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Reste der ehemaligen Freiburger Synagoge dokumentiert

Am Standort der in der Pogromnacht am 9.11.1938 zerstörten jüdischen Synagoge von Freiburg wurden im Zusammenhang mit der städtebaulichen Neuordnung 2016 Bauarbeiten durchgeführt. Von Anfang an waren die Planer der Stadt Freiburg bemüht alle Vorkehrungen zu treffen, um die Würde des Ortes zu wahren. Voruntersuchungen sollten sicherstellen, dass mögliche Reste des Gebäudes bei der Neugestaltung des Platzes nicht zerstört würden. Bei Bodenradar-Messungen zeichneten sich jedoch keine Spuren des Baus ab. Vermutlich liegt dies daran, dass das Kellergeschoss der Synagoge 1869-70 weitgehend ohne Bodeneingriffe auf ebenem Terrain errichtet worden war.

Die Freiburger Synagoge im Zustand von 1902 (Foto StadtAF, M 736/1772)

Ein Foto aus dem Jahr 1902 zeigt, dass das Gelände um den Neubau künstlich aufgeschüttet worden ist (Abb. oben). Die im September 1870 eingeweihte Synagoge wurde 1925 bei einem Umbau umgestaltet. Im Abgleich mit historischen Plänen ist die Lage der Synagoge eindeutig zu bestimmen. Ein Wasserspiegel soll künftig den Grundriss der Alten Synagoge der jüdischen Gemeinde Freiburgs auf dem neu gestalteten Platz nachzeichnen.

Und dann kamen doch Mauerreste

Schon bei Vorarbeiten im Jahr 2015 wurden Mauern angeschnitten, die jedoch zu einem spätmittelalterlichen Gewölbekeller gehört haben. Bei der Anlage von Zisternen für die Wasseranlage wurden im Sommer 2016 Mauerreste in einer Tiefe von bis zu 2,5 m unter der Geländeoberfläche erkannt. Die Bauarbeiten wurden umgehend eingestellt und nur Stunden später dokumentiert. Letztendlich erbrachten die Untersuchung das eindeutige Ergebnis, dass die Mauerzüge einerseits zur 1120-1140 errichteten Stadtmauer, anderseits zu einem wohl im 17. Jahrhundert errichteten Keller gehört haben. Die Baustrukturen lagen etwa 10 m nördlich des Standorts der Synagoge.
Am 29. September 2016 kamen bei den Erdarbeiten zur Anlage des Wasserbeckens erneut Mauerstrukturen zutage, die sich nun definitiv der ehemaligen Synagoge zuweisen ließen. Nur wenig unter der Geländeoberfläche fand sich der Schürkanal der Heizanlage der ehemaligen Synagoge (Abb. unten, 4e), von der sich ein Feuerungskanal und selbst Kohlebriketts fanden. Insbesondere im Ostteil der Synagoge wurden tiefer reichende Fundamente erkannt. Die Mauerstücke waren allerdings nicht im Verband, es handelte sich um sechs einzelne Mauerpartien (Abb. 2, 4 a-f). Durch die Überlagerung mit dem Katasterplan lassen sie sich dem Ostteil der 1869-70 errichteten Synagoge zuweisen.

Platz der alten Synagoge, Gesamtplan der Befunde der Rettungsgrabung. 1 Reste der 1120-40 errichteten Stadtmauer mit vorgelagertem Graben, 2 spätmittelalterlicher Keller, 3 Fundament einer Kaserne aus dem 19. Jh., 4 Fundamentreste der 1869-70 errichteten alten Synagoge mit ergänztem Grundriss, 5 Erweiterung der Synagoge 1925, 6 Betonkeller aus der Nachkriegszeit(LAD, Urs Grabo).

Bei einem Ortstermin am 4.10.2016 zusammen mit Vertretern der Stadt Freiburg und der israelitischen Glaubensgemeinschaft Freiburg wurden die Strukturen gemeinsam in Augenschein genommen und das weitere Vorgehen besprochen. Man war sich einig, dass die als Kulturdenkmal nach § 2 DSchG zu wertenden Mauerreste erhalten werden müssen. Wie das erfolgen sollte wurde hingegen kontrovers diskutiert. Während Stimmen laut wurden die Baustrukturen sichtbar zu erhalten, oder gar an der Stelle die Synagoge neu zu errichten, folgte die Stadt Freiburg der denkmalpflegerischen Empfehlung. Aufgrund des brüchigen Steinmaterials mit weitgehend abgebautem Fugenmaterial, war eine dauerhafte Erhaltung nur durch eine Abdeckung mit einer Schutzschicht zu erreichen. Gemeinsam mit der Stadt wurde ein Konzept für die dauerhafte Erhaltung dieser Reste im Boden entwickelt und mit Unterstützung durch Restaurator Eberhard Grether umgesetzt.

Ein architektonischer Stolperstein

Bei der gründlichen Untersuchung des Baugeländes wurde im durchmischten Oberboden ein bemerkenswerter Lesefund gemacht. Ein etwa 20 cm großes, rundes Architekturfragment mit einem verbogenen Eisenstab ließ sich erst nach sorgsamer Reinigung und zurückhaltender restauratorischer Behandlung deuten. Offensichtlich handelt es sich um die Bekrönung eines architektonischen Zierelements (Abb. unten). Aufgrund des Fundortes lag der Verdacht nahe, dass es zur ehemaligen Synagoge gehört haben könnte. Diese war, einem Artikel der Freiburger Zeitung vom 24. September 1870 zufolge, als „schöner Bau,,..kühn aufstrebend im maurisch-byzantinischen Stil“ errichtet worden. Der Architekt war Georg Jakob Schneider, der in Freiburg das Colombischlösschen, aber auch die Synagogen von Kippenheim, Ihringen und Müllheim erbaut hat. Auch bei den Umbauten von Schloss Ortenberg hatte er die Bauleitung. Der Bau hatte ursprünglich einen nahezu quadratischen Grundriss. Der Zugang erfolgte von Westen, wobei das Portal von zwei schlanken Türmchen flankiert war. Vor die Hauptfassade wurde 1925/26 eine Erweiterung vorgebaut.
 
Bei genauer Betrachtung der Abbildungen der Synagoge kommt als ursprünglicher Standort unseres Fragments in erster Linie der obere Abschluss eines der beiden Türme, die den Eingang flankierten. Besonders beim nördlichen Türmchen sieht der Knauf dem Bruchstück sehr ähnlich, so dass vieles für diese Zuordnung spricht. Unser Architekturfragment wäre demnach neben den in der Neuen Synagoge verwahrten Türen, dem Kronleuchter und der Gesetzestafeln eines der letzten dinglichen Zeugnisse der 1938 zerstörten Freiburger Synagoge. Bei dem Umbau von 1925 wurden besagte Türme teilweise rückgebaut, der Abschlussknauf kam wohl damals in den Boden.

Freiburg, Platz der Alten Synagoge. Architekturfragment Synagoge (Foto: LAD).

Hinweise zum Aussehen der Alten Synagoge

Das kleine Bauteil verrät bei näherer Beschäftigung einiges über den heute nicht mehr existierenden Bau. Erstaunlich ist zunächst das Material. Der Knauf ist nicht aus einem Werkstein skulpiert, sondern als Kunststein in eine Form gegossen. Er besteht aus Portlandzement, der an den Bruchstellen noch seine ursprüngliche hellgraue Farbe aufweist. An der Oberfläche ist er durch Verwitterung fast weiß. In die Form hat man vor dem Ausgießen einen Vierkantstab aus Eisen geben. Dieser hat jedoch nicht den Charakter einer Armierung, sondern diente eher der Fixierung des exponierten Bauteils gegen Winddruck. Die Verwendung von Portlandzement in Freiburg ist 1860 erstmals bei der Sanierung des Turmhelms am Münster nachweisbar. Beim Bau der Synagoge 1869-70 griff Architekt Schneider bewusst auf einen ganz neuen Werkstoff zurück.

Rekonstruktion der Synagoge Bauphase I 1869-70. Archäologischer Befund (unten), Kellergeschoss in Hügelschüttung (Mitte) und aufgehendes Gebäude (oben), Rekonstruktion: Michel Wälti.

Die Auswertung der Grabungsbefunde wird durch das Fehlen von Bauplänen erschwert, diese gingen im Krieg verloren. Auf der Grundlage von historischen Fotografien und Lageplänen gelang es Michel Wälti im Rahmen eines Praktikums ein CAD-Modell der Synagoge zu erstellen (Abb. 4). Dadurch sind die bei der Sondage erfassten Mauerzüge eindeutig verschiedenen Bauteilen zuzurechnen. Die dokumentierten Fundamentreste sind die untersten Lagen der Substruktionen des Ostteils des 1869 errichteten Ursprungsbaus. Typisch für Synagogen liberaler jüdischen Gemeinden war auch bei dem Freiburger Gebetssaal die Bima, der Platz von dem die Tora während des Gottesdienstes gelesen wird, mit dem Toraschrein an die Ostseite gerückt.

Die erfassten Reste der Heizanlage machten zunächst wenig Sinn, da bei den Fotos der Synagoge nie ein Kamin erkennbar war. Erst die Überlagerung machte deutlich, dass man diesen als nördlichen Flankenturm des Portals kaschiert hat. Diese Funktion war auch der Grund, weshalb man die Türme nach dem Umbau von 1925 zwar reduziert, aber nicht entfernt hat.

Schlussbemerkungen

Die baubegleitenden Untersuchungen am Platz der Alten Synagoge zeigen, dass auch kleinere Untersuchungen stadtgeschichtlich wertvollen Ertrag haben können. Selten wurde auch der Umgang mit archäologischen Zeugnissen in der Stadt in den Medien und der Öffentlichkeit so emotional und kontrovers diskutiert. Gemeinsam wurde ein Vorgehen beschlossen, das einen nachhaltigen Schutz der Relikte garantiert. Bei Fundmeldung, Freilegung, Dokumentation und der Umsetzung der Schutzmaßnahmen sei der Stadt Freiburg für die gewohnt gute Zusammenarbeit gedankt.

Literatur:​

Gabriele Blod, Die Entstehung der israelitischen Gemeinde Freiburg 1849-1971. Stadt und Geschichte Heft 12, 1988.
Franz J Ziwes (Hg.), Badische Synagogen: Aus der Zeit von Grossherzog Friedrich I. in zeitgenössischen Photographien (1997).
Joachim Hahn / Jürgen Krüger, Synagogen in Baden-Württemberg (Stuttgart 2007).


Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Bertram Jenisch

Info

Dr. Bertram Jenisch
Regierungspräsidium Stuttgart
Abt. 8 – Landesamt für Denkmalpflege
Ref. 84.2, Fachbereich Archäologie
des Mittelalters und der Neuzeit
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