Aktionstage vom 8. bis 15. März

Internationaler Frauentag

Internationaler Frauentag: Aufstehen für die Rechte von Frauen und Mädchen weltweit. (Foto: Stadt Freiburg).

Weiblich, politisch, bunt – normalerweise präsentieren am 8. März Frauenorganisationen auf dem Rathausplatz ihre Arbeit, Besucherinnen schauen sich um und kommen miteinander ins Gespräch. In diesem Jahr ist alles anders. Viele Veranstaltungen der folgenden Aktionstage mit Filmen, Workshops und Vorträgen finden online statt.

Im März 1911 wurde in Deutschland zum ersten Mal der Internationale Frauentag gefeiert. Weltweit nutzen Frauen seither alljährlich diesen Tag: Sie gehen an die Öffentlichkeit, um daran zu erinnern, was sie bereits erkämpft und erreicht haben. Sie machen darauf aufmerksam, dass sie für ihre Rechte eintreten und die Gleichberechtigung von Frauen und Mädchen dort einfordern, wo sie noch nicht verwirklicht ist.

Wie der Weltfrauentag in Zeiten von Corona aussieht und wie sich Pandemie und wachsender Populismus auf die Situation der Frauen auswirken, hat die Amtsblattredaktion die städtische Frauenbeauftragte Simone Thomas gefragt. Die Antworten gibt es hier zu lesen:

Amtsblatt: Wie so vieles hat auch der Weltfrauentag 2021 ein ganz anderes Format als sonst. Was erwartet uns statt Infoständen und dem Empfang im Historischen Kaufhaus in diesem Jahr?

Simone Thomas: Beides muss coronabedingt ausfallen, was ich sehr bedauere. Schließlich ist dieser Tag sonst das frauenpolitische Highlight des Jahres und zeigt die geballte frauenpolitische Power an einem Ort. Frauen kommen zusammen, tragen ihre Forderungen auf die Straße, sind sichtbar und vernetzen sich. Dafür stellen sich die Organisationen dieses Mal auf unserer Website vor – das ist wie ein kleiner virtueller Marktplatz. Und es gibt innerhalb der Aktionstage trotzdem ein vielseitiges und tolles Programm, dieses Mal einfach online, im Netz

Können Sie dem Format auchetwas Positives abgewinnen?

Ja. Alleine, dass sich die Veranstalterinnen nicht zurückgezogen haben, sondern trotzdem so ein großes Programm auf die Beine stellen, ist ein starkes frauenpolitisches Signal. Vielleicht ist es ja für einige auch praktisch, sich einen Vortrag online anhören zu können – etwa für Frauen, die sehr eingespannt sind und von zu Hause nicht gut wegkommen, weil sie kleine Kinder oder Pflegebedürftige betreuen. Vielleicht erreichen wir so auch andere Zielgruppen.

International wurde der Frauentag zum ersten Mal 1911 gefeiert, in Deutschland, Österreich, Dänemark und der Schweiz. Zentrale Forderung damals war das Wahlrecht für Frauen. Warum brauchen wir diesen Tag heute noch? Im Managermagazin war vor zwei Jahren zu lesen, der Weltfrauentag sei "so nötig wie der Tag der Blockflöte".

Das verkennt die Realität, der Frauentag ist mehr als nötig. Viele sagen zwar: Frauen können doch heute alles werden, was sie wollen, und sind gesetzlich weitestgehend gleichgestellt – aber die Realität sieht oft anders aus. Zum Beispiel wird in Deutschland noch immer jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Expartner getötet, und jeden Tag gibt es einen Tötungsversuch. Die Frauenhäuser sind überfüllt, von Gleichberechtigung kann da keine Rede sein. Auch, was Frauen in Führungspositionen angeht. Da wird die Luft nach oben dünn, und jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit der Kanzlerin. In Vorständen, in Unternehmensleitungen, an Verwaltungsspitzen ist der Frauenanteil überall gering. Und auch im Bundestag liegt der Frauenanteil gerade mal bei 31 Prozent. In ärmeren Ländern gibt es noch ganz viele andere Themen. Hier erhalten Mädchen im Vergleich zu Jungs oft weniger Bildung, machen seltener einen Schulabschluss oder werden noch minderjährig zwangsverheiratet. Insofern ist es immer noch höchst notwendig, sich für Gleichberechtigung einzusetzen.

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf die Situation der Frauen ausgewirkt, etwa auf die häusliche Gewalt – hat sie zugenommen?

Noch gibt es dazu keine validen Zahlen, aber es ist davon auszugehen. Durch die vielen Beschränkungen im Lockdown entstehen Faktoren, die Gewalt begünstigen. Zum Beispiel beengte Wohnverhältnisse, die Familie hockt viel mehr aufeinander als sont, bei manchen kommen auch finanzielle Sorgen dazu oder zusätzliche Belastungen durch Kinderbetreuung und Homeschooling. Dadurch entsteht Druck in den Familien und in der Folge dann oft Gewalt. So hat etwa der Weiße Ring kürzlich berichtet, dass die Zahlen der von häuslicher Gewalt Betroffenen um zehn Prozent höher liegen als im Jahr 2019. Allerdings hat parallel dazu natürlich auch das öffentliche Bewusstsein dafür zugenommen.

Was bringt das Homeoffice für Frauen mit sich? Eher einen Rückfall in traditionelle Rollenmuster, weil viele Frauen jetzt ohnehin zu Hause sind, oder die Chance, Beruf und Familie besser zu vereinbaren?

Beides, finde ich. Gerade bei Familien mit kleineren Kindern, die zu Hause rumspringen, ist Homeoffice eher schwierig. Da gibt es viele Mütter, die total am Ende sind. Die wären vielleicht froh, wenn sie mal ins Büro dürften. Die Soziologin Professor Jutta Allmendinger, Leiterin des Wissenschaftszentrums Berlin, hat schon zu Beginn des ersten Lockdowns davor gewarnt, dass die Pandemie zu einer entsetzlichen Retraditionalisierung der Frau führen werde. Auf der anderen Seite bedeutet Homeoffice auch, dass Eltern flexibler werden. Ich glaube, wenn Kinderbetreuung und Schule mal wieder verlässlich funktionieren, kann es eine echte Chance sein, Familien- und Erwerbsarbeit besser zu verbinden

Erzieherinnen, Supermarktkassiererinnen oder Krankenpflegerinnen – Berufe, in denen viele Frauen arbeiten – wurde zu Beginn der Corona-Pandemie viel Wertschätzung entgegengebracht. Hat sich dadurch etwas verändert?

Leider nein. Das "Klatschen" war eine schöne Geste, aber nicht nachhaltig. Pflegeberufe sind nach wie vor schlecht bezahlt und durch ein paar Bonuszahlungen nicht wirklich attraktiver geworden. Ich glaube, die Arbeitsbedingungen in der Pflege, der Erziehung und auch im Einzelhandel müssen sich grundsätzlich verbessern und finanziell aufgewertet werden. Nur so kann aus dieser Krise etwas Gutes erwachsen.

Anderes Thema: Wie wirkt sich der in vielen Ländern zunehmende Populismus auf das Streben nach Gleichberechtigung aus?

Das ist manchmal ganz schön bitter. Im Rechtspopulismus dominiert ja das "klassische" Familienbild mit klassischer Arbeitsteilung und dem Mann als Familienoberhaupt. Und in manchen Ländern ist schon ganz schön spürbar, was ein Regierungswechsel anrichtet. Zum Beispiel in Ungarn, wo Ministerpräsident Orban kontinuierlich versucht, die Errungenschaften der Gleichberechtigung zurückzudrehen und stattdessen einen autoritären, durch männliche Dominanz geprägten Gesellschaftsentwurf verfolgt. Oder in unserem Nachbarland Polen, wo die konservative Regierung das Abtreibungsrecht so verschärft hat, dass es in der Praxis einem Verbot gleichkommt. Da sind die Frauen ja auf die Straße gegangen und haben protestiert. Es ist erschütternd, was sich in ein paar Jahren zurückdrehen lässt.

In Japan ist kürzlich Olympia-Chef Yoshiro Mori zurückgetreten, nachdem er gesagt hatte, Vorstandssitzungen mit Frauen zögen sich oft in die Länge, weil Frauen so viel und lange reden würden. Eine gute Entscheidung aus Ihrer Sicht?

Absolut. Er hat ja nicht nur das gesagt, sondern ist wohl schon oft dadurch aufgefallen, dass er sich abwertend über Frauen geäußert hat. Dass sie länger reden, stimmt im Übrigen gar nicht – es sind im Gegenteteil oft die Männer, die mehr reden. Aber ich finde es gut, dass Mori zurücktreten musste, denn ich fand seine Äußerung unsäglich.

Kommen wir zum Schluss nochmal auf den Weltfrauentag zurück. Könnten Sie sich vorstellen, dass wir ihn mal nicht mehr brauchen?

Das wäre schön, und darauf arbeite ich tagtäglich hin. Laut Berechnungen des Weltwirtschaftsforums dauert es noch 100 Jahre, bis Gleichberechtigung weltweit abgeschlossen ist. Vielleicht wenn Freiburg 1000 Jahre alt wird... Auch bei Punkten wie Gewalt oder berufliche und politische Teilhabe gibt es noch viel zu tun. Mir und vielen anderen wird die Arbeit sicher nicht ausgehen.

Sind Sie zuversichtlich?

Eigentlich schon. Ich bin so eine Grundoptimistin, sonst könnte ich diesen Job nicht machen. Wenn man zurückschaut, sieht man, dass viel passiert ist – auch wenn manches langsam vonstattengeht. Aber immer wieder werden Schritte in die richtige Richtung gemacht, insofern bin ich zuversichtlich.

Weitere Infos und das Programm zum Internationalen Frauentag 2021: www.freiburg.de/frauenbeauftragte

Veröffentlicht am 08. März 2021
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