Mit einer neuen Kampagne macht die Stadt zusammen mit Fachstellen und zivilgesellschaftlichen Organisationen auf geschlechtsspezifische Gewalt und Hilfsangebote aufmerksam. „Nicht okay. Nicht egal. Nicht deine Schuld.“ ist Teil des Freiburger Aktionsplans zur Umsetzung der Istanbul-Konvention.
Plakate zeigen Alltagssituationen
Die aktuelle Kampagne zeigt sowohl im öffentlichen Raum als auch auf Social Media Alltagssituationen, die viele Menschen kennen: eine Frau an ihrem Arbeitsplatz, neben ihr steht – viel zu nahe – ein Kollege. „40 Prozent der Frauen wurden bereits am Arbeitsplatz sexuell belästigt“, steht in knalligem Grün auf dem Plakat. Die beiden anderen Plakate, die aktuell in der Stadt zu sehen sind, thematisieren sexualisierte Gewalt im Netz und an trans* Personen.
Hinschauen erwünscht: Plakate wie dieses sollen auf geschlechtsspezifische Gewalt und auf Hilfsangebote aufmerksam machen.
Hilfe für Betroffene
Auch Partnerschaftsgewalt, Bedrohungen von Frauen im öffentlichen Raum oder sexualisierte Gewalt im Nachtleben sind Themen der jetzt in Freiburg gestarteten Kampagne. Alle Motive verweisen auf Hilfsangebote für Betroffene sowie deren Angehörige und Umfeld; ein QR-Code führt auf die städtische Website „Freiburg gegen Gewalt“.
Zahlen und Fakten machen deutlich, wie verbreitet Gewalt und Diskriminierung noch immer sind und wie wichtig es ist, Gewaltschutz voranzubringen. Auch die vielen Netzwerkpartner*innen werden ihre Social-Media-Kanäle in den kommenden Monaten dafür nutzen.
„Gewalt beginnt nicht erst bei körperlichen Übergriffen“, sagt die städtische Frauenbeauftragte Simone Thomas. „Sie hat viele Gesichter und findet in vielen Bereichen statt – im privaten Umfeld ebenso wie am Arbeitsplatz, im öffentlichen Raum oder im Internet.“ Die Kampagne solle sensibilisieren, informieren und dazu beitragen, dass Betroffene schneller Unterstützung finden. „Gleichzeitig wollen wir alle Menschen ermutigen, hinzuschauen und Verantwortung zu übernehmen.“
Aktionsplan
Der 2025 vom Gemeinderat beschlossene Aktionsplan zur Umsetzung der Istanbul-Konvention umfasst acht Bausteine und setzt den Schwerpunkt auf Prävention:
Mit „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt“ engagieren sich Ehrenamtliche im Stadtteil Weingarten gegen häusliche Gewalt.
Die sozialpädagogische Arbeit mit Jungen* und jungen Männern wird ausgebaut, um Geschlechterrollen zu reflektieren und Gewaltprävention zu stärken.
Das Präventionsprogramm „Pugs+“ wird in Kindertageseinrichtungen eingesetzt, um Kinder, Eltern und Fachkräfte für häusliche und sexualisierte Gewalt zu sensibilisieren.
Bei der Fachstelle Intervention gegen häusliche Gewalt (FRIG) entsteht eine Kompetenz- und Fortbildungsstelle für Fachkräfte und Multiplikator*innen, die auch öffentliche Veranstaltungen und Fortbildungen anbietet.
Fachtage und Dialogveranstaltungen stärken die Zusammenarbeit zwischen Fachstellen, Gesundheitswesen, Polizei, Justiz und Zivilgesellschaft.
Gemeinsam mit dem SC Freiburg findet am 21. Juli ein großer Schulaktionstag gegen Gewalt für Freiburger Schüler*innen statt.
Die Täter*innenarbeit wird durch neue Angebote zu Stalking und sexualisierter Gewalt erweitert. Zudem wird die Zusammenarbeit mit Polizei und Beratungsstellen ausgebaut.
Die aktuelle Kampagne macht den dringenden Handlungsbedarf für mehr Gewaltschutz öffentlich und informiert über Hilfsangebote.
Oberbürgermeister Martin Horn betont: „Mit der Kampagne wollen wir Sichtbarkeit schaffen, Betroffenen Mut machen und deutlich zeigen: Freiburg schaut nicht weg.“ Gleichzeitig sei sie nur ein Baustein einer umfassenden Strategie, mit der die Stadt gemeinsam mit ihren zahlreichen engagierten Partner*innen die Istanbul-Konvention des Europarats auf lokaler Ebene umsetze. Mit der in Deutschland 2018 in Kraft getretenen Konvention haben sich Bund, Länder und Kommunen verpflichtet, geschlechtsspezifische Gewalt konsequent zu bekämpfen und Betroffene besser zu schützen. Die Stadt setzt diese Verpflichtung gemeinsam mit Fachstellen, sozialen Einrichtungen, Vereinen, Bildungsträgern, Beratungsstellen und zivilgesellschaftlichen Organisationen um. Mehr als 70 Akteur*innen arbeiten inzwischen an der Umsetzung des Freiburger Aktionsplans zur Istanbul-Konvention mit.
„Die Umsetzung ist keine leichte, aber eine wichtige und besondere Aufgabe“, sagt Sabine Burkhardt, die im städtischen Referat für Chancengerechtigkeit für die Konvention zuständig ist und die Fortschritte regelmäßig auswertet. Für den aktuellen Doppelhaushalt stehen dafür 450.000 Euro zur Verfügung.
Schwer, aber zumutbar
Daran beteiligt ist auch die Mekriba Stiftung, die sich seit 15 Jahren für Prävention, Aufklärung und den Schutz von Betroffenen engagiert. Sie unterstützt mehrere Projekte des Aktionsplans. „Die Folgen sexualisierter Gewalt sind immens, Betroffene haben ein Leben lang damit zu kämpfen“, sagt Birgit Bindnagel, Sprecherin der Stiftung. „Natürlich ist es schwer, hinzuschauen – wir schauen lieber Fußball oder Walretten. Aber es ist wichtig, dass wir nicht wegschauen.“ Sie schließt mit einem Zitat der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann: „Die Wahrheit ist zumutbar.“