8. Mai 1945

Sieg über Rassenwahn und Fanatismus

Heute vor 75 Jahren kapitulierte die deutsche Wehrmacht bedingungslos. Sechs Jahre nach dem völkerrechtswidrigen Überfall auf Polen waren weite Teile Europas zerstört – auch Freiburg. Der Blick von der Martinskirche nach Unterlinden zeigt die Innenstadt nach Kriegsende: In der rechten Bildecke ist eine Ruine am Platz der heutigen Schwarzwaldcity zu sehen, dahinter die enttrümmerte Fläche Richtung Friedrichring.

(Foto: Nachlass Fehrenbach)
(Foto: Nachlass Fehrenbach)

Das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Befreiung vom Faschismus in weiten Teilen Europas jährt sich zum 75. Mal. Aufgrund der aktuellen Coronapandemie fällt eine geplante städtische Gedenkveranstaltung mit Vorträgen über die letzten Kriegstage und die erste Nachkriegszeit in Freiburg sowie über die Freiburger Ehrenbürgerin Philomene Steiger aus.

Dennoch hat die Amtsblattredaktion dieses wichtige Thema aufgegriffen und erinnert an das Kriegsende. Die Auschwitz-Überlebende und Vorsitzende des Internationalen Ausschwitz-Komitees Esther Bejarano formulierte die wichtige Aufgabe des Gedenkens vor Schülern folgendermaßen:

Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt. Ihr müsst alles wissen, was damals geschah. Und warum es geschah.

Der 8. Mai ist nicht nur ein Tag der Befreiung, sondern auch ein Tag der Erinnerung an die Millionen Opfer der deutschen Massenverbrechen und des Krieges.

8. Mai 1945 – Tag der Befreiung

Vom 30. auf den 31. März 1945 überschritt die 1. Französische Armee unter dem Oberkommando von General Jean de Lattre des Tassigny den Rhein bei Speyer und Germersheim, um den Südwesten Deutschlands zu befreien. Gemeinsam mit den amerikanischen Truppen konnten bis Ende April weite Teile Baden-Württembergs und des Schwarzwalds besetzt werden.

Freiburg wurde am 21. April 1945 befreit. Morgens, gegen 10 Uhr, näherte sich die französische „Kampfgruppe Petit“ Zähringen. In der Nähe von Herden kam es zu ersten Schusswechseln – allerdings zogen sich die schlecht ausgerüsteten Volkssturmsoldaten angesichts der alliierten Überlegenheit rasch zurück. Am späten Abend gegen 20 Uhr wurde Freiburg ohne formelle Kapitulation besetzt – die nationalsozialistische Schreckensherrschaft war nach zwölf Jahren im Breisgau vorbei.

Am darauffolgenden Tag setzten die französischen Militärs Oberrechtsrat Dr. Max Keller als kommissarischen Leiter der Freiburger Stadtverwaltung ein. Die weiße Fahne wurde über der Gewerbeschule in der Kirchstraße 4, der heutigen Außenstelle der Gertrud-Luckner-Gewerbeschule, gehisst – dem Sitz der damaligen provisorischen Verwaltung. Es war der Beginn der französischen Besatzungszeit.

Wenige Tage später, am 7. Mai 1945, unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl im Hauptquartier von General Dwight D. Eisenhower, dem Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Europa, die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Sie trat am folgenden Tag, dem symbolträchtigen 8. Mai 1945, um 23 Uhr in Kraft. Der Zweite Weltkrieg war vorbei – seine Schreckensbilanz blieb. Insgesamt gab es 60 Millionen Tote, davon 25 Millionen Zivilisten und 13 Millionen Opfer der deutschen Massenverbrechen: Juden, Sinti und Roma, Euthanasieopfer, Homosexuelle, sowjetische Kriegsgefangene, politische Gegner und andere Zwangsarbeiter, Deportierte und KZ-Häftlinge. Weite Teile Europas waren zerstört, kaum eine Stadt oder ein Mensch wurden von den Folgen des Krieges verschont.

Der 8. Mai in Europa

Das Kriegsende in Europa, und damit der Tag der Befreiung, variierte sehr: Nur wenige Wochen, nachdem Paris am 25. August 1944 befreit wurde, überquerten alliierte Soldaten am 11. September 1944 erstmals die Reichsgrenze bei Stolzemburg an der deutschluxemburgischen Grenze. Am 21. Oktober des gleichen Jahres wurde Aachen als erste deutsche Großstadt erobert. Während große Teile des Südwestens im März und April im darauffolgenden Jahr besetzt wurden, kämpften deutsche Truppenverbände im Osten auch noch nach der Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 7. Mai gegen die Rote Armee. Erst am darauffolgenden Abend gegen 23 Uhr wurde die Erklärung im sowjetischen Hauptquartier in Berlin gegengezeichnet. Aufgrund der unterschiedlichen Zeitzonen war es zu diesem Zeitpunkt in Moskau schon zwei Stunde später. Deshalb gilt in Russland der 9. Mai als „Tag des Sieges“.

In der Erinnerungspolitik der frühen Bundesrepublik spielte der 8. Mai eine untergeordnete Rolle. Bis in die 70er-Jahre erfuhr der Tag wenig öffentliche Aufmerksamkeit; erst im Zuge der 68er-Bewegung setzte eine zögerliche Debatte über seine Bedeutung ein. Auf höchster politischer Ebene wurde der Tag der Befreiung erst 40 Jahre nach Kriegsende thematisiert: 1985 hielt der damalige Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker eine historische Rede „zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“.

Bis heute ist der 8. Mai kein gesetzlicher Feiertag – anders als in vielen europäischen Nachbarstaaten. Anlässlich des 75. Jahrestags forderte Esther Bejarano in einem offenen Brief an Kanzlerin Angela Merkel, ihn als solchen anzuerkennen: „Der 8. Mai muss ein Feiertag werden! Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann. Das ist überfällig seit sieben Jahrzehnten. Und hilft vielleicht, endlich zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschlagung des NS-Regimes.“

Die Entnazifizierung in Baden

Nach der Befreiung Freiburgs am 21. April formulierten die vier großen Siegermächte ein wichtiges, aber fast unmögliches Ziel: Politik, Wirtschaft, Kultur, Justiz und Gesellschaft sollten von der nationalsozialistischen Ideologie befreit, hochrangige NS-Funktionäre verhaftet und die Bevölkerung damit entnazifiziert werden.

Eine Sisyphusaufgabe, wie den Verantwortlichen schnell bewusst wurde: Fehlende Infrastruktur, wenig Personal, kaum Kooperationsbereitschaft in der Bevölkerung, der Wiederaufbau von Verwaltung und Wirtschaft, die Reintegration Deutschlands in die internationale Staatenordnung und der aufkommende Kalte Krieg verhinderten eine umfangreiche Entnazifizierung. In der Folge begnadigten die Amnestieverordnungen Nr. 133 vom 21. November 1947 und Nr. 165 vom 13. Juli 1948 einen Großteil der deutschen Bevölkerung. Dadurch wurden aber auch viele hochrangige NSDAP-Funktionäre in die Gesellschaft wieder eingegliedert und eine umfangreiche gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den zwölf dunkelsten Jahren der deutschen Geschichte auf Jahrzehnte verschoben. Erst in den 1960er- und 1970er-Jahren arbeiteten die Frankfurter Prozesse die deutschen Kriegsverbrechen in Ausschwitz auf. Vorher galt: Der Krieg war vorbei, die Nazis weg und die Vergangenheit sollte Vergangenheit bleiben.

Diese Schlusstrichmentalität nach Kriegsende begründete der SPD-Abgeordnete und Alterspräsident Paul Löbe in der konstituierenden Sitzung des deutschen Bundestags in Bonn am 7. September 1949 mit dem einsetzenden Opferdiskurs: „Das deutsche Volk litt unter zweifacher Geißelung. Es stöhnte unter den Fußtritten der deutschen Tyrannen und unter den Kriegsund Vergeltungsmaßnahmen, welche die fremden Mächte zur Überwindung der Naziherrschaft ausgeführt haben.“

„Hände weg von Baden“: Mit großen Plakaten fordern die Freiburgerinnen und Freiburger das Endeder französischen Besatzung in Baden und das Ende der Entnazifizierung. (Foto: W. Pragher)

27. November 1944: Operation "Tigerfish"

Es war am späten Nachmittag Ende November 1944: In Freiburg ertönten die Sirenen, wieder Flugalarm. Für die Bevölkerung ein inzwischen alltägliches Geräusch. Aber anders als an den Tagen zuvor war es an diesem verhängnisvollen Montag, dem 27. November, keine Übung: Zwischen 19.58 und 20.18 Uhr flog die britische Royal Air Force den schwersten Luftangriff auf Freiburg. 292 Bomber zerstörten den historischen Altstadtkern sowie die Stadtteile Neuburg, Mooswald, Betzenhausen und Teile des nördlichen Stühlingers.

(Foto: Stadtarchiv Freiburg)

Obwohl bis zum letzten Luftangriff auf den Hauptbahnhof am 16. April 1945 noch zahlreiche weitere geflogen wurden, prägten die 20 Minuten am Abend des 27. November 1944 das Stadtbild bei Kriegsende. Nur das Münster blieb verschont und erinnerte an das Freiburg vor dem Krieg. Zwar wurden wichtige Verkehrsanbindungen in der Nord-Süd Richtung – wie die Kajo – während des Krieges immer wieder freigeräumt, eine systematische Enttrümmerung und ein konsequenter Wiederaufbau fand aber erst unter der französischen Militärregierung Ende April statt. Die Zeitzeugin und Freiburgerin Gretel Bechtold erinnert sich Jahrzehnte später an den Zustand der Stadt bei Kriegsende: „Wir fuhren mit Rädern, um zu schauen, was vom Haus in Freiburg noch steht. Im Bärental liegen die Reste aufgelöster Heeresteile viele Meter hoch, das Ende des ‚Schwarzwaldkessels’. Eine Frau mit Leiterwagen und Kindern warnt uns: ‚Kehrt um, in Freiburg ist die Pest!‘ Wir fahren weiter!“ (Foto: Stadtarchiv Freiburg)

Das Kriegsende in Freiburg

Das Kriegsende bedeutete für viele Freiburgerinnen und Freiburger nicht das lang herbeigesehnte Ende der Gewalt. Plünderungen durch Deutsche, befreite Zwangsarbeiter und französische Soldaten, ungerecht empfundene Maßnahmen der Militärregierung und Vergewaltigungen bestimmten die ersten Nachkriegstage und -wochen. Hunger, Wohnungsmangel und die Suche nach vermissten, gefangenen oder getöteten Familienangehörigen bestimmten das Leben der Freiburger Bevölkerung.

In der Kaiserstraße ziehen vier Männer einen Karren mit Material für den Wiederaufbau. (Foto: W. Pragher)
In der Kaiserstraße ziehen vier Männer einen Karren mit Materialfür den Wiederaufbau. (Foto: W. Pragher)

In den Monaten April bis August 1946 und 1947 erhielt ein Erwachsener durchschnittlich weniger als 1000 Kalorien pro Tag. Noch 1948 gab es 6000 Wohngebäude weniger als bei Kriegsbeginn; rund 180000 Menschen hatten in den sechs Kriegsjahren ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Erst Anfang 1948 verbesserte sich die Nahrungsversorgung merklich.

Die Erwartungen an den Frieden wurden bitter enttäuscht. Man fühlte sich von den Alliierten im Stich gelassen – obwohl die Nahrungsversorgung in Frankreich wenig besser war. Die Kriegsjahre wurden in Politik und Gesellschaft zunehmend verdrängt, eine Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit fand nicht statt. Für viele Zeitgenossen wurden aus den bejubelten Befreiern bei Kriegsende siegreiche Besatzer, die sie angeblich bestrafen würden.

Der Alltag normalisierte sich nur langsam – der Wiederaufbau schritt aber zügig voran. Knapp eineinhalb Jahre nach Kriegsende, am 24. September 1946, beschrieb Oskar Knauer in einem Bilderbericht in der Illustrierten „Neue Demokratie“ den Zustand Freiburgs: „Trotz der großen Zerstörung der Stadt ist heute in Freiburg ein Aufbauwille zu spüren, wie man ihn der behäbigen Stadt nicht leicht zugetraut hätte. Trotz der großen Wohnraumbeschränkungen haben Universität und Gewerbegebiet ihre Arbeit wieder aufgenommen; ein Teil der badischen Verwaltung, die ihren Sitz in Freiburg aufgeschlagen hat, führt der Stadt neue Impulse zu, und das künstlerische Leben würde einer Großstadt alle Ehre machen.“

Die Retterin Freiburgs

Am 27. April 1896 wurde in Freiburg ein kleines Mädchen geboren, ihr Name war Philomene Steiger. Sie absolvierte eine Lehre als Näherin und eröffnete 1927 in Herdern ein eigenes Textilfachgeschäft, das sie bis 1968 führte. Aufgrund ihrer katholischen Überzeugung distanzierte sie sich ab 1933 konsequent von der nationalsozialistischen Ideologie und trat offen für ihren Glauben ein. Sie starb am 8. September 1985. Bis hierhin nichts Ungewöhnliches.

Unvergesslich für die Nachwelt machte sie sich am Mittag des 21. April 1945: Als sich die französischen Truppen Freiburg näherten, suchte Steiger den Generalmajor Rudolf Bader im Gasthaus und Hotel Jägerhäusle auf, um ihn zu einer gewaltlosen Übergabe der Stadt zu überreden. Bader und seine Volkssturmtruppen zogen am späten Nachmittag tatsächlich ab – entgegen des Befehls von Heinrich Himmler, dem Reichsführer der SS, „jede Stadt, jedes Dorf“ zu verteidigen. Freiburg wurde vor einer erneuten Zerstörung durch Kampfhandlungen verschont. Der befürchtete blutige und fanatische Endkampf um die Stadt blieb aus.

Angesichts dieser mutigen Tat ernannte Oberbürgermeister Rolf Böhme Philomene Steiger kurz vor ihrem Tod zur Ehrenbürgerin. Ein Jahr später wurde posthum ein Weg im Stadtteil Herdern nach ihr benannt. 1946 war sie Mitbegründerin des Deutschen Frauenrings in Freiburg und engagierte sich politisch für die CDU als Kommunalpolitikerin.

Volkssturm und letzte Gefechte im Schwarzwald

Am 25. September 1944 gab es den sogenannten „Erlass des Führers über die Bildung des Deutschen Volkssturms“. Alle wehrfähigen Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren sollten in neu gebildeten Volkssturmverbänden zu den Waffen gerufen werden, um Freiburg, wie es in einem Fernschreiben des Oberkommandos der Heeresgruppe „G“ vom 11. Februar 1945 hieß, „bis zur letzten Patrone“ zu verteidigen. Nachdem sich jedoch das XVIII. SS-Armeekorps unter Befehl von SS-General Keppler nach Osten abgesetzt hatte, leisteten die Volkssturmverbände in Freiburg keinen oder kaum Widerstand gegen die anrückenden Alliierten.

Obwohl in den letzten Kriegswochen viele deutsche Soldaten desertierten oder sich freiwillig dem Feind ergaben, versuchten vereinzelte Truppenverbände, meist junge Männer der Waffen- SS und Parteifunktionäre, einen fanatischen Endkampf zu führen, und weigerten sich zu kapitulieren. Ohne Kontrollinstanz terrorisierten sie die eigene Bevölkerung: Spontan einberufene Standgerichte verurteilten Fahnenflüchtige, angebliche Kollaborateure oder alle, die als Volksfeind ausgemacht wurden, zum Tod.

So auch in Waldkirch: Am frühen Morgen des 10. April um 7 Uhr wurden drei deutsche Soldaten von einem Erschießungskommando ermordet. 24 Stunden später folgten zwei weitere. Die Getöteten hatten sich unerlaubt von der Truppe entfernt; nur wenige Tage später erreichten französische Truppen die Region und befreiten sie. Auch im Schwarzwald leisteten einzelne Verbände der Waffen-SS bis zuletzt erbitterten Widerstand.

(Text und Gestaltung: Kolja Mälicke)

Veröffentlicht am 08. Mai 2020