Damit soll der Weg freigemacht werden, dass die Thüga als größte Anteilseignerin von badenova zu einem von kommunalen Versorgern getragenen Unternehmen mit einem erklärten kommunalen Profil umgewandelt wird. Heute ist die Thüga AG im Eigentum des Energieversorgungskonzerns E.ON. Bereits seit längerem ist bekannt, dass die E.ON einen Verkauf der Thüga erwägt. Aktuell bestätigt hat der E.ON-Vorstand die Verkaufsüberlegungen bei der Bekanntgabe des E.ON-Jahresergebnisses 2008 in der Bilanzpressekonferenz am 10. März in Düsseldorf.
Seit Bekanntwerden der Verkaufsüberlegungen Anfang 2008 haben mehrere Versorgungsunternehmen und Stadtwerke in jeweils kommunaler Mehrheit oder als 100prozentige Tochtergesellschaften Gespräche mit dem Ziel aufgenommen, die Aktienmehrheit an der Thüga AG zu erwerben und damit die Kompetenzen der Thüga als Beteiligungsholding von kommunalen Energieversorgungsunternehmens auch in einer künftigen kommunalen Trägerstruktur zu erhalten. Zu diesen Unternehmen gehört, neben anderen, badenova.
badenova ist 2001 aus dem Zusammenschluss von sechs lokalen Versorgern bzw. Stadtwerken entstanden, darunter auch der Freiburger Energie- und Wasserversorgung (FEW). Die Aktienmehrheit an badenova halten zusammen 13 Städte und Gemeinden, darunter die Stadt Freiburg über die Stadtwerke als größter kommunaler Gesellschafter ca. 33 Prozent, und als weitere Hauptgesellschafter die Städte Offenburg, Lörrach, Lahr und Breisach. Die Thüga ist zu rund 47 Prozent an badenova beteiligt (aufgrund der Beteiligungsquoten an den Vorgänger-Unternehmen).
Aus den bisherigen Gesprächen zu einem möglichen Erwerb der Thüga hat sich inzwischen eine Gesellschaft unter dem Namen "KOM9" gebildet, dem neben badenova fünf weitere Unternehmen (Erdgas Südsachsen, Energieversorgung Mittelrhein, Gas- und Wasserversorgung Fulda, Stadtwerke Villingen-Schwenningen, WVV Wiesdbaden) angehören; insgesamt rund 30 Energieversorgungsunternehmen haben die feste Absicht bekundet, ebenfalls der Gesellschaft beitreten und sich finanziell engagieren zu wollen. badenova hat für die übrigen Partner die Koordination übernommen.
Das Ziel von KOM9 ist die Abgabe eines Angebots in einem erwarteten Bieterverfahren, wenn E.ON den Verkauf ihrer bisherigen Tochtergesellschaft Thüga AG konkret in die Wege leitet. Dazu soll KOM9 zu einer Kommanditgesellschaft unter Freiburger Federführung umgewandelt werden, die ihrerseits eine Bietergemeinschaft mit einer weiteren Gruppe "Integra" ins Leben ruft. "Integra" ist ein Zusammenschluss der drei größten regionalen Versorger mit Thüga-Minderheitsbeteiligungen (Mainover Frankfurt, Stadtwerke Hannover, N-ergie Nürnberg), die ebenfalls wie die KOM9-Mitglieder mehrheitlich oder komplett in kommunalem Besitz sind und dasselbe Ziel verfolgen.
Die Bietergemeinschaft mit KOM9 und "Integra" strebt an, insgesamt in einer Größenordnung von 65 bis 70 Prozent die Aktienmehrheit an der Thüga AG zu erwerben, davon etwa 15 bis 20 Prozent (ggf. darüber) durch den KOM9-Verbund.
Strategische Entscheidungen von solch’ weitreichender Bedeutung bedürfen der Zustimmung der kommunalen Gesellschafter aller beteiligten Unternehmen. Deshalb legt Oberbürgermeister Dieter Salomon den Vorschlag dem Gemeinderat zur Sitzung am 31. März zur grundsätzlichen Entscheidung vor. Mit dem Beschluss sollen die Voraussetzungen zur Gründung der geplanten Kommanditgesellschaft KOM9 mit Geschäftsführung durch badenova sowie zur Teilnahme an dem erwarteten Bieterverfahren geschaffen werden, das voraussichtlich im Sommer 2009 stattfinden soll. Ebenso stehen zeitnah die Entscheidungen in den Gemeinderäten der übrigen kommunalen Gesellschafter an, die über ihre Vertreter im badenova-Aufsichtsrat bereits informiert worden sind. Die Stadt Freiburg ist - stellvertretend für alle kommunalen Gesellschafter - auch in engem Kontakt mit der Kommunalaufsicht beim Regierungspräsidium.
Oberbürgermeister Salomon, Vorsitzender des badenova-Aufsichtsrats, tritt mit Nachdruck dafür ein, die sich mit den Verkaufsabsichten ergebende einmalige Chance zu nutzen, die Thüga AG als strategische und operative Holding für die kommunal bestimmten Versorgungsunternehmen zu erhalten und den Einfluss der Städte und Gemeinden in einer künftigen kommunalen Eigentümerstruktur der Thüga zu stärken. Bereits heute repräsentiert der Thüga-Verbund eine Dimension, die nach den "Big Four" (E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW) an fünfter Stelle rangiert. Die Gruppe der Thüga-Beteiligungen stellt den größten Verbund von Stadtwerken und regionalen Unternehmen mit kommunalem Profil in Deutschland dar. Da die Thüga AG in der Regel Minderheitsbeteiligungen durch GmbH-Anteile oder Aktienbesitz wahrnimmt, und damit die kommunalen Anteilseigner jeweils die Mehrheit haben, wahren solche Versorger die bewährte Stadtwerke-Tradition selbstständiger Versorger mit einer ausgeprägten Verbundenheit in die eigene Region, Kundennähe und Teilhabe am regionalen Wirtschaftsgeschehen.
Ein Beispiel dafür ist das Engagement der Thüga in Freiburg. 1971/72, mit der Umgründung der damaligen Stadtwerke zur FEW, beteiligte sich die Thüga AG (damals noch als "Thüringer Gas" bekannt) mit einer Kapitaleinlage an der Aktiengesellschaft, die zuletzt 36 Prozent betrug. Die Zusammenarbeit mit der Thüga war strategisch und wirtschaftlich ein für beide Seiten vorteilhaftes Engagement. Aufgrund der Anbindung an einen großen Energieversorger (ursprünglich Preußen-Elektra, heute E.ON) sichert die Thüga den Unternehmen, an denen sie - wie in Freiburg - beteiligt ist, eine kontinuierliche Versorgung mit Erdgas zu günstigeren Konditionen, als jedes einzelne Unternehmen dies erreichen könnte; darüber hinaus ist sie beratend beim Marktzugang, in der rechtlichen Vertretung, bei Vertragsangelegenheiten usw. tätig.
"Alle Unternehmen mit Thüga-Beteiligungen profitieren von den Erfahrungen und dem Know-How sowie von den technischen, personellen und organisatorischen Ressourcen der Thüga", bilanziert OB Salomon die bisherige Zusammenarbeit. Dies habe sich insbesondere in dem schwierigen Fusionsprozess 1999 - 2001 erwiesen, aus dem durch den Zusammenschluss von sechs Unternehmen badenova hervor gegangen ist. "Die Kommunen als Anteilseigner an Versorgungsunternehmen oder Stadtwerken sind daher in einem hohen Maß daran interessiert, dass die in über 35 Jahren gewachsenen Verzahnungen erhalten und weiter ausgebaut werden können. Deshalb schlagen wir vor, dass wir uns mit anderen leistungsstarken Partnern um eine Übernahme der Thüga bemühen!" begründet der Oberbürgermeister den Vorschlag.
Durch den anstehenden Verkauf entstehe die einmalige Gelegenheit, durch Aktienbesitz den kommunalen Einfluss zu stärken und damit das heutige Thüga-Modell zu festigen. Die tiefgreifenden Veränderungen in der Energiewirtschaft zwingen dazu, so Salomon, strategische Partnerschaften zu begründen, damit die heutige Struktur vieler regionaler Versorgungsunternehmen mit einem gesunden Wettbewerb im Interesse der Kunden gewahrt und ausgebaut werden kann. Das Bürgermeisteramt und der badenova-Aufsichtsrat verstehen daher den Vorschlag, sich durch die Gründung der KOM9-Kommanditgesellschaft um den Miterwerb der Thüga AG zu bemühen, als einen Schritt in diese Richtung, um damit die Zukunftsfähigkeit des "eigenen" Energieversorgers badenova zu sichern.
Die Alternative wäre, dass einer der großen, nationalen Konzerne oder ein ausländischer Interessent aus der Energiewirtschaft die Thüga erwirbt und damit mittelbar bei badenova und allen übrigen Versorgungsunternehmen Minderheitsbeteiligungen besitzen würde. OB Salomon: "Mit einem Gebot ist ein Erwerb noch nicht garantiert. Aber wir stehen im Interesse der bewährten kommunalen Strukturen des Energiemarkts in der Pflicht, uns um einen Erwerb zu bemühen, wenn wir nicht Großkonzernen oder ausländischen Anlegern freie Hand lassen wollen, in denen kein Gemeinderat ein Wort zu sagen hätte."
Politisch strebt das Bürgermeisteramt durch einen Erwerb der Thüga eine "Rekommunalisierung"der Energieversorgung im besten Sinne des Wortes an. badenova ist seit der Gründung 2001 nicht vollständig in kommunaler Hand, sondern mehrheitlich mit rund 53 Prozent; 47 Prozent liegen bei der Thüga aufgrund der unterschiedlichen Thüga-Quoten an den Vorgängerunternehmen. In den Gründungsverträgen ist die kommunale Mehrheit verbindlich festgeschrieben und kann nicht verändert werden. Bei einer Übernahme der Thüga durch eine Bietergemeinschaft von kommunalen Versorgungsunternehmen hätte die Thüga-Beteiligung an derzeit 110 Versorgern und Stadtwerken einen "kommunalen Charakter". Oberbürgermeister Salomon erinnert an die häufig aus dem politischen Raum vorgetragene Kritik, dass die Thüga eine 100prozentige Unternehmenstochter des größten deutschen Energiekonzern (und Atomstrom-Produzenten) E.ON ist - obwohl Aufsichtsrat und Vorstand von badenova inzwischen eine Versorgung der Privatkunden ohne jeden Atomstromanteil gewährleisten und das Unternehmen z.B. über den Innovationsfonds in zahlreichen ökologischen Projekten engagiert ist. "Eine 'kommunale Thüga' neben den Städten und Gemeinden als Gesellschafter wäre Garant, dass wir als regionales Unternehmen keine Verflechtungen mit Großkonzernen unterhalten." Vielmehr seien die Weichenstellung in der Hand der kommunalen Gesellschafter mit einem Partner Thüga gebündelt, der nach einem Eigentümerwechsel ebenfalls kommunal bestimmt und damit bürgerschaftlichen Interessen verpflichtet ist.
Allerdings macht das Bürgermeisteramt auch deutlich, dass eine Übernahme der Thüga nicht um jeden Preis verfolgt wird, sondern dass die Kapitalbeteiligung rentierlich sein muss und die heutige wirtschaftliche Position der engagierten Betriebe nicht nachhaltig schwächen darf. Daher knüpft das Bürgermeisteramt - ebenso wie übrigen an badenova beteiligten Unternehmen - den Vorschlag für das geplante Engagement an mehrere Bedingungen:
- Das Engagement von badenova in der vorgesehenen Bietergemeinschaft, die später zur "Thüga neu" werden soll, ist auf höchstens 100 Millionen Euro begrenzt, die auf dem Kapitalmarkt aufzunehmen sind.
In welcher Höhe tatsächlich eine Beteiligung von badenova an KOM9 erforderlich sein wird, hängt davon ab, welche weiteren Versorgungsunternehmen über die bisherigen sechs Partner hinaus KOM9 noch beitreten werden, und in welcher Höhe sie sich finanziell engagieren
- Die Beteiligung muss wirtschaftlich sinnvoll und eine angemessene Rendite durch die Gewinnausschüttung der Thüga erbringen. Daraus folgt: Für badenova als federführende Gesellschaft von KOM9 muss in der (derzeit noch nicht vollständigen) Zusammensetzung eine nennenswerte, der Bedeutung des Unternehmens angemessene Anteilsquote erwachsen, welche wirtschaftlich zur Refinanzierung des Investments erträglich ist.
In welcher Höhe dies erfolgen wird, ist von der Anteilsquote der badenova an einer künftigen "kommunalen" Thüga abhängig. Verlässliche Aussagen sind dazu erst möglich, wenn das Bieterkonsortium abschließend gebildet ist. Nach bisherigem Gesprächsstand strebt badenova eine Anteilsquote zwischen 2 und 4 Prozent an der Thüga an.
- Auch in einer neuen, kommunalen Eigentümerstruktur soll das bisherige "Thüga-Modell" bestehen bleiben. Dies bedeutet, dass die Thüga weiterhin Gesellschafterin von badenova bleibt, auch wenn badenova ihrerseits (über KOM9) Anteile an der Thüga hält (= Schachtelbeteiligung).
Erklärtes Ziel ist der Erhalt und die Stärkung des Thüga-Verbunds in Form einer Holding mit den Beteiligungsunternehmen, die ihrerseits als rechtlich und wirtschaftlich eigenständige Versorger mit regionaler Ausrichtung bestehen bleiben. Bezogen auf badenova, bedeutet dies also, dass die jetzige Rechtsform und Eigentümerstruktur keine substantielle Veränderung erfahren wird: Die Thüga bleibt, ebenso wie die Kommunen am Oberrhein, Gesellschafterin (Kommunen: 53 Prozent, Thüga: 47 Prozent).
Der Erwerb der Thüga durch eine kommunal bestimmte Eigentümerstruktur hat vor allem das Ziel, die Thüga als Plattform regionaler Energieversorgungsunternehmen zu stärken, Synergien beim Energiebezug, im Marketing, in der Kundenbetreuung usw. weiterhin nutzen und ausbauen zu können, die regionale Versorger oder Stadtwerke nicht allein für sich schaffen könnten. Damit wollen die kommunalen Unternehmen die bisherige Marktstruktur mit unterschiedlichen lokalen und regionalen Versorgern in jeweils kommunalem Besitz sichern und stärken. Die strategischen Vorteile des Verbundmodells Thüga liegen insbesondere in Kooperationen für günstige Bezugskonditionen, besseren Marktzugang, Vertriebskooperationen, wie sie z.T. bereits heute gegeben sind. Auf dieser Basis sollen weitere gemeinsame Projekte entwickelt werden, ohne die bewährte Struktur eigenständig operierender Beteiligungsunternehmen in Frage zu stellen. Damit wollen die Unternehmen sowie ihre kommunalen Gesellschafter ihre Marktposition und Wettbewerbsfähigkeit stärken und festigen.
Soweit das Modell im Bieterverfahren zustande kommt, wäre der Thüga-Verbund mit den angeschlossenen Unternehmen zusammen genommen der fünftgrößte deutsche Versorger für Gas und Strom nach den Konzernen E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW, und zugleich das größte kommunale Netzwerk in der Energiewirtschaft.
Mit den jetzt bei den Städten und Gemeinden anstehenden Grundsatzentscheidungen sollen die Voraussetzungen für die Teilnahme an einem Bieterverfahren zum Erwerb der Thüga geschaffen werden. Ebenso wie die Stadt Freiburg werden auch die übrigen kommunalen Gesellschafter zeitnah in ihren Gemeinderäten entscheiden.
In einem ersten Schritt ist die Umgründung der bisherigen Gesellschaft bürgerlichen Rechts KOM9 zu einer Kommanditgesellschaft erforderlich. KOM9 ist in Gesprächen mit weiteren interessierten Unternehmen, die sich als Kommanditisten beteiligen und damit die Gruppe der Bieter erweitern wollen. Insoweit ist die derzeitige Struktur von KOM9 noch nicht abschließend.
In einem zweiten Schritt plant KOM9 gemeinsam mit der Gruppe "Integra" die Bildung eines Bieterkonsortiums, das ein Angebot einbringen wird mit dem Ziel des Erwerbs von ca. 60 bis 70 Prozent der Thüga. Für den restlichen Anteil ist das künftige Bieterkonsortium in Gesprächen mit weiteren Erwerbsinteressenten. Das Angebot wird voraussichtlich im Juni 2009 vorgelegt; möglicherweise soll die Entscheidung über einen Verkauf im Juli 2009 fallen.
Die besonderen Umstände des Verfahrens und die zu erwartende Konkurrenz mit weiteren Bietern macht es erforderlich, dass die Details nach den politischen Grundsatzentscheidungen der Gesellschafter weitgehend auf der Ebene des Bieterkonsortiums festgelegt werden. Das Bürgermeisteramt wird die politischen Gremien über den jeweiligen Verfahrensstand umfassend unterrichten; Oberbürgermeister Salomon hat auch die übrigen Kommunen gebeten, in ähnlicher Weise für eine Beteiligung der Gremien Sorge zu tragen.

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