Pressemitteilung vom 9. März 2026
Nächste Innovation im Rettungswesen aus Freiburg
- "Live-Video" verkürzt bei Notrufen die Entscheidungswege und hilft, die Rettung von Menschenleben erheblich zu beschleunigen
- In USA und Mexiko bereits im Einsatz - jetzt erstmals auch in Europa
Bereits im Jahre 2020 hat die Integrierte Leitstelle Freiburg bundesweit Furore gemacht. Damals wurde hier AML (Advanced Mobile Location) entwickelt, eine Technik, die bei Notrufen automatisch die Ortungsfunktion des Smartphones aktiviert und die GPS-Daten an die nächste Leitstelle schickt, um den Notruf ohne Zeitverlust orten zu können. AML ist inzwischen in ganz Deutschland im Einsatz.
Nun steht die nächste technische Innovation im Rettungswesen an, wieder unter Freiburger Federführung. Henning Schmidtpott vom örtlichen Amt für Brand- und Katastrophenschutz (ABK) hat gemeinsam mit Google die Anwendung „Live-Video“ entwickelt. Ihre Aufgabe: bei Notrufen die Entscheidungswege verkürzen und damit die Rettung von Menschenleben erheblich beschleunigen. In ausgewählten Regionen in den USA und Mexiko wird Live-Video bereits genutzt. In Europa ist die ILS Freiburg die erste Leitstelle, die die neue Anwendung offiziell einsetzt.
Was es mit dem Live-Video auf sich hat, haben Oberbürgermeister Martin Horn, Feuerwehrdezernent Stefan Breiter, ABK-Leiter Christian Emrich und Systemadministrator Henning Schmidtpott heute auf einem Pressetermin in der Leitstelle erläutert. Emrich ist auch Geschäftsführer der ILS für die Stadt Freiburg: Mit von der Partie waren seine Kollegen in der Geschäftsführung: Mike Hengstler, Kreisbrandmeister von Breisgau-Hochschwarzwald, und Jochen Hilpert, Vorstand des DRK-Kreisverbands und Vorsitzender des Bereichsausschusses für den Rettungsdienst Stadt Freiburg/Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald.
Oberbürgermeister Horn sagte: „In Notfällen zählt jede Sekunde. Wenn die Kolleginnen und Kollegen in der Integrierten Leitstelle per Live-Video die Lage vor Ort sofort erfassen können, dann kann das Leben retten. Statt lange Gespräche zu führen, können sie sofort die richtigen Maßnahmen einleiten und schnell die passenden Einsatzkräfte alarmieren. Dass unser Amt für Brand- und Katastrophenschutz zu dieser neuen Anwendung einen entscheidenden Beitrag geleistet hat, freut mich besonders. Danke dafür!“
Bürgermeister Breiter ergänzte: "Stillstand gibt es bei der Feuerwehr nicht. Technische Entwicklungen werden nicht nur aufgenommen, sondern konsequent weiterentwickelt. Hier liegen die Kernkompetenzen der Feuerwehr Freiburg. Dank und Anerkennung möchte ich unserem Mitarbeiter Henning Schmidtpott für diese Pionierarbeit aussprechen."
ABK-Leiter und ILS-Geschäftsführer Emrich erläuterte den Hintergrund, vor dem Live-Video entstanden ist: „Bei Notrufen stehen die Disponenten vor einer großen Herausforderung. Innerhalb von Sekunden müssen sie am Telefon eine Notfallsituation richtig einschätzen und den Notrufenden schnellstmöglich die passende, qualitativ beste Hilfe zukommen lassen.“ Bislang sei dies nur durch die Fragen der Disponenten und die Beschreibungen der Notrufenden möglich gewesen, so Emrich: „Dank Live-Video kann die Leitstelle jetzt auch Bilder aus der Smartphone-Kamera der Notrufenden in ihre Entscheidung mit einbeziehen.“ Zum besseren Verständnis beschrieb Systemadministrator Schmidtpott beispielhaft zwei Szenarien, in denen Live-Video helfen kann:
Szenario 1: Gebäudebrand: Der Leitstelle wird gemeldet, dass aus einem Fenster schwarzer Rauch aufsteigt. Wenn die Person, die den Notruf absetzt, Live-Video einschaltet, kann die Leitstelle erkennen, dass mehrere Personen auf einem Balkon des Gebäudes stehen und nur mit einer Drehleiter zu retten sind. Entsprechend kann die Leitstelle zusätzliche Rettungsmittel an die Einsatzstelle senden und/oder das Alarmstichwort erhöhen.
Szenario 2, Reanimation: Gemeldet wird ein Herz-Kreislauf-Stillstand. Die Leitstelle unterstützt den Notrufenden telefonisch bei der Wiederbelebung, bis der Rettungsdienst eintrifft. Durch die Nutzung von Live-Video kann sie sehen, ob der Ersthelfer ihre Erste-Hilfe-Anweisungen korrekt und effizient umsetzt. Falls nötig, kann die Leitstelle korrigierend eingreifen.
Henning Schmidtpott verwies darauf, dass die Nutzung von Videos der Smartphone-Kameras beim Notruf keine neue Erfindung sei. Bislang war die Handhabung aber umständlich: Die Leitstelle musste den Notrufenden eine SMS senden, die einen Link zu einer Webseite enthielt. Diese Webseite griff auf die Smartphone-Kamera zu und übertrug das Bild an die Leitstelle. Der Notrufende musste also die SMS öffnen, den Link anklicken und der Webseite erlauben, auf die Kamera zuzugreifen; erst dann wurde das Video übermittelt. Dieser komplexe Prozess ist bisher oft gescheitert.
Neu ist nun: Die Leitstelle fordert beim Notrufenden das Videobild an. Auf dem Smartphone erscheint eine Frage, ob der Nutzer der Videoübertragung zustimmt, und schon wird das Bild übertragen. Nur noch eine Interaktion ist also nötig – ein Riesen-Vorteil in einer stressigen Notfallsituation.
Die neue Technik ist ab sofort auf allen Android-Geräten nutzbar; es muss keine App installiert werden, es ist keine Änderung an den Einstellungen notwendig. Wann auch iPhones die Technik unterstützen, ist noch unklar.
Zur Person: Henning Schmidtpott arbeitet seit ihrer Inbetriebnahme 2011 in der Integrierten Leitstelle (davor auf der alten Rettungsleitstelle), anfangs als Disponent. Zudem war er für die ILS-Technik zuständig. Berufsbegleitend hat er ein Master-Studium in Wirtschaftsinformatik an der Fern-Uni Hagen abgeschlossen. Seither kümmert er sich Vollzeit um die IT der Leitstelle.