben zu sein und diese Sache auch ohne den Zuspruch der großen Öffentlichkeit verteidigt zu haben.
 
Dafür bewundere ich Sie sehr, liebe Frau Marten, für diese wunderbare Paarung des Feinsinns mit dem Starrsinn, für den lässigen Trotz, mit dem Sie die wechselnden Aufmerksamkeitsströme an sich vorbeiströmen haben lassen.
 
Und ich danke Ihnen für das Geschenk der Freundschaft, für den Austausch über Bilder, der uns so lange verbindet.
 
Zu dieser Ehrengabe meine herzliche Gratulation. „Ehrengabe“ ist ein würdiges, ein wahres Wort. Wir beide waren immer überzeugt, dass Ihre Bilder über den Kreis der Kenner und Liebhaber hinaus irgendwann ihr anerkennendes Publikum finden werden. So gesehen ist „Ehrengabe“ schöner Zuspruch - und schönes Eingeständnis zugleich, dass es letztendlich Ihr Geheimnis bleibt, wie Sie mit jedem Bild etwas weiter gehen lassen und etwas Neues beginnen. Leidenschaftlich, unablässig konzentriert, im wahrsten Sinne unermüdlich.
 
Malen ist ja vielleicht doch undurchschaubares Handeln. Vor Ihrem Werk jedenfalls haben wir erneut gelernt, was uns die Kunst immer wieder lehrt, dass die Bildwerdung der Welt ein Vorgang ist, so rätselhaft und komplex wie die Menschwerdung des Lebens.
 
Ich wünsche Ihnen alle Kraft zur Unablässigkeit und neugierige Augen, die Ihre Bilder entdecken.


Jury

Nach der vom Gemeinderat am 23. Oktober 2001 beschlossenen Satzung besteht die Jury aus dem Oberbürgermeister, dem Kulturbürgermeister, fünf Mitgliedern des Gemeinderates und sechs Persönlichkeiten des geistigen und kulturellen Lebens.

Mitglieder des Preisgerichts 2016 – Sparte Bildende Kunst

  • Oberbürgermeister Dr. Dieter Salomon (Vorsitz)​
  • Bürgermeister Ulrich von Kirchbach

Stadträtinnen und Stadträte

  • Stadträtin Pia Federer
    Bündnis 90/Die GRÜNEN
  • Stadträtin Carolin Jenkner
    CDU-Fraktion
  • Stadträtin Türkan Karakurt
    SPD-Fraktion
  • Stadträtin Dr. Brigitte von Savigny
    Fraktionsgemeinschaft Unabhängige Listen
  • Stadträtin Gerlinde Schrempp Fraktionsgemeinschaft Freiburg Lebenswert/ Für Freiburg

Persönlichkeiten des geistigen und kulturellen Lebens

  • Volker Bauermeister
    Kulturjournalist, langjähriger Redakteur für Bildende Kunst bei der Badischen Zeitung
  • Stefanie Gerhardt
    Freiburger Künstlerin (Malerei, Zeichnungen, Video-, Objekt- und Projektarbeiten); Preisträgerin Reinhold-Schneider-Stipendium 2010
  • Caroline Käding
    Direktorin des Kunstvereins Freiburg
  • Dr. Christine Litz
    Direktorin des Freiburger Museums für Neue Kunst
  • Franz Armin Morat
    Sammler, Mäzen, Stifter und Ausstellungsmacher; Gründer des Morat-Instituts für Kunst und Kunstwissenschaft
  • Dr. Yvonne Ziegler
    Freie Kuratorin, Kunstkritikerin und Dozentin für zeitgenössische Kunst

Presse


2014

Preisverleihung

Mit dem Reinhold-Schneider-Preis, der 2014 in der Sparte Literatur verliehen wurde, zeichnet die Stadt Freiburg den Freiburger Kulturwissenschaftler und Schriftsteller Klaus Theweleit aus. Das Stipendium zum Reinhold Schneider-Preis hat die Jury Lisa Kränzler zugesprochen.


Hauptpreis: Klaus Theweleit

Klaus Theweleit (Foto: Albert Josef Schmidt)

Mit dem Reinhold-Schneider-Preis würdigt die unter Vorsitz von Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach tagende Jury aus Mitgliedern des Gemeinderats und Literaturexpertinnen und -experten das in Themen und Stil außergewöhnliche und seit Jahrzehnten international viel beachtete Werk des in Freiburg lebenden Autors.

Klaus Theweleit wurde 1942 in Ostpreußen geboren, studierte Germanistik und Anglistik in Kiel und Freiburg und war von 1969 bis 1972 als freier Mitarbeiter des Südwestfunks tätig. Theweleit lehrte am Institut für Soziologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Bis zu seiner Emeritierung hatte er über zehn Jahre eine Professur für Kunsttheorie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe inne und versieht derzeit wechselnde Lehraufträge in Deutschland, den USA, der Schweiz und Österreich.

Jurybegründung

Seit vierzig Jahren bereichert der Denker und Autor Klaus Theweleit mit seinen national wie international beachteten Texten zur Mentalitäts- und Kulturgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts Wissenschaft und Literatur. Sein vielfältiges und vielgestaltiges Werk nimmt immer wieder neu das Verhältnis von Macht und Geschlecht in den Blick und sprengt dabei die Grenzen der akademischen Disziplinen. Mit "Männerphantasien" schrieb Theweleit eines der wichtigsten Bücher zur Psychopathologie des Faschismus. Doch sein leidenschaftlicher Erkenntnisdrang richtet sich ebenso auf Phänomene der Popmusik oder den Fußball. In seinen Relektüren kulturgeschichtlicher Texte hat er durch Einbeziehung von Bildmedien ein ganz neues Genre hervorgebracht. Mit dem Reinhold-Schneider-Preis würdigt die Stadt Freiburg das außergewöhnliche Lebenswerk des kritischen Aufklärers Klaus Theweleit.

Prof. em. Dr. Wolfgang Eßbach

Laudatio

Prof. em. Dr. Wolfgang Eßbach
Institut für Soziologie, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Geschichte spüren

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Salomon
sehr verehrte Damen und Herren dieser Festversammlung
liebe Monika, lieber Klaus,

Vielleicht fange ich mal so an:

Die Staudingerstraße 5 und die Jacobistraße 25 waren die beiden Freiburger Adressen, die aufzusuchen zu meinen ersten Aktivitäten gehörte, als ich zum Wintersemester 1987 einen Ruf an die Universität Freiburg angenommen hatte. Das hatte sich in der Bundesrepublik herumgesprochen, daß hier zwei international diskutierte Wissenschaftler wohnten, für viele der Jüngeren Hoffnungsträger einer Erneuerung der Germanistik im Zeitalter der Medien, daß aber nach dem Willen der Mehrheit der zuständigen Freiburger Professoren Klaus Theweleit und Friedrich Kittler keine Karriere machen sollten. 1987 packte Friedrich Kittler seine Bibliothek, den Lötkolben und die umfängliche Hardware zusammen, um eine Professur in Bochum anzunehmen. Er hat sich danach für hier freiwerdende Professuren beworben, man hat ihn nicht zum Hearing eingeladen. Klaus Theweleit war zu meiner großen Freude davon zu überzeugen gewesen, seinen Brast auf die von ihm geliebte Universität ein Stück weit zu verwinden und einen regelmäßigen Lehrauftrag für Kulturtheorie am hiesigen Institut für Soziologie zu übernehmen.
Was war „der Theweleit“, den man Ende der siebziger Jahre gelesen haben mußte, wenn man intellektuell mithalten wollte? Man fragte: „Hast Du schon den Theweleit gelesen“ und vermied oftmals den Titel auszusprechen, der in der Hochphase des Feminismus schräg, fast etwas inkorrekt klang: „Männerphantasien“.

Daß es sich bei Mann und Frau keineswegs, wie eine bekannte Feministin meinte, um einen kleinen Unterschied handelt, sondern um einen ziemlich großen, das kann man lernen, wenn man die Text- und Bildlandschaften von Klaus Theweleit durchstreift. „Männer und Frauen“ ist schon die Überschrift des 1.Kapitels von „Männerphantasien“, erster Abschnitt „Sieben Ehen“, und dann geht es weiter mit Bräuten, Flintenweibern, Krankenschwestern und der Entstehung des Panzers gegen die Frau.

Von problematischen Paaren handelt Orpheus und Euridike (mit durchgestrichenem ‚und’). Der Mann ist Künstler und die Frau, die er liebt und die ihn liebt, macht ihn produktiv gerade oft dann, wenn sie stirbt. Die tote Geliebte als Basis künstlerischen Schaffens: So bei Gottfried Benn und Herta von Wedemeyer, Claudio und Claudia Monteverdi, Bertold Brecht und Margarete Steffin, Knut Hamsun und Marie Andersen, Dante und Beatrice, Rainer Maria Rilke und Wera Knoop, Ezra Pound und Hilda Doolittle, nur beim Paar: Franz Kafka und Felice Bauer läuft die Geschichte anders. Die Eurydiken in den Paaren waren für ihren Orpheus „mediale Frauen“, d.h. sie schrieben Männertexte auf Schreibmaschinen, traten in Dramen ihres Orpheus auf der Bühne auf oder sangen seine Kompositionen. Und sie konnten diese Leistungen noch steigern, wenn sie tot waren und als jenseitiger Speicher von Gefühlen und Geschichten ihrem Orpheus dienten. Die Fälle, die Theweleit detektivisch aufrollt, lesen sich wie Kriminalgeschichten – starker Tobak für die große Schar einsamer Genies, die nicht nur die literarische Welt, sondern auch die Expertenwelt der Philologen bevölkert. Gottfried Benn, wenn auch vielleicht nur indirekt, aber denn doch ein Mörder seiner Frau?

Über all der Aufregung, die der erste Band des monumentalen Werkes Buch der Könige verursacht hat, drohte die zentrale Einsicht, die Klaus Theweleit vermittelt hat, verschüttet zu werden: Allein kommt man zu nichts. Kreativität erwächst nur aus Beziehungen. Theweleits Geschichten von Orpheus und Euridike haben Vielen zu denken gegeben, und vor allem konnte es von jeder Seite zur Sprache gebracht werden: Allein kommst Du zu nichts. Für einen bekennenden Heterosexuellen wie Klaus Theweleit heißt dies: Ohne Monika, ohne Beziehung zu den Kindern kommst Du zu nichts. Bei sexuellen Minderheiten, die, soweit ein Soziologe und Anthropologe schauen kann, Minderheiten bleiben werden, dürfte es ähnlich sein: All you need is love. Den Beatles-Song, der, wie Sie sicher im Ohr haben, mit einer Marseillaise-Fanfare eingeleitet wird, hat unser Preisträger als Untertitel eines kleinen, wunderbaren Büchleins über Paarbildungsstrategien gewählt. Nebenbei gesagt: Ich würde mir wünschen, daß in die sterile, aggressive und enterotisierte Diskussion um den Bildungsplan in Baden-Württemberg etwas Theweleitscher Geist einzöge.

Männerphantasien von 1977/78 ist aus den Revolten der Sixties und ihren Spaltungsprozessen herausgewachsen. Das Werk ist dem Historiker Erhard Lucas gewidmet. Erhard Lucas – er starb 1993 mit 56 Jahren – forschte vor allem über die Märzrevolution im Ruhrgebiet 1920, die aus dem Geschichtsbewußtsein der Deutschen, auch der Bewohner des Ruhrgebiets, nahezu verschwunden war. Lieber Klaus, wir beide verdanken Erhard viel. Mich hat er 1964 hier in Freiburg für den SDS angeworben und mir beigestanden als ich 1965 auf dem Münsterplatz eine Rede gegen den Krieg der Amerikaner im Vietnam gehalten habe. Du hast seine Einladung angenommen, ein Kapitel seiner Märzrevolution über Bücher der Freikorps-Soldaten zu schreiben. Es handelte sich um grausige Texte, die einer versunkenen Zeit anzugehören schienen. Aber diese Zeit war im Inneren der deutschen Männerkörper noch virulent. Aus dem Kapitel für Erhard Lucas’ Märzrevolution wurde ein eigenes zweibändiges über 1000 Seiten umfassendes Werk.

Männerphantasien, das ist auf einer ersten Ebene eine Sprachstil- und Motivanalyse von über 250 Romanen oder Erinnerungen der Soldateska, die die Führung der SPD gegen die revolutionäre Rätebewegung zu Hilfe rief. Was für ein Frauenbild, was für ein Körperverhältnis und was für ein Verhältnis zur Gewalt hatten diese Männer? Die These lautete: Die literarischen Gewaltphantasien und die reale Gewalt rührten daher, daß es sich bei diesen Kämpfern um „nicht-zu-Ende-geborene“ Männer handelte, die ihre eigenen zarten, erotischen, lebendigen, fließenden Empfindungen in einem Körperpanzer kasernierten. Die asexuelle Lichtgestalt der weißen Krankenschwester und das Gegenbild der kommunistischen Hure, die erschossen und zu „blutigem Brei“ verarbeitet werden sollte, wie es in einem Freikorps-Text heißt, waren zwei Seiten der Entlebendigung des Weiblichen, sowohl der Frauen, mit denen es die Kämpfer an den Fronten des Krieges und des Bürgerkrieges zu tun hatten, als auch der weiblichen Anteile bei ihnen selbst. Die Furcht vor der Verweichlichung des soldatischen Selbst, d.h. der Ich-Auflösung, ist die Quelle der kriegerischen, entgrenzten männlichen Gewalt. Den körperlichen Schmerz im Drill und in den Strapazen der Schlachten zu empfinden, ist dabei Bildungselement des soldatischen Selbst. Diesen an der Analyse der Freikorps-Literatur entwickelten männlichen Typus, der eine lange Vorgeschichte der Disziplinierung von Männerkörpern in Europa hat, findet Klaus Theweleit in faschistischen Texten wieder, und er findet ihn im eigenen Erleben als Kind und Jugendlicher in den 50er Jahren.

In den gängigen Faschismustheorien marxistischer Provenienz kam dies alles nicht vor. Auch die Theorie der Frankfurter Schule vom „autoritären Charakter“ paßte nicht recht dazu. Orientierend wurden für Klaus Theweleit zum einem Autoren, die Korrekturen an den Lehren Freuds vorgenommen hatten, wie die amerikanische Psychoanalytikerin Margaret Mahler, der ungarische Psychoanalytiker Michael Balint und die Begründerin der Kinderpsychoanalyse Melanie Klein. Sie hatten sich auf verschiedene Weise auf die Erforschung der ganz frühen, sogenannten „prä-ödipalen“ Entwicklung des kleinen Kindes konzentriert, in der sich ein körperliches Selbstempfinden bildet, bevor es in das Dreieck Vatermutterkind eintritt. Die andere theoretische und politische Drift für die Männerphantasien strömte 1974 aus Frankreich herüber. L'Anti-Œdipe. Capitalisme et schizophrénie (Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I), war der Titel eines Buches, in dem es um eine Vielzahl von Wunschmaschinen ging, d.h. um vorsprachliche leibliche Regungen, deren anarchische Ströme durch Territorialisierungen letztlich nicht einzudämmen waren. Michel Foucault hat den Anti-Ödipus, das Buch, das der Philosoph Gilles Deleuze zusammen mit dem Psychiater Félix Guattari verfaßt hatte, im Vorwort zur amerikanischen Ausgabe als „ein Buch der Ethik“ bezeichnet, das sich nicht nur gegen den historischen Faschismus richtet, sondern ebenso auch gegen den „Faschismus, der in uns allen ist, (…) der uns die Macht lieben und genau das begehren läßt, was uns beherrscht und uns ausbeutet.“ Und „mittels einer demütigen Ehrung des heiligen Franz von Sales“, der 1604 eine Introduction à la vie dèvote geschrieben hatte, eine Einleitung zum andächtigen Leben, nennt Foucault den Anti-Ödipus, eine „Einführung in das nicht-faschistische Leben.“ Klaus Theweleit war ein Deleuzianer der ersten Stunde und dieser Impuls wirkt bis in die neuen Texte weiter.

Der Faschismus in uns, der uns die Macht lieben und genau das begehren läßt, was uns beherrscht und uns ausbeutet, ist Thema des 1750 Seiten umfassenden zweiten Teils des Buchs der Könige. Man kann hier nachlesen, wie die Künstler-Könige den Kunst-Pol aufgaben und sich an den Macht-Pol ankoppelten. Gottfried Benn an Hitlers Partei, Ezra Pound an Mussolini, Elvis Presley an Richard Nixon und Andy Warhol an den US-Konzern Campbell und an Mercedes-Benz.

Unter den Künstlern, die von den Nazis nicht verfolgt und ermordet wurden, und die Nazi-Deutschland auch nicht verlassen mußten, gab es wenige, die dem Magnetismus des Machtpols nicht erlagen. Zu diesen wenigen gehört Reinhold Schneider, der Namensträger des Preises, der heute vergeben wird. Weder nach der Machtergreifung Hitlers, noch unter der Regierung Adenauer hat Reinhold Schneider darauf verzichtet, ethische Prinzipien öffentlich zu machen. Unter den Bedingungen totalitärer Herrschaft waren es Sonette, die so kunstvoll angelegt waren, daß sie den Nazi-Behörden keinen Grund zum sofortigen Verbot gaben, die aber von seinen Lesern als Ermutigung verstanden wurden, dem Gebot des Mitmachens zu widerstehen. Die Gedichte kursierten in Abschriften, die den Briefen beigefügt wurden, in unautorisierten Privatdrucken, so wie die Samisdat-Literatur im sowjetischen Herrschaftsbereich. Und wie dort Dichter u.a. eine subversive Verwendung von Naturlyrik entwickelten, in der von der Totenstarre, in die alles Leben verfällt, gesprochen wird, so auch Schneider, wenn er am Abend des 20.Juli 1944 das Sonnet „Der Erntetag“ niederschreibt, das mit dem Vers beginnt:

„Schon sind die Felder weiß, und dunkel glüht
Die Sonne da sie zaudernd sich erhebt,
Der Wald verschwimmt, und keine Ähre bebt
Und nicht der Mohn, der atemlos verblüht.“

Schneider gehörte zu den ersten, die die Attentäter gegen die verbreitete Meinung, es habe sich um Vaterlandsverräter oder Dilletanten gehandelt, verteidigten. 1946 forderte er in einer Rede vor der Freiburger Universität dazu auf, jeder solle die Frage an sich selbst beantworten, „was er getan hätte, sofern Adolf Hitler gesiegt hätte.“ Über diese Kernfrage lohnt es sich heute immer noch im Rahmen einer kontrafaktischen Historiographie nachzudenken. Reinhold Schneiders Gradlinigkeit setzt sich in den fünfziger Jahren fort. Schneider wurde Teil der Friedensbewegung, die gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und das Streben nach Atomwaffen kämpfte. Und er scheute sich nicht, seine Beiträge in kommunistischen Zeitungen zu publizieren. Das schadete seinem Ansehen und seine Stimme war nur noch selten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu hören.

Es ist aber nicht nur die Verweigerung gegenüber den Verlockungen des Machtpols und nicht nur der tiefe Pazifismus, die es erlauben, das Werk von Klaus Theweleit neben das von Reinhold Schneider zu legen und auf Resonanzen aufmerksam zu machen. Für beide gilt, daß sie ihre Zeitkritik aus der Geschichte heraus entwickeln. Es war gerade diese historische Dimension, die nach 1945 bei den Autoren etwa der Gruppe 47, deren Texte mehr und mehr den Schulunterricht dominierten, weitgehend gekappt wurde. „Abendland“, für Schneider ein unverzichtbarer Horizont, ist dann in den 70er und 80er Jahren den schubweisen Entrümpelungen der Curricula zu Opfer gefallen.

Wenn man nun einen Band von Theweleits Hauptwerken zur Hand nimmt, so findet man darin weite Partien des Fundus humanistischer Bildung: antike Mythologie, jüdische und christliche Religionsgeschichte, Mittelalter, Aufklärung, Klassik, und diese langen Geschichten sind, wie bei Schneider auch, gegen den Strich gebürstet, damit sie die Zeitkritik erhellen und schärfen.

Auch in der Wahl historischer Szenen lassen sich Korrespondenzen finden. Große Romane Reinhold Schneiders, wie der über den portugiesischen Dichter Luís de Camões, der in der Zeit der Konquistadoren ein berühmtes Epos über die Entdeckung des Seewegs nach Indien durch Vasco da Gama hinterlassen und der auch selbst an Kolonialkämpfen an der Malabarküste im Südwesten Indiens teilgenommen hat, und der 1938 publizierte Roman Las Casas vor Karl V. Szenen aus der Konquistadorenzeit, sie handeln von der Gewalt der Eroberung der Welt durch Portugiesen und Spanier. „Das letzte Mal, in der Disputation, hat mich der Vater Las Casas belehrt über mein weltliches Amt und seine Nichtigkeit“, läßt Reinhold Schneider Karl V. gegen Ende des Romans sagen.

Las Casas Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder, herausgegeben 1966 von Hans Magnus Enzensberger in der unvergessenen sammlung insel, gehörte zu den Grundschriften der antiimperialistischen Neuen Linken. Damals tobte noch der akademische Streit, ob es sich bei diesem Text um Berichte von wahren Begebenheiten, dem Mord an mehreren Millionen Menschen, handelte oder ob es sich bei dem Dominikanermönch Las Casas um einen „Geisteskranken“, „verbohrten Anarchisten“ oder einen „Prediger des Marxismus“ handelte.

Gab es andere Methoden, neue Länder zu erobern und Barbaren zu zivilisieren? Der Legende von der humaneren Kolonisierung Nordamerikas durch Engländer geht Klaus Theweleit in seinem zweiten großen Werk Der Pocahontas-Komplex nach. 1607 wird in Mantua Monteverdis Oper „L’Orfeo“, das Monument für seine verstorbene Frau Claudia, uraufgeführt, und im selben Jahr landen englische Siedler an der nordamerikanischen Küste und gründen Jamestown in Virginia, – ein Zufall, der Klaus Theweleit dazu verleitete, „Orpheus am Machtpol“ anders weiterzuführen und zwar in Richtung auf „Orpheus in Amerika“. Da war er ja mit Elvis Presley und Andy Warhol schon im Buch der Könige gelandet. Die Geschichte von dem Indianermädchen Pocahontas, das sich in den englischen Seemann John Smith verliebt und den Geliebten vor dem Tod am Marterpfahl ihrer Landsleute bewahrt, gehört zu den Grundmythen des Selbstbildes der USA als einer Nation, bei es eben anders gelaufen sei als bei den Portugiesen und Spaniern.

Aber die Geschichte ist viel zu schön, um wahr zu sein. Das erfährt man, wenn man Pocahontas in Wonderland liest. Es handelt sich um eine „Deck-Geschichte“. Denn es kreuzt sich darin eine andere Geschichte, nämlich die des Siedlers John Rolfe, Mitbegründer von Jamestown, der die Königstochter Pocahontas nicht aus Liebe heiratete, sondern um die Siedlung vor den Aggressionen der Indianer zu sichern. Mehr noch: John Rolfe veredelte den Tabak, der in Virginia wild wuchs und der in den Friedenspfeifen der Indianer geraucht wurde, und begründete die weiße Tabak-Ökonomie. Die Plantagen wurden ausgeweitet, und nachdem die Macht der Siedler gefestigter war, verendeten die schönen Geschichten der Mischehen im Krieg gegen „die Wilden“.

Es ist dieses Modell, das Klaus Theweleit im Pocahontas-Komplex in vielen Szenen vorführt: Die koloniale Landnahme gelingt, wenn die Eroberer die Liebe indigener Frauen gewinnen und so ihr Überleben angesichts der feindlichen Übermacht sichern. Im Buch der Königstöchter. Von Göttermännern und Menschenfrauen, das im letzten Jahr erschienen ist, hat Klaus Theweleit eine Vielfalt von Geschichten der Eroberung von Land versammelt, von den Argonauten bis zu Camerons Avatar, bei der die Sicherung der Fremdherrschaft mit Hilfe von Frauen aus den eroberten Ländern gelingt.

Legt man die Eroberungsgeschichten von Preisträger und Namensgeber des Preises nebeneinander, so könnte man sagen: Während Reinhold Schneider in den 30er Jahren den missionarischen Geist der portugiesischen Kreuzritter, die nach ihrer Niederlage im Nahen Osten sich an die Eroberung der Welt machten, und die Anklagen des Dominikanermönchs Las Casas zum Gegenstand historischer Romane macht, deckt Theweleits ebenfalls aus der Geschichte gewonnene Zeitkritik das Liebesgeheimnis des Gründungsmythos der USA auf, und dieser Spur folgend, die Konstruktionsprizipien der eigentümlichen Macht des Westens.


Fragen wir zum Schluß: Woher könnte die Ausdauer und die Kreativität, die sich im Werk von Klaus Theweleit manifestiert, kommen? Woher dieser unverkennbare zuvor nicht gehörte Sound, gemixt aus Theorie, gelehrter Faktenbesessenheit, schnoddrigem Talk, Erzählfreude, getaktet und eingelassen in einem Strom vom Bildern?

…ein Aspirin von der Größe der Sonne, im Text zum fünfzehnjährigen Jubiläum des Freiburger Buchladens Jos Fritz, liest man: „Der Grad der Geschichtlichkeit in einem Körper, die Wirklichkeitskompresse aus Geschichtlichkeiten bestimmt den Blick, die Wahrnehmung, die Schnitte, die Eingriffe, die Verfahrensweisen der Einzelnen im Umgang mit den Dingen, den Sätzen, den Tönen, den Leuten, den Bildern, den Erinnerungen, dem Alltag.“

Und man findet bei ihm eindrucksvolle autobiographische Körpererinnerungen. Da kickt der Junge auf einem Bauerndorf bei Husum mit einer Schweinsblase: „Zauber regellosen Herumspielens“. Sie „war ein anarchistisch-demokratisches Gerät, wenn auch nur durch gleichmachende Ungerechtigkeit.“ – „Gedichte seien wie Pfirsiche. Man habe ihre samtene Haut zu schonen“, liest er später bei einem Literaturprofessor und bemerkt: „Ein Ball wird schöner wenn man ihn richtig tri(ff)t. Für eine Menge Gedichte gilt übrigens das Gleiche. Ein kräftiger Tritt gegen ihre Schale erweist ihre Flugfähigkeit.“

Aus der „Sprachverbannung“: „Du hast damals nicht gelebt; du kannst das nicht verstehen; und Klappe jetzt“ führten „die Wundergeräte Rockmusik und Kino“ heraus. Ab 1956 kann er Rock ’n Roll auf BFN/AFN hören. „Hier waren Töne, die Ansätze eines eigenen Sprechens hervorbrachten“. Aber nicht nur diese Musik: „Die Amerikaner“, so erinnert er sich im Buch zu Heiner Müllers Traumtext, „die mich akustisch am Nachhaltigsten ‚vor den Nazis gerettet’ und gegen sie immunisiert hatten – das waren die Bebob-Jazzer zwischen Dizzy Gillespie und Charly Mingus“. – „Während die wirkliche Welt, genannt ‚Realität’, in die einzutreten sie einen geboren hatten, brüllte, ‚es gibt kein Bier auf Hawaii, drum bleib ich hier’. Was für Arschlöcher.“

Die Rockmusik, der Jazz und dann das Kino. Theweleits Bücher sind nicht einfach „Theorie-Romane“, wie man sie genannt hat, sondern ebenso Theorie-Filme, denn die Bilder, die mehr als die Hälfte der Seiten füllen, sind keine Illustrationen alter Art, es sind Bildströme, die man wie einen Film ansehen kann. Für den Kinogänger Theweleit waren die Autoren der Zeitschrift Filmkritik „die ersten deutschen Stimmen, die nicht nach Fascho, Heimat, Enge rochen, und die verläßlich vor allem von den wichtigen Dingen schrieben, the real thing. Nicht Gruppe 47 – Filmkritik. International wie die Surrealisten, jeder Artikel ein Manifest, in nicht dogmatischer Schreibe, und immer auch wie die Stücke auf einer LP, Musik.“ Dies galt besonders für die Stimme von Frieda Grafe. Die Kritiken und Essays dieser großen Lehrerin des Sehens werden für Theweleit Vorbild für „eine Sprache, in der sich auf deutsch ausdrücken ließ, was einen selber umtrieb, das Reale der Bilder, Töne Körper.“

Und was da alles sehend aufgedeckt wird: Hitchcocks Die Vögel. die Luftangriffe, der Duschvorhang in Psycho, die Mordduschen Hitlers, Ludwig Kirchners duschender Soldat und Anselm Kiefers Sonnenblume als eine Kerne versprühende Riesendusche. – Die Tiefenschichten von Pasolinis indizierten, verstümmelten, verbotenen und wieder zugelassenen Film Salò oder die 120 Tage von Sodom mit aller Gewalt, die man nicht vorgeführt bekommen will, und vor allem immer wieder Jean-Luc Godard.

So schließe ich mit dem hoffnungsvollen Satz von Godard: „Das Kino erlaubt es Orpheus, sich umzudrehen, ohne Eurydikes Tod zu verursachen“ und ich füge hinzu: Lieber Klaus, bei Deinen Büchern ist es ebenso.


Stipendium: Lisa Kränzler

Lisa Kränzler (Foto: Albert Josef Schmidt)

Mit dem Stipendium zum Reinhold-Schneider-Preis würdigt die unter Vorsitz von Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach tagende Jury aus Mitgliedern des Gemeinderats und Literaturexpertinnen und -experten in diesem Jahr Lisa Kränzler.

Die 1983 in Ravensburg geborene Kränzler studierte Freie Kunst (Studiengang Malerei/Grafik) an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, Außenstelle Freiburg, und war 2010/11 Meisterschülerin bei Tatjana Doll.

Neben und für ihre Malerei wurde das Schreiben immer wichtiger. Die 31-jährige Lisa Kränzler debütierte 2012 mit ihrem Roman „Export A". Mit ihrem Erstling wurde sie für den Klaus-Michael Kühne-Preis 2012 und für den Rauriser Literaturpreis 2013 nominiert. In Rückblicken und Monatagetechnik werden die Themen Erwachsenwerden, Destruktion, Exzess und Schuld anhand der Geschichte einer 16jährigen Austauschschülerin in Kanada erzählt. Beim letztjährigen Ingeborg Bachmann-Wettbewerb erhielt Kränzler den 3Sat-Preis. Ihr zweiter Roman „Nachhinein", der die Geschichte einer ungleichen Mädchenfreundschaft erzählt, bescherte Kränzler 2013 die Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse.

Jurybegründung


Lisa Kränzler erzählt mit großer Authentizität in ihrer eigenen Sprache, mit ihrem eigenen Klang, zu ihren eigenen Bildern. Parallel zu ihrer Arbeit als bildende Künstlerin hat sie zwei viel beachtete und hoch gelobte Romane veröffentlicht, ihr drittes Werk ist abgeschlossen. Ungeachtet der großen medialen Aufmerksamkeit sucht diese starke Persönlichkeit ihren Weg und hebt sich mit ihrer schonungslosen und sprachlich radikalen Erzählweise aus den Veröffentlichungen ihrer Generation heraus. Die Stadt Freiburg würdigt die Autorin Lisa Kränzler und ihren unverkennbaren Stil mit dem Stipendium zum Reinhold-Schneider-Preis.

Jörg Sundermeier, Verleger des Verbrecher Verlags Berlin

Jörg Sundermeier
Verleger des Verbrecher Verlags Berlin
Auf Lisa Kränzler

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Lisa,

Lisa Kränzler ist ein Phänomen. Sie ist da – und sie bleibt. Es ist nicht so, dass sie sich einem aufdrängt, dass sie ein Treffen herbeibettelt oder dass sie mit lautem Geschrei auf sich aufmerksam macht. Nein, Lisa Kränzler macht durch ihre Kunst auf sich aufmerksam, nur durch ihre Kunst und nicht etwa durch ihre Person.
Lisa Kränzler erscheint Betracherinnen und Betrachtern auf ihren Bildern.
Lisa Kränzler erscheint ihren Leserinnen und Lesern in ihren Büchern.
Und das mit Wucht.
Ich durfte Lisa Kränzler über ihre Kunstprofessorin, Tatjana Doll, kennenlernen. Tatjana Doll empfahl mir ein Manuskript ihrer Meisterschülerin und bat mich, es zu lesen, es sei so toll, sagte sie, aber vielleicht wäre sie ja auch befangen.
Also las ich „Export A“, und ich war überwältigt. Ich war dem Text ausgeliefert. Seinem Sound, seiner Handlung, seiner Unerbittlichkeit, mit der er sein Thema verfolgt.
Über die Autorin aber war nichts herauszufinden, das allwissende Internet gab so gut wie nichts her.

Und das war gut so.
Denn es geht in den Büchern von Lisa Kränzler nicht um ihre Person, und selbst da, wo der Voyeur in uns glaubt, er sei einem autobiografischen Detail auf der Spur, irrt er.
Es geht bei großer Kunst nicht darum, wer hier schöpferisch tätig war. Es geht darum, was dort geschrieben steht, was dort gemalt ist.
Es geht um Farben und Buchstaben.

Lisa Kränzler nimmt, wie ich schon bei unserem ersten Treffen feststellen konnte, ihre Kunst sehr ernst. Und das nicht etwa in dem Sinne, dass sie sich nach Anerkennung und Lob sehnt, sondern in dem Sinne, dass sie der Kunst selbst einen außerordentlich hohen Stellenwert einräumt. „Kunst und Leben sind ein und dasselbe“, schrieb Ludwig Hohl, einer ihrer Lieblingsautoren.
Folglich kann sie, seit sie die Künstlerin in sich entdeckte – und das wird ziemlich früh gewesen sein –, der Kunst nicht mehr entkommen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, meine Damen
und Herren, ich will nicht, wie es in Sonntagsreden üblich ist, eine Autorin dafür loben, dass sie ihr Handwerk versteht. Auch möchte ich nicht betonen, dass sie zu ihren Inhalten steht und gewillt ist, ihre Bilder oder ihre Texte mehrfach zu überarbeiten.

Lisa Kränzler ist keine Schriftstellerin und Malerin, die sich einen Brotberuf ausgesucht hat, der ihren Neigungen entspricht. Sie interessiert sich nicht für Empfänge und Besprechungen, versucht nicht, in Galerien und Literaturhäusern Smalltalk zu machen.

Diese Künstlerin lebt für die und von der, vor allem aber: mit der Kunst. Ihre Abhängigkeit von der Kunst ist eine existentielle. Ihr Leben ist kein Kunstwerk, aber Kunst ist ihr Leben. Nehmen Sie dieser Frau, wenn Sie sie foltern wollen, Atelier, Farben und Schreibmaschine weg, sie werden sie nicht härter treffen können.
Die Künstlerin aber, die in den Werken Lisa Kränzlers bei sich selbst ist, ist keine lebendige Figur – sie ist Ausdruck einer Haltung.

Lisa Kränzler hat einmal, Herman Melville zitierend, gesagt, dass sie „nicht denkt, sondern fühlt, fühlt, fühlt.“ Und tatsächlich hat sie, was sie schreibt, erlebt. Wenn in ihrem Debütroman „Export A“ die Protagonistin beinahe erfriert oder in ihrem zweiten Roman „Nachhinein“ ein Mädchen seine Hand an einem Gitter aufreißt, so kann man davon ausgehen, dass die Autorin dies erlebt hat. Vor ihrem inneren Auge.

Und für dieses gilt, was sie eine ihrer Romanfiguren sagen lässt: „Mein inneres Auge hat kein Lid. Ich muss hinsehen.“
Wer aber hinsehen muss, muss auch durchleiden, was er sieht. Lisa Kränzler schont ihre Romanfiguren nicht. Und sie schont ihre Leserinnen und Leser nicht.
Diesen teilt sie sich auf vielfältige Weise mit, auf persönliche Weise, über ihre Kunst, mit Wucht, doch merkwürdigerweise ohne Aufdringlichkeit.

Diese Künstlerin malt in ihren Romanen mit Worten, und sie schreibt auf ihren Zeichungen mit Farben, und Farben und Wörter werden. Selbst wenn sie grob aufgeträgt, setzt sie präzise – was verläuft, was versickert, was schräg klingt und was sich ungewohnt anhört, ist hart erkämpft. Sie hat es sich selbst abgerungen und dem Material, sie hat es gegen ihre Kunstprofessoren und ihre Lektoren durchgesetzt - erst wenn es sich richtig anfühlt, ist es richtig.

Das, was beschreibbar ist, kann beschrieben werden. Das klingt dann so:
„In den folgenden Wochen setzte sich unser Hauptnahrungsmittel aus 6 Gramm Fett, 15 Gramm Kohlenhydraten, 8 Gramm Zucker und einem Gramm Protein zusammen. »10 Minuten vorheizen, 9 Minuten backen«, stand auf der Packung.

Doch das, was nur fühlbar ist, soll korrekt nachfühlbar gemacht werden. Nun ist das Fühlen gerade im deutschen Sprachraum nicht ganz zu Unrecht verpönt, denn oft gilt es als Rechtfertigung für Dummheiten und schlimme verbale Attacken – „Ich fühle das aber so!“ Nichts davon bei Lisa Kränzler, die vielmehr mit der gleichen Präzision, mit der sie sich technischen Daten hingibt, auch Gefühle vermitteln will. Und so liest sich das, was sich so anfühlt:

Im Allgemeinen gefällt mir die absurde Idee, dass sich eine in Farbe, Form und allen anderen Teilen permanent verändernde Welt, mittels einer Anhäufung dicker, dünner, verdichteter oder vereinzelter Striche auf ein Papier bannen lässt. Die kleine Enttäuschung, das Scheitern, das mit jedem meiner Versuche einhergeht, stören mich nicht, denn solange der Stift über die Fläche fährt, ist alles Hoffnung und alles möglich. Überdies beobachte ich seit einiger Zeit, dass zwischen Zeichnen und Klavierspielen eine Verwandtschaft besteht …

Ob man nun Klang- oder Holzfarben benutzt – die Gesinnung, das Grundgefühl, mit der man an »die Sache« herangeht, muss in beiden Fällen ein starkes, oder besser, das stärkste, das absolut intensivste und hingebungsvollste sein. Halbherzig- und Halblebigkeit führen in beiden Feldern nicht etwa bis zur Hälfte des Wegs, sondern schlichtweg nirgendwohin.

Lisa Kränzler leidet darunter, dass man Gefühle nicht präzise vermitteln kann, dass Signifikant und Signifikat bei der Vermittlung von Gefühlen noch weiter auseinanderfallen, als sie es eh schon tun.
Jeder, der einmal mit Lisa Kränzler vor einem Bild gestanden hat und sie merken ließ, dass er nicht sehen kann, was sie sieht, kennt ihre Enttäuschung. Eine intellektuelle Traurigkeit befällt sie in diesen Augenblicken, nicht etwa Verzweifelung, eher Missmut. Lisa Kränzler findet sich ungern mit Dingen ab.

Darum ringt sie darum, möglichst genau mitzuteilen, was sie denkend fühlt und fühlend denkt. Dafür hat sie eine Farben- und Formensprache in zwei Künsten entwickelt, die staunen macht – weil sie so ausgereift ist, und doch so scheinbar unangestrengt vorgetragen wird.

Nun geht es Lisa Kränzler allerdings nicht darum, uns mitzuteilen, wie sie sich so fühlt. Sie hat große Themen, an denen sie sich abarbeitet, Stolz, Schuld, Glaube, Verrat, Vertrauen und selbstredend immer wieder die Kunst.

Es geht ihr nicht um autobiografische Versuche, es geht ihr um Menschheitsfragen.
Fragen, die sich ihr aufdrängen.

Um deren Beantwortung oder zumindest genaue präzise Einfassung sie kämpft.
Für sich.
Für uns.
Vielen Dank.


Jury

Nach der vom Gemeinderat am 23. Oktober 2001 beschlossenen Satzung besteht die Jury aus dem Oberbürgermeister, dem Kulturbürgermeister, fünf Mitgliedern des Gemeinderates und sechs Persönlichkeiten des geistigen und kulturellen Lebens.

Mitglieder des Preisgerichts 2014 – Sparte Literatur

  • Oberbürgermeister Dr. Dieter Salomon (vertreten durch Bürgermeister von Kirchbach)
  • Bürgermeister Ulrich von Kirchbach (Jury-Vorsitz)

Stadträtinnen und Stadträte

  • Stadträtin Pia Federer
    Fraktionsgemeinschaft Junges Freiburg/Die GRÜNEN
  • Stadträtin Dr. Ellen Breckwoldt
    CDU-Fraktion
  • Stadtrat Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Eßmann
    SPD-Fraktion
  • Stadtrat Atai Keller
    Fraktionsgemeinschaft Unabhängige Listen
  • Stadtrat Nikolaus von Gayling-Westphal
    FDP-Fraktion

Persönlichkeiten des geistigen und kulturellen Lebens

  • Dr. Martin Ebel
    Literaturredakteur des "Tages-Anzeiger" Zürich
  • Sebastian Reiß
    Leiter des Hörbüro Freiburg, Präsentation literarischer Neuerscheinungen in der Reihe „Reiß liest...“
  • Jürgen Reuß
    Autor, freier Journalist, Literatur-, Theaterkritiker und Übersetzer
  • Dr. Bettina Schulte
    Kulturredakteurin der Badischen Zeitung
  • Dr. Stefanie Stegmann
    Leiterin des Literaturbüros Freiburg von 2005-2013. Seit Januar 2014 Leiterin des Literaturhauses Stuttgart
  • PD Dr. Weertje Willms
    Dozentin für Neuere Deutsche Literatur sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Presse

Kontakt

Frau Claudia Dürr

Assistenz der Amtsleitung

Telefon (07 61) 2 01-21 01

Bewerbungen

Vorschläge für potentielle PreisträgerInnen werden über die jeweilige Experten-Jury eingebracht. Eigenbewerbungen sind grundsätzlich möglich, aber unüblich. Ein Bewerbungsformular liegt nicht vor.


Satzung

Informationen zu Vergabe-Kriterien, Dotierung, Jury-Zusammensetzung etc. können in der Satzung über die Verleihung des Kulturpreises (7,3 KB) (PDF-Datei) eingesehen werden.