Naturinventur

Langzeit-Monitoring von Pflanzen und Insekten startet

Vier Personen mit Landkarten auf einer Wiese
So wird gezählt: Thomas Breunig (r.) vom Institut für Botanik und Landschaftskunde in Karlsruhe erläutert das Vorgehen. Auf den Wiesen bei Ebnet lernen die Kartierer die systematische Erhebung, die über viele Jahre nach dem gleichen Schema ablaufen muss.(Foto: A.J. Schmidt)

Auftakt zur großen Naturinventur: Ab Mai kartieren Biologen auf 36 zufällig ausgewählten Geländestreifen auf Freiburger Gemarkung sämtliche Pflanzen und Insekten, um Aufschluss über den Zustand der Biodiversität in der Stadt sowie die Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen gegen das Insekten- und Artensterben zu erhalten.

Schmetterlings-, Vogel- oder Blumenfreunde hatten es hierzulande nicht immer leicht. Von vielen Zeitgenossen eher milde belächelt, verhallten ihre Warnungen vor dem Verlust mancher Tier- und Pflanzenart oft ungehört. Das änderte sich 2017 schlagartig. Eine Langzeitstudie Krefelder Insektenkundler offenbarte, dass die Insektenbiomassezwischen 1989 und 2016 in Deutschland um 76 Prozent zurückgegangen ist.

Artenschwund schreitet voran

Seitdem steht der Artenschwund neben dem Klimawandel ganz oben auf der Umwelt-Problemliste. Denn weitere Studien im Bundesgebiet bestätigten die Aussagen der Krefelder Fachleute, und auch in Freiburg ist der allseitige Trend zu beobachten. Wie andernorts gehen hier die Bestandszahlen von Tagfaltern, Heuschrecken und Libellenarten zurück, und manche Art hat sich aus unserer Gemarkung bereits komplett verabschiedet wie der Apollofalter, der Segelfalter, der Große Eisvogel oder der Flockenblumen-Scheckenfalter.

Weil Insekten die Nahrungsgrundlage vieler anderer Arten bilden, sind dort ebenfalls Artenrückgänge zu verzeichnen. So hat zwischen 1998 und 2009 die Zahl der Brutvogelpaare landesweit um 15 Prozent abgenommen. Und auch hier ist Freiburg keine Insel der Seligen: Früher häufige Arten wie die Grau- und die Zippammer, das Braunkehlchen, die Heidelerche und der Raubwürger sind heute Raritäten. Bekassinen, Uferschwalben und der Große Brachvogel sind aus Freiburg ganz verschwunden.

Die Gründe für diese Entwicklung sind bekannt: Neben dem Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide und hoher Düngergaben ist es vor allem der Verlust von Lebensräumen, der den Arten zusetzt. Die Bebauung und "Monotonisierung" der Landschaft, die Verluste von Gräben, Hecken, Randstreifen, alten Obstbäumen, Mauern oder Ödland fordern ihren Tribut. Die Biodiversität befindet sich im freien Fall, und der Artenschwund bedroht die Funktionsfähigkeit ganzer Ökosysteme.

Gemeinderat beschließt Aktionsplan Biodiversität

Vor diesem Hintergrund hat der Gemeinderat Ende 2018 beschlossen, dem Insekten- und Artensterben auf der Freiburger Gemarkung Einhalt zu gebieten und den Aufbau eines Aktionsplans Biodiversität beschlossen. Ein Schlüssel für den Erfolg liegt auch in einer guten Bestandsaufnahme und einer Erfolgskontrolle aller Maßnahmen. Mitte 2019 hat deshalb das Umweltschutzamt Thomas Breunig vom Institut für Botanik und Landschaftskunde in Karlsruhe beauftragt, ein Monitoringkonzept zu erstellen. Das Konzept ist langfristig ausgelegt und orientiert sich eng an ähnlichen Projektender Landesanstalt für Umwelt. Jetzt wird der Plan in die Tat umgesetzt. Seit der vergangenen Woche schult Thomas Breunig die Kartierer, die ab Anfang Mai mit der Naturinventur beginnen.

Dabei untersuchen die Biologen 36 zufällig ausgewählte Transekte, das sind langgezogene Geländestreifen von 50 bis 1000 Metern Länge und 5 bis 10 Metern Breite. Auf diesen Flächen werden alle Farn- und Blütenpflanzen, Tagfalter und Widderchen, Heuschrecken und Laufkäfer ermittelt. Berücksichtigt sind dabei das Offenland sowie die Siedlungsbereiche. Denn gerade in einem Stadtkreis spielt der Zustand der Siedlungsflächen eine wichtige Rolle für die Biodiversität. Ausgenommen bleiben lediglich die stark verdichtet bebauten Innenstadtbereiche und Gewerbegebiete. Wegen des großen Untersuchungsaufwands werden in diesem Jahr ein Drittel der Flächen abgearbeitet, die übrigen Flächen folgen 2021 und 2022.

Erste Ergebnisse über den Zustand der Freiburger Biodiversität werden Ende des Jahres vorliegen. Im Jahr 2022 ist das Monitoring aber nicht beendet. Erst die Beobachtung über viele Jahre hinweg erlaubt Aussagen über langfristige Trends und vor allem über die Frage, ob und wie sich Schutzmaßnahmen bewähren.

Harald Schaich, Projektleiter beim städtischen Umweltschutzamt, bittet darum, die Kartierer bei ihrer Arbeit im Feld zu unterstützen und ihnen insbesondere Zugang zu den Flächen entlang der Untersuchungs-Transekte zu gewähren.

Was die Stadt tut

Bereits seit vielen Jahren engagiert sich die Stadt durch Ausweisung von Schutzgebieten, Pestizidverboten und Biotopverbundkonzepten für den Artenschutz. Jedoch ist die Wende im Artenschutz noch nicht erreicht. Weitere Projekte des Aktionsplans Biodiversität sind:

  • Anlage und Pflege von blühtenreichem Stadtgrün
  • Erhalt von Streuobstwiesen
  • Förderprogramm "Artenschutz in der Stadt"
  • Aufwertung von Rebböschungen und Trockenmauern
  • Förderung von extensiver Beweidung und Grünland
  • Pestizidverzicht in der Landwirtschaft
  • Pflege von Gräben und Fließgewässern
Veröffentlicht am 11. Mai 2020
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