Reinhold-Schneider-Preis der Stadt Freiburg

Klaus Theweleit

Klaus Theweleit (Foto: Albert Josef Schmidt)

Mit dem Reinhold-Schneider-Preis würdigt die unter Vorsitz von Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach tagende Jury aus Mitgliedern des Gemeinderats und Literaturexpertinnen und -experten das in Themen und Stil außergewöhnliche und seit Jahrzehnten international viel beachtete Werk des in Freiburg lebenden Autors.

Klaus Theweleit wurde 1942 in Ostpreußen geboren, studierte Germanistik und Anglistik in Kiel und Freiburg und war von 1969 bis 1972 als freier Mitarbeiter des Südwestfunks tätig. Theweleit lehrte am Institut für Soziologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Bis zu seiner Emeritierung hatte er über zehn Jahre eine Professur für Kunsttheorie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe inne und versieht derzeit wechselnde Lehraufträge in Deutschland, den USA, der Schweiz und Österreich.


Jurybegründung

Seit vierzig Jahren bereichert der Denker und Autor Klaus Theweleit mit seinen national wie international beachteten Texten zur Mentalitäts- und Kulturgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts Wissenschaft und Literatur. Sein vielfältiges und vielgestaltiges Werk nimmt immer wieder neu das Verhältnis von Macht und Geschlecht in den Blick und sprengt dabei die Grenzen der akademischen Disziplinen. Mit "Männerphantasien" schrieb Theweleit eines der wichtigsten Bücher zur Psychopathologie des Faschismus. Doch sein leidenschaftlicher Erkenntnisdrang richtet sich ebenso auf Phänomene der Popmusik oder den Fußball. In seinen Relektüren kulturgeschichtlicher Texte hat er durch Einbeziehung von Bildmedien ein ganz neues Genre hervorgebracht. Mit dem Reinhold-Schneider-Preis würdigt die Stadt Freiburg das außergewöhnliche Lebenswerk des kritischen Aufklärers Klaus Theweleit.


Prof. em. Dr. Wolfgang Eßbach

Laudatio

auf Prof. Dr. Klaus Theweleit

Prof. em. Dr. Wolfgang Eßbach
Institut für Soziologie, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Geschichte spüren.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Salomon
sehr verehrte Damen und Herren dieser Festversammlung
liebe Monika, lieber Klaus,

Vielleicht fange ich mal so an:

Die Staudingerstraße 5 und die Jacobistraße 25 waren die beiden Freiburger Adressen, die aufzusuchen zu meinen ersten Aktivitäten gehörte, als ich zum Wintersemester 1987 einen Ruf an die Universität Freiburg angenommen hatte. Das hatte sich in der Bundesrepublik herumgesprochen, daß hier zwei international diskutierte Wissenschaftler wohnten, für viele der Jüngeren Hoffnungsträger einer Erneuerung der Germanistik im Zeitalter der Medien, daß aber nach dem Willen der Mehrheit der zuständigen Freiburger Professoren Klaus Theweleit und Friedrich Kittler keine Karriere machen sollten. 1987 packte Friedrich Kittler seine Bibliothek, den Lötkolben und die umfängliche Hardware zusammen, um eine Professur in Bochum anzunehmen. Er hat sich danach für hier freiwerdende Professuren beworben, man hat ihn nicht zum Hearing eingeladen. Klaus Theweleit war zu meiner großen Freude davon zu überzeugen gewesen, seinen Brast auf die von ihm geliebte Universität ein Stück weit zu verwinden und einen regelmäßigen Lehrauftrag für Kulturtheorie am hiesigen Institut für Soziologie zu übernehmen.
Was war „der Theweleit“, den man Ende der siebziger Jahre gelesen haben mußte, wenn man intellektuell mithalten wollte? Man fragte: „Hast Du schon den Theweleit gelesen“ und vermied oftmals den Titel auszusprechen, der in der Hochphase des Feminismus schräg, fast etwas inkorrekt klang: „Männerphantasien“.

Daß es sich bei Mann und Frau keineswegs, wie eine bekannte Feministin meinte, um einen kleinen Unterschied handelt, sondern um einen ziemlich großen, das kann man lernen, wenn man die Text- und Bildlandschaften von Klaus Theweleit durchstreift. „Männer und Frauen“ ist schon die Überschrift des 1.Kapitels von „Männerphantasien“, erster Abschnitt „Sieben Ehen“, und dann geht es weiter mit Bräuten, Flintenweibern, Krankenschwestern und der Entstehung des Panzers gegen die Frau.

Von problematischen Paaren handelt Orpheus und Euridike (mit durchgestrichenem ‚und’). Der Mann ist Künstler und die Frau, die er liebt und die ihn liebt, macht ihn produktiv gerade oft dann, wenn sie stirbt. Die tote Geliebte als Basis künstlerischen Schaffens: So bei Gottfried Benn und Herta von Wedemeyer, Claudio und Claudia Monteverdi, Bertold Brecht und Margarete Steffin, Knut Hamsun und Marie Andersen, Dante und Beatrice, Rainer Maria Rilke und Wera Knoop, Ezra Pound und Hilda Doolittle, nur beim Paar: Franz Kafka und Felice Bauer läuft die Geschichte anders. Die Eurydiken in den Paaren waren für ihren Orpheus „mediale Frauen“, d.h. sie schrieben Männertexte auf Schreibmaschinen, traten in Dramen ihres Orpheus auf der Bühne auf oder sangen seine Kompositionen. Und sie konnten diese Leistungen noch steigern, wenn sie tot waren und als jenseitiger Speicher von Gefühlen und Geschichten ihrem Orpheus dienten. Die Fälle, die Theweleit detektivisch aufrollt, lesen sich wie Kriminalgeschichten – starker Tobak für die große Schar einsamer Genies, die nicht nur die literarische Welt, sondern auch die Expertenwelt der Philologen bevölkert. Gottfried Benn, wenn auch vielleicht nur indirekt, aber denn doch ein Mörder seiner Frau?

Über all der Aufregung, die der erste Band des monumentalen Werkes Buch der Könige verursacht hat, drohte die zentrale Einsicht, die Klaus Theweleit vermittelt hat, verschüttet zu werden: Allein kommt man zu nichts. Kreativität erwächst nur aus Beziehungen. Theweleits Geschichten von Orpheus und Euridike haben Vielen zu denken gegeben, und vor allem konnte es von jeder Seite zur Sprache gebracht werden: Allein kommst Du zu nichts. Für einen bekennenden Heterosexuellen wie Klaus Theweleit heißt dies: Ohne Monika, ohne Beziehung zu den Kindern kommst Du zu nichts. Bei sexuellen Minderheiten, die, soweit ein Soziologe und Anthropologe schauen kann, Minderheiten bleiben werden, dürfte es ähnlich sein: All you need is love. Den Beatles-Song, der, wie Sie sicher im Ohr haben, mit einer Marseillaise-Fanfare eingeleitet wird, hat unser Preisträger als Untertitel eines kleinen, wunderbaren Büchleins über Paarbildungsstrategien gewählt. Nebenbei gesagt: Ich würde mir wünschen, daß in die sterile, aggressive und enterotisierte Diskussion um den Bildungsplan in Baden-Württemberg etwas Theweleitscher Geist einzöge.

Männerphantasien von 1977/78 ist aus den Revolten der Sixties und ihren Spaltungsprozessen herausgewachsen. Das Werk ist dem Historiker Erhard Lucas gewidmet. Erhard Lucas – er starb 1993 mit 56 Jahren – forschte vor allem über die Märzrevolution im Ruhrgebiet 1920, die aus dem Geschichtsbewußtsein der Deutschen, auch der Bewohner des Ruhrgebiets, nahezu verschwunden war. Lieber Klaus, wir beide verdanken Erhard viel. Mich hat er 1964 hier in Freiburg für den SDS angeworben und mir beigestanden als ich 1965 auf dem Münsterplatz eine Rede gegen den Krieg der Amerikaner im Vietnam gehalten habe. Du hast seine Einladung angenommen, ein Kapitel seiner Märzrevolution über Bücher der Freikorps-Soldaten zu schreiben. Es handelte sich um grausige Texte, die einer versunkenen Zeit anzugehören schienen. Aber diese Zeit war im Inneren der deutschen Männerkörper noch virulent. Aus dem Kapitel für Erhard Lucas’ Märzrevolution wurde ein eigenes zweibändiges über 1000 Seiten umfassendes Werk.

Männerphantasien, das ist auf einer ersten Ebene eine Sprachstil- und Motivanalyse von über 250 Romanen oder Erinnerungen der Soldateska, die die Führung der SPD gegen die revolutionäre Rätebewegung zu Hilfe rief. Was für ein Frauenbild, was für ein Körperverhältnis und was für ein Verhältnis zur Gewalt hatten diese Männer? Die These lautete: Die literarischen Gewaltphantasien und die reale Gewalt rührten daher, daß es sich bei diesen Kämpfern um „nicht-zu-Ende-geborene“ Männer handelte, die ihre eigenen zarten, erotischen, lebendigen, fließenden Empfindungen in einem Körperpanzer kasernierten. Die asexuelle Lichtgestalt der weißen Krankenschwester und das Gegenbild der kommunistischen Hure, die erschossen und zu „blutigem Brei“ verarbeitet werden sollte, wie es in einem Freikorps-Text heißt, waren zwei Seiten der Entlebendigung des Weiblichen, sowohl der Frauen, mit denen es die Kämpfer an den Fronten des Krieges und des Bürgerkrieges zu tun hatten, als auch der weiblichen Anteile bei ihnen selbst. Die Furcht vor der Verweichlichung des soldatischen Selbst, d.h. der Ich-Auflösung, ist die Quelle der kriegerischen, entgrenzten männlichen Gewalt. Den körperlichen Schmerz im Drill und in den Strapazen der Schlachten zu empfinden, ist dabei Bildungselement des soldatischen Selbst. Diesen an der Analyse der Freikorps-Literatur entwickelten männlichen Typus, der eine lange Vorgeschichte der Disziplinierung von Männerkörpern in Europa hat, findet Klaus Theweleit in faschistischen Texten wieder, und er findet ihn im eigenen Erleben als Kind und Jugendlicher in den 50er Jahren.

In den gängigen Faschismustheorien marxistischer Provenienz kam dies alles nicht vor. Auch die Theorie der Frankfurter Schule vom „autoritären Charakter“ paßte nicht recht dazu. Orientierend wurden für Klaus Theweleit zum einem Autoren, die Korrekturen an den Lehren Freuds vorgenommen hatten, wie die amerikanische Psychoanalytikerin Margaret Mahler, der ungarische Psychoanalytiker Michael Balint und die Begründerin der Kinderpsychoanalyse Melanie Klein. Sie hatten sich auf verschiedene Weise auf die Erforschung der ganz frühen, sogenannten „prä-ödipalen“ Entwicklung des kleinen Kindes konzentriert, in der sich ein körperliches Selbstempfinden bildet, bevor es in das Dreieck Vatermutterkind eintritt. Die andere theoretische und politische Drift für die Männerphantasien strömte 1974 aus Frankreich herüber. L'Anti-Œdipe. Capitalisme et schizophrénie (Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I), war der Titel eines Buches, in dem es um eine Vielzahl von Wunschmaschinen ging, d.h. um vorsprachliche leibliche Regungen, deren anarchische Ströme durch Territorialisierungen letztlich nicht einzudämmen waren. Michel Foucault hat den Anti-Ödipus, das Buch, das der Philosoph Gilles Deleuze zusammen mit dem Psychiater Félix Guattari verfaßt hatte, im Vorwort zur amerikanischen Ausgabe als „ein Buch der Ethik“ bezeichnet, das sich nicht nur gegen den historischen Faschismus richtet, sondern ebenso auch gegen den „Faschismus, der in uns allen ist, (…) der uns die Macht lieben und genau das begehren läßt, was uns beherrscht und uns ausbeutet.“ Und „mittels einer demütigen Ehrung des heiligen Franz von Sales“, der 1604 eine Introduction à la vie dèvote geschrieben hatte, eine Einleitung zum andächtigen Leben, nennt Foucault den Anti-Ödipus, eine „Einführung in das nicht-faschistische Leben.“ Klaus Theweleit war ein Deleuzianer der ersten Stunde und dieser Impuls wirkt bis in die neuen Texte weiter.

Der Faschismus in uns, der uns die Macht lieben und genau das begehren läßt, was uns beherrscht und uns ausbeutet, ist Thema des 1750 Seiten umfassenden zweiten Teils des Buchs der Könige. Man kann hier nachlesen, wie die Künstler-Könige den Kunst-Pol aufgaben und sich an den Macht-Pol ankoppelten. Gottfried Benn an Hitlers Partei, Ezra Pound an Mussolini, Elvis Presley an Richard Nixon und Andy Warhol an den US-Konzern Campbell und an Mercedes-Benz.

Unter den Künstlern, die von den Nazis nicht verfolgt und ermordet wurden, und die Nazi-Deutschland auch nicht verlassen mußten, gab es wenige, die dem Magnetismus des Machtpols nicht erlagen. Zu diesen wenigen gehört Reinhold Schneider, der Namensträger des Preises, der heute vergeben wird. Weder nach der Machtergreifung Hitlers, noch unter der Regierung Adenauer hat Reinhold Schneider darauf verzichtet, ethische Prinzipien öffentlich zu machen. Unter den Bedingungen totalitärer Herrschaft waren es Sonette, die so kunstvoll angelegt waren, daß sie den Nazi-Behörden keinen Grund zum sofortigen Verbot gaben, die aber von seinen Lesern als Ermutigung verstanden wurden, dem Gebot des Mitmachens zu widerstehen. Die Gedichte kursierten in Abschriften, die den Briefen beigefügt wurden, in unautorisierten Privatdrucken, so wie die Samisdat-Literatur im sowjetischen Herrschaftsbereich. Und wie dort Dichter u.a. eine subversive Verwendung von Naturlyrik entwickelten, in der von der Totenstarre, in die alles Leben verfällt, gesprochen wird, so auch Schneider, wenn er am Abend des 20.Juli 1944 das Sonnet „Der Erntetag“ niederschreibt, das mit dem Vers beginnt:

„Schon sind die Felder weiß, und dunkel glüht
Die Sonne da sie zaudernd sich erhebt,
Der Wald verschwimmt, und keine Ähre bebt
Und nicht der Mohn, der atemlos verblüht.“

Schneider gehörte zu den ersten, die die Attentäter gegen die verbreitete Meinung, es habe sich um Vaterlandsverräter oder Dilletanten gehandelt, verteidigten. 1946 forderte er in einer Rede vor der Freiburger Universität dazu auf, jeder solle die Frage an sich selbst beantworten, „was er getan hätte, sofern Adolf Hitler gesiegt hätte.“ Über diese Kernfrage lohnt es sich heute immer noch im Rahmen einer kontrafaktischen Historiographie nachzudenken. Reinhold Schneiders Gradlinigkeit setzt sich in den fünfziger Jahren fort. Schneider wurde Teil der Friedensbewegung, die gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und das Streben nach Atomwaffen kämpfte. Und er scheute sich nicht, seine Beiträge in kommunistischen Zeitungen zu publizieren. Das schadete seinem Ansehen und seine Stimme war nur noch selten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu hören.

Es ist aber nicht nur die Verweigerung gegenüber den Verlockungen des Machtpols und nicht nur der tiefe Pazifismus, die es erlauben, das Werk von Klaus Theweleit neben das von Reinhold Schneider zu legen und auf Resonanzen aufmerksam zu machen. Für beide gilt, daß sie ihre Zeitkritik aus der Geschichte heraus entwickeln. Es war gerade diese historische Dimension, die nach 1945 bei den Autoren etwa der Gruppe 47, deren Texte mehr und mehr den Schulunterricht dominierten, weitgehend gekappt wurde. „Abendland“, für Schneider ein unverzichtbarer Horizont, ist dann in den 70er und 80er Jahren den schubweisen Entrümpelungen der Curricula zu Opfer gefallen.

Wenn man nun einen Band von Theweleits Hauptwerken zur Hand nimmt, so findet man darin weite Partien des Fundus humanistischer Bildung: antike Mythologie, jüdische und christliche Religionsgeschichte, Mittelalter, Aufklärung, Klassik, und diese langen Geschichten sind, wie bei Schneider auch, gegen den Strich gebürstet, damit sie die Zeitkritik erhellen und schärfen.

Auch in der Wahl historischer Szenen lassen sich Korrespondenzen finden. Große Romane Reinhold Schneiders, wie der über den portugiesischen Dichter Luís de Camões, der in der Zeit der Konquistadoren ein berühmtes Epos über die Entdeckung des Seewegs nach Indien durch Vasco da Gama hinterlassen und der auch selbst an Kolonialkämpfen an der Malabarküste im Südwesten Indiens teilgenommen hat, und der 1938 publizierte Roman Las Casas vor Karl V. Szenen aus der Konquistadorenzeit, sie handeln von der Gewalt der Eroberung der Welt durch Portugiesen und Spanier. „Das letzte Mal, in der Disputation, hat mich der Vater Las Casas belehrt über mein weltliches Amt und seine Nichtigkeit“, läßt Reinhold Schneider Karl V. gegen Ende des Romans sagen.

Las Casas Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder, herausgegeben 1966 von Hans Magnus Enzensberger in der unvergessenen sammlung insel, gehörte zu den Grundschriften der antiimperialistischen Neuen Linken. Damals tobte noch der akademische Streit, ob es sich bei diesem Text um Berichte von wahren Begebenheiten, dem Mord an mehreren Millionen Menschen, handelte oder ob es sich bei dem Dominikanermönch Las Casas um einen „Geisteskranken“, „verbohrten Anarchisten“ oder einen „Prediger des Marxismus“ handelte.

Gab es andere Methoden, neue Länder zu erobern und Barbaren zu zivilisieren? Der Legende von der humaneren Kolonisierung Nordamerikas durch Engländer geht Klaus Theweleit in seinem zweiten großen Werk Der Pocahontas-Komplex nach. 1607 wird in Mantua Monteverdis Oper „L’Orfeo“, das Monument für seine verstorbene Frau Claudia, uraufgeführt, und im selben Jahr landen englische Siedler an der nordamerikanischen Küste und gründen Jamestown in Virginia, – ein Zufall, der Klaus Theweleit dazu verleitete, „Orpheus am Machtpol“ anders weiterzuführen und zwar in Richtung auf „Orpheus in Amerika“. Da war er ja mit Elvis Presley und Andy Warhol schon im Buch der Könige gelandet. Die Geschichte von dem Indianermädchen Pocahontas, das sich in den englischen Seemann John Smith verliebt und den Geliebten vor dem Tod am Marterpfahl ihrer Landsleute bewahrt, gehört zu den Grundmythen des Selbstbildes der USA als einer Nation, bei es eben anders gelaufen sei als bei den Portugiesen und Spaniern.

Aber die Geschichte ist viel zu schön, um wahr zu sein. Das erfährt man, wenn man Pocahontas in Wonderland liest. Es handelt sich um eine „Deck-Geschichte“. Denn es kreuzt sich darin eine andere Geschichte, nämlich die des Siedlers John Rolfe, Mitbegründer von Jamestown, der die Königstochter Pocahontas nicht aus Liebe heiratete, sondern um die Siedlung vor den Aggressionen der Indianer zu sichern. Mehr noch: John Rolfe veredelte den Tabak, der in Virginia wild wuchs und der in den Friedenspfeifen der Indianer geraucht wurde, und begründete die weiße Tabak-Ökonomie. Die Plantagen wurden ausgeweitet, und nachdem die Macht der Siedler gefestigter war, verendeten die schönen Geschichten der Mischehen im Krieg gegen „die Wilden“.

Es ist dieses Modell, das Klaus Theweleit im Pocahontas-Komplex in vielen Szenen vorführt: Die koloniale Landnahme gelingt, wenn die Eroberer die Liebe indigener Frauen gewinnen und so ihr Überleben angesichts der feindlichen Übermacht sichern. Im Buch der Königstöchter. Von Göttermännern und Menschenfrauen, das im letzten Jahr erschienen ist, hat Klaus Theweleit eine Vielfalt von Geschichten der Eroberung von Land versammelt, von den Argonauten bis zu Camerons Avatar, bei der die Sicherung der Fremdherrschaft mit Hilfe von Frauen aus den eroberten Ländern gelingt.

Legt man die Eroberungsgeschichten von Preisträger und Namensgeber des Preises nebeneinander, so könnte man sagen: Während Reinhold Schneider in den 30er Jahren den missionarischen Geist der portugiesischen Kreuzritter, die nach ihrer Niederlage im Nahen Osten sich an die Eroberung der Welt machten, und die Anklagen des Dominikanermönchs Las Casas zum Gegenstand historischer Romane macht, deckt Theweleits ebenfalls aus der Geschichte gewonnene Zeitkritik das Liebesgeheimnis des Gründungsmythos der USA auf, und dieser Spur folgend, die Konstruktionsprizipien der eigentümlichen Macht des Westens.


Fragen wir zum Schluß: Woher könnte die Ausdauer und die Kreativität, die sich im Werk von Klaus Theweleit manifestiert, kommen? Woher dieser unverkennbare zuvor nicht gehörte Sound, gemixt aus Theorie, gelehrter Faktenbesessenheit, schnoddrigem Talk, Erzählfreude, getaktet und eingelassen in einem Strom vom Bildern?

…ein Aspirin von der Größe der Sonne, im Text zum fünfzehnjährigen Jubiläum des Freiburger Buchladens Jos Fritz, liest man: „Der Grad der Geschichtlichkeit in einem Körper, die Wirklichkeitskompresse aus Geschichtlichkeiten bestimmt den Blick, die Wahrnehmung, die Schnitte, die Eingriffe, die Verfahrensweisen der Einzelnen im Umgang mit den Dingen, den Sätzen, den Tönen, den Leuten, den Bildern, den Erinnerungen, dem Alltag.“

Und man findet bei ihm eindrucksvolle autobiographische Körpererinnerungen. Da kickt der Junge auf einem Bauerndorf bei Husum mit einer Schweinsblase: „Zauber regellosen Herumspielens“. Sie „war ein anarchistisch-demokratisches Gerät, wenn auch nur durch gleichmachende Ungerechtigkeit.“ – „Gedichte seien wie Pfirsiche. Man habe ihre samtene Haut zu schonen“, liest er später bei einem Literaturprofessor und bemerkt: „Ein Ball wird schöner wenn man ihn richtig tri(ff)t. Für eine Menge Gedichte gilt übrigens das Gleiche. Ein kräftiger Tritt gegen ihre Schale erweist ihre Flugfähigkeit.“

Aus der „Sprachverbannung“: „Du hast damals nicht gelebt; du kannst das nicht verstehen; und Klappe jetzt“ führten „die Wundergeräte Rockmusik und Kino“ heraus. Ab 1956 kann er Rock ’n Roll auf BFN/AFN hören. „Hier waren Töne, die Ansätze eines eigenen Sprechens hervorbrachten“. Aber nicht nur diese Musik: „Die Amerikaner“, so erinnert er sich im Buch zu Heiner Müllers Traumtext, „die mich akustisch am Nachhaltigsten ‚vor den Nazis gerettet’ und gegen sie immunisiert hatten – das waren die Bebob-Jazzer zwischen Dizzy Gillespie und Charly Mingus“. – „Während die wirkliche Welt, genannt ‚Realität’, in die einzutreten sie einen geboren hatten, brüllte, ‚es gibt kein Bier auf Hawaii, drum bleib ich hier’. Was für Arschlöcher.“

Die Rockmusik, der Jazz und dann das Kino. Theweleits Bücher sind nicht einfach „Theorie-Romane“, wie man sie genannt hat, sondern ebenso Theorie-Filme, denn die Bilder, die mehr als die Hälfte der Seiten füllen, sind keine Illustrationen alter Art, es sind Bildströme, die man wie einen Film ansehen kann. Für den Kinogänger Theweleit waren die Autoren der Zeitschrift Filmkritik „die ersten deutschen Stimmen, die nicht nach Fascho, Heimat, Enge rochen, und die verläßlich vor allem von den wichtigen Dingen schrieben, the real thing. Nicht Gruppe 47 – Filmkritik. International wie die Surrealisten, jeder Artikel ein Manifest, in nicht dogmatischer Schreibe, und immer auch wie die Stücke auf einer LP, Musik.“ Dies galt besonders für die Stimme von Frieda Grafe. Die Kritiken und Essays dieser großen Lehrerin des Sehens werden für Theweleit Vorbild für „eine Sprache, in der sich auf deutsch ausdrücken ließ, was einen selber umtrieb, das Reale der Bilder, Töne Körper.“

Und was da alles sehend aufgedeckt wird: Hitchcocks Die Vögel. die Luftangriffe, der Duschvorhang in Psycho, die Mordduschen Hitlers, Ludwig Kirchners duschender Soldat und Anselm Kiefers Sonnenblume als eine Kerne versprühende Riesendusche. – Die Tiefenschichten von Pasolinis indizierten, verstümmelten, verbotenen und wieder zugelassenen Film Salò oder die 120 Tage von Sodom mit aller Gewalt, die man nicht vorgeführt bekommen will, und vor allem immer wieder Jean-Luc Godard.

So schließe ich mit dem hoffnungsvollen Satz von Godard: „Das Kino erlaubt es Orpheus, sich umzudrehen, ohne Eurydikes Tod zu verursachen“ und ich füge hinzu: Lieber Klaus, bei Deinen Büchern ist es ebenso.


Kontakt

Frau Claudia Dürr

Assistenz der Amtsleitung

Telefon (07 61) 2 01-21 01

Bewerbungen

Vorschläge für potentielle PreisträgerInnen werden über die jeweilige Experten-Jury eingebracht. Eigenbewerbungen sind grundsätzlich möglich, aber unüblich. Ein Bewerbungsformular liegt nicht vor.


Satzung

Informationen zu Vergabe-Kriterien, Dotierung, Jury-Zusammensetzung etc. können in der Satzung über die Verleihung des Kulturpreises (208,5 KB) (PDF-Datei) eingesehen werden.