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Eine Freiburger Sammlung reist nach Tel Aviv

„Willkommen in der Wagenfeld-Abteilung des Schlosses Ebnet!“, nicht ohne gewissen Stolz öffnet der Sammler Axel Steinhart die Tür zum Schlosskeller, den ihm Baron Nikolaus von Gayling für seine Sammlung zur Verfügung gestellt hat.

Auf einigen Tischen hat der leidenschaftliche Sammler dort eine Auswahl von Objekten zusammengestellt: Vasen, ein Teeservice, Gläser, Schalen und Kannen. Darunter „viele der frühesten Wagenfeld-Entwürfe überhaupt“, so Steinhart. Wilhelm Wagenfeld, der von 1900 bis 1990 lebte, war ein deutscher Produktdesigner und Bauhaus-Schüler. Zeitlebens den Idealen der Bauhaus-Philosophie verpflichtet, zählt er zu den bekanntesten Pionieren des Industriedesigns. „Bis zum letzten Atemzug hat Wagenfeld bauhäuslerisch gedacht“, so Axel Steinhart über den einstigen Bauhaus-Schüler, der später als Lehrer die Ideen dieser bedeutenden Schule weitertrug. Zu den Design-Klassikern, die seiner Feder entsprungen sind, zählt etwa die gemeinsam mit dem Schweizer Industriedesigner Carl Jacob Jucker entworfene Bauhaus-Leuchte, heute als Wagenfeldleuchte sehr bekannt.

Nach seiner Zeit an der Bauhochschule Weimar, wo er schon kurz nach seiner Ausbildung zu den Hauptakteuren zählte, nahm Wilhelm Wagenfeld unter anderem eine freie Tätigkeit für das Jenaer Glaswerk Schott & Gen auf. Es entstanden formschöne Alltagsgegenstände, bei denen die Funktionalität im Fokus stehen sollte, wie beispielsweise das Teeservice aus feuerfestem Glas. „Wagenfelds Objekte schreien förmlich danach, benutzt zu werden“, so Axel Steinhart. Dem Designer sei es wichtig gewesen, so der Sammler, den Menschen Gegenstände an die Hand zu geben, die ihnen den Umgang mit diesen erleichtern sollten – „Die Objekte senden die Aufforderung an den Nutzer aus: ‚Greif mich an, ich habe einen Griff!’“.

Bis ins hohe Alter entwarf Wilhelm Wagenfeld formschöne, praktische Alltagsgegenstände, unter anderem in seiner 1954 gegründeten Werkstatt Wagenfeld, etwa für namhafte Firmen wie WMF, Braun oder Rosenthal. „Er ist sich selbst immer treu geblieben“, so Steinhart. „Seine unverwechselbare Handschrift ist in allen Objekten lesbar“ – wenngleich es nicht immer einfach gewesen sei, sich im Spannungsfeld zwischen eigenen Idealvorstellungen und gewissen Modeerscheinungen durchzusetzen. Wenig Dekor, zeitlose Formen, präziseste Verarbeitung – das beeindruckt Axel Steinhart an Wagenfeld. 

Einige der rund 800 Objekte aus seiner Sammlung stehen nun also im Luftschutzkeller des Schlosses Ebnet – „der sicherste Raum des Schlosses für Wagenfeld“, scherzt Steinhart – um fotografiert zu werden. Wofür?

Axel Steinhart möchte seine Sammlung an das momentan in Gründung befindliche Bauhaus-Museum Tel Aviv verschenken. Steinhart hat lange an der Sammlung gearbeitet und ist dafür auf Flohmärkten und Auktionen auf die Jagd gegangen. Ihn beschäftigte jedoch der Gedanke, wie es mit der Sammlung weitergehen könnte. Vor einiger Zeit tauschten Axel Steinhart und Nikolaus von Gayling sich eher zufällig über das rege Engagement des Barons im Freiburger Stadtrat in Hinblick auf die Städtepartnerschaft mit Tel Aviv und seine Vorstandsarbeit im Freundeskreis Freiburg – Tel Aviv aus. Sie kamen hierbei auch auf Tel Avivs Weiße Stadt zu sprechen, ein Architektur-Ensemble in der historischen Innenstadt Tel Avivs, mehr als 4000 Gebäuden umfasst, die überwiegend im Bauhaus-Stil errichtet wurden. Axel Steinhart erzählte daraufhin von seiner Wagenfeld-Sammlung und so entstand die Idee, hier einen Kontakt herzustellen.

Mithilfe tatkräftiger Unterstützung des Freundeskreis Freiburg-Tel Aviv konnte der Kontakt zum White City Center Tel Aviv hergestellt, die Objekte transportiert und die Fotografieaktion durchgeführt werden, sodass der Weg dafür geebnet wurde, dass die Sammlung einen neuen Ausstellungsort erhält. „Solche Kooperationen halten die Freundschaft der beiden Städte lebendig“, benennt der Baron seine Motivation für dieses Vorhaben.

In Tel Aviv wird momentan das Max-Liebling-House, ein architektonisch signifikantes, ebenfalls im Bauhaus-Stil errichtetes Gebäude, in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt: ein Wohn- und Geschäftshaus, das zeigen soll, wie man dort ab den 1930er Jahren lebte. Die Objekte von Wagenfeld, so der Gedanke, könnten dort als das, was sie zu dieser Zeit waren, nämlich Gegenstände des täglichen Gebrauchs, ausgestellt werden.

Axel Steinhart war von Anfang an begeistert von der Idee, seine Sammlung zu stiften. Erstens habe diese Entscheidung für ihn eine kulturpolitische Dimension: „Ich finde, es ist vor unserem historischen Hintergrund eine schöne Idee, zu zeigen, dass von Deutschland nicht nur Böses, sondern auch Beiträge auf kulturellem Gebiet geleistet wurden.“ Außerdem versteht er die Philosophie Wilhelm Wagenfelds so, dass er den Menschen mit seinen Objekten etwas Gutes tun wollte – dies kann er mit seiner Schenkung nun weiterführen. Und auch persönliche Beweggründe liegen seinem Entschluss zugrunde: „Ich möchte, dass meine Sammlung mich überdauert. Es ist doch ein schöner Moment, wenn man eines Tages die Augen schließt und weiß, dass die Sammlung in guten Händen ist.“

Die Fotos ausgewählter Wagenfeld-Schätze sind inzwischen in Tel Aviv angekommen und die Resonanz war durchweg positiv. Die Verantwortlichen des Max-Liebling-House freuen sich sehr darauf, Steinharts Objekte in ihre Dauerausstellung zu integrieren. „Ich freue mich sehr, dass meine Sammlung dort ihren Platz finden wird“, so Axel Steinhart. Wann genau die Objekte nach Tel Aviv transportiert werden, steht noch nicht ganz fest, doch sicher ist, dass Axel Steinhart mithilfe des Freundeskreises Freiburg-Tel Aviv einen kleinen, doch bedeutsamen privatkulturellen Beitrag leisten konnte.

Text: Lisa Blitz, Sonja ThielFotos: Lisa Blitz, Thomas Kunz


Eine Glastasse steht auf weißem Grund. Sie ist leich rosa.
Foto: Thomas Kunz
Eine gläserne Teekanne mit leichter rosa Färbung.
Foto: Thomas Kunz

3 Wasen aus Glas. Von links nach rechts ist die erste gelbfarben, die zweite grau und die dritte grün.
Foto: Thomas Kunz

Eine Glastasse steht auf weißem Grund. Sie ist leich rosa.
Foto: Thomas Kunz

Veröffentlicht am 08.11.2017
 
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