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Die Erinnerung besitzt sämtliche Schlüssel

Der Gastbeitrag von der Freiburger Schriftstellerin Iris Wolff ist in diesem Kontext ein programmatischer Beitrag anhand einer eigenen Poetik-Reflexion, inwiefern Erzählungen von Erinnerungen wichtige Erkenntnisarbeit sein kann.

Mir wird oft die Frage gestellt, warum ich über die Orte meiner Herkunft schreibe. Zu erklären, warum meine Phantasie mich immer wieder dorthin führt, Erlebnisse der Kindheit, Geschichten meiner Eltern und Großeltern erinnernd, fällt mir nicht leicht. Bisweilen empfinde ich es als Begrenzung, doch meist ist es, als gäbe es keine Wahl. Der Stoff sucht mich aus, und ich muss mich fügen, ihn literarisch verarbeiten.

Manchmal fürchte ich mich davor, meine Texte könnten redundant sein, erwartbar, vorhersehbar, doch ein Blick auf die Literaturgeschichte zeigt, viele, wenn nicht alle Schreibende haben ihre Themen. Die Fragen ans Leben werden mit immer neuen Geschichten beantwortet, die Sprache kann sich verändern, aber die wesentlichen Themen bleiben gleich. Vielleicht ist der beste Rat jener, das eine nicht gegen das andere auszuspielen. Es geht nicht um Vergangenheit versus Gegenwart oder Zukunft, sondern darum, den Mut zu haben, so viel Leben wie möglich in die eigenen Geschichten hinein zu lassen.

Wenngleich sich das, was vergangen ist, leichter poetisieren lässt, als das, was ist. Nicht umsonst sind Romane meist im Perfekt oder Präteritum und nicht im Präsens geschrieben: „… Geschichten müssen vergangen sein, und je vergangener, könnte man sagen, desto besser für sie in ihrer Eigenschaft als Geschichten und für den Erzähler, den raunenden Beschwörer des Imperfekts.“ (Thomas Mann: Zauberberg, S. 9) Etwas, das vergangen ist, kann anders überblickt, eingeordnet, bewertet werden, weil die Kausalitäten eines Ereignisses und seine Folgen bekannt sind. Diese strukturelle Distanz lässt beim Erzählen mehr Freiraum. Das Vergangene erlaubt, und das ist das eigentlich Spannende, jene Unschärfe und Subjektivität der Erinnerung. Es öffnet den Raum für Erfundenes, Hinzugedichtetes, Fiktionales.

Der zweite Teil meines Romans „Leuchtende Schatten“ beginnt mit einem Exkurs zur Wahrheit der Erinnerung: „Es gibt geschichtliche Gewissheit, eine Unwiderlegbarkeit, die sich nicht aufweichen lässt. Zahlen, an denen es kein Vorbeikommen gibt, Ereignisse, die unangreifbar sind. Doch das, was wir nicht wissen, ist so groß, dass es immer mehrere Wege gibt, von einer Begebenheit zu sprechen, und jede neue Erzählung macht all die anderen vor und nach ihr nicht verzichtbar. Manches lässt sich nicht zu Ende erzählen, manches wird nie vergangen sein, auch wenn es zeitlich noch so weit zurückliegt. […] In der Erinnerung ist alles für immer aufgehoben, doch Gegensätze liegen so nah beieinander, dass sie manchmal, selbst wenn man sich mit bestem Gewissen auf die Wahrheit beruft, nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind.“ (Iris Wolff: Leuchtende Schatten, S. 147f)

Der Roman spielt in den 1940er Jahren, und das Eigenwillige, Widersprüchliche und gleichzeitig Ostentative, Gelenkte der Erinnerung, die in Gesprächen mit Zeitzeugen offenbar wurde, hat mich fasziniert. Erzählen ist immer selektiv und interessenorientiert. Wo beginnt eine Geschichte und wo endet sie? Was wird besonders hervorgehoben? Wo gibt es Unbestimmtheit, Auslassung, Übertreibung oder gar Suggestion? Das Bedürfnis, Geschichten zu erzählen, in denen man nicht allzu schlecht wegkommt, Trost, Bestätigung oder Bewunderung erhält, ist groß und bereitet einen nicht zu unterschätzenden Lustgewinn. „Erzählen ist ein Erkenntnisvorgang. Gutes Erzählen ist vollzogene Erkenntnisarbeit.“ (Petra Morsbach: Warum Fräulein Laura freundlich war, S. 26)

Die prägendsten Geschichten einer Biographie werden immer wieder erzählt. Gerade in der Wiederholung werden Sinnzusammenhänge gesucht und erneuert, wobei es zu überraschenden Wendungen kommen kann – für den Zuhörenden ebenso wie für den Erzählenden. Deswegen glaube ich, dass Erzählen ein unendlicher Erkenntnisvorgang ist. Die Deutungsarbeit über das eigene Leben ist niemals abgeschlossen.

Wer eine Kostprobe haben will, wie vehement das eigene Erinnerungsvermögen verteidigt wird, sollte einer Mahlzeit mit einer siebenbürgischen Großfamilie beiwohnen. Wenn das Gespräch auf etwas kommt, das mehrere Anwesende erlebt haben, wird jeder die eigene Sichtweise vehement verteidigen. Man fällt einander ins Wort, hebt die Stimme, gestikuliert nachdrücklich. Jeder will die anderen von seiner Perspektive überzeugen, als gäbe es nur eine einzige gültige Weise, sich zu erinnern.

Die eigene Familie ist immer das beste Beispiel. Was wird innerhalb einer Familie weitergegeben? Redeweisen, stillschweigende Übereinkünfte, Gesten, aber auch Versehrungen. Sie geben Halt und werden gleichzeitig als Rahmen empfunden, dem man entkommen will. Es gibt Geschichten, die gehören zur Familienchronik. Beim Wiedererzählen kann sich die Perspektive verschieben, können andere Dinge in den Vordergrund treten, bislang unerwähnte Details auftauchen. Gleichzeitig gibt es Versatzstücke, die sich nicht verändern, als könnte von einer Begebenheit so, nur so erzählt werden. Das Vergangene lebt in einer Familie fort als wiederholte Erzählung oder als das, was gerade nicht erzählt wird. Es führt ein geheimes Eigenleben und beeinflusst unterschwellig die Gegenwart.
Man muss beim Erzählen aufpassen. Verlässt man eine vorgegebene Spur und kommt ins Ungewisse, können sich verdrängte Sehnsüchte, Wahrheiten, Enttäuschungen, Ängste zu Wort melden. In „Judiths Liebe“ des israelischen Schriftstellers Meir Shalev heißt es: „'Alles lässt sich in einem Kästchen verstecken, Sejde, im Kästchen, im Käfig, im Schrank und im Zimmer. Sogar die Liebe kann man so gut, gut wegschließen', erklärte mir Jakob, 'aber die Erinnerung besitzt sämtliche Schlüssel, und die Sehnsüchte, Sejde, die dringen auch durch Wände'“. (Meir Shalev: Judiths Liebe, S. 157f)

Genau hier liegt die Schönheit und das Wagnis des Erzählens für mich: Ich beginne mit einem Bild, fange an zu schreiben, ohne zu wissen, wohin mich eine Geschichte führt. Ich mache vorher keinen Plan oder entwerfe die Charaktere, sondern erlaube mir, meine Figuren während des Schreibens kennenzulernen. Der Zufall ist dabei ein guter Gehilfe. Ich arbeite an der Plausibilität einer Welt, indem ich mich auf das Sprunghafte, Launische, Kapriziöse, Unberechenbare, Unerwartete, Widersprüchliche einlasse, das dem Erzählen innewohnt. Das „Erzählspiel“ ist zwar regelgeleitet, in den meisten Spielzügen jedoch frei. (Albrecht Koschorke: Wahrheit und Erfindung, S. 12) Aus dem geduldig blinkenden Cursor auf dem Monitor entsteht eine erfundene Welt, die sich aus Versatzstücken der eigenen Erfahrung speist: Orte, an denen ich gewesen, Menschen, denen ich begegnet bin, Erlebnisse und Beobachtungen, Geschichten, die jemand erzählt hat oder die mir zufallen – man unterschätze nie, was man in Straßenbahnen, Zügen oder Cafés beobachten kann.

Die neun Musen, die Schutzgöttinnen der Künste, sind aus der Vereinigung von Zeus und Mnemosyne entstanden, der Göttin der Erinnerung. Die Erinnerung, so scheint es, ist eine nie versiegende Quelle, aus der künstlerisches Schaffen entsteht.

Erinnerungsstücke haben für mich einen besonderen Stellenwert. Das gehört wahrscheinlich zu jeder Biographie, die durch Auswanderung und Verlust der Heimat geprägt ist. In Kisten und Koffern wurden wenige Habseligkeiten von einem ins andere Leben überführt. Der Willkür der Grenzsoldaten ausgeliefert, die sich das ein oder andere spontan zueigneten, waren phantasievolle Verstecke gefragt: Die Einarbeitung eines Bildes in ein Nudelholz, Schmuck in Schuhsohlen oder in das Futter eines Mantels eingenäht. (Beispiele aus dem Ausstellungskatalog: Mitgenommen, Heimat in Dingen).

Was gerettet werden konnte, wurde in Ehren gehalten. Als Jugendliche stand ich oft vor der Glasvitrine meiner Mutter und bewunderte das rote Kristallservice, voller Unverständnis dafür, dass es nie zum Einsatz kam, nicht einmal zu besonderen Gelegenheiten. Inzwischen ist es in meinen Besitz übergegangen, die Gläser, Schalen und Karaffen stehen in einer Glasvitrine und werden selten benutzt. Ich fürchte, sie könnten kaputt gehen.

Ich besitze nur wenige Erbstücke: Leinenbettwäsche, bestickte Kissenbezüge, den Messerschärfer meines Großvaters. Ihr Einsatz ist streng reglementiert, damit sie länger halten. Allgemein kann ich mich schwer von Erinnerungsstücken trennen. Von anderen Orten bringe ich immer etwas mit, vorzugsweise Steine oder andere Dinge ohne einen bestimmten Nutzen. Sie werden zu Stillleben arrangiert, die abgestaubt werden müssen. Jeder Umzug stellt mich vor Herausforderungen; Dinge loslassen, die eine Geschichte erzählen, gelingt mir selten. Es könnte doch sein, dass einem die Erinnerungen abhanden kommen, wenn die Dinge fort sind.

„Wir umgeben uns mit Dingen, die uns unablässig mitteilen, was wir brauchen – aber ständig zu vergessen drohen.“ (Alain de Botton: Glück und Architektur, S. 107). Dinge haben, ebenso wie die Natur, eine eigene Sprache, der ich gern zuhöre. Sie zu sammeln entspringt dem Wunsch nach Kommunikation und Angedenken. Man teilt sich durch Habseligkeiten mit, zeigt wer man ist, und erinnert sich selbst daran, was man erlebt hat und, wichtiger noch, wer man sein möchte. Ich habe den Verdacht, dass ich besonders viel Rückversicherung brauche, als jemand, der unablässig Zeit in Möglichkeiten verbringt.

In meinen Geschichten ist meist nachvollziehbar, wie der Raum aussieht und wie die Lichtverhältnisse sind. Was vor den Fenstern liegt, was eine Figur sehen kann und wie sich die Figuren im Zimmer verteilen. Diese dramaturgische Anordnung erlaubt es, die fiktionalen Räume buchstäblich mit dem eigenen Körper zu erfahren, ihn bei der Lektüre einzusetzen, um oben, unten, links und rechts voneinander zu unterscheiden. Der Lesende kann sich in den Geschichten zurechtfinden, durch die Bilderwelten hindurchgehen.

Gärten, Häuser und Räume werden genau beschrieben: Der Größenrausch im Gemüsebeet, leere Maisschober, bröckelnder Putz, geschwungene Türklinken, Wäschegitter am Plafond, verhüllte Möbel, Ansichtskarten in Bilderrahmen gesteckt, die Farben der Zimmer, die Ordnung der Alltagsgegenstände und das Arrangement der repräsentativen Dinge – all das verrät etwas über die Bewohner. Ordnung in die Dinge zu bringen, einen identitätsstiftenden Raum zu gestalten, beruhigt, vermittelt das Gefühl, Unwägbarkeiten gebändigt zu haben, „und auf symbolische Weise Herrschaft über eine verstörend unvorhersehbare Zukunft zu gewinnen.“ (Alain de Botton, S. 181) Wenn man zum ersten Mal die Wohnung eines anderen betritt, zieht man, durch Möbel, Bilder, Gegenstände, farbliche Akzente und evozierte Stimmungen, Rückschlüsse auf den Menschen. Und wer kennt nicht die Irritation, die ein Raum hervorruft, in dem auf jegliche Individualität verzichtet wurde.

Die Bewertung der Geschichte gleich mitzuliefern ist als Erzählerin nicht meine Aufgabe. Meine Aufgabe ist es, einen Raum zu schaffen, in dem selbst zeitlich Zurückliegendes, räumlich Entferntes begreifbar wird. Das ist eine der Schönheiten der Literatur: dass man in andere Leben hineinschauen, die Welt durch die Augen eines anderen Menschen sehen kann. Dann lässt sich auch erfahren, dass das, was einem unbekannt und fremd erscheint, nicht selten doch etwas mit dem eigenen Leben zu tun hat.

Literatur entsteht immer erst durch den Lesenden, der das Gelesene mit den eigenen Bildern und Erinnerungen füllt. Der materielle Körper eines Textes allein ist keine Literatur, ebenso wenig oder so viel, wie eine Partitur Musik ist. Bei Poesie geht es um das Erleben. Ein poetischer Text ist immer nur von einem einzelnen Individuum erlebbar, ebenso wie Erkenntnis ein individueller Vorgang ist. Was eine gute Erzählung ausmacht, ist, dass sie Vertrauen in die eigene Wahrnehmung schenkt. Es ist wichtig, ein Gespür dafür zu entwickeln, wann die Freiheit der eigenen Deutung beschnitten wird. Im besten Fall verkündet eine Erzählung keine Wahrheit, sondern stellt Wahrnehmung zur Verfügung.

Dass Ausstellungen „Schulen des Sehens“ sind, ist ein Allgemeinplatz. Dass Literatur dem eigenen Blick auf die Welt Nuancen hinzufügt, ebenfalls. Beides ist keine lineare Vermittlung, sondern eine Perspektivenübernahme, bei der sich Erfahrungsräume öffnen. Diese Arbeit ist nie abgeschlossen, ebenso wie bestimmte Geschichten nie abgeschlossen sind, immer wieder erzählt werden, weil die Wahrnehmungsfähigkeit nicht groß genug sein kann und es keine letztgültigen Deutungen gibt. Erzählen hat mit Wagemut zu tun. Es bedeutet Überschreiten – der eigenen Grenzen, des eigenen Horizonts. Geschichten, ganz gleich ob mündlich vorgetragene oder schriftlich fixierte, bieten die Möglichkeit, unterschiedliche Standpunkte auszuprobieren, sich anderen Lebensentwürfen, den Geheimnissen und Abseiten des Lebens zu öffnen. So schwer das auch manchmal fällt.

Wo ist man zuhause? An einem bestimmten Ort, im Wechsel der Orte, in der eigenen Familie, in den Dingen, den Träumen, den Jahreszeiten, in der Gemeinschaft oder immer nur bei sich, im Alleinsein? Zu diesen Fragen kommen meine Geschichten immer wieder zurück. Vielleicht weil ich aufgrund der Erfahrung der Auswanderung die Einsicht suche, dass Heimat kein Paradies ist, aus dem ich vertrieben wurde. Vielmehr ein innerer Ort, den zu entdecken und zu gestalten wir die Freiheit haben.


Literaturverzeichnis


Alain des Botton: Glück und Architektur. Von der Kunst, daheim zu Hause zu sein. Aus dem Englischen von Bernhard Robben, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2010.
 
Albrecht Koschorke: Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer Allgemeinen Erzähltheorie, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2012.
 
Thomas Mann: Zauberberg. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1998.
 
Petra Morsbach: Warum Fräulein Laura freundlich war. Über die Wahrheit des Erzählens, Piper Verlag, Leutkirch, 2006.
 
Meir Shalev: Judiths Liebe. Aus dem hebräischen von Ruth Achlama, Diogenes, Zürich, 1998.
 
Andreas Otto Weber, Brigitte Steinert und Patricia Erkenberg (Hrsg.): Mitgenommen. Heimat in Dingen. Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung des Hauses des Deutschen Ostens, Volk Verlag, München, 2015.
 
Iris Wolff: Leuchtende Schatten. Otto Müller Verlag, Salzburg, 2015.


Vernissage der Ausstellung Freiburg Sammelt.
Veröffentlicht am 20.06.2018
 
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