Große Erleichterung

Fessenheim stillgelegt

Genau 43 Jahre nach der Inbetriebnahme ist am vergangenen Montag kurz vor Mitternacht der letzte der beiden Reaktorblöcke im französischen Fessenheim stillgelegt worden. Damit ist das älteste noch in Betrieb befindliche französische Atomkraftwerk endgültig vom Netz.

Das AKW Fessenheim im Abendlicht im Juni 2020 (Foto: Patrick Seeger)
Nach 43 Jahren ist Schluss: Das AKW Fessenheim ist endgültig abgeschaltet worden und wird nun zurückgebaut (Foto: Stadt Freiburg/Patrick Seeger)

Aus diesem Anlass lud der Trinationale Atomschutzverband (TRAS) zu einer Pressekonferenz und einer öffentlichen Veranstaltung ins Große Haus des Stadttheaters ein. Dem 2005 gegründeten Verband gehören mehr als einhundert Kommunen, Kreise, Kantone und Städte in Deutschland, Frankreich und der Schweiz an, der damit rund eine Million Menschen repräsentiert. Ausgestattet mit wissenschaftlichen Expertisen führte Tras verschiedene Prozesse vor französischen Gerichten. Tras-Resolutionen zur Stilllegung von Fessenheim wurden von zahllosen Gemeinden mitgetragen, unter anderem auch von mehr als 50 französischen Körperschaften wie etwa den Städten Munster und Strasbourg. Bereits im Gründungsjahr trat auch die Stadt Freiburg dem Tras-Verband bei, wie Umweltbürgermeisterin Gerda Stuchlik in Erinnerung rief. Schon 1986 habe der Freiburger Gemeinderat einstimmig den Ausstieg aus der Atomindustrie gefordert.

Atomschutzverband warnt vor weiterhin bestehenden Risiken

„Auf diesen Tag haben wir lange gewartet“, sagte Verbandspräsident und Versammlungsleiter Jürg Stöcklin. Seit heute sei das Risiko durch Fessenheim deutlich gesunken, wenngleich die Gefahr noch nicht gebannt sei.
Vertieft wurde dies vom ehemaligen Präsidenten der eidgenössischen Strahlenschutzkommission, André Herrmann. Denn die Brennstäbe mit 210 Tonnen Uran werden nun nach und nach in das benachbarte Gebäude mit den beiden Abklingbecken verlegt, das gegenüber äußeren Einflüssen wie Erdbeben noch weniger geschützt sei als das Reaktorgebäude selbst. Tras werde deshalb fordern, die Gebäudehülle zu verbessern und ein zusätzliches Wasserbecken für Notkühlung einzurichten. Voraussichtlich bis zu drei Jahre werden die Brennstäbe dort zwischengelagert, bevor der Transport in die französische Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague (Normandie) erfolgt. Bis zum endgültigen Rückbau der Nuklearanlage werden voraussichtlich noch rund 17 Jahre vergehen.

Ein großes Dankeschön richtete Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer an die Vertreter von Tras. Gemeinsam mit Unterstützung des Bundes und des Landes werde man höchstmögliche Sicherheitsvorkehrungen einfordern. Ebenfalls gemeinsam wolle man für die Gemeinde Fessenheim und das Südelsass eine Zukunftsperspektive entwickeln, nachdem mit der Schließung viele Arbeitsplätze verloren gehen. Einem nuklearen Technozentrum, wie von der EDF in Erwägung gezogen, erteilte sie jedoch eine Absage.

Ehemalige französische Umweltministerin: Zustimmung zur Atomkraft in Frankreich gesunken

Deutliche Worte fand auch Corinne Lepage, die ehemalige französische Umweltministerin und Beraterin von Tras, die aus Paris zugeschaltet wurde. Sie attestierte Frankreichs politischer Klasse eine „Atomsucht“, die sich damit weltweit isoliere. Daher sei die Bürgerschaft aufgefordert, die „große Transfomation“ aus eigener Kraft herbeizuführen. Gerade angesichts der modernsten Versionen der Druckwasserreaktoren, die sich finanziell und technologisch als Fiasko erwiesen haben, sei die öffentliche Zustimmung zur Atomkraft in Frankreich stark gesunken. Die Atomindustrie habe eine Kultur der angeborenen Geheimhaltung hervorgebracht. Der Widerstand der Zivilgesellschaft müsse deshalb auch ein demokratischer sein.

Deutschlands Kollege von Lepage, der Ex-Bundesumweltminister Jürgen Trittin, erinnerte an die Umweltbewegung am Oberrhein, die mit der Besetzung des AKW-Bauplatzes in Wyhl 1975 den Anfang vom Ende der Atomkraftnutzung eingeläutet habe. Zwar sei der Atomausstieg hierzulande eine beschlossene Sache, dennoch produziere und liefere Deutschland weiterhin weltweit Atomtechnik. Dies müsse beendet werden. Auch als Klimaretter funktioniere die Atomkraft nicht. Zum einen sei der Anteil an der Energieproduktion viel zu gering, und zum anderen wäre ein Ausbau zeitnah nicht möglich. Regenerative Energieträger stünden hingegen rasch und umweltfreundlich zur Verfügung.

Der Bau der 25 Kilometer südwestlich von Freiburg gelegenen Druckwasserreaktoren in Fessenheim begann trotz französischer und deutscher Proteste im Jahr 1971 und sie gingen im März 1977 ans Netz. Bereits im ersten Jahr musste der Reaktor, der von der Electricité de France (EdF) betrieben wird, mehrfach wegen Wasserschäden abgeschaltet werden. Zahllose Störfälle und eine wenig transparente Informationspolitik verstärkten in den folgenden Jahren das Misstrauen der Bevölkerung in der Region. Mit der Wahl des französischen Präsidenten François Hollande rückte die Abschaltung erstmalig in greifbare Nähe, wurde aber trotz mehrfacher Zusagen immer wieder verschoben. Erst Emmanuel Macron konnte sich mit einer Schließungsanordnung gegen viele Widerstände der Betreiber durchsetzen.

atomschutzverband.ch

Livestream der Veranstaltung zum Nachschauen

Downloads

Medienmappe TRAS (5,737 MB)
Medienkommuniqué zur Schliessung von Fessenheim TRAS (241,7 KB)
Communiqué de presse sur la fermeture de Fessenheim TRAS (238,9 KB)

Veröffentlicht am 29. Juni 2020
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