Mensch, Biene!, Grafik: lahaye tiedemann gestalten, Ulm

Süße Spur: Sag mir, wo der Honig ist

Ein bisschen „Brr-hm“ und Gezwitscher: Was die ungewöhnliche Partnerschaft zwischen Mensch und Vogel mit Bienen zu tun hat, erklärt Nicole Landmann-Burghardt im Interview.

Liebe Nicole, du bist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ethnologischen Sammlung im Museum Natur und Mensch und hast für die Ausstellung „Mensch Biene!“ den kulturwissenschaftlichen Teil konzipiert. Geschichten aus fernen Ländern rund um unsere fleißigen Arbeiterinnen gibt es sicher unzählige. Heute möchte ich unseren Leser_innen dein persönliches Lieblingsmodul der Ausstellung vorstellen.

Museum Natur und Mensch – Städtische Museen Freiburg, Ausstellung „Mensch Biene!“, Modul „Großer Honiganzeiger und Yao“

Welches ethnologische Exponat aus der Ausstellung „Mensch Biene!“ findest du persönlich am spannendsten? Und welche Geschichte verbirgt sich dahinter?

Besonders spektakulär finde ich die Zusammenarbeit des Großen Honiganzeigers, ein Vogel, der in einigen Ländern Afrikas beheimatet ist, mit den Menschen. Zwischen einigen Bewohnern Afrikas und dem Tier kam es in den vergangenen Jahrhunderten zu einer einzigartigen Kooperation, die beiden Seiten nutzt. Die Menschen finden durch die Hilfe des Vogels Wildbienennester und erhalten so Zugang zu Honig. Der Vogel bekommt im Gegenzug seine Leibspeise – das Wachs der Bienennester. Übrigens ist der Große Honiganzeiger das einzige Wirbeltier, das Wachs verdauen kann.
 
Sowohl der Honiganzeiger als auch der Mensch haben spezifische Rufe entwickelt, um ihren Kooperationspartner anzulocken. In der Ausstellung „Mensch Biene!“ greifen wir das Beispiel der Yao aus Mosambik auf. Die Yao locken den Großen Honiganzeiger mit einem „Brr-hm“ an. Der kleine Vogel antwortet mit seinem Gezwitscher und weist gemächlich von Baum zu Baum fliegend den Menschen den Weg zu einem Bienennest

Wie stark profitieren die Yao von dieser Zusammenarbeit mit dem Honiganzeiger? Und was hat der Vogel davon?

Honig spielt im Wirtschaftsleben der Yao eine erhebliche Rolle. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass die Yao ohne die Unterstützung des Großen Honiganzeigers seltener ein Wildbienennest finden: Ohne Vogel gelingt es in gerade einmal 17% der Fälle, mit dem fliegenden Partner liegt die Erfolgsquote bei über 50%.
 
Die Vögel profitieren von der ungewöhnlichen Partnerschaft, weil sie ohne die Menschen nur schwer an das von ihnen begehrte Wachs der Wildbienen kommen. Zwar finden Honiganzeiger die Bienennester selbst und versuchen diese auch zu öffnen, doch dabei riskieren sie nicht selten ihr Leben. Denn die Bienen verteidigen ihr Revier mit allem, was dazugehört.

Museum Natur und Mensch – Städtische Museen Freiburg, Ausstellung „Mensch Biene!“, Detailaufnahme „Großer Honiganzeiger“

Und warum ist diese Kooperation eine solche Besonderheit?

Biolog_innen nennen eine Kooperation zwischen verschiedenen Arten, von der beide Seiten profitieren, Mutualismus. Die Zusammenarbeit zwischen Honiganzeiger und Menschen ist einzigartig, weil der große Honiganzeiger nicht domestiziert, d.h. gezähmt oder gehalten, wird. Es handelt sich um einen Wildvogel, der nur zeitweise die Nähe des Menschen sucht – und das, indem er mit dem Menschen kommuniziert. Er reagiert also auf die ungewöhnlichen Rufe der Menschen und antwortet sogar darauf.

Aber woher weiß der Honiganzeiger, dass sich die Zusammenarbeit mit den Yao lohnt?

Das ist eine gute Frage, die wissenschaftlich leider noch nicht endgültig geklärt werden konnte. Forscher_innen gehen davon aus, dass sich die Kooperation mit den Menschen durch natürliche Auslese über Hunderttausende von Jahren entwickelt hat. Von ihren Eltern lernen es die Jungvögel sicher nicht, denn der Große Honiganzeiger lässt seine Eier, ähnlich wie der Kuckuck, von anderen Vögeln ausbrüten. Die Evolutionswissenschaftlerin und Professorin Claire Spottiswoode arbeitet derzeit gemeinsam mit ihrem Team an einer Antwort.

Museum Natur und Mensch – Städtische Museen Freiburg, Fakten zum Honiganzeiger, Foto:  Gisela Gerson Lohman-Braun

Warum nutzen die Yao gerade diesen Brrr-hm-Ruf?

Das Suchen und Ernten von Honig ist bei den Yao Männerarbeit. Der spezifische Ruf wird den Honigsuchenden von ihren Vätern bei gebracht. Aber wer ihn letztendlich erfunden hat, ist bis heute ein Geheimnis.

Wo kommt der Honiganzeiger vor? Und reagiert er überall auf den gleichen Lockruf?

Der Große Honiganzeiger bewohnt die Savannengebiete in Afrika, südlich der Sahara: Kenia, Mosambik, Tansania und Malawi. Aber die Lockrufe sind überall unterschiedlich.

Liebe Nicole, vielen Dank für den aufschlussreichen Einblick in die ungewöhnliche Partnerschaft zwischen Vogel und Mensch!

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Veröffentlicht am 16.11.2018
 
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