Waldbegang im Revier Waldsee

Der Wald als Multitalent

Nicole Schmalfuß erklärt den Gästen beim Waldbegang den Wald
Gebannt lauscht die Rathaustruppe der Forstamtschefin Nicole Schmalfuß bei der Exkursion im Revier Waldsee.

Alle zwei Jahre zeigt das Forstamt dem Gemeinderat und der Verwaltung, was sich im Stadtwald aktuell tut – und welche Strategien angewendet werden, um den Wald fit für die Zukunft zu machen. Diesmal führte die Rundtour durchs Revier Waldsee.

Waldbewirtschaftung steht vor Herausforderungen

„Den hat doch bestimmt sein Navi in die Irre geleitet“, werden sich vermutlich einige gedacht haben, denen vor 14 Tagen mitten im Wald ein stattlicher gelber Reisebus entgegenkam. Doch alles hatte seine Richtigkeit, und bis auf ein leichtes Aufsetzen in einer engen Kurve kam der sonst im Liniendienst im Dreisamtal eingesetzte Bus gut voran. 

An Bord hatte er eine gut 50-köpfige Besuchsgruppe mit Umweltbürgermeisterin Christine Buchheit und ihrer Vorgängerin Gerda Stuchlik sowie Mitgliedern des Gemeinderats und der Verwaltung – auf Einladung des städtischen Forstamts. Ziel des Termins: aufzuzeigen, welche Herausforderungen sich bei der Bewirtschaftung des Waldes stellen. Wobei das genau genommen gar nicht auf den kompletten Stadtwald zutrifft. Denn rund 300 Hektar, also fünf Prozent des städtischen Waldes, werden gar nicht bewirtschaftet, sondern sind dauerhaft „stillgelegt“.

Stillgelegte Flächen liefern Erkenntnisse

Was das heißt, zeigte Forstamtsleiterin Nicole Schmalfuß rund um den Brombergkopf. Seit über 30 Jahren ist hier keine Säge mehr am Werk gewesen. Seither beobachten die Fachleute des von Natur aus grünen Amtes, wie sich der Wald entwickelt. „Daraus lernen wir, wie schnell bestimmte Prozesse ablaufen“, so Schmalfuß. Nicht erst jetzt, aber in diesem Rekordhitzejahr besonders, steht die Frage im Fokus, wie der Wald auf Trockenzeiten reagiert. Die Eichen kommen damit an diesem Standort ganz gut klar, „weil sie hier noch nie verwöhnt wurden“. 

Doch nicht nur das Leben ist im Wald von Interesse, sondern auch das Sterben. Weil hier niemand eingreift, bedeckt viel totes Holz den Boden – und ist wiederum Lebensraum für viele Organismen und Tiere. Von der hohen Biodiversität profitieren Spechte, Hohltauben, Siebenschläfer und viele andere – und auch als Wasserspeicher taugt das tote Holz, dessen bemooste Stämme wie Schwämme wirken. Damit der Artenreichtum auf den stillgelegten Flächen dem ganzen Wald zugutekommt, braucht es viele kleine Inseln der Stilllegung, die wie Trittsteine wirken. 

Nach und nach entstehen kleine Habitatgruppen

Diese wiederum entstehen nicht ganz von alleine, sondern durch kundiges Zutun, wie Nicole Schmalfuß erklärte. Um einzelne Bäume herum, die den Fachleuten durch besondere Eigenschaften auffallen, wählen sie weitere Bäume aus, die sie aus der Bewirtschaftung nehmen. So entstehen nach und nach viele kleine Habitatbaumgruppen, die sich wie ein Netz durch den Stadtwald ziehen. Rund 1500 dieser Gruppen mit etwa 24.000 Bäumen gibt es aktuell.

Warum sie dann nicht alle Bäume im Wald stilllegen, werden die Förster*innen oft gefragt? Die Antwort ist wie vieles im Wald: irgendwie einfach, aber doch sehr komplex. Denn der Wald hat viele Funktionen. Damit er der Erholung für die Stadtbewohner*innen dienen kann, braucht es sichere Wege – altersschwach umfallende Bäume und zugewucherte Aussichten sind dem nicht zuträglich. Die Anpassung an den Klimawandel geht besser, wenn man beispielsweise dafür sorgt, dass Licht dorthin fällt, wo zukunftsfeste Bäume wachsen – auch das braucht gelegentlich den Eingriff der Säge. 

Revierförster setzen Zehnjahrespläne um

Nicht zuletzt ist der Wald ein großer Rohstoffproduzent. Wer also klimaschonend mit Holz statt Beton bauen möchte – der muss zwangsläufig Bäume ernten. Wie das geht, erklärte Waldsee-Revierförster Björn Rheinbay. Sein Job: Die Vorgaben der Forsteinrichtung umsetzen – so heißt der Zehnjahresplan, den der Gemeinderat für die Bewirtschaftung des Waldes beschließt. Seine Arbeitsmittel sind aber nicht Axt und Säge, sondern drei Spraydosen: Weiße Wellenlinien markieren die eingangs beschriebenen Habitatbäume. Grüne Punkte erhalten die „Z“-Bäume, die als besonders zukunftssicher gelten und deswegen den besonderen Schutz des Försters genießen. Rote Diagonalstreifen bekommen die Bäume, die geerntet werden sollen.

In die Geheimnisse der Holzfällerei führte Bernhard Förderer ein. Ihm sieht man seine 67 Lenze nicht an, glaubt aber sofort, dass seine „Baumansprache“ nicht auf taube Äste stößt. Routiniert und unterhaltsam erklärte er, dass Herzstiche und Splintschnitte zur Wertsteigerung dienen, wann der Akkufällkeil zum Einsatz kommt, und überhaupt, wie man so einen Koloss fällt, ohne dass dabei andere Bäume oder gar Menschen zu Schaden kommen. Es blieb nicht bei Worten: Bei einer Demofällung schlug die turmhohe Douglasie exakt im angepeilten Korridor auf. 

Ein Baum, mehrere Holzqualitäten

Was anschließend mit dem Holz passiert, erklärte dann der stellvertretende Forstamtsleiter Berno Menzinger. Ein so mächtiger Baum enthält ganz unterschiedliche Holzqualitäten. Ganz oben in der Krone ist nur schwaches Holz; es bleibt als Totholz im Wald oder wird zu Waldhackschnitzeln verarbeitet und zur Energiegewinnung verbrannt. Danach kommt ein Stück, das für Bretter oder Latten noch zu astig ist, sich aber prima zur Produktion von Holzfaserdämmplatten eignet. Und je weiter man sich der Wurzel nähert, desto hochwertiger wird das Holz. Die höchsten Preise erzielen oft jene Stücke, die im Holzwerk noch durch die Gattersäge passen und damit wenig Arbeitsaufwand verursachen. Maximal 19 Meter lang dürfen diese Stammsegmente sein – mehr lässt die Straßenverkehrsordnung nicht zu.

„Und was bringt so ein Baum ein?“, wollten nicht nur die kurz vor den Haushaltsberatungen stehenden Ge­mein­de­rät­*innen wissen. Gut 2000 Euro sind es aktuell, sagte Menzinger. Ein Großteil des Erlöses kommt aus der Region, zwei Drittel der Holzproduktion bleiben im 50-Kilometer-Radius rund um Freiburg. Das, was höheren Arbeitsaufwand zu Weiterverarbeitung braucht, landet aber auch in Containern mit Zielen meist in Asien. Auch dort steht das Freiburger Holz hoch im Kurs, die Lohnkosten sind aber niedriger. Und dem Klimaschutz ist trotz des Transportweges gedient, weil hochwertig weiterverarbeitetes Holz dauerhaft CO2 speichert.

Wald als Wasserspeicher

Nächste Station, neues Thema: „Wald und Wasser“. Die Wildtierbeauftragte Vanessa Tschöpe zeigte, wie wichtig feuchte Standorte im Wald sind – und zwar nicht nur in Jahren, in denen es deutlich zu wenig regnet. Insgesamt gibt es im Stadtwald rund 100 solche Stillgewässer, die teils winzig klein und nur temporär zu sehen sind, aber groß und dauerhaft sein können wie der Opfinger See. Sie alle erfüllen unterschiedliche Funktionen, dienen Amphibien und Fischen als Lebensraum oder als Vorrat für Löschwasser. 

Allen gemeinsam ist, dass sie regelmäßige Pflege brauchen – und wichtige Wasserspeicher sind. Bei Regen können sie große Mengen Wasser zwischenspeichern und dann langsam an die Umgebung abgeben. Damit tragen sie einen Teil dazu bei, Sturzfluten bei Stark­regen zu verhindern oder abzumildern, wie Berno Menzinger an einem selbst gebauten Modell zeigte. Ohne Vegetation rauscht das Wasser ungebremst den Hang hinab, sammelt sich auf den Forstwegen und kann schon bei vergleichsweise milden Regenfällen zu Überschwemmungen im Stadtgebiet führen. 

Die Talente des Waldes nutzen

Dem versucht das Forstamt gezielt entgegenzuwirken: „Wenn wir es schaffen, das Wasser eine halbe oder ganze Stunde aufzuhalten, ist schon viel gewonnen.“ Möglich machen sollen das breitere Abläufe unter den Forstwegen, die das Wasser gezielt in Bereiche leiten, wo es aufgestaut wird und langsam versickern kann. „Wir retten damit nicht Freiburg, aber wir tragen unseren Teil bei.“ 

Der Wald, das wurde einmal mehr deutlich, ist unter der kundigen Leitung des Forstamts ein echtes Multitalent, bietet Raum zur Erholung, liefert Rohstoffe, kämpft gegen den Klimawandel und sorgt für Artenreichtum. Wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn glatt erfinden!

Dieser Artikel erschien im Amtsblatt Nr. 919 vom 10. Oktober 2026. Wer auf dem Laufenden bleiben will, wird alle zwei Wochen per Newsletter über das neue Amtsblatt informiert. Jetzt anmelden!

Veröffentlicht am 09. Oktober 2026