Abschied in den Ruhestand

Bürgermeisterin Gerda Stuchlik im Interview

Die scheidende Bürgermeisterin Gerda Stuchlik über das Besondere an kommunaler Arbeit, über ein Innehalten nach Corona, über Abschiedsschmerz und Vorfreude. (Foto: Patrick Seeger/Stadt Freiburg)

Genau 24 Jahre lang prägte Gerda Stuchlik als Bürgermeisterin für Umwelt, Bildung und Jugend die Freiburger Stadtpolitik mit. Heute verlässt sie, nach drei Amtszeiten,das Freiburger Rathaus. Was sie in dieser Zeit bewegt und bewirkt hat, hat die in Hessen aufgewachsene Biologie- und Geschichtslehrerin im Gespräch mit der Amtsblatt-Redaktion erzählt.

Amtsblatt: Frau Stuchlik, Sie waren fast ein Vierteljahrhundert Bürgermeisterin. Was waren aus Ihrer Sicht die zentralen Beschlüsse?
(Antworten öffnen mit Klick auf die Frage)

Stuchlik: Meine ersten Jahre waren ja von der Neuausrichtung der Abfallwirtschaft geprägt: Teilprivatisierung, Umstellung von 35-Liter-Restmüllbehältern auf große Rollbehälter, Einführung der Biotonne, Schließung und Rekultivierung der Deponie Eichelbuck und der lange Weg von der BMA zur Müllverbrennung. Was mich aber eigentlich nach Freiburg geführt hatte, war der Wunsch, den kommunalen Klima- und Artenschutz zu gestalten – Highlight war die Einrichtung des Klimaschutzfonds 2008, wo wir mittlerweile jedes Jahr sechs Millionen Euro zur Verfügung haben. Sehr erfolgreich ist auch unser Programm "Energieeffizient sanieren". Freiburg hat eine wesentliche höhere Sanierungsquote im Altbaubestand als der Bund, und die Windräder sind der sichtbare Teil der erneuerbaren Energien in der Stadt.

AB: Sie waren ja auch für den Bildungsbereich zuständig...

Stuchlik: Genau, als zweites wollte ich die Freiburger Bildungslandschaft mitgestalten. Die Schulgebäude waren in einem desolaten Zustand. Es galt erst mal, einen Sanierungsplan zu entwickeln und umzusetzen. In meiner Amtszeit haben wir über 50 Prozent der Schulgebäude neu gebaut, saniert, generalsaniert oder erweitert und über 500 Millionen Euro investiert. Ganz besondere Highlights waren die neuen Ansätze, die wir mit Stiftungen sowie Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen realisieren konnten, die Bildungsregion, LEIF; Lernen erleben in Freiburg. Wir haben den Kitas und Schulen zahlreiche Angebote zur Bildungsteilhabe zur Verfügung gestellt. Die Etablierung der Durchgängigen Sprachförderung im Sozialraum ist das Juwel. Umwelt und Bildung zusammengedacht führten dann zur Gründung des Waldhauses, dem Ausbau des Mundenhofs als kostenloses Angebot und zur Förderung der Ökostation, des Abenteuerspielplatzes und vielen weiteren Einrichtungen. Das und vieles mehr konnte ich ausgestalten dank und zusammen mit den 1800 engagierten Mitarbeitenden in meinem Dezernat und der Stadtverwaltung.

AB: Gab es im Gegenzug etwas, das Sie nicht durchsetzen konnten?

Stuchlik: Ja. Es ist schade, dass die Musikschule kein eigenes Gebäude bekommt. Ursprünglich war dafür der Westflügel des Lycée Turenne vorgesehen – aber wir mussten zu viel in die Basics, in die Schulsanierungen stecken. Als Zwischenschritt konnten wir die Musikschule in einem Flügel der Turnseeschule unterbringen.

AB: Die Herausforderungen im Schulbereich sind enorm; die Sanierungen werden noch viele Jahre und mehrere Hundert Millionen Euro brauchen, in Dietenbach und wahrscheinlich am Tuniberg werden neue Schulen gebaut. Bedauern Sie, diese wichtige Phase nicht mehr mitgestalten zu können?

Stuchlik: Ja, da ist schon auch Wehmut dabei. Dass eine Kommune so eine neue große Gemeinschaftsschule wie in Dietenbach planen und bauen wird, ist in Baden-Württemberg einmalig, daran werde ich bis zur letzten Minute arbeiten. Auch beim Klimaschutz, etwa bei Klimaschutz-Fonds-Projekten mit der Bevölkerung oder beim Realisieren von klimaneutralen Gewerbegebieten, hätte ich noch Ideen. Aber ich habe hier viel Kraft investiert und möchte nun meine eigenen Träume verwirklichen. Außerdem denke ich, nach 24 Jahren ist es gut, dass mal ein anderer Blick auf die Bildungs- und Umweltlandschaft geworfen wird, ich glaube, 24 Jahre sind genug.

AB: In kaum ein Themenfeld ist in den letzten Jahren so viel Energie gesteckt worden wie in den Ausbau der Kinderbetreuung. Was überwiegt: der Stolz auf das Erreichte oder der Frust, dass der Bedarf noch nicht gedeckt ist?

Stuchlik: Da lohnt es, sich die Zahlen anzusehen. In den letzten zehn Jahren haben wir für die Null- bis Dreijährigen die Anzahl der Krippen-Betreuungsplätze verdoppelt, und bei den Drei- bis Sechsjährigen um 50 Prozent erhöht. Damit haben wir jetzt mehr als 11 000 Plätze. Und parallel wurde ja noch die Schulkindbetreuung ausgebaut, an allen Grundschulen gibt es ein pädagogisch hochwertiges Betreuungsangebot für die Nachmittage und die Ferienzeiten. Die Betreuungsquote ist von 25 auf 75 Prozent angewachsen. Davor gab es nach der Kita immer einen Bruch in der Betreuung, sodass die Eltern sagten: "Ab Klasse 1 war ich beruflich wieder zurückgeworfen." Jetzt bieten wir in Freiburg ein durchgängiges Betreuungsangebot von null bis zehn, also bis das Kind auf die weiterführende Schule kommt. Diese Schulkindbetreuung ist rein freiwillig, bislang gibt es darauf keinen Rechtsanspruch und keine finanzielle Unterstützung, sie kostet den städtischen Haushalt jährlich 14 Millionen Euro. Insofern bin ich stolz darauf. Wir haben viel investiert dafür, dass Eltern Beruf und Familie vereinbaren können und die Kinder ein pädagogisch hochwertiges Angebot bekommen.

AB: Bei Ihrer Abschiedsrede im Gemeinderat haben sie dazu aufgerufen, nach der Corona-Krise erst mal innezuhalten...

Stuchlik: Mir ist wichtig, dass es nicht einfach so weitergeht, wenn wir im Sommer oder Herbst hoffentlich Licht sehen. Ich glaube, die Herausforderung hat viel mit den Menschen gemacht, in existenzieller Hinsicht, aber auch durch das Gefühl, zurückgeworfen zu sein. Was ist eigentlich mit den Jugendlichen, was hat diese Krise bei der nächsten Generation hinterlassen? Und wie sieht unsere Innenstadt hinterher aus und das öffentliche und kulturelle Leben? Momentan sprechen wir, und das ist auch richtig, viel mit Medizinerinnen und Virologen. Aber im Anschluss ist es wichtig, mit anderen Fachleuten ins Gespräch zu kommen, etwa mit Philosophinnen, Psychologen oder Ökonominnen. Ein bisschen mit Abstand auf Freiburg zu schauen und gemeinsam mit der Bürgerschaft zu überlegen: Was braucht es jetzt? Und dann erst die Ziele für 2030 festlegen – das würde ich mir wünschen.

Man muss Ziele haben und für etwas brennen.

Bürgermeisterin Gerda Stuchlik

AB: Apropos 2030: Freiburg hat sich zum Ziel gesetzt, klimaschädliche Emissionen bis dahin um mindestens 50 Prozent zu senken und bis 2050 klimaneutral zu sein. Glauben Sie, dass die Menschen bereit sind, ihren Alltag entsprechend zu verändern?

Stuchlik: Da bin ich zuversichtlich, wir haben bereits jetzt viele Projekte mit der Bevölkerung zusammen umgesetzt. Etwa das Projekt "200 Familien aktiv für den Klimaschutz", bei dem 200 Familien ein Jahr lang ihren Lebensstil verändert haben. Dabei haben sie die Erfahrung gemacht, dass man mit viel weniger Plastik leben, sich regional ernähren und die Mobilität umstellen kann. So etwas stärken wir jetzt auch ab April oder Mai im Quartier Waldsee: Da macht sich ein Quartier auf den Weg, klimaneutral zu werden. Oder der "Green Industry Park" im Industriegebiet Nord, wo Firmen gemeinsam überlegen, was ihr Beitrag zur Klimaneutralität sein könnte. Da sind die Menschen in den Betrieben bereit, Energieversorgung und Mobilität neu zu denken, und das können wir als Stadt aufgreifen und bei der Umsetzung unterstützen. Gefordert wurden zum Beispiel bessere Radwege, das machen wir jetzt, oder eine bessere Busanbindung; die VAG bietet mittlerweile eine stärkere Frequenz an. Die Menschen sind bereit, ihren Beitrag zu leisten; in Freiburg sowieso.

AB: Wie bewerten Sie den Einfluss der Bewegung "Fridays for Future"? Und haben Sie ein persönliches Vorbild in Sachen Klima- und Umweltschutz?

Stuchlik: Die Bewegung ist einfach exzellent, weil sie bundesweit und vielleicht sogar weltweit eine Dynamik eingebracht hat, die uns allen guttut. Auch jenen, die schon lange in dem Themenfeld arbeiten und denken, sie wissen so viel – da nochmal kritisch nachzufragen: Habt ihr die Zeitdimension im Blick, wisst ihr, wie schnell wir handeln müssen? Dafür bin ich sehr dankbar. Ich persönlich habe auch Vorbilder, etwa Georg Salvamoser. Er wusste, wo er hinwill, und stellte den Ausbau der Solarenergie in den Mittelpunkt. (Der 2009 verstorbene Unternehmer gründete in Freiburg die S.A.G. Solarstrom AG und zählt zu den Pionieren der deutschen Solarenergiebranche, Anm. d. Red.). Das hat er real in Freiburg umgesetzt, er fuhr aber immer wieder auch nach Berlin, um bundeseinheitliche Förderungen und Regelungen einzufordern. Das fand ich sehr beeindruckend. Auch die Biologin und Umweltaktivistin Christine von Weizsäcker ist für mich ein großes Vorbild, weil sie sich weltweit für Artenvielfalt engagiert.

AB: Vor einem Monat hat der Gemeinderat die Einführung von PKAB beschlossen, die Prüfung der Klima- und Ar-tenschutzrelevanz von Beschlussvorlagen, allerdings ohne bindende Wirkung. Sind sie zuversichtlich, dass der Gemeinderat das trotzdem berücksichtigen und Vorlagen mit negativen Auswirkungen künftig ablehnen wird?

Stuchlik: Die PKABs haben ja mehrfach Wirkungen. Als erstes wird die Klima- und Artenschutzrelevanz in der Verwaltung geprüft, wenn sie eine Vorlage erarbeitet. Und zwar in jedem Dezernat. Das heißt konkret: Klima- und Artenschutz sind nicht mehr nur eine Aufgabe des Umweltdezernats, sondern eine Querschnittsaufgabe der gesamten Stadtverwaltung. Und wenn sich herausstellt, dass eine Maßnahme negative Auswirkungen auf die Artenvielfalt oder der Klimaschutz haben könnte, dann wird die Verwaltung nach Alternativen suchen. Wir sind eine lernende Organisation. Danach geht es in den Gemeinderat und dort wird abgewogen. Das wird nicht immer zu 100 Prozent für Klima- und Artenschutz ausgehen, weil auch andere Bedürfnisse wichtig sind, aber dass es einmal mitgedacht wird, das ist das Besondere. Deswegen halte ich die PKAB für ein sehr gutes Instrument, es wird nicht mehr wegzudenken sein.

AB: Bei Ihrer Verabschiedung haben Sie an den Gemeinderat appelliert, die Verwaltung nicht als Gegner, sondern als Partner zu sehen...

Stuchlik: Genau: Der Gemeinderat gibt die großen Linien vor. Um diese umzusetzen und im Detail gut auszuführen, dafür haben wir viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Verwaltung, die hoch engagiert arbeiten. Darauf können wir, Bürgermeister und Bürgermeisterin und der Gemeinderat, stolz sein.

AB: Sie waren 24 Jahre lang Bürgermeisterin – würden Sie sagen, dass Sie das Amt verändert hat? Und was hat Ihnen daran besonders gut gefallen?

Stuchlik: Man wird gleichzeitig anspruchsvoller und bescheidener. Das Amt verleiht einem Gestaltungsmacht, und ich weiß jetzt mehr, mit dieser Macht umzugehen und sie auch einzusetzen. Etwas gestalten zu können, das genieße ich. Auch, dass ich mir vor Ort anschauen kann, was daraus wurde; dass ich zum Beispiel in ein Waldgebiet gehen kann, in dem das Totholzkonzept umgesetzt wurde – die Artenvielfalt dort ist sichtbar. Oder im Bereich Sprachförderung, wo sowohl in den Kitas als auch in den Grundschulen zusätzlich Sprachförderkräfte eingestellt wurden: Wenn ich mit Eltern spreche, die aus anderen Ländern nach Freiburg kamen und sich freuen, dass ihre Kinder Deutsch genauso gut sprechen wie ihre Muttersprache – diese strahlenden Augen zu sehen, das hat mir immer viel Freude gemacht. Das ist das Schöne an kommunaler Arbeit!

AB: Was muss man mitbringen als Bürgermeisterin?

Stuchlik: Wichtig ist, dass man selbst für etwas brennt und sich selbst jedes Jahr Ziele setzt, dann gelingt es auch, die Verwaltung und den Gemeinderat zu überzeugen. Ich habe mir auch immer wieder Rat bei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eingeholt.

AB: Erzählen Sie uns zum Abschluss, worauf Sie sich jetzt am meisten freuen?

Stuchlik: Auf die gemeinsame Zeit mit Wolfgang, meinem Lebenspartner. Denn von den gemeinsamen 41 Jahren haben wir 24 Jahre getrennt gelebt, er in Brüssel und ich in Freiburg, nur die Wochenenden verbrachten wir zusammen. Die verbleibende Zeit gehört uns beiden.

AB: Und was haben Sie für Pläne?

Stuchlik: Ich möchte meine Träume verwirklichen. Ich will zum Beispiel einmal in die Oper nach Mailand. Oder lernen, wie man Käse macht. Und wir wollen mit dem Rad und zu Fuß Deutschland erleben und mit dem Senioren-Interrailticket Europa und dann die Welt entdecken.

Mehr zum Thema

Das Interview im Amtsblatt
Beitrag "Umwelt- und Bildungsbürgermeisterin im Gemeinderat verabschiedet"
Beitrag "Christine Buchheit zur neuen Bürgermeisterin gewählt"

Veröffentlicht am 06. April 2021
Kommentare (0)
Kommentar

Ihr Kommentar erscheint öffentlich sichtbar auf dieser Webseite. Der von Ihnen eingetragene Vor- und Nachname wird ebenfalls öffentlich angezeigt, nicht aber Ihre E-Mail-Adresse.


Logos Sozialer Medien: facebook Twitter RSS Youtube

Nachrichten abonnieren

Bleiben Sie auf dem Laufenden über aktuelle Nachrichten aus Rathaus und Bürgerservice, abonnieren Sie hier den RSS-Feed

Weitere Infos zur Funktionsweise von RSS-Feeds finden Sie unter www.freiburg.de/socialmedia