Mensch, Biene!, Grafik: lahaye tiedemann gestalten, Ulm

Honig im Blut? – Teil 2

Ein Interview mit Roland Kälble von der Stadtimkerei Freiburg

Foto: Patrick Seeger

Letzte Woche hab ihr im Teil 1 des Interviews mit Roland Kälble von der Stadtimkerei Freiburg u.a. erfahren, warum das Bienenvolk ihre Königin manchmal auf Zwangsdiät setzen muss oder wie lange es dauern kann, das Handwerk einer Imkerin oder eines Imkers zu erlernen. Heute geht es im zweiten Teil um Fragen wie: Haben Autoabgase Auswirkungen auf Stadthonig? Wie sähe die Welt ohne Bienen aus? Zunächst erfahrt ihr aber, warum es unmöglich ist, 100 Prozent sortenreinen Honig herzustellen. Lest selbst!

Linden- oder Kirschblütenhonig – es gibt unzählige Sorten. Aber können die Konsument_innen überhaupt davon ausgehen, dass Bienen ausschließlich Pollen und Nektar einer bestimmten Blüte sammeln?

Der Lindenblütenhonig ist tatsächlich ein gutes Beispiel. Bisher habe ich ihn noch nicht geerntet, obwohl es einen Platz mit einer hohen Lindendichte im Institutsviertel gibt. Kein Imker würde daran zweifeln, dass der hier geschleuderte Honig Lindenhonig ist – farblich wie geschmacklich. Dennoch hat es bisher nie geklappt. Und zwar deswegen nicht, weil in der Regel zeitgleich die Edelkastanie blüht und die Bienen die Pollen beider Bäume gerne sammeln. Das verfälscht das Ergebnis. Alle meine Sortenhonige lasse ich bei der Uni Hohenheim untersuchen. Für einen sortenreinen Honig brauche ich 61 Prozent Bestandteil der gewünschten Pflanze. 100 Prozent sortenrein gibt es nicht. Vor einigen Jahren hatte ich einen Ahornhonig mit einer Reinheit von 92 Prozent – das war ein Traum! Kirschblüte hat in der Regel 75 – 80 Prozent und ist somit ebenfalls sehr rein.

Was ist ihr persönlicher Lieblingshonig?

Der Stadthonig. In cremig.

Apropos Stadthonig. Viele denken bei dem Begriff Stadtimkerei gleichzeitig an Abgase. Aber wird Stadthonig tatsächlich von Autoabgasen beeinflusst? Oder möchten Sie mit diesem Vorurteil aufräumen?

"Ich sehe dem Kunden oftmals schon die Abgaswölkchen in den Augen stehen, wenn ich von Stadthonig spreche."

Die Bedenken sind völlig legitim und naheliegend. Ich sehe dem Kunden oftmals schon die Abgaswölkchen in den Augen stehen, wenn ich von Stadthonig spreche. Aber es ist ganz einfach so – und nicht nur ein Freiburg-Phänomen –, dass wir guten Stadthonig haben. Auch Großstädte haben eine exzellente Qualität. In Hamburg oder Berlin wurden verschiedene Stadthonige auf urbane Schadstoffe untersucht. Das Ergebnis war, dass sie völlig unbelastet sind. Das interessante an der Hamburger Untersuchung ist sogar, dass die Stadthonige bis zu 40 Prozent mehr Blüten-Pollenvielfalt aufweisen. Die Diversität ist heutzutage in urbanen Gebieten im Vergleich zu ländlichen – wo ganze Landstriche von Monokulturen geprägt sind – weitaus höher.

Aber wie kommt es dazu, dass die Abgase keine Auswirkungen auf den Honig haben?

Nehmen wir wieder die Linde als Beispiel. Sie honigt am Tag ein paar wenige Stunden. Und nur in der Zeit, holt die Biene den Nektar. Diese Dauer ist so kurz, dass der Nektar gar keine Zeit hat, die Abgase aufzunehmen. Es gibt anscheinend auch Schadstoffe, die die Biene über ihren Körper absorbiert. Jetzt könnte man natürlich argumentieren, dass die Biene darunter leidet. Aber sie lebt im Sommer gerade einmal 4-6 Wochen. Das heißt, die Schadstoffbelastung kommt gar nicht erst zum Tragen. Erstaunlicherweise haben wir heutzutage nicht nur einen tollen Stadthonig. Es zeigt sich inzwischen ganz klar, dass es der Biene in der Stadt sogar besser geht, als im ländlichen Raum. Wir haben jedes Jahr deutlich weniger Völkerverluste als der Bundesschnitt. Darauf sind wir sehr stolz!

Aufgrund der Monokulturen?

Genau – keine Monokulturen, keine Pestizide. Hinzu kommt, dass es im Durchschnitt in der Stadt 2-3 Grad wärmer ist. Das ist ein durchaus positiver Nebeneffekt, auch wenn es erst einmal undramatisch klingt. Aber aufs Jahr gerechnet macht das ein Drittel mehr an Flugtagen. Das sind keine Tage, an denen wir mehr Honig bekommen, sondern Tage, an denen die Biene raus in die Natur kann.

In den Medien ist immer wieder die Rede vom Bienensterben. Sind auch Ihre Völker davon betroffen?

Meine Völker sind davon nicht betroffen. Ich habe in der Regel Verluste von 2-4 Prozent, in diesem Jahr sogar nur 1 Prozent – das war unser bestes Jahr! Der Bundesdurchschnitt der letzten Jahre lag dagegen zwischen 10 und 20 Prozent, was deutlich zu hohe Zahlen sind. 2-4 Prozent ist eine natürliche Verlustquote. Eine Königin stirbt zum Beispiel im Winter, das Volk wird ausgeraubt und verhungert. Manchmal ist die Natur einfach gnadenlos. Das ist dann aber nicht die Schuld des Imkers oder der Umwelteinflüsse. So etwas passiert, wie vieles Grausame im Tierreich. Es gibt in Deutschland ebenfalls keine Völker ohne Varroa-Milbe. Dagegen können die Imker_innen jedoch auf verschiedene Weisen behandeln. Ich nutze natürliche Säure, die theoretisch auch eine Bio-Zulassung hätte. Die Milbe allein halte ich für beherrschbar. Als Problem unter der Überschrift Bienensterben sehe ich das Zusammenspiel von Milbe, Pestiziden und Monokulturen.

Wie sähe Ihrer Meinung nach die Welt ohne Bienen aus?

Es gab es vor Kurzem einen Bericht auf Spiegel online über eine Supermarktkette. Sie räumte alles, was von den Bienen bestäubt wird, aus ihren Regalen und hinterließ stattdessen quälende Leere. Damit zeigte sie deutlich, wie die Welt ohne Bienen aussehen könnte. Hingegen glaube ich nicht an das vermeintliche Einstein-Zitat: „Wenn die Bienen aussterben, stirbt der Mensch vier Jahre später aus“. Diese Aussage wird Einstein zwar oft zugeschoben, tatsächlich hat er das jedoch nie gesagt. Und es ist schlichtweg falsch: Grundnahrungsmittel, wie Getreide oder Kartoffeln, sind allesamt nicht bienen-, sondern selbst- oder windbestäubt.

Was kann der Einzelne gegen das Bienensterben unternehmen?

"Indem man also Pflanzen, wie zum Beispiel Herbstastern oder Efeu säht, hilft man unseren Bienen ein Stück weiter."

Wer der Biene etwas Gutes tun will, säht im Garten oder auf dem Balkon Bienenweiden, die auch im Spätjahr noch blühen. Im Frühjahr gibt es eher ein Überangebot an Blühpflanzen. Streng genommen ist das für die Biene sogar zu viel. Im Herbst und Winter gibt es dagegen Nahrungsmangel oder die sogenannte Läppertracht – das sind Pflanzen, die nur vereinzelt wachsen und wenige Blüten hervorbringen. Indem man also Trachtpflanzen, wie zum Beispiel Herbstastern oder Efeu säht, hilft man unseren Bienen ein Stück weiter.

Und zum Abschluss: Fassen Sie doch noch einmal die Faszination Imkern in drei Worte.

Ich kann es in zwei Worten wiedergeben: Faszination Biene! Das passt.

Herzlichen Dank für aufschlussreiche Gespräch und Ihnen weiterhin viel Freude in der Imkerskluft zwischen Blumen und Bienen!

+++ NEWS +++ Seit heute  ist der Schaukasten mit dem lebenden Bienenvolk wieder in der Ausstellung „Mensch Biene!“ zu sehen. +++

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Veröffentlicht am 22.08.2018
 
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