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Erinnerungen, Anekdoten und Erlebnisse

Ihre geheimen Geschichten zu Freiburg

Vielen Dank für alle Ihre Einsendungen zu unserem Aufruf, uns Ihre persönlichen und geheimen Freiburg-Geschichten zu schicken! Wir haben 13 Geschichten für den Blog ausgewählt, die Sie hier lesen können. Ihre Erinnerungen, Anekdoten und Erlebnisse, die mit Freiburg zusammenhängen, sind jetzt Teil des kollektiven Gedächtnisses des Museums und der Stadt Freiburg.

Viel Vergnügen bei der Lektüre!
Ihre Geheimniskrämer,
das Redaktionsteam von #Freiburg sammelt

Zahnarzt, Fotograf und Stifter – eine Spurensuche zu Karl Günther


Autorin: Angelika Eidam-Gawlista aus Schallstadt

Ich möchte vor allem vom Bruder meiner Ururgroßmutter, Karl Günther, erzählen, der im 19. Jahrhundert in Freiburg als Zahnarzt, Wohltäter und Fotograf bekannt war. Ich selbst bin auch Fotografin geworden.

Meine Sammlung beginnt zunächst im 18. Jahrhundert mit den Großeltern von Karl Günther: Joseph Günther (1771 – 1830), war Bürger und Wundarzt in Freiburg. Er heiratete Rosa Günther, geb. Hagios, im Jahr 1803. 

Porträt von Joseph Günther
Joseph Günther
Porträt von Rosa Günther
Rosa Günther
Porträt von Joseph Maximilian Günter
Joseph Maximilian Günter

Ihr Sohn, Joseph Maximilian Günther (1807-1864) war der erste Zahnarzt in Freiburg (Chirurgiae Magister) und führte eine erfolgreiche Praxis. Er heiratete Magdalena Theresia Elisabeth Duschanek (1818-1869), eine Försterstochter aus Neu-Simonswald.

Aus dieser Ehe stammten drei Kinder: Karl, Max und Elise Günther. Sie wohnten in der Salzstraße. Max starb früh an einer Darmverschlingung, als er einem Küfer half sein Fass hochzuheben, Elise heiratete in die Familie Stork. Ihr Sohn, Max Stork, war mein Urgroßvater. Ihr Bruder Karl, um den es hier vor allem geht, wurde Zahnarzt. Das Bild zeigt die drei Geschwister etwa um 1859.

Porträt der Geschwister Karl, Max und Elise Günther um etwa 1859
Karl, Max und Elise Günther um etwa 1859
Porträt von Elise Günther
Elise Günther

Und hier meine Ururgroßmutter Elise:

Karl Günther (1847-1894) studierte Zahnmedizin, zunächst in Genf, danach von 1865 bis 1867, an der Universität in Freiburg. Er besuchte Vorlesungen u.a. von Adolf Kußmaul, der die Endoskopie damals vorantrieb und sich für die Impfung einsetzte. Nach seinem Examen kam Karl Günther im Februar 1868 zur 8. Kompanie des 5. badischen Infanterie-Regiments und nahm am Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 als Unteroffizier teil. Während seiner Militärzeit erkrankte er an einem „Nervenfieber“, was heute als Typhus oder auch als Fleckfieber bezeichnet wird.

Karl Günther wurde bekannt durch seine vorzügliche Arbeit in der Zahnmedizin. Parallel dazu entfaltete er in den 1870er und 1880er eine rege Tätigkeit als Stifter. So sammelte und spendete er zum Beispiel Geld zur Restaurierung des Historischen Kaufhauses. Auch für Arme, Kranke und Blinde spendete er hohe Summen. Außerdem engagierte er sich im Kunstverein Freiburg und gründete die Günthersche Gemäldestiftung. Er überließ dazu dem Verein 50.000 Mark mit der Bestimmung, damit einen Zyklus von Gemälden mit Motiven der historischen Vergangenheit Freiburgs anzukaufen. Und schließlich entdeckte er als geschickter Zeichner seine Leidenschaft für die Fotografie. Er fotografierte für die Hefte des Schauinslandvereins und „baute Apparate“. Auch schrieb er nebenbei als Autodidakt Aufsätze für das „Jahrbuch der Photographie und Reproductionstechnik“. Die Fotos des Münsteralbums wurden von ihm geschaffen und dem Münsterbauverein überlassen.

Karl Günther starb 1894 in Radolfzell. Nach Erzählung meiner Urgroßmutter war er homosexuell, was damals natürlich geheim bleiben musste. Er soll in Radolfzell Suizid mit einer Pistole begangen haben. Durch sein großzügiges Vermächtnis konnte auf dem Hauptfriedhof die Magdalenen Kapelle gebaut und 1905 eingeweiht werden. Er hatte der Münsterpfarrei einen Betrag von 20.000 Mark mit der Auflage vererbt, dass innerhalb von zehn Jahren ein Gotteshaus auf dem Friedhof zu bauen sei. Es sollte der Namenspatronin seiner Mutter, der Heiligen Magdalena, geweiht werden. In der Bombennacht 1944 wurde die Kirche vollständig zerstört.

Porträt von Magdalena Günther
Magdalena Günther

Mein Urgroßvater Max Stork (1867–1948), Professor an der Rotteck-Oberrealschule in Freiburg, richtete sich in seinem Haus in Freiburg eine kleine Dunkelkammer ein, wo er seine Fotos anfertigte und sie von Hand „colorierte“. Durch meine Vorfahren entstammt wohl meine Liebe zur Fotografie. Im Jahr 1978 legte ich meine Meisterprüfung als Fotografin ab. Ich habe 31 Jahre im Stadtplanungsamt Freiburg gearbeitet und die Veränderungen in und um Freiburg mit der Kamera dokumentiert. Meistens war ich mit meiner Vespa unterwegs.


Luftbad, Schnurrbart und Kaiserpanorama: Familienüberlieferungen durch die Rundbriefe von Albert Bühler


Autor: Clemens Bühler aus Sasbach

Mein Großonkel Albert Bühler (1896 - 1980) hat zwischen 1932 und 1966 insgesamt 24 Familienrundbriefe verfasst im Umfang von einigen Seiten bis 150 Seiten, mit vielen Dokumenten und Fotos. Die handschriftlichen Rundbriefe wurden in der Familie von Hand zu Hand weitergegeben. Mein Vater, Dr. Hans Harro Bühler, hat 1999 drei dieser Rundbriefe seines Onkels und Paten in großen Auszügen abgeschrieben und in der Familie verteilt. Daraus stelle ich einige Passagen aus der Zeit vor und nach dem 1. Weltkrieg zusammen, die mir für die Geschichte, besonders der Stadt Freiburg, typisch erscheinen. Die Familie zog 1902 von Waldshut nach Freiburg und wohnte nach mehreren Stationen in der Rotlaubstraße in Herdern, Ecke Zähringer Straße (heute Habsburgerstraße).

Auszug aus den Rundbriefen:

Im Lebenslauf kommt jetzt der Naturheilverein Freiburg, die Zeit der naturgemäßen Lebensweise… Hauptelement dieses Vereins, das „Luftbad“ hinter dem Garnisonslazarett… So blieb wenigstens der Schlossbergspaziergang weg, jenes pädagogische Ungetüm…
Die andere Konsequenz der neuen Lebensweise führte unsere Familie geschlossen dem Vegetarianismus zu. Vegetarische Fleischküchle, gebratene Gurkenschnitzel, „Obst, Gemüse, Blattsalat und Käse“ hieß nun die Devise. Nicht schlecht. Der Blumenkohlwinter in angenehmer Erinnerung. Schuld an der Ernährungsumstellung muss man den Russen zuschreiben. Die haben den russisch-japanischen Krieg mit Glanz und Gloria verloren, weil ein jeder japanische Soldat mit täglich einer Handvoll Reis auskam und die trotzdem so herrlich siegten. Also REIS, in allen Variationen, bis – jetzt kommt’s – im August 1914 Franz und Albert sich anschickten, beim deutschen Sieg dabei zu sein. Da bekam es Mutter doch wohl mit der Angst zu tun, ob wir auch kräftig genug seien, und so brotzelten in den wenigen Tagen noch daheim für Franz und Albert handfeste Schnitzele von deutschen Kälbern, Schweinen etc. in der pflanzenfettlichen Pfanne. Alles für Deutschland!... Entgegen vielen Anhängern der fleischlosen Kost, die eine halbe oder ganze Weltanschauung daraus machten, genügte Vater, für seine Familie und für sich das Beste zu wollen. Durchlüftete Zimmer und seine frühsportlichen Übungen mit eisernen Hanteln gehörten auch dazu.

November 18. Der Krieg verloren… Revolution. Deren Organisatoren und Herren des Landes die roten „Arbeiter- und Soldatenräte“. Herr Fladt kommt zum Vater: „Sie müssen mittun. Das Land kommt um. So geht das nicht. Besonnene Männer müssen versuchen, das bürgerliche Element einzubauen!“ So kam unser Vater in den „Arbeiter-, Bürger- und Soldatenrat Freiburg“. Sicher nicht leichten Herzens. Politisch – wenn das ihm gelegen hätte – stand er ja viel mehr auf der Seite der Revisionisten als der niederreißenden „Revoluzzer“. Die badischen Demokraten sozialistischer und christlicher Prägung, die Ebert, Fehrenbach, Wirth, Schofer, alles Nachfahren der 48er, waren Vorbild.

Der Schnurrbart… Unser Großvater hatte einen französischen Vollbart. Man sagt nicht, er hatte, sondern er trug. Er oder man trägt zur Schau. Unser Vater trug einen Schnurrbart wie das Leitbild seiner Zeit, Wilhelm II. Vater Gartner (Früher) wie Hindenburg. Franz und Albert die geringen Reste von Wilhelm II. Ernst, unser familiärer Übergang zur Neuzeit, ist ganz blank zwischen Oberlippe und Nase. Mode… Wieviel Pflege hat der Schnurrbart gekostet! Bis er nach der Morgenwäsche mit dem Kämmchen geradegelegt, dann unter die Schnurrbartbinde geplättet war. Endspitzen stramm nach oben gezwirbelt. Die gleiche Tortur vor abendlichen offiziellen Veranstaltungen.

Unser Salon, genannt das gute Zimmer. Perfektioniert vollkommen. Plüschsofa, Plüschsessel, Plüschdraperie, Plüschnippestischchen, alles mit Quasten und Bombelchen. Auf dem Tischchen Glasbriefbeschwerer, Elfenbeinfederhalter, Elfenbeinkästchen mit Perlen und Muscheln, ein Storch, von einem Glasbläser nach der Schulbenefizvorstellung dem Herrn Oberlehrer überreicht, selbiger (Storch) auf einem Bein stehend, eine kleine Madonna aus Silberbronce unter einem neugotischen Aufbau. Das alles ist damals gutbürgerliches Requisit gewesen, also nichts Besonderes. Überraschend nur, dass der Zauber 1919 verschwand, und noch überraschender: ohne Zutun und Drängen der „neuen Jugend“… Hätten wir in das „sachliche Zeitalter“ denn die Nippes, die Stehkragen plus Kragenknöpfle, die Schnurrbartbinden, die Zylinder hinüberretten sollen?

Das „Kaiserpanorama“. In der Alten Burse, II. Stock, ein großes Zimmer. Inmitten ein großes Gestell aus Holz mit 40 Paar Vergrößerungsgucklöchern, davor 40 Stühle, dahinter ein Mechanismus, der mit „klingling“ jede Minute ein Bild in der Rundreihe weitergab und ein neues brachte. Inhalt der Wochenserien? Meist unsere Kolonien, Marine, deutsche Burgen. Vorläufer des Kinos und des Fernsehens. „Kaiser“panorama hatte mit Kaiser so viel zu tun wie die Wirtschaft „Zum Römischen Kaiser“ mit Karl dem Großen oder Kaiserborax. In das Kaiserpanorama durften wir ab und zu, wenn Vater im Saal nebenan Lehrerkonferenz hatte.


Von der Erfindung des Notgeldes in Freiburg und der Sammelleidenschaft und wie man daraus Kapital schlagen konnte


Autor: Dr. Dirk Schindelbeck, Historiker und freier Autor, publiziert zu Werbegeschichte, Propagandageschichte, Alltags- und Mentalitätsgeschichte, Biographieforschung

Natürlich fehlt es immer an Geld. Es gab Zeiten, in denen sogar Stadtgemeinden sich ihr Geld selbst druckten. So geschehen während des Ersten Weltkriegs, als nach und nach alles Münzgeld aus dem Umlauf verschwand und als Rohmaterial für die Produktion von Waffen und Munition diente. Als dadurch die Zahlungsmittelnot in den Städten immer größer wurde, sah man sich bald gezwungen, mit Genehmigung der Reichsbank und gegen Hinterlegung einer Sicherheit in Eigenregie kleine Geldwerte herzustellen – in Freiburg geschah dies erstmals im Oktober 1917. Der schlichte 50-Pfennig-Gutschein diente bis ins Jahr 1920 als Zahlungsmittel.

A-Seite des 50-Pf. Gutscheins als Kleingeldersatz, Freiburg 1917
50-Pfennig Gutscheins als Kleingeldersatz, Freiburg 1917

Doch da nun überall die Städte begannen, ihr Geld in Eigenregie und mit ganz unterschiedlichen Motiven bedruckt herzustellen, entwickelte sich rasch ein Sammlermarkt. Menschen aus weit entfernten Orten wollten Geldscheine aus Freiburg in ihrer Sammlung haben. Davon kündet der Bericht des Stadtrentamts im Juli 1919:

„Täglich laufen bei uns Gesuche ein um Überweisung von Notgeldscheinen zu Sammlungszwecken. Diejenigen der Behörden (Museen) werden natürlich jeweils mit der Bitte um Genehmigung dorthin vorgelegt. Seitens Privatpersonen liegen Anträge vor um Überweisung von 10, 100, 200 und 500 Stück; es ist wohl die Vermutung nicht unbegründet, dass hier ein gewinnbringender Handel beabsichtigt ist, den die Gemeinde nicht unterstützen kann.“

Mit (Not-)Geld Geld machen, indem man möglichst wenig davon in den Verkehr brachte und möglichst viel an Sammler abstieß, die es ja mit großer Wahrscheinlichkeit nie einlösten – was für eine verlockende Idee für die Stadtkasse! Und wer die Sammler mit besonders schönen Motiven verwöhnte, machte das beste Geschäft. 1920 – inzwischen waren die Gutscheine von 1917 abgenutzt und verbraucht – ergab sich für den Freiburger Stadtrat dazu die Gelegenheit einer Neuausgabe. Denn das Stadtjubiläum bot den günstigen Moment, die „jetzigen 50-Pfennig-Scheine (…) durch schönere zu ersetzen“. Der Stadtrat wollte mit der Produktion einer Neuausgabe „eine ansehnliche Summe noch als Überschuss“ erzielen. Er spekulierte darauf, dass „die Mehrzahl der Freiburger Bürger sich solche Scheine zur Erinnerung an das Stadtjubiläum“ aufbewahren würden. Also sollte nicht nur ein einziger Entwurf ausgeführt werden, „sondern möglichst eine ganze Reihe, damit auch die Einnahme für die Stadt entsprechend groß ist“.

B-Seiten der 50 Pf. Seriennotgeld-Serie der Stadt Freiburg aus Anlass des 800-jährigen Stadtjubiläums 1920
50 Pf. Seriennotgeld-Serie Freiburg,800-jährigen Stadtjubiläums 1920

Gesagt, getan. Drei zartrosa 50-Pfennig Notgeldscheine mit dem Neuen Rathaus, dem Münster und dem alten Kaufhaus als attraktivem Bildschmuck wurden produziert und am 10. März 1920 ausgegeben. Zur Linderung der Zahlungsmittelnot hätte ein einziger ausgereicht – dass man jetzt drei verschiedene ausgab, war ein deutliches Zeichen an die Sammler. In Freiburg war somit erfunden worden, was bald unter der Bezeichnung „Seriennotgeld“ deutschlandweit ein gewaltiges Sammelfieber entfachen sollte.

Ab Mitte 1920 kamen immer mehr Gemeinden überall in Deutschland auf den Geschmack, ihre Kasse aufbessern zu wollen, indem sie Seriennotgeld ausgaben und möglichst viel davon an Sammler verkauften. Innerhalb weniger Wochen entstand ein gewaltiger Rummel um diese neue Sorte von Geld. Sammlerzeitschriften schossen wie Pilze aus dem Boden, Händler sprangen auf den Zug auf und ermunterten reihenweise Gemeinden, auch Notgeld herauszugeben (um es mit sattem Gewinn zu verkaufen). Kleine und kleinste Orte (insgesamt über 1.400!) mit klangvollen Namen wie etwa Bullenkuhlen, Marktschorgast, Kaltennordheim oder gar eine Hallig wie Langeneß ließen Notgeld drucken. Buchhändler stellten allwöchentlich die neuen Scheine in ihren Schaufenstern aus, allein 1921 fanden 10 Notgeldausstellungen in Deutschland statt. Immer mehr Serien tauchten auf mit sechs, acht, ja bis zu 40 (!) verschiedenen Scheinen. Häppchenweise erzählten sie von Schein zu Schein Sagen und Anekdoten aus der Stadtgeschichte, andere betrieben massiv Werbung für die einheimische Industrie oder priesen den Ort an wie ein Fremdenverkehrsprospekt. Wieder andere machten sich über die Geldnot lustig oder schlugen – vor allem in den Gebieten, in denen es Volksabstimmungen gab wie in Oberschlesien oder in Nordschleswig – die deutschnationale Propagandatrommel.

All das lief an Freiburg vorbei. Schließlich konnte man hier sehr zufrieden auf die rosa Notgeldserie mit den Gebäudemotiven, die ja die Initialzündung für die Seriennotgeldwelle in Deutschland gewesen war, zurückblicken. So bescheiden und zurückhaltend die drei Scheinchen sich – gemessen an den Skurrilitäten, die sich jetzt, Mitte 1921, auf dem Markt tummelten – ausnahmen, das Projekt hatte sich für die Stadtkasse längst „gerechnet“. Doch leider zeigten inzwischen viele von ihnen deutliche Abnutzungserscheinungen, sodass der Gedanke an eine Neuauflage oder gar eine neue Notgeldserie schon in den Köpfen Fuß zu fassen begann.  

Just zu diesem Zeitpunkt trat ein Unternehmer an die Stadtverwaltung heran. Alexander Schnell, Inhaber der Firma Trans-Oceanic, der sich auch mit Versicherungspolicen, Schiffspassagen und Fahrkartenvermittlungen befasste, unterbreitete der Stadt ein verlockendes Angebot: „Gedacht sind 6 verschiedene Scheine à 50 Pf. auf Bütten mit Ansichten der Stadt, von besten hiesigen Künstlern entworfen. Trans-Oceanic übernimmt sämtliche Kosten, Druck, Reklame etc. und ist bereit, von jeder Serie 2 Mark an die Stadt abzuführen“.

Am 28. September 1921 wurde zwischen der Stadt Freiburg und der Firma Trans-Oceanic ein entsprechender Vertrag über Herstellung und Vertrieb einer neuen Notgeld-Serie in einer Auflage von 1 Million Sätzen in 6 Serien geschlossen: „Von den… Scheinen gibt die Stadtverwaltung zunächst 1000 Sätze in öffentlichen Verkehr. Bezüglich aller anderen Scheine erhält die Firma Trans-Oceanic das Alleinvertriebsrecht, wofür die Firma neben dem Nennwert einer der Stadtkasse verbleibende Entschädigung von 2 Mark pro Satz à 6 Scheine zum Voraus an die Stadtkasse zu zahlen hat.“ Und weiter: „Die Stadt ist verpflichtet, die ausgegebenen Scheine bis 1 Monat nach erfolgtem Aufruf zum Nennwert einzulösen… Sollten nach erlassenem Aufruf ausgegebene Scheine nicht zur Einlösung gelangen, so gehört der sich hierdurch ergebende Gewinn voll und ganz der Stadtkasse.“

Was mochte diesen Unternehmer bewogen haben, den für ihn mit so vielen Risiken und Vorleistungen verbundenen, für die Stadt hingegen sehr vorteilhaften Vertrag einzugehen? Es muss das Exklusivrecht zum Alleinvertrieb der Scheine gewesen sein. Dass es auf dem Höhepunkt der Sammelwut endlich auch Scheine aus Freiburg geben sollte, welche die Stadt in den schönsten Ansichten zeigten – musste das nicht jeden Notgeldfreund reizen, auch wenn er für die Serie deutlich mehr als den Nennwert von 3 Mark auf den Tisch blättern musste? Doch Schnells Spekulation auf das ganz große Geschäft sollte gründlich daneben gehen. Schon im August 1921 hatte die Breisgauer Zeitung geschrieben: „Das Ende des Notgelds ist jetzt gekommen, da der Reichsrat in seiner Donnerstags-Sitzung die Vorlage angenommen hat, ein Verbot der Anfertigung von Notgeld ergehen zu lassen. ...es muss auch offen gesagt werden, dass die Notgeldfabrikation nachgerade zu einem wahren Unfug ausartete…“

B-Seiten der von der Firma Trans-Oceanic in Verbindung mit der Druckerei Poppen & Ortmann, Freiburg hergestellten sechs Seriennotgeldscheine mit Freiburg-Motiven (September 1921)
Von der Firma Trans-Oceanic mit der Druckerei Poppen&Ortmann in Freiburg hergestellte Seriennotgeldscheine, September 1921

Es kam hinzu, dass kurz vor Weihnachten 1921 massive Zweifel an der Seriosität der Firma Trans-Oceanic, die sich inzwischen die Bezeichnung „Notgeldgroßbank“ zugelegt hatte, aufkamen. Außer der vom Stadtrentamt bei der Handelskammer eingeholten Auskunft, die Firma sei im Handelsregister eingetragen, verfügte man bis dahin über keinerlei weitere Informationen zu Herrn Schnell. Weitere Recherche an dessen früherem Wohnort förderten jetzt Akten des Bezirksamts Mannheim zutage. Schnell habe dort zeitweise als Versicherungsagent und Darlehensvermittler gearbeitet und sich verschiedener Betrügereien schuldig gemacht, unter anderem eine 6-monatige Gefängnisstrafe abgesessen. Danach habe er Privatunterricht erteilt, seine erste Ehefrau habe sich wegen seiner Misswirtschaft sogar erhängt, wobei er unter Mordverdacht geraten sei, aber mangels Beweisen entlassen werden musste. De facto waren mehrere rechtskräftige Verurteilungen wegen Betrugs, Kuppelei und Urkundenfälschung aktenkundig…

Am 3. Januar folgte Schnells Offenbarungseid. Man sei „zu der Überzeugung gekommen, dass wir die Serie Freiburg momentan, da wir Mk. 5 an die Stadtkasse abzuführen haben, nicht unter Mk. 8 verkaufen können“. Mit dem Verweis auf die zur Zeit besonders hohen Portosätze bat der Unternehmer nun um Ermäßigung auf 3 Mark, „sodass man dann 6 Mk. verlangen könnte oder 5,75 Mk.“ Auf dieses Ersuchen entgegen den Abmachungen im Vertrag wollte die Stadt zu diesem Zeitpunkt nicht eingehen.

Inzwischen waren nicht wenige Kunden ob der Geschäftspraktiken der Firma Trans-Oceanic verärgert. Die Zeitung „Die Volkswacht“ veröffentlichte am 12. Januar 1922 unter der Überschrift „Das neue Notgeld der Stadt Freiburg“ den Erfahrungsbericht eines Sammlers: „Auf dem Rathaus erhielt ich die Auskunft, dass der Stadtrat das ganze Notgeld einer Gesellschaft zum Weitervertrieb verkauft habe. Ich bemühte mich also dorthin, um sechs Notgeldscheine zu erstehen. Diese sechs Scheine kosteten allerdings nicht 3 Mk., sondern 8 Mk. Das verstehe wer will. Die Stadt lässt Notgeld herstellen, bezahlt den Drucker und den Entwurf, um die Kleingeldnot zu beheben, verkauft aber die gesamte Auflage wieder und jagt dadurch einem Unternehmer einen ungebührlichen Gewinn in die Tasche. Wenn beabsichtigt war, an dieser Notgeldschein-Auflage unbedingt Geld zu verdienen, dann wären doch auf dem Rathaus jedenfalls Beamte frei zu machen gewesen, die den Betrieb amtlich – wie in anderen Städten – hätten übernehmen können... Ist es übrigens Aufgabe der Städte, Notgeldscheine drucken zu lassen, die gar nicht in den Verkehr kommen? Dazu sollte der Stadtrat nicht die Hand bieten.“

Für Schnells Firma Trans-Oceanic war die Lage katastrophal geworden. Die Serie ließ sich, bei deutlich nachlassender Sammelwut, nur noch sehr schwer verkaufen. Die Zahlen, die das Stadtrentamt im März 1922 vorlegte, sprechen eine deutliche Sprache: „Es sind im ganzen 75.000 Sätze à 6 Scheinen hergestellt worden. Hiervon wurden von uns 1000 Sätze vertragsgemäß in Verkehr gebracht, weitere 13.000 Sätze hat die Firma zum Preise von 5 Mk. pro Satz abgenommen. In unserer Verwahrung bzw. im städtischen Tresor befinden sich somit noch 61.000 Sätze, welche laut Vertrag nunmehr zu vernichten sind. Die Firma bittet nun erneut darum, ihr von diesen noch vorhandenen Scheinen ½ Jahr lang bis zu 56.000 Sätze zu Nennwert bereit zu halten.“

Um das beste aus der Situation zu machen, stimmte man zu und traf mit der Firma Trans-Oceanic eine neue Vereinbarung. Damit wollte man aus den nunmehr aus dem Verkehr gezogenen Scheinen doch noch einen Erlös ziehen: „Um die Scheine, welche bisher im öffentlichen Verkehr überhaupt nicht zu sehen sind, bekannter zu machen, sollen 5000 unvollständige Sätze (wir schlagen 4 Bilder vor) von unserer Stadtkasse sofort in Verkehr gebracht werden.“ Doch auch dieser letzte Versuch, die Sammelleidenschaft durch noch zurückgehaltene Motive – und herabgesetztem Höchstpreis auf 6,50 Mark – wieder zu beleben fruchtete nicht. Die Sechser-Serie blieb ein Ladenhüter, Herr Schnell ein gescheiteter Glücksritter.

Wenige Monate später war die Phase des Seriennotgelds in Deutschland ohnehin vorüber. Am 17. Juli 1922 verbot die Regierung weitere Ausgaben. In der nun immer mehr an Fahrt aufnehmenden Inflationsperiode wären die kleinen Werte als Zahlungsmittel sowieso unbrauchbar gewesen. Also verblieben die Scheine als immerhin hübsch bedruckte Erinnerungszeichen in den Alben der Sammler – wohingegen die Millionen- und Milliardenwerte der Hyperinflationsmonate zwischen August und November 1923 humorlos wie lästiges Altpapier nach Gewicht entsorgt wurden.  


Das große Abenteuer oder eine Weltreise mit dem Gemüsekarren ins zerbombte Freiburg


Autor: Manfred Schill aus Denzlingen, hat in Freiburg Abitur gemacht und dort auch studiert.

Heuweiler, mein Heimatdorf nördlich von Gundelfingen, hatte in meiner Kindheit etwa 400 Einwohner. Das dörfliche Leben wurde ausschließlich vom jahreszeitlichen Ablauf der Arbeit in der Landwirtschaft, von den Vereinsfesten und den kirchlichen Sonn - und Feiertagen bestimmt. Meine Tante Anna war eine leidenschaftliche Gärtnerin und pflanzte auf dem Acker verschiedenes Gemüse und verkaufte dieses auf dem Wochenmarkt in Freiburg.

Transportmittel war eine Marktchaise aus Korbgeflecht. Dieses altertümliche, hochbeinige Gefährt glich einem überdimensionalen Kinderwagen auf vier hohen, eisenbereiften Rädern mit Holzspeichen und ließ sich nur schwer steuern. Bewegte man den Wagen, so rollte er alsbald nach rechts. Deshalb musste ständig ein gewisser Gegendruck ausgeübt werden, um dem Rechtsdrall entgegenzusteuern. Unebenheiten am Boden brachte das beladene Vehikel leicht ins Schwanken, was die Standfestigkeit stark beeinträchtigte und seine Verkehrstauglichkeit in Frage stellte.

Es war kurz nach dem 2. Weltkrieg, im Sommer 1945, als meine Tante auf mein drängendes Bitten hin, mir erlaubte, sie auf ihrer Verkaufstour nach Freiburg zu begleiten. Ich versprach ihr dafür, mit meinen sechs Jahren, sie kräftig zu unterstützen. Mein Vater hatte deshalb eigens an der Vorderachse der Marktchaise ein Seil zum Ziehen befestigt.

Nachdem ich von meiner Mutter wiederholt ermahnt worden war, "anständig“ zu sein und der Tante zu gehorchen, begann eines Morgens in aller Herrgottsfrühe meine erste "Weltreise“. Was eine Stadt ist, wusste ich bis dahin nicht, und so war ich sehr gespannt. Als es dann endlich mit dem voll beladenen Gemüsewagen losging, trabte ich wie ein übermütiges Fohlen voraus. Ich hatte mir das Seil um den Bauch gebunden und zog, um der Tante meine Nützlichkeit zu beweisen, so kräftig, dass sie Mühe hatte, den Wagen in der Spur zu halten. Der Weg führte zunächst nach Hinterheuweiler, dann zum Leheneck hinauf, dann hinab nach Wildtal, durch Zähringen und schließlich nach Freiburg auf den Münsterplatz.

Solange der Weg einigermaßen eben verlief, ging es recht gut voran. Doch wir mussten mehrfach eine Verschnaufpause einlegen. Und schon löcherte ich meine Tante mit der Frage, ob es noch weit bis Freiburg sei. Als wir schließlich schwer atmend vor dem Lehenerkreuz standen, sagte meine Tante: „Jetzt wollen wir ein Vaterunser beten, dass wir gut in Freiburg ankommen und einen guten Markt haben!“

Dann ging es auf der anderen Seite des Lehenecks hinab in den Hohlweg. Unsere Marktchaise benahm sich hier wie ein störrischer Esel. Mal blieben ihre Räder im angeschwemmten, weichen Lehm stecken, mal drängte sie so ungestüm bergab, dass sie kaum zu bremsen war. Öfters bestand die Gefahr, dass die Räder in eine vom Regen ausgespülte Rinne rutschten, der Wagen in eine bedenkliche Schieflage geriet und umzukippen drohte. Meine Tante murmelte ständig Stoßgebete halblaut vor sich hin. Ihre Gebete wurden erhört. Wir gelangten schließlich nach Zähringen. Ich war jetzt nach dem langen und anstrengenden Fußmarsch völlig erschöpft, so dass meine Tante sich genötigt sah, mich auf dem Holzrahmen der Marktchaise sitzen zu lassen. Inzwischen war es recht warm geworden, und meine Tante musste sich öfters den Schweiß von der Stirne wischen. Ich hatte meine Schuhe ausgezogen und trottete jetzt barfuß neben dem Wagen her. Die Lust, Zugpferd zu spielen, war mir gründlich vergangen. Ich hoffte sehnlichst, bald auf dem Wochenmarkt in Freiburg anzukommen. So näherten wir uns allmählich der Innenstadt. Wie erschrak ich aber, als sich entlang der Straße immer größere Trümmerhaufen auftürmten und dahinter rauchgeschwärzte Häuserruinen hervorschauten. "Warum sind hier alle Häuser zerstört?“, fragte ich betroffen meine Tante. Und sie erzählte mir dann vom Krieg, von Flugzeugen und Bomben. Verstehen konnte ich das alles damals nicht. Wir beide waren offensichtlich vom Bild der Zerstörung so abgelenkt, dass wir nicht mehr auf die Straße achteten. So kam es, dass unser "Teufelswagen“ mit den Rädern ins Gleis der Straßenbahn geriet. Dann ging alles sehr schnell: Der Wagen erhielt einen Schlag und kippte einfach um. Das sauber gewaschene und schön sortierte Gemüse lag nun wie Kraut und Rüben auf der Straße. Zu allem Unglück hin kam jetzt auch noch die Trambahn und musste anhalten. Der Schaffner stieg aus und fragte vorwurfsvoll: „Ja, liebe Frau, was machen Sie denn da?“ „Sie sehen doch, wir haben abgeladen!“, sagte meine Tante. Sie war dem Heulen nah und ich auch. Aber schon waren einige Fahrgäste ausgestiegen und halfen, den Wagen wieder aufzurichten und das Gemüse einzusammeln. „Das werden wir nicht mehr verkaufen können!“, jammerte meine Tante. Und nach einer Weile: „Wir beten jetzt ein Vaterunser, damit wir einen guten Markt haben!“

Betend näherten wir uns dem Münsterplatz. Doch welche Überraschung: Mitten aus den Trümmern ragte das Münster völlig unbeschädigt empor. Ein Wunder! Warum ist es nicht auch zerstört worden? Ich war sprachlos. Ein Bauwerk dieser Größe hatte ich bis dahin noch nicht gesehen. Während meine Tante ihr Gemüse verkaufte, schaute ich immer wieder zum Münsterturm hinauf, staunte und konnte mich nicht satt sehen.

Die Befürchtung meiner Tante, das "verdorbene“ Gemüse wieder mit nach Hause nehmen zu müssen, war unbegründet. Schon nach kurzer Zeit hatte sie alles verkauft. Voll Freude betraten wir nun das Münster, knieten uns nieder und dankten Gott für das gute Geschäft, das wir gemacht hatten. Dann machten wir uns froh gestimmt auf den langen Heimweg.


Wie du mir so ich dir – Von Nazis und Sozis im Stühlinger


Autor: Roland Burkart, 1946 in Freiburg geboren, dann als Bauernkind in Jechtingen am Kaiserstuhl aufgewachsen und ab Ostern 1959 im altsprachlichen Gymnasium in Herdern zur Schule gegangen.

Vor einiger Zeit traf ich in der Stühlingerstraße die alte Nachbarin. Seit Kindertagen wohnt sie hier und kennt so ziemlich alle Anwohner und hat für jeden ein freundliches „Gudde Daag“ auf den Lippen. Meistens bleibt es dabei und sie zieht mit ihrem Einkaufstrolli weiter. Aber diese Mal blieb ich an meiner Autotür stehen und sprach sie scherzhaft an: „Halt, Frau W. Sie brauche gar nit weiter laufe. De Pennymarkt do unte het zu. Er isch ganz leer 'kauft!“

Frau W., klein, alterskrumm, mit schlohweißem Haar und sonst nie um eine Antwort verlegen, stutzte. Dann lachte sie, als wäre sie froh, dass ich nur einen Scherz gemacht hatte. „Guud, daß die Zeite rum sin“, lächelte sie.

„Frau W.“, fuhr ich dann etwas ernsthafter fort, „jetz muss i sie mal was fraage. Schtimmt dess, dass da im Laade im Erdgschoß, wo de Schlüsseldienstler war und ich ja mei Büro au drin ghabt hab, dass da mal früher e NAZI-Schuhmacher drin war?“

Sie zog das Einkaufswägelchen zu sich heran und richtete sich langsam auf. „Ja“, sagte sie kurz. „Ja, des stimmt. Des war de O. . Da auf eure Ladetreppe isch er damals im Oktober neunzehvierzig gschdande – des weiß ich noch wie heut – un het zu dene Leut uf dr andere Straaßeseit nübber brüllt. Ich bin ja noch e kleins Määdle gweese. Mei Vadder un ich sin grad aus unsere Hausdüür rauskomme un henn halt au do nübber guckt, wo ganz vieli Leut versammlet ware. Ganz traurig hen die ausgsähne. Vadder, was isch do los, hab ich noch fragt, als mer em O. sei Stimm ganz laut ghört hat: So isch`s recht! Furt mit dem Lumbepack! Un mid ere wüschte Handbewegung isch er wieder in sei Laade zrück. Was isch mit deene Leut, hab ich mei Vadder fragt. Aber da kommt de O. wieder aus seinem Laade gschosse un zeigt meinem Vadder d' Fauscht: Un du ghöörsch au an d`Wand gschdellt! Mein Vadder un ich sin schnell wieder ins Haus zrück. Er war kääsbleich und hedd mr sei Hand uff de Kopf glegt. Das seien alles Juden aus dem Viertel, die jetzt abgeholt würden. Mei Vadder war au e Schuhmacher!“

Als Frau W. das sagte, vermutete ich, daß der O. und er vielleicht Konkurrenten hier im Stadtteil waren und sich deshalb nicht leiden konnten. Nanai, des war nit 's Problem, sagte Frau W. . Mei Vadder hat inere Schuhfabrik in Zähringe gschafft. `s war viel schlimmer – und dann nach einer Pause – mei Vadder war Sozialdemokrat! Aha, kam mir in den Sinn, der war einer von den Sozis, die ja in der NAZI-Zeit seit 1933 verfolgt wurden und Versammlungsverbot hatten. Ein anderes Mal soll der O. ihrem Vater gedroht haben: „Wenn Du nit Frau un Famillje hätsch, hätt ich dich scho lang gmeldet! Dess kannsch mer glaube.“ Seit dem habe ihr Vater immer Angst gehabt, daß ihn de O. verpfeift, weil er vermutlich mitbekommen hat, dass sich die Sozialdemokraten in Freiburg noch irgendwo im Geheimen treffen. Es seien ja in diesen sieben Jahren schon so viele abgeholt und fort gebracht worden. Dann hätte man den Vater zu den Soldaten eingezogen und er sei nach Rußland in den Krieg gekommen.

Aber dann, im April 1945, nach zwölf Jahren, war die ganze Herrlichkeit vom Tausendjährigen Reich vorbei. Im Stühlinger Viertel, da sei ja fast kein Stein mehr auf dem anderen gestanden außer der Herz Jesu-Kirch. „Die isch nit 'droffe worre. D'Franzose habbe die ganz Schdadt bsetzt un plünderet un manche sofort an d`Wand gschdellt. Ohjee, was meine Se, wie's da erscht de Fraue gange isch.“

Sie schaute auf den Boden. Die NAZI-Fahnen seien aus dem Stadtbild verschwunden und Freiburg sei unter französische Verwaltung gekommen. Alle Freiburger hätten sich da und dort versteckt.

„Z' kaufe hedd's nix meh gebbe, alli Läde ware zu. D`Leut sin auf die Dörfer naus un habbe bei de Baure bettelt un was zum Esse organisiert. Jeder het halt in derre Zeit guckt, wie er irgendwie durchkomme isch. Un wer bei de Nazis gwese isch, isch jetz ziemlich still worre, au de O.“ Der habe bald wieder seinen Laden aufmachen dürfen und weiter Schuhe geflickt. Ihr eigener Vater sei erst nach ein paar Monaten einigermaßen „heil“ zurückgekommen. „De O. war nit einzooge worre. Ich weiß nit warum“, empörte sie sich noch. Die Franzosen hätten fieberhaft nach den Freiburger NAZIS gesucht und die Leute verhört, auch ihren Vater. Alle hätten in den ersten Wochen und Monaten fürchterliche Angst vor dem französischen Militär gehabt, auch der O. Eines Tages habe dann ihr Vater zu ihm gesagt: „Waisch noch, was Du damals, anno Vierzig, wo sie d'Jude abgholt hen, zu mir gsagt hasch? Ich ghöört au an d`Wand gschdellt! Ich habs nit vergesse. Ich hab ja fascht Blut gschwitzt. Jetz isch alles anderscht. Jetz sin ihr dra.“ „Aber - wie du mir so ich dir!“, habe dann ihr Vater gesagt. Un der O. sei ganz kleinlaut wieder auf seinen Schuhmacher-stuhl hingehockt. „Ja. So war das“, sagte sie und schwieg. Frau W. drehte sich um und gab ihrem Einkaufstrolli einen Schubs: „Scheene Daag noch!“


Großes Glück in der Bombennacht 1944


Autorin: Monika Cordes aus Kirchzarten, ist in Freiburg geboren und aufgewachsen.

Meine Mutter, 1920 in Berlin geboren, wuchs dort als Halbjüdin in einer sehr assimilierten Familie auf. Religion spielte keine Rolle. Mit den immer schärferen Rassegesetzen verlor meine Mutter erst ihren Platz im Gymnasium und danach eine Arbeitsstelle nach der anderen. Eine Auswanderung nach England und Palästina scheiterte am Veto der Eltern.

1941 entdeckte sie eine Annonce der Baufirma Decker in Freiburg, die eine Lohnbuchhalterin suchte. Sie bewarb sich ohne große Hoffnungen als Mischling ersten Grades und bekam die Stelle. Aussage des Firmeninhabers: "Hauptsache, Sie sind zuverlässig und können arbeiten!" Ihr Status war trotzdem unsicher und ihr Chef musste mehrfach bei der Gestapo intervenieren und ihre Stelle als "kriegswichtig" deklarieren.

Meine Mutter fuhr regelmäßig am Wochenende nach Breitnau auf einen Bauernhof. Der Bauer war in Russland und jede Hand wurde gebraucht. Sie half dort gerne und wurde von der Familie, die selbst wenig hatte, mit Lebensmitteln unterstützt. Sie war dort auch am 27. November 1944. Weil das Wetter so schön war, fuhr sie später nach Freiburg als geplant, obwohl sie im Freiburger Westen zum Abendessen eingeladen war. Der Zug wurde wegen des großen Bombenangriffs im Höllental gestoppt und sie musste sich spät am Abend zu Fuß durch die brennende Stadt nach Hause durchschlagen. Am nächsten Tag erfuhr sie, dass das Haus der Familie, bei der sie eingeladen gewesen war, einen Volltreffer bekommen hatte und alle getötet worden waren.
Auch die Gestapo in der Goethestraße hatte starke Zerstörungen erlitten, sodass meine Mutter ab diesem Zeitpunkt von dort keine Schwierigkeiten mehr bekam.


Erinnerungen eines Freiburger Trümmerkindes


Autor: Horst Brändle aus Freiburg

Meine Großeltern wohnten während der Nazizeit in der Engelstraße am Münsterplatz. Meine Oma erzählte mir viele Jahre später von den Kundgebungen und Versammlungen, die am Münster stattfanden Sie wohnten ja nur einen Katzensprung entfernt und besuchten den Münsterplatz auch ab und zu. Oma hatte immer Angst, wenn Opa und ihr Sohn weggingen.

Opa war bewusst nicht so schnell mit seinem rechten Arm. Erst nach Aufforderung ging der Arm nach oben zum Hitler-Gruß. Bei den Kundgebungen waren immer Spitzel unter den Teilnehmern und Zuschauern und beobachteten die Leute, kontrollierten, ob der Arm auch hoch ging. Opa wurde von Leuten in Uniform hierbei mehrmals ermahnt. Sie kamen dann auch zu „Besuch“ nach Hause und erklärten ihm und seinem Sohn, wie man sich bei ihren Kundgebungen zu verhalten hatte. Teilnehmer, die nicht so richtig mitmachten, wurden bespitzelt. Meine Großeltern zogen mit ihren Kindern irgendwann in die Mooswaldsiedlung. Wichtig war, weit weg vom Münsterplatz und weit weg von der Adolf Hitler Straße (heutige Kaiser-Joseph-Straße). Oma war froh, dass Opa weiter weg war und nicht alles mitbekam, was in der Stadt los war. Man kann nur hoffen, dass so etwas nur Geschichte bleibt und keine Generation es nochmals erleben muss.

Während des Krieges gab es morgens ab und zu Milch auf Lebensmittelmarken. Dies geschah aber nur an bestimmten Tagen, sonst gab es Trockenmilchpulver. Mit der Michkanne ging man auch zum Metzger. Wenn er Schlachttag hatte, gab es nachmittags Metzelbrühe (Brühe, in dem Würste, Fleisch und Knochen abgekocht wurden). Beim Schlachthof in der Faulerstraße gab es auch Fleisch. Auf einer Tafel stand geschrieben, was es heute gab. Statt einer Theke waren da zwei Schalter: Dann ging die Klappe auf und jemand bekam etwas, danach Klappe zu. Nach einiger Zeit ging die andere Klappe auf und das gleiche Spiel wiederholte sich. Die Wartezeit in der Schlage betrug Stunden. Mit Glück bekam man etwas, wenn nicht, hatte man eben Pech. Mein Opa stand morgens um vier Uhr beim Metzger in der Schlange und hoffte, noch etwas zu ergattern. Ab und zu musste auch ich Schlange stehen, doch zum Einkauf war dann immer ein Erwachsener dabei. Meistens gab es nur gekochtes Fleisch, das roh nicht mehr verkauft werden durfte. Auch das Brot gab es nur auf Lebensmittelmarken. Man musste es bestellen und Tage später in der Schlange dafür anstehen. Das Abholen war meistens meine Aufgabe.

Im Jahr 1945 kam ich in den Kindergarten. Im Haus 66 in der Basler Straße war der erste Stock leer, hier war früher die Gaststätte Fortuna gewesen. Irgendwann kamen Männer und räumten die Einrichtung aus. Im Hof war ein Anbau, wo früher geschlachtet wurde. Die Männer, die hier arbeiteten, waren deutsche Kriegsgefangene der Franzosen. Sie richteten das erste französische Geschäft für die Offiziere ein. Die Männer wurden morgens gebracht und abends wieder abgeholt.

Sie wurden bewacht. Jeder hatte ein Essgeschirr mit der Tagesration dabei. Meine Oma und Mutter wärmten ihnen ihr mitgebrachtes Essen. 1947, als ich sieben Jahre alt war, schenkte mir einer der Männer etwas von seiner Tagesverpflegung. Es war gelb und gebogen. Ich brachte es meiner Mama und sie sagte mir, dass dies eine Banane sei.

Mein Opa handelte und tauschte alles, was möglich war. Er bekam von irgendwo kleine Fische her, die hängte er mit einem Draht in den Kamin. Nach einigen Tagen war Brotzeit und die Fische wurden verzehrt.

Eines Tages war mein anderer Opa, Opa Richter, wieder mal in Bötzingen am Kaiserstuhl, um zu schauen, ob er ein paar Kartoffeln bekommen konnte. Er arbeitete auch bei den Bauern und erhielt dafür am Abend Lebensmittel. Ab 20 Uhr war damals Ausgangsperre in Freiburg. Es war 20 Uhr und Opa war noch nicht zu Hause. Wir waren alle am Fenster und warteten auf ihn. Er kam dann auch bis 50 Meter vor das Haus, dann wurde er von der Militärpolizei geschnappt, durfte aber nach der Kontrolle des Rucksacks diesen an der Haustüre abstellen, wo wir ihn schnell ins Haus nahmen. Opa selbst wurde eine Nacht eingesperrt.

Ab Ostern 1947 besuchte ich die Lessingschule. Opa Jakob Richter hatte in der Elsässer Straße einen Kleingarten. Hier wurde alles, was an Gemüse möglich war, angepflanzt. Es wurden auch einige Hasen gehalten. Der Garten hatte ringsum einen Weg, hier wurden ringsum Stangenbohnen gepflanzt. Es gab daher viele Stangenbohnen, eingelegt für den Winter. Und im Sommer gab es frische Bohnen. Doch die hatten alle Fäden. Buschbohnen oder Stangenbohnen ohne Fäden gab es damals noch nicht.

Das Café Stoll am Theater weckt ebenfalls viele Kindheitserinnerungen. Für manchen gab es hier die erste Meringe seines Lebens. Die Spezialität des Cafés waren jedoch eine Schwarzwäldertorte und eine "Spezial-Torte" - das riesige Stück bekam man für eine DM. Und dann gab es immer noch Musik im Garten mit einem Klavierspieler und einem Geiger. In den Ruinen der alten Synagoge haben Kinder "Räuber und Gendarm" gespielt.

Cafe Stoll 1956
Das Cafe Stoll  im Jahr 1956

Und hier ist noch ein sehr altes Bild von 1925. Es zeigt die Fassweihe. Als Gastwirt bestellte man damals bei der Küferei Brändle ein Weinfass mit einer bestimmten Größe. Jedes neue Fass wurde dann beim Gastwirt geweiht.

Fassweihe 1925
Eine Fassweihe im Jahr 1925


Die Küferei Brändle aus der Gutenbergstr. 10, heute Robert-Koch Str.8, im Jahre 1930.

Küferei Brändle 1930
Die Küferei Brändle, 1930

Die Straßenbahnlinie 5, genannt „der Hobel“ als Retter in der Not für Leseratten


Autorin: Roswitha Fritz, die diese Geschichte von ihrer Nachbarin in Herdern aufgeschrieben hat.

Während der Kriegszeit musste verdunkelt werden, kein Lichtstrahl durfte aus einem Haus dringen. „Licht aus!“ war ohnehin die Devise, denn der Strom war knapp. Das war schlimm für meine damals 14 jährige Nachbarin, denn auch das Lesen mit Taschenlampe war eines Tages von außen entdeckt und gerügt worden. Aber Not macht bekanntlich erfinderisch und diesmal war der Hobel der Retter in der Not. Sie denken vielleicht, die junge Leserin habe sich auf die Holzbank im Hobel gesetzt und habe von Herdern bis Haslach und wieder zurück gelesen. Es war anders. Die Endhaltestelle der Straßenbahnlinie Nr.5 war Herdern, Immentalstraße. In diesem Bereich wohnte die junge Leseratte. Sie erzählte mir, wie sie sich mit Hobelhilfe von Kapitel zu Kapitel ihrer Lektüre kämpfte:

„Dass die Endhaltestelle nahe bei unserem Haus lag, war mein Glück, denn hier fuhr der Hobel im Schritttempo auf die Endhaltestelle zu, an welcher er jeweils sechs Minuten verweilte. Und er hatte das Licht, das ich nicht hatte. Also streckte ich, wenn er heranrumpelte, Kopf, Arm und das aufgeschlagene Buch aus dem Fenster meines Schlafzimmers und zwar so, dass ein Strahl aus den schwachen Hobelaugen auf meine Buchseite fiel. Bequem war das nicht, auch war die Hobelfunzel spärlich. Aber ich konnte lesen. Sechs Minuten gestatte mir der Fahrplan, da durfte mich nichts ablenken.

Man stelle sich vor: Ich, etwa 14 Jahre alt, am offenen Fenster lesend im verdunkelten Deutschland! Wie gesagt, sechs Minuten lang, dann machte sich der Hobel wieder in Richtung Haslach davon und ließ mich in der Dunkelheit zurück. Aber ich konnte mich auf die Hobelfamilie verlassen, bald kam der nächste, sein Herannahen war nicht zu überhören und ich konnte meine Lektüre fortsetzen.“

So weit die Erzählung meiner nun 86 jährigen Nachbarin. Ich hätte noch gerne gewusst, wie lange sie für einen dicken Wälzer brauchte und welche Gedanken dem jungen Mädchen in den Zwischenhobelzeiten durch den Kopf gegangen sind. 


Abends in Unterlinden


Autorin: Ruth Bull-Parkoin aus Freiburg

Der Bäckermeister war ein fettleibiger Koloss von einem Mann. Seine Frau bezeichnete ihn voller Stolz als stattlichen Mann. Sein feuriges Temperament ging oftmals trotz all seiner Gutmütigkeit mit ihm durch. Manchmal rief er uns Kinder vor dem Schulgang in die Backstube und spritzte uns süße Buttercreme aus einer Spritztülle direkt in den geöffneten Mund. Nie benützte er ein Taschentuch, sondern beeindruckte uns damit, dass er jeweils mit einem Zeigefinger ein Nasenloch zuhielt und zielgenau in das ziemlich kleine Spülbecken in der Backstube schneuzte, ohne sich hinterher die Hände zu waschen. Die Leute kamen von weither, sein Krustenbrot zu kaufen, obwohl er jedem neuen Kunden mitteilte, wieviel von seinem Schweiß in diesem Brot stecke.

Abends jedoch, wenn er die Backstube abgeschlossen und seine Frau Hilda ihm ein heißes Wannenbad eingelassen hatte, konnte man beim Untertauchen in das Wasser sein donnerndes „Öih Dü Allmachtiger“ im ganzen Haus hören.

Von dem Abend, von dem ich erzählen will, schloss der Bäckermeister noch einmal die Backstube auf, um nach dem Rechten zu sehen, während Irmgard und ich im angrenzenden Hinterhof Ball spielten. Kaum drinnen, war es auch schon mit der Ruhe vorbei.

„Ja, was isch jetz au des widder, des isch doch aus der Haut z’fahre“, hörten wir seine laute Stimme. „Het der Keip, der Unselige, der Saukerle widder s’Lapp vergesse. Es isch zum Hoor rausreiße. Ma kann ja sage was mer will, bei dem geht’s ins eine Ohr nei und usem andere Ohr widder raus. Aber der soll mir nur kumme, dem schlag ich d’Laif zämme.“

Irmgard und ich schlichen uns neugierig zum Backenstubenfenster. Wir wollten doch mitkriegen, wem der Bäckermeister dieses Mal die Läufe zerschlagen wollte, weil das Lapp wieder nicht gemacht worden war, was soviel hieß, dass die Backbleche weder gereinigt noch für den nächsten frühen Morgen eingefettet waren.

„Kreuzlahm schlag ich den Kerle“, ging es drinnen nun weiter, „nix im Kopf. Am Morge de Hintere nit hochkriege. Aber obends de Mädle schöne Auge mache und e flotte Sohl‘ ufs Parkett lege, des kann er. Aber dem zieh ich die Ohre lang und dreh ihm de Hals rum. Doch vorher kriegt der noch e paar Maulschelle, dass ihm die Zähn im Arsch Klavier spiele.“ ...... „Und ihr“...... jetzt hatte er uns entdeckt und kam auf uns zu, „ihr kleine Hergottsakramenter, ihr naseweise, haltet hier maulaffefeil und habt wohl wieder lange Ohre.“

Entdeckt und eingeschüchtert, hasteten wir die Treppe zu unserer Wohnung hoch, verfolgt von seinem dröhnenden Lachen.


Überschwemmung spielen mit vielen Kinderpopos – eine Freiburger Bächlegeschichte


Autorin: Marlit Pfefferle aus Freiburg

Auf Facebook habe ich ein Bild entdeckt, wo zwei kleine Kinder in einem Freiburger Bächle sitzen und eine Überschwemmung verursachen. Genau so habe ich in meiner Kindheit auch Überschwemmungen hergestellt. Freiburg nach dem Krieg, 1945, 1946 – die Stadt war noch gemütlich. Keine langen Autoschlangen, die sich mühsam durch das Dreisamtal zwängen. Die Dreisam noch in ihrem ursprünglichen Bett und noch nicht begradigt. Keine B 31 , also die Schnellstraße, die den Durchgangsverkehr durch Freiburg für alle Autos Erleichterung bringen soll. Ein Spielparadies für Kinder.

Zur damaligen Zeit wohnten wir in der Schreiberstraße. Diese war wohl eine Durchfahrtsstraße, aber nur wenige Autos waren unterwegs. Auf dem heutigen Busparkplatz befand sich ein herrlicher Spielplatz, gemütlich im Schatten großer Kastanienbäume. Hier lernte ich auch meine ersten Reckkunststücke – Rolle rückwärts. Freihändig. Allerdings, bis ich das konnte, donnerte ich öfters unsanft auf den Boden. Außerdem bot dieser Spielplatz den direkten Zugang zur Dreisam.

Entlang der Schreiberstraße war auch ein Bächle, unser bevorzugter Spielplatz. So mit 4 - 5 Jahren hatten wir Kinder genau die richtige Popo-Größe, um exakt ins Bächle zu passen. Natürlich gab es nichts lustigeres, als in dieses Bächle zu sitzen, zwei oder mehr Kinder hintereinander. Ziemlich schnell wurde das Wasser gestaut und die Schreiberstraße war überschwemmt. Polizei, die uns daran hinderte, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Vielleicht mahnende Worte der Mutter, aber egal, wir hatten einen Mords Spaß. Kritisch wurde es dann, wenn wirklich mal ein Autofahrer durch diese große Pfütze fuhr, stehenblieb, die Scheibe runterkurbelte und maulte. Aber das hat uns nichts ausgemacht. Der fuhr ja weiter und wir hatten genügend Zeit, eine neue Überschwemmung zu machen für das nächste Auto.

Heute ist in dieser Gegend alles verändert. Wenn ich manchmal durch die Schreiberstraße fahre, denke ich an diese schöne Zeit.


Der Hobel, die Schienen und das Ende der musikalischen Erziehung


Autorin: Regina Keller, geboren 1950 in Freiburg als echtes 1-A- „Bobbele“, im Elisabeth-Krankenhaus und mit Dreisamwasser getauft. Von Berufswegen Journalistin, Moderatorin und langjährige stellvertretende Studioleiterin des SWR-Studios Freiburg.

Den „Hobel“, wie die Freiburger ihre Straßenbahn Anfang der 50er Jahre liebevoll nannten, konnte man schon von weitem hören. Er fuhr auf der Linie 5 von Haslach nach Herdern und direkt an unserem Haus vorbei. Das Gerumpel und Knarren der alten Züge gehörte zur täglichen Geräuschkulisse einfach dazu. Man hörte es nicht mehr mit der Zeit. Oder besser – man nahm es einfach nicht mehr wahr. Das Knarren und Quietschen fehlte einem nur, wenn sie nicht fuhren.

Aber an einem etwas grauen Tag im November kam der Hobel mir besonders laut vor. Gerade so, als ob er mir was sagen wollte. Denn er krächzte mir akustisch eine Lösung zu! Die Lösung eines Problems, das mich schon lange beschäftigte. Ich war da so etwa sieben Jahre alt und mein Schicksal war es, in einer musikalischen Familie aufzuwachsen. Alle mussten ein Musikinstrument spielen. Meine beiden älteren Brüder waren schon mit einem Akkordeon und mit einer Gitarre versorgt. Die Musikerziehung meiner Eltern sollte auch bei mir keinen Halt machen. Das bedeutete in meinem Alter eine Blockflöte. Sie verpflichteten mich permanent bei irgendwelchen festlichen Gelegenheiten wie Geburtstage, Verwandtenbesuche oder Weihnachten mein Bestes zu geben. Mein Bestes war allerdings etwas eingeschränkt, denn ich hasste dieses Instrument.

Eines Tages saß ich mit meinem Schulkameraden Rolf auf einem kleinen Absatz am Straßenrand vor unserem Haus und betrachtete, wie dieses knatternde Ungetüm von Straßenbahn an mir vorbei rumpelte. Und da kam mir die brillante Idee, wie ich mein Problem ein für allemal lösen konnte. Der Hobel konnte meine frühkindliche musikalische Erziehung mit einem Schlag beenden. Ich erzählte meinem Schulkameraden von meiner Idee. Er lachte und meinte, ich würde mich nicht trauen. Allerdings auch junge Männer können irren und er irrte sich gewaltig. Diese Blockflöte, für mich der Inbegriff der Tyrannei und der permanenten Auseinandersetzung mit meinen sonst sehr verständigen Eltern, musste weg.

Die nächste Tram kam so in circa 10 Minuten wieder vorbei. Ich wartete auf eine günstige Gelegenheit, um die Flöte in die Schienen zu legen. Ich wollte nicht, dass außer meinem Schulfreund jemand davon wusste. Keine Zeugen! Und dann war es soweit. Die Linie 5 Richtung Herdern rumpelte langsam heran. Mit großen Augen betrachtete ich, wie dieses riesige Monster meiner Blockflöte in den Schienen immer näherkam, um sie zu zermalmen. Und dann endlich knirschte und krachte es, ein wunderbares Geräusch! Musik in meinen Ohren war.

Mein Schulfreund Rolf grummelte ein bisschen vor sich hin und meinte glucksend „hohoho, jetzt ist es passiert.“ Ich glaube, er war zu feige, es auch zu tun, denn seine Leidenschaft für dieses Instrument war ebenfalls nicht sehr ausgeprägt. Mit freudigem Gefühl überquerten wir die Straße und jeder ging in seine häusliche Geborgenheit zurück.

Klar war, dass ich erst einmal über dieses wundervolle Ereignis nichts im Kreise meiner Familie erzählte. Wobei ich es natürlich kaum aushielt, nicht doch wenigstens meinem Lieblingsbruder Willi ein Geständnis abzulegen. Weil ich wusste, er würde mich verstehen, denn er fing ja schließlich auch seine musikalische Karriere mit einer Blockflöte an.

Heraus kam das Ganze dann an Weihnachten. Wie so üblich, sollte im Kreise der Familie die musikalische Untermalung durch die Kinder erfolgen. Die Stunde der Wahrheit war angebrochen und verhieß nichts Gutes - schon gar nicht an Heiligabend. Auf die Frage meiner Mutter, wo und wann denn nun meine Blockflöte zum Einsatz käme, musste ich natürlich eine gute Antwort finden. Ich blieb bei der Wahrheit. Ich könne nicht spielen, so erklärte ich, weil die Blockflöte in die Schienen der Straßenbahn gerollt sei und dort laut krachend kaputt gegangen sei. Den entsetzten und gleichzeitig misstrauischen Blick meiner Mutter werde ich nicht vergessen. Denn ihr war natürlich sofort klar, dass die Blockflöte nicht von alleine in die Schienen gerollt war. Und mir war klar, dass es jetzt etwas setzen würde. Aber um ehrlich zu sein, diese Sanktionen waren von Anfang an eingeplant. Wie heißt es doch so schön: Lieber ein Schrecken mit Ende, als …. Es dauerte dann natürlich noch eine geraume Zeit, bis mir diese kleine nicht sanktionierte Handlung verziehen wurde. Ich versuchte es mit anderen Dingen wieder gut zu machen, in dem ich ungeahnte Talente zeigte!

Übrigens noch eine kleine Wendung in dieser Geschichte zum Schluss: die Linie 5 der Freiburger Straßenbahn von Haslach nach Herdern wurde wenig später aufgelöst und durch einen Busverkehr ersetzt. Ich war damals als Kind der felsenfesten Überzeugung, dass meine Blockflöte in den Schienen die Ursache dafür war.


Die eiskalte Seite der Dreisam - nur wer mit ihr in Berührung gekommen ist, ist ein echtes Freiburger Bobbele


Autorin: Regina Keller, geboren 1950 in Freiburg

Es war ein heiß ersehntes Weihnachtsgeschenk für die ganze Familie: ein neuer Schlitten. Er stand vor unserem wunderschön geschmückten und Lametta behangenen Baum und war mit einer roten Schleife verziert. Zu damaliger Zeit war der Kauf eines solchen Objekts der Begierde etwas Außergewöhnliches. Und für unsere Familie ohnedies. Keine Frage, natürlich musste dieser Schlitten auch gleich ausprobiert werden. Damals - so um 1955 - bedurfte es nicht der hohen Schwarzwaldberge, denn da gab es noch ein richtiges Dreisam-Ufer ohne Zubringer Mitte. Es war ein Paradies für Kinder. Dort konnte man unbehelligt spielen, war aus dem Sichtfeld der Eltern und konnte die erste heimliche Zigarette rauchen. Für die etwas älteren unter den Geschwistern war es ein ruhiger Platz, um das erste Mal Händchen zu halten mit der neuen Flamme. Und wir Kinder konnten im Winter tatsächlich an der Uferböschung Schlitten fahren. Sowas ist heute unvorstellbar angesichts der Auto-Schlangen gen Innenstadt oder auf der anderen Seite gen Autobahn.

Am ersten Weihnachtstag musste der neue Schlitten sofort ausprobiert werden. Die ganze Familie in froher Erwartung! Schnee gab es zur damaligen Zeit in Hülle und Fülle. Und natürlich stellte jeder seine Rodel-Fähigkeiten unter Beweis. Ganz mutig war es, in Bauchlage auf dem Schlitten die Uferböschung hinunter zu fahren und kurz vor dem Wasserlauf der Dreisam zu stoppen! An diesem Tag hatte es frisch geschneit und so fiel es nicht auf, dass unterhalb der Neuschnee-Decke eine Eisschicht das Ufer bedeckte. Meine beiden älteren Brüder standen als erste am Start, um den nagelneuen Holz-Schlitten voller Begeisterung auszuprobieren. Großes Jubelgeheule und ich als Nesthäkchen und Nachzüglerin stand ebenfalls mutig am Ende dieser Probe-Kette. Ich wollte allerdings sitzen und nicht bäuchlings liegen. Viel Häme meiner Brüder – klar. Da nun die Uferböschung durch die ersten Fahrten schon sehr eingefahren war, wurde die kleine Piste auf den unteren Eisplatten plötzlich sehr schnell. Zu schnell. Ich düste mit einem Affenzacken den Hang hinunter und mein großer Bruder, der versprochen hatte, mich unten abzubremsen und aufzufangen, machte einen riesigen Satz zur Seite und ich flog mit „Achokaracho“ schnurstracks mit dem Schlitten in die eiskalte Dreisam.

Nun war es natürlich um die kleine Schwester nicht so schade. Viel schlimmer war das Geheule um den Schlitten, der sich selbstständig machte und geradewegs Richtung Lehen davontrieb. Alle rannten ihm hinterher und vergasen dabei, dass ich noch immer am Uferrand verzweifelt versuchte, aus dem eisigen Wasser zu kommen. Die Kleider patschenass und ich schlotternd mit Tränen in den Augen. Denn mir schenkte man keinerlei Aufmerksamkeit. Alle waren besorgt um den nagelneuen Schlitten, der eine einsame Reise im eiskalten Bett der Dreisam angetreten hatte. Da half nur lautes Gebrüll. Gehört wurde ich schließlich von einer Nachbarin, die daraufhin meine Mutter auf diese seltsame Szene am Dreisamufer aufmerksam machte. Ich wurde gerettet, nicht aber der Schlitten. Meinen Brüdern wäre die Rettung des Schlittens vermutlich lieber gewesen. Man nennt das, glaube ich, Geschwisterliebe.

Weihnachten war damit gelaufen, das Fest des Friedens wurde zum Debakel, der Schlitten blieb verschwunden, die Verachtung meiner Brüder mir gegenüber blieb dagegen. Ein Jahr später, zur nächsten Weihnachtsfeier, gab es einen neuen Schlitten. Aber nicht für mich. Die Ansage war eindeutig und unumstößlich: „Du fasst ihn nicht an – ist das klar?!“

War für mich glücklicherweise kein Problem, denn ich bekam von meiner Tante ein wunderschönes ausschließlich für mich gekauftes Weihnachtsgeschenk - ein paar Schlittschuhe.


Der gestörte Theaterfrieden 1974 im Wallgrabentheater oder wie man sich bühnentauglich die Zehennägel schneidet


Autor: Dr. Wolfram Köhler aus Freiburg

Für die jüngere Generation hatte das etablierte Theater einen unangenehmen Beigeschmack, besonders die Oper mit allem theatralischen Brimborium, ein paar Jahre nach den 1968ern! Diese wilden Jahre standen in Freiburg ganz im Zeichen der Proteste gegen Fahrpreiserhöhungen, Vietnamkrieg, Bildungssystem, Establishment und den Kapitalismus schlechthin. Freiburg wurde aus seiner beschaulichen Ruhe aufgeschreckt. Das von Studenten 1953 gegründete Kleine Theater am Wallgraben entsprach eher unserem dramatischen Selbstverständnis, auch wenn dieses Privattheater sein Hinterhof-Dasein in einem ehemaligen Wein- und Luftschutzkeller in der Wallstraße ein Jahr zuvor aufgegeben hatte. Die morbide Atmosphäre dieses „Kohlekellers“ vermittelte uns noch mehr Authentizität als die heutigen Räumlichkeiten des Wallgraben-Theaters im Keller des Neuen Rathauses.

Ein Stück des „Literaturpapstes“ Peter Handke steht auf dem Programm, das kann man sich ja anschauen, denken wir, zwei Kommilitonen von höherer Semesterzahl in Chemie: „Das Mündel will Vormund sein“, Theaterabend am 26. März 1974, DM 3,- Eintritt, Reihe 5 – 7. Große Erwartungshaltung, höchste Spannung, der Vorhang hebt sich vor einem bunten ländlichen Szenario: Bauernhaus, Maisfeld, Hackklotz, getaucht in helles Sonnenlicht. Eine Gestalt in blauer Latzhose, das Mündel, kramt einen Apfel aus seiner Hosentasche, isst ihn genüsslich langsam und schmatzend. Jeder Biss wird von einem knackenden Geräusch begleitet. Die Spannung steigt. Dann die Frage: Was geschieht jetzt Überraschendes in Handkes Stück? Unbeeindruckt von jeder Erwartungshaltung streckt sich das Mündel lasziv auf seinem Sitz und kramt - einen zweiten Apfel aus seiner Hosentasche hervor. Den verzehrt es mit noch größerer Hingabe. Verständnislos schauen wir uns an, kommen uns veralbert vor, klinken uns mit Worten in das „Stück ohne Worte“ ein: „Schmatz´nicht so laut!“, rufen wir, und „hast du noch ´nen dritten Apfel?“
 

Das Geschehen auf der Bühne läuft unbeeindruckt weiter, mit Pantomime, Gesten, Blicken, von uns respektlos kommentiert, vom übrigen Publikum jedoch mit ehrfürchtigem Staunen aufgenommen. Wegen dieser umgekehrten „Publikumsbeschimpfung“ beginnt es im proppevollen Theaterraum zu rumoren. Nicht das Bühnengeschehen – wir sind es, die das Publikum provozieren.

Peter Handke scheint den einen heilig zu sein oder sie verstehen ihn nicht, zumindest sehen wir das so. Eine einzige Zuschauerin pflichtet uns bei. Als sich der Vormund dem Schneiden seiner Zehennägel hingibt, meint sie trocken: „In Seifenwasser getaucht geht´s besser“. Wieder erbostes Getuschel um uns. So plätschert das Bühnen- und Publikumsgeschehen munter dahin. Unser anfänglicher Ärger weicht dem Spaß an der Mitwirkung, die literarische Gralsgesellschaft im Theaterraum echauffiert sich dagegen zusehends.

Dann der absolute Höhepunkt für uns und das uns feindlich gesinnte Publikum. Eine gefährlich aussehende Rübenschneidemaschine rückt in den Mittelpunkt des Geschehens, sie sieht aus wie eine Guillotine im Kleinformat. Der Vormund packt eine Runkelrübe beim Krautschopf, die herabsausende Schneide trennt das Rübenkraut vom Rübenrumpf, „rrratsch“. Daneben liegt scheinbar unbeachtet ein Kürbis. Bisher geht alles zwar ohne Worte, nicht aber geräuschlos über die Bühne. Schmatzen, Atmen, Trampeln und dezente Musik begleiten lautmalerisch die Handlung. Dann mein verhängnisvoller Zuruf: „Hack´ doch den Kürbis auch entzwei!“ Damit ist der Theaterfrieden endgültig gestört. Ein Sturm der Entrüstung beim Publikum folgt: „Buuh!“,„Halt´endlich die Klappe!“

Dann eine von der Regie sicher nicht vorgesehene Aktion. Der Vormund greift meinen Vorschlag auf und tut, fast wie befohlen, zerlegt zwar nicht den zu großen Kürbis, sondern die Rübe mit energischem Ruck in zwei Teile, packt die eine Hälfte und schleudert sie gezielt in meine Richtung. Ich sehe das Geschoss auf mich zufliegen, kann mich blitzschnell wegducken. Die Rübenhälfte landet krachend im seitlichen Korridor. Dies löst beim Publikum einen tosenden Beifall aus, stärker als der Schlussapplaus am Ende des Stückes. Endlich haben wir, die Störenfriede und Frevler am literarischen Denkmal Handke, unsere verdiente Strafe bekommen. Wir verhalten wir uns für den Rest der Vorstellung betont ruhig. Dass die beiden wortlosen Schauspieler mit uns offensichtlich doch mehr Verständnis oder Spaß hatten als das Publikum, beweist folgende Szene unmittelbar nach der Aufführung. Der Vormund tritt vor den Vorhang und richtet eine Einladung ans Publikum, doch mit gezieltem Blick auf uns: „Wer Lust hat, kann gerne im Anschluss mit uns über das Stück diskutieren“. Leider kommen wir dieser Einladung nicht nach, weniger aus Ärger über Handke und die Regie dieses unterhaltsamen Abends als über das humorlose Publikum. Was würde Handke wohl dazu sagen? Diesen unvergesslichen Theaterabend begossen wir anschließend mit einem frisch gezapften, kühlen Bier.  


Veröffentlicht am 03.07.2018
 
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