Innovation aus Freiburg
Live-Video bei Notrufen

Wenn Menschen den Notruf wählen, zählt meist jede Sekunde. Mithilfe einer neuen Technik sollen Entscheidungswege verkürzt und Menschenleben gerettet werden. "Live-Video" bringt den Blick der Leitstelle direkt an den Einsatzort.
Mit der Anwendung kann die Integrierte Leitstelle (ILS) künftig bei Bedarf ein Videobild aus der Smartphone-Kamera von Anrufenden anfordern. Dadurch lässt sich eine Notlage schneller und präziser einschätzen und Hilfe gezielter auf den Weg bringen. Entwickelt wurde die Anwendung unter maßgeblicher Beteiligung von Henning Schmidtpott vom Amt für Brand- und Katastrophenschutz (ABK) gemeinsam mit Google.
Unterstützung in entscheidenden Momenten
Erreicht ein Notruf die Leitstelle, müssen die Disponent*innen innerhalb weniger Sekunden einschätzen, was passiert ist und welche Hilfe benötigt wird. Bislang ging das nur anhand von Fragen und Beschreibungen, auf Kosten wertvoller Zeit. „Dank Live-Video können wir jetzt auch Bilder in unsere Entscheidung einbeziehen“, erklärt Christian Emrich, Leiter des ABK und Geschäftsführer der ILS.
Zwei typische Szenarien zeigen, wie hilfreich das sein kann:
- Gebäudebrand: Der Leitstelle wird gemeldet, dass aus einem Fenster schwarzer Rauch aufsteigt. Wenn die Person, die den Notruf absetzt, Live-Video einschaltet, kann die Leitstelle erkennen, dass mehrere Personen auf einem Balkon des Gebäudes stehen und nur mit einer Drehleiter zu retten sind. Entsprechend kann die Leitstelle zusätzliche Rettungsmittel an die Einsatzstelle senden und/oder das Alarmstichwort erhöhen.
- Reanimation: Gemeldet wird ein Herz-Kreislauf-Stillstand. Die Leitstelle unterstützt den Notrufenden telefonisch bei der Wiederbelebung, bis der Rettungsdienst eintrifft. Durch die Nutzung von Live-Video kann sie sehen, ob der Ersthelfer ihre Erste-Hilfe-Anweisungen korrekt und effizient umsetzt. Falls nötig, kann die Leitstelle korrigierend eingreifen.
Weniger Klicks im Notfall
Systementwickler Schmidpott weist darauf hin, dass solche Videos bei Notrufen keine neue Erfindung seien. Bislang sei die Handhabung aber umständlich gewesen: Die Leitstelle musste einen Link per SMS schicken, der geöffnet und freigegeben werden musste, bevor ein Video übertragen werden konnte. Dieser Prozess ist bisher oft gescheitert.
Die neue Lösung ist jetzt deutlich einfacher. Die Leitstelle fordert das Live-Video direkt an, woraufhin auf dem Handy der*des Anrufende*n eine kurze Abfrage erscheint. Stimmt der oder die Nutzer*in zu, wird das Video übertragen. Aktuell funktioniert das Verfahren auf allen Android-Geräten, ohne dass eine App installiert oder Einstellungen geändert werden müssen. Wann die Technik auch auf iPhones verfügbar sein wird, steht noch nicht fest.
Nicht die erste Innovation aus Freiburg
Das "Live-Video" ist nicht die erste Erfindung im Rettungswesen. Bereits 2020 hat die ILS bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Damals wurde hier AML (Advanced Mobile Location) entwickelt. Die Technik aktiviert bei einem Notruf automatisch die Ortungsfunktion des Smartphones und übermittelt die GPS-Daten an die Leitstelle. AML wird inzwischen deutschlandweit genutzt.
Mit Live-Video könnte jetzt die nächste technische Innovation aus Freiburg kommen. In ausgewählten Regionen in den USA und Mexiko wird die Anwendung bereits genutzt. In Europa ist die ILS Freiburg die erste Leitstelle, die Live-Video offiziell einsetzt.