Platz der Alten Synagoge

Erinnern und Gedenken an den Vernichtungswahn

Die Gestaltung des Synagogen-Platzes hat eine lange Vorgeschichte

Mit der Zerstörung der Synagogen in Deutschland begann 1938 eine in der Geschichte beispiellose Verfolgung und Ausrottung der Juden. Wie können künftige Generationen an diese Schreckensherrschaft des Dritten Reichs erinnert werden? Diese Frage stand und steht im Mittelpunkt der Überlegungen zur Neugestaltung des Platzes der Alten Synagoge, die auf das Jahr 2004 zurückgehen.

Diese Visualisierung zeigt den Platz der alten Synagoge mit Brunnen und überlaufendem Wasser. Das kleine Bild zeigt den Brunnenumriss, der den Grundriss der Synagoge nachvollzieht. (www.gd90.de)

Damals fand im Vorfeld des Gestaltungswettbewerbs die Veranstaltungsreihe "Projektwerkstatt Stadtboulevard" statt, an der die Öffentlichkeit und auch die Israelitischen Gemeinde teilgenommen haben (s. Kasten Chronik). Dabei ging es speziell um die Bedeutung der Alten Synagoge, die 1938 von Männern der SS und der SA angezündet wurde. Weil man davon ausging, dass keine oder nur geringe Reste der Synagoge im Boden vorhanden sind, sieht der Gestaltungsentwurf ein flaches Wasserbecken im Grundriss der Synagoge vor. Dieser Brunnen soll einerseits als Mahnmal dienen und andererseits den Platz zu einem lebendigen Ort der Begegnung machen. Alle Beteiligten waren mit dieser Lösung sehr zufrieden.

Ende September stießen Bauarbeiter auf Fundamentreste der Synagoge. Sie stammen von einer 1925 an der Ostseite des Gebäudes errichteten Erweiterung. Während die Israelitische Gemeinde fordert, die Baureste in Form einer Erinnerungsstätte sichtbar zu machen, plädiert die Denkmalbehörde dafür, die Steine mit einer Schutzhülle zu überziehen und dann das Mauerwerk wieder zu verfüllen, um sie auf Dauer zu sichern. Diese Lösung favorisiert auch die Stadtverwaltung. Für das geplante Wasserbecken müssen allerdings drei Steinreihen entfernt werden. Aus Sicht des Denkmalschutzes ist das vertretbar, da der größte Teil des Denkmals erhalten bleiben würde. Die entnommenen Steinen könnten zu einem weiteren Mahnmal gestaltet werden – dann allerdings ohne Denkmaleigenschaft. Ein Konzept soll gemeinsam mit der Israelitischen Gemeinde und der Egalitären Jüdischen Chawurah Gescher Gemeinde erarbeitet werden. Möglich wäre auch eine "künstlerische Aufbereitung" sowie die Präsentation der Synagoge als 3-D-Modell, in der die aktuellen Mauerfunde visuell sichtbar gemacht und somit räumlich genau zugeordnet werden könnten.


Der Grundriss der Synagoge mit Erweiterungsbau von 1925 (hellbraun)

1

Stadtmauer aus der Zeit zwischen 1120 und 1140 (rot)

2

Keller aus dem 17. Jahrhundert (grün)

3-4

Fragmente der Stützmauer des Synagogenhügels (braun)

5-9

Fundamente der Synagoge (braun)

10

Reste der Heizanlage (braun)

11

Betonmauern der Nachkriegszeit (gelb)

Grafik: Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, Urs Grabo)


Synagogenreste: denkmalgeschützt aber labil

Die bei Bauarbeiten entdeckten Mauerfragmente hat Bertram Jenisch vom Landesamt für Denkmalpflege eingehend untersucht. Nach seiner Analyse stammen sie zweifelsfrei von einer 1925 im östlichen Teil der Synagoge errichteten Erweiterung. Weil dieser Anbau tiefer gründete als das 1870 errichtete Hauptgebäude blieben diese Teile des Fundaments offenbar erhalten. Es handelt sich nicht um zusammenhängende Mauern, sondern um mehrere Teilstücke eines zweischaligen Fundamentmauerwerks, dessen Aufgabe es vermutlich war, den Baugrund zu verfestigen. Als Baumaterial wurden, wie damals durchaus üblich, relativ schlechte, poröse Steine sowie ein Kalkmörtel verwendet, der im Boden schon weitgehend abgebaut war.

Reste der Fundamentmauern am Platz der Alten Synagoge (Foto: A.J. Schmidt)

Für die Einstufung als Kulturdenkmal definiert das Denkmalschutzgesetz drei Kriterien für den Erhalt, von denen nur eines erfüllt sein müsste: Künstlerische, heimatgeschichtliche und wissenschaftliche. Der heimatgeschichtliche Wert ist nach Jenischs Einschätzung eindeutig. Daneben sind die Funde aber auch wissenschaftlich bedeutend, weil außer Fotos keine weiteren Dokumentationen oder gar Reste des Gebäudes erhalten sind. Nach Paragraph 6 des Denkmalschutzgesetzes ergibt sich daraus die Pflicht, diese Fundamentreste zu erhalten.

Die beste Möglichkeit, die Reste zu erhalten und für viele Generationen zu bewahren ist nach Ansicht von Denkmalschützer Jenisch die sorgfältige Abdeckung mit einem Biotextil und der anschließenden Überschüttung. "Das Abdecken eines archäologischen Relikts ist kein Zuschütten, damit es aus dem Sinn ist. Es ist vielmehr eine notwendige Maßnahme, um einen dauerhaften und langfristigen Erhalt einer nur mäßig gut erhaltenen Denkmalsubstanz zu gewährleisten." Um die Funde am Originalort sichtbar zu präsentieren müsste man "so stark in die Substanz eingreifen, Steine härten, wieder neu verfugen, dass dieses Objekt am Schluss kein Denkmal mehr ist", so Jenisch im städtischen Hauptausschuss.

Mit den Funden hat sich bestätigt, dass das Wasserbecken im Grundriss der alten Synagoge an der richtigen Stelle geplant wurde. Das hat zur Folge, dass "5 bis 10 Prozent" der Mauerreste, so Baubürgermeister Martin Haag, dem Fundament des Wasserbeckens im Weg stehen. Diese insgesamt rund 100 Steine abzutragen ist nach Jenischs Einschätzung aber mit dem Denkmalschutz vereinbar, da der weitaus größte Teil des Denkmals am Ort verbleibt. Was mit den entnommenen Steinen passiert, ist hingegen keine Frage des Denkmalschutzes mehr. Sie verlieren mit der Entnahme ihre Denkmaleigenschaft und können problemlos für ein wie auch immer gestaltetes Mahnmal oder Kunstwerk verwendet werden.


Chronik

1998
Erster städtebaulicher Ideenwettbewerb zur Umgestaltung des Rotteck-, Werder- und Friedrichrings.

2004
Projektwerkstatt Stadtboulevard mit Bürger-Planungswerkstatt zum Platz der Alten Synagoge.

30.3.2004
Gemeinderat beschließt Projektbeirat.

21.7.2004
Konstituierende Sitzung des Projektbeirats mit Gemeinderäten, Universität, Jüdischer Gemeinde und Lokalverein, der bis 2013 arbeitet.

19.12.2005
Projektbeirat erörtert Auslobungstext für den Gestaltungswettbewerb. Ergebnis: Der Platz der Alten Synagoge soll als ruhiger Ort gestaltet werden, nicht als Ort einer Gedenkstätte.

21.3.2006
Beschluss der Wettbewerbsauslobung durch den Gemeinderat.

23.6.2006
Georadaruntersuchungen bringen keine Erkenntnisse über Baureste der zerstörten Synagoge.

25.6.2008
Die Wettbewerbsgewinner (AG faktor grün/Rosenstiel) werden mit der Entwurfsplanung beauftragt. Zuvor werden die Wettbewerbsergebnisse breit diskutiert.

2010
Frühzeitige Bürgerbeteiligung über die Platzgestaltung im Rahmen des Bebauungsplanverfahrens mit breiter Information.

27.7.2010
Beschluss über das weiterentwickelte Plankonzept zur Umgestaltung des Platzes der Alten Synagoge.

7.10.2010
Bürgeranhörung mit 250 Teilnehmern.

6.6.2011
Abstimmung der Planung zum Synagogenbrunnen mit Vertretern der Jüdischen Gemeinde.

12.9.2011
Zustimmung der Jüdischen Gemeinde zum Plankonzept.

24.7.2012
Satzungsbeschluss zum Bebauungsplan.

20.8.2014
Ausführungsplanung beginnt

10.2.2015
Abstimmungstermin mit der Jüdischen Gemeinde, bei der ein Gipsmodell des Synagogenbrunnens vorgestellt wird. Dabei zeigt sich, dass die Gedenktafel von Karl Rißler auch unter der Wasserfläche lesbar ist.

18.4.2016
Beginn der Bauarbeiten am Platz der Alten Synagoge.

29.9.2016
Fundamentreste werden gefunden und Bauarbeiten sofort eingestellt

19.10.2016
Abstimmungsgespräch mit den Jüdischen Gemeinden

27.10.2016
Abstimmung Mitglieder Jüdische Gemeinde: Mauerreste sollen sichtbar erhalten bleiben

3.11. – 16.11.2016
Bauarbeiten ruhen

14.11.2016
Vorsitzender des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden unterstützt Vorgehen der Stadt

15.11.2016
Gemeinderat beschließt Fortführung der Bauarbeiten sowie Verwendung der Steine für ein zweites Mahnmal

September 2017 bis März 2018
Dialogverfahren zwischen der Stadt, der Israelitischen gemeinde Freiburg sowie der Liberalen Jüdischen Gemeinde Freiburg - Egalitären Jüdischen Chawurah Gescher


3-D-Dokumentationen des Unterbaus der Heizanlage...
Download (3,445 MB)


... und eines Teilstücks des Fundaments (3-D-Dokumentationen: Landesamt für Denkmalplfege)
Download (5,685 MB)