Was hat ein algerischer Kolonialsoldat aus dem 19. Jahrhundert mit Freiburg zu tun? Diese Frage beantwortet die Ausstellung „6. August 1870“ vom niederländischen Künstler Marcel van Eeden. Das Museum für Neue Kunst (MNK) zeigt den Fotozyklus im Haus der Graphischen Sammlung bis zum 18. Oktober. Isabel Herda hat die Ausstellung kuratiert.
Die Quellen der 70 schwarzweißen Bilder verraten, was über den Kolonialsoldaten Ben Lahcen bekannt ist. Die Fotos sehen düster aus, nicht perfekt scharf, Bildrauschen ist deutlich zu erkennen. Verantwortlich dafür sind ein altes Objektiv und das Verfahren des Gummidrucks, einem Abzugsverfahren, „das für das 19. Jahrhundert steht“, so Marcel van Eeden, der bei einem Rundgang vor Ausstellungseröffnung persönlich vor Ort war.
Aufgebaut ist die Ausstellung als eine Art Rundlauf. Jede der Wände zeigt, welche Stationen van Eeden auf seiner künstlerischen Recherche durchlaufen hat, um einen Zugang zur historischen Person Ben Lahcen zu bekommen. Direkt nach dem Eingang baut sich eine zusätzliche Wand auf. Sie markiert den Beginn der Bilderreihe. Zu sehen sind Fotos von einer Stele vor dem Anatomischen Institut. Früher stand eine Büste Eckers drauf, 2021 wurde sie entfernt. Danach sind Bilder aus Schwetzingen zu sehen, dort wurde Ben Lahcen – verwundet am 6. August 1870 im Deutsch-Französischen Krieg – ins Lazarett gebracht. Der Leichnam wurde nach seinem Tod einige Monate präpariert, enthauptet und an Ecker zur weiteren Forschung übergeben.
Van Eeden fand in Algerien heraus, dass Ben Lahcen mit 17 als „Freiwilliger“ in den Militärdienst eintrat und in welcher Kaserne er stationiert war. Doch weitere Aufklärung war laut van Eeden schwierig, weil offizielle Stellen kein Interesse daran zeigten.
Ruhen und erinnern
So wenig über Ben Lahcen bekannt ist, so sinnbildlich steht er für viele andere Schicksale in der Kolonialzeit. Dass der Bilderzyklus in Freiburg beginnt und endet, ist kein Zufall. Teile von Ben Lahcens Gebeinen sind weiter an der Universität, seit 2001 ruht er in einem eigens dafür eingerichteten Raum – zusammen mit anderen Menschen, die durch kolonialistisch und rassistisch geprägte Wissenschaft entmenschlicht wurden.
Täterschaft und Aufarbeitung liegen dort nahe beieinander. Die Universität unterstützte auch diese Ausstellung mit ihrem Fachwissen. Kuratorin Herda vom MNK lobte beim Rundgang die Arbeit des Künstlers und hob die Herausforderung hervor, sich nach so einer langen Zeit an das Leben des Algeriers anzunähern: „Es ist verdammt schwierig, diese Wahrheit zu finden.“
Van Eeden steht nun mit einer Kunstakademie in Mostaganem (Algerien) in Kontakt, in der Nähe dieses Ortes lebte Ben Lahcen. Mit dem Schriftsteller Xavier Le Clerc kommentiert auch eine Stimme mit algerischen Wurzeln die Ausstellung in einem Videobeitrag.
Öffnungszeiten
Di – So, 10 – 17 Uhr, Fr, 10 – 19 Uhr
Eintritt
5 Euro/ ermäßigt 3 Euro, unter 27 J. frei
Kategorien
Veranstaltungsort
Haus der Graphischen Sammlung
Weitere Informationen
HomepageDienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr
Augustinermuseum mit Haus der Graphischen Sammlung: freitags bis 19 Uhr
Beschreibung



