Auftakt zum Stadtjubiläum

Neujahrsempfang der Stadt Freiburg

Oberbürgermeister Martin Horn mahnt in seiner Neujahrsansprache die Wahrung demokratischer Rechte an (Foto: A.J.Schmidt).

Bis auf den letzten Platz gefüllt war die riesige Sick-Arena auf dem Messegelände am Mittwochabend. Rund 2500 Freiburger und Freiburgerinnen aus Vereinen, Politik, Wirtschaft, Kunst und Kultur waren der Einladung von Oberbürgermeister Martin Horn gefolgt. Darunter waren anlässlich des Jubiläumsjahres erstmals auch viele hundert, aus dem Meldregister zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger, die eine Einladung erhalten hatten.

Bildergalerie (Fotos: A.J.Schmidt):

  • Applaudierendes Publikum im Konfettiregen
  • Gruppenportrait der Freiburger Jubiläumsbotschafter_innen
  • OB Martin Horn im blauen Anzug hält einen Vortrag vor sitzendem Publikum
  • Innenraum im rötlichen Licht, Getränkeempfang
  • Portrait eines lachenden Mannes mit Brille, roter Fliege und Jackett
  • Ein Mann steht an einem Rednerpult; hinter ihm collagierte Bühnendekoration
  • Zwei Artisten vor einer großformatiger Collage
  • Eine Tanzgruppe vor großformatiger Collage
  • Schulterblick auf zwei Veranstaltungstechniker
  • Über ein Dutzend Musiker_innen spielen verschiedene Instrumente auf der Bühne
  • Eine Gruppe weißbekleideter Menschen auf der Bühne und klatschendes Publikum

Umrahmt von Tanz-, Musik- und Artistikeinlagen des Aktionstheaters Panoptikum umriss Horn Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Stadt und rief dazu auf, das "Ganze in den Blick zu nehmen und sich nicht nur Einzelinteressen" zu widmen. Der Bau des Freiburger Münsters, der sich über viele Jahrhunderte und viele Generationen hinzog, zeige einen Gemeinsinn der Bürgerschaft, der auch heute noch beispielhaft sei.

Eingangs seiner gut halbstündigen Rede umriss der Bürgermeister zunächst die 900-jährige Stadtgeschichte mit ihren wichtigsten Stationen Marktgründung, Münsterbau, den zahleichen Herrschaftswechseln, der Kriegszerstörung und dem Wiederaufbau. Im weiteren widmete sich Horn den Gegenwartsthemen, die das Rathaus besonders beschäftigen: Wohnungsnot, Haushaltspolitik, Digitalisierung und sozialer Ausgleich. Im dritten und letzten Teil wandte sich Horn der Zukunft zu. Diesen Redenteil dokumentieren wir in Auszügen.

Den gesamten Redetext gibt es unter www.freiburg.de/neujahrsrede zum Nachlesen

Die Neujahrsrede in Auszügen

"... Wir haben uns das Gestern angesehen und das Heute betrachtet. Und ich glaube, es wurde sehr deutlich: Geschichte verläuft weder zufällig, noch ist sie vorbestimmt. Es sind die Menschen, es sind wir, die die Geschichte, die Gegenwart und natürlich auch die Zukunft gestalten.

Heute geht es uns – ganz nüchtern und sachlich betrachtet – so gut wie nie zuvor in der Geschichte. Wir leben in der längsten Friedensperiode in Europa, wir verfügen über den größten materiellen Wohlstand und wir werden immer älter. Trotzdem haben viele Menschen den Eindruck, alles ist schlecht und alles wird fortlaufend schlechter.

Diese Sorgen ernst zu nehmen, das ist sehr wichtig. Und deshalb ist es mir wichtig, zu betonen, dass wir der Zukunft nicht ausgeliefert sind. Es liegt an uns, ob es uns auch morgen noch gut geht. Wie aber soll unsere Welt von morgen aussehen? Wie müssen wir die Welt gestalten, dass es uns weiterhin gut geht?

Wir werden uns auch künftig für Menschenrechte, Weltoffenheit und soziale Gerechtigkeit einsetzen

Nationalisten und Populisten haben darauf eine einfache wie falsche Antwort: So wie früher. Dabei wird ein „Früher“ suggeriert, dass es nie gegeben hat. In der Vergangenheit war nicht alles besser. Die Vergangenheit zeigt, dass die Ablehnung alles Fremden die Demokratie zerstört. Ein Blick zurück lehrt uns, dass ein aggressiver Nationalismus im Krieg endet. Das dürfen wir nie vergessen. Gerade in Zeiten, in denen bestimmte Politikerinnen und Politiker versuchen, völkisches Denken wieder salonfähig zu machen.

Meine Damen und Herren, es ist wirklich erschreckend, welche Töne – auch bei uns in Freiburg – mittlerweile zu vernehmen sind. Wir werden Zeuge von Beleidigungen, Antisemitismus, Bedrohungen, Hetze und Hass. Solch hasserfüllte Sprache erschüttert. Gerade wenn wir uns vor Augen halten, wohin hasserfüllte Sprache früher oder später führt: Zu offener Gewalt. Aber den Feinden unserer Freiheit und Demokratie sei hier und heute gesagt: Ihr mögt laut sein, aber Ihr seid nicht in der Mehrheit.

Und – davon bin ich felsenfest überzeugt: Das wird auch in Zukunft so bleiben. Wir werden bei uns in Freiburg auch weiterhin Menschen willkommen heißen. Wir werden uns auch künftig für Menschenrechte, Weltoffenheit und soziale Gerechtigkeit einsetzen. Und wir werden unsere Freiheit und unsere Demokratie mit aller Entschiedenheit verteidigen.

Meine Damen und Herren, es gibt – ich zitiere – einen „unauflöslichen Zusammenhang von Erinnerungs- und Zukunftsfähigkeit“. So hat das einmal die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth ausgedrückt. Gedenkstätten, wie unser künftiges NS-Dokumentationszentrum im Rotteckhaus, halten die Erinnerung an die dunkelste Zeit unserer Geschichte wach. Sie sind eine ständige und notwendige Mahnung, dass wir menschenverachtende Taten und Worte niemals wieder dulden und zulassen werden.

Die Vergangenheit lehrt uns aber auch, dass Freundschaften und Zusammenarbeit zwischen den Staaten möglich sind. Mit der Europäischen Union haben wir eine beispiellose Antwort auf die vergangenen Kriege gefunden. Und bis heute hat die Europäische Union nichts von ihrer überragenden Bedeutung eingebüßt. Vielleicht ist sie heute sogar wichtiger denn je.

Gerade für uns in Freiburg, im Dreiländereck gelegen, ist die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene von immenser Bedeutung. Ich freue mich daher sehr, dass heute auch Gäste aus unseren Nachbarländern unter uns sind. Insbesondere haben wir im vergangenen Jahr viel in die Kooperation mit Frankreich und der Schweiz investiert. Und auch in Zukunft werden wir diese enge Zusammenarbeit fortsetzen. Als Freiburger Oberbürgermeister werde ich mich auch in Zukunft mit voller Motivation für eine Politik einsetzen, die weder an der Stadt-, noch an der Staatsgrenze endet.

Städtepartnerschaften leisten einen Beitrag zur Verständigung der Menschen

Für ein gutes Zusammenleben pflegen wir darüber hinaus einen engen Austausch mit unseren Partnerstädten auf der ganzen Welt. Gerade auch in Zeiten von internationalen Konflikten. Es ist sehr besonders, dass Freiburg gleichzeitig Partnerstädte in den USA, Israel und im Iran hat. Diese Städtepartnerschaften bieten Raum für Begegnungen für Menschen aus diesen Städten. Bis zu dreimal im Jahr finden z.B. Bürgerreisen aus dem Iran nach Freiburg und in umgekehrter Richtung statt. Es ist toll, dass die Sommeruniversität bei uns in Freiburg Studierende aus Israel, den USA und dem Iran zusammenbringt. Und für unser Start-Up-Treffen im Jubiläumsjahr haben sich kreative Köpfe aus allen drei Ländern angekündigt – alleine aus Isfahan  20 Start-Ups.

Natürlich können diese Städtepartnerschaften den Konflikt nicht lösen. Aber sie leisten einen Beitrag zur Verständigung der Menschen. Freiburg hat als einzige Stadt in Deutschland eine iranische Partnerstadt. Wir stehen daher auch mit unserem Außenministerium in Kontakt. Und ich freue mich sehr, dass wir von Berlin aus intensiv unterstützt werden, unsere Verbindung nach Isfahan nicht aufzugeben, sondern zu intensivieren. Denn gerade in Zeiten, in denen Staaten außenpolitisch nur noch übereinander, statt miteinander sprechen, ist eine solche Verbindung von großer Bedeutung.

Für den Kampf gegen den Klimawandel brauchen wir internationale Zusammenarbeit

Eine andere Art von Partnerschaft – eine Klimapartnerschaft – planen wir darüber hinaus mit der Region Cusco im Amazonasgebiet in Peru. Im Sommer brannte dort die Lunge der Welt. Es waren ähnlich große Feuer wie jetzt in Australien. Jede Tonne CO2, die wir in Südamerika einsparen, sparen wir auch hier für uns in Freiburg ein. Denn Klimawandel kennt keine Landesgrenzen. Für den Kampf gegen den Klimawandel brauchen wir einerseits internationale Zusammenarbeit und starke nationale Initiativen.

Und auf der anderen Seite müssen auch wir Kommunen und Städte vor Ort mutig vorangehen. Daher haben wir im letzten Monat ein Klima- und Artenschutz-Manifest für unsere Stadt auf den Weg gebracht.

Und wir legen viel Wert auf nachhaltige Mobilitätsangebote. Neben Fahrradwegen wollen wir auch das Straßenbahnnetz weiter ausbauen. Ich freue mich, dass wir im Laufe des Jahres die Verlängerung der Linie 4 in Richtung Industriegebiet Nord in Betrieb nehmen können. Perspektivisch werden wir natürlich auch den neuen Stadtteil Dietenbach an das vorhandene Straßenbahn-Netz anbinden. Aber auch das reicht noch nicht! Daher werden wir noch in diesem Jahr im Gemeinderat über weitere Ausbau-Projekte diskutieren und hoffentlich weitere konkrete Maßnahmen für das neue Jahrzehnt beschließen.

Im vergangenen Jahr haben wir – auf Initiative von Fridays for future – die größte Demo der Nachkriegszeit in unserer Stadt erlebt. Das war wirklich beeindruckend! Jung und Alt haben gemeinsam für mehr Mut und Geschwindigkeit beim Klimaschutz demonstriert. Und eben nicht Jung gegen Alt, wie uns manch einer glauben machen will.

Wie soll das Freiburg der Zukunft aussehen? Welche Weichen muss eine Stadt stellen, die sich durch Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit, eine leistungsfähige Wirtschaft und eine offene und inklusive Gesellschaft auszeichnet?

An der Beantwortung dieser Frage arbeiten wir im Rathaus jeden Tag. Wir diskutieren, wir planen, wir beschließen, wir korrigieren, wir lernen, wir bauen. Und wir tauschen uns dafür mit den unterschiedlichsten Akteurinnen und Akteuren aus. In aller Bescheidenheit: Das macht Freiburg gut. Oft sogar sehr gut. Aber ich glaube, wir sollten uns – bei allen Projekten, bei aller Detailar beit, bei aller Geschwindigkeit – noch mehr Gedanken über unsere übergeordnete Vision für Freiburg machen.

Der Münsterbau zeigte einen Gemeinsinn der Bürgerschaft, der auch heute noch beispielhaft ist

So wie damals beim Münsterbau. Niemand wusste zu Beginn alle Details. Keiner hatte einen Masterplan von Anfang bis Ende mit allen baulichen Einzelmaßnahmen. Generationen von Menschen haben an nur einer einzelnen Bauphase gearbeitet, ohne je das fertige Bauwerk zu sehen. Dennoch war die Vision einer fertigen, einer beeindruckenden Kirche für alle immer klar vor Augen. Das war die Motivation für die Menschen, an unserem Münster zu bauen. Weit über 300 Jahre lang.

Lassen Sie uns daher, meine Damen und Herren,– mit dem Münster als Vorbild – im Jubiläumsjahr das große Ganze noch stärker in den Blick nehmen. Lassen Sie uns an einer Vision für Freiburg arbeiten. Lassen Sie uns im Jahr 2020 über unsere Zukunft nachdenken, diskutieren und die richtigen Weichen stellen.

Meine Damen und Herren, Sie werden es gemerkt haben: Egal ob ich zur Geschichte, zur Gegenwart oder zur Zukunft von Freiburg gesprochen habe. Ein zentrales Motiv war immer eine starke Gemeinschaft.

Für gute Lösungen brauchen wir nicht nur fähige Politikerinnen und Politiker, sondern immer auch Sie und Ihre konstruktiven und kritischen Stimmen. Denn das Ringen um die besten Argumente – das ist Demokratie. Die kritische und kontroverse Auseinandersetzung mit Themen hilft uns, als Gesellschaft voranzukommen.

Meine Damen und Herren, ich lade Sie ein, nein ich fordere Sie auf: Mischen Sie sich ein, machen Sie mit. Aber verlieren Sie dabei nicht das große Ganze aus dem Blick. Zu schnell sind wir nur auf unser eigenes, persönliches Kernthema fokussiert.

In einer Welt voller Einzelinteressen, in einer Stadt voller Einzelinteressen gilt es aber auch, nach rechts und links, nach oben und unten und manchmal auch quer zu schauen. Lassen Sie uns – in diesem Sinne – gemeinsam die Zukunft Freiburgs gestalten: Bürgernah, zukunftsorientiert, sozial, fair, weltoffen und europäisch.

Ich wünsche Ihnen ein gutes, gesundes und erfülltes neues Jahr 2020. Auf Freiburg!
Vielen Dank."

Veröffentlicht am 16. Januar 2020
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