Stadt will die Initiative „Freiburger Forschungsräume“ stärker im Unterricht weiterführender Schulen verankern

Kinder und Jugendliche sollen mehr mit Phänomenen aus Natur und Technik in Berührung kommen

„Am Ende ihrer Schulzeit atmen die meisten Schüler auf und rufen den Fächern Mathe und Physik sogar hinterher: Damit will ich nie mehr was zu tun haben.“ So beschreibt der Bildungsforscher Andreas Schleicher die Misere des naturwissenschaftlichen Unterrichts (nicht nur) in Deutschland.

Mit dieser Misere will sich die Stadt Freiburg nicht abfinden, wie Bildungsbürgermeisterin Gerda Stuchlik heute auf einem Pressetermin mit Hermann Maier, Leiter des Amtes für Schule und Bildung, Frau Ehinger vom Amt für Kinder Jugend und Familie, Dieter Plappert vom Seminar für Lehrerbildung und Didaktik und Ute Unteregger von der Ökostation betonte. Dabei hob Stuchlik hervor: „Ein Mittel gegen den Schülerfrust mit naturwissenschaftlichen Fächern heißt Freiburger Forschungsräume. Dahinter steckt ein Konzept, mit dem die Stadt Freiburg schon seit 2011 bereitwillig und erfolgreich die naturwissenschaftlich-technische Bildung fördert.“

Der Kerngedanke der „Freiburger Forschungsräume“ (FFR) ist simpel: Kinder und Jugendliche sollen entdeckend und forschend mit Phänomenen aus Natur und Technik in Berührung kommen – von der Kita bis zur Sekundarstufe II. Danach sollen sie miteinander über ihre Wahrnehmungen, Beobachtungen und Hypothesen sprechen.

Eine Frage steht im Zentrum der Forschungsräume: „Wie sieht eine naturwissenschaftliche Bildung aus, die die ganze Biografie des Lernenden, von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter, in den Blick nimmt?“ Als Antwort darauf haben Praktiker aus Ämtern und diversen Bildungseinrichtungen in Freiburg Wege zur Qualifizierung für Erziehende und Lehrende ersonnen. Ihr Konzept beschreibt nicht nur Inhalte, sondern eine Haltung der Erziehenden und Lehrenden zu naturwissenschaftlicher Bildung.

In erster Linie richtet sich der Blick auf die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Mädchen und Jungen in Kitas und Grundschulen eröffnen sich durch die Umsetzung des Konzepts der FFR vielfältige elementare Erfahrungsmöglichkeiten in der Natur und im Umgang mit Technik. Die Weiterverarbeitung der grundlegenden Erfahrungen im pädagogischen Alltag fordert die Kinder auf, ihren Fragestellungen nachzugehen und nachhaltig zu lernen. Dabei lernen sie nicht nur über die Gegenstände, sondern sie lernen dranzubleiben, zu forschen und zu lernen. Jede Bildungssituation, ob in der Kita oder im Unterricht, auch in Klasse 10 oder der Kursstufe des Gymnasiums den Lernenden die Möglichkeit geben muss, emotional mit dem Gegenstand in Beziehung zu treten.

Ein Beispiel: Bevor die elektromagnetische Induktion behandelt wird, bekommen die Schüler und Schülerinnen eine Schüttel-Taschenlampe. Sie betrachten, schütteln, bauen sie auseinander und wundern sich, wie aus Schütteln Licht wird. So können sie sich persönlich, in der eigenen Sprache, mit dem Gegenstand verbinden (Fachsprache hat in dieser Unterrichtsphase noch nichts zu suchen). Dann folgt das sachliche Beschreiben: Wie ist die Lampe aufgebaut? Erst im dritten Schritt kommt die physikalische Beschreibung hinzu.

Bisher zu wenig beachtet wird dabei, dass viele Schüler von ihrer kognitiven Entwicklung her noch nicht in der Lage sind, das Formale zu verstehen. Ist ein naturwissenschaftlicher Unterricht nur formal aufgebaut, haben diese Schüler keine Chance. Sie fühlen sich überfordert, bilden Aversionen gegen ein Fach und schließen sich irgendwann dem Eingangs-Zitat an. Ist der Unterricht jedoch wie beschrieben aufgebaut, finden auch diese Schüler etwas, was sie begeistern kann – zum Beispiel, dass aus Schütteln Licht wird.

Die Forschungsräume verstehen sich als Beitrag zur Bildung für Nachhaltige Entwicklung. Sie wollen Raum und Zeit geben für Neugier und Geduld, für eigene Fragen statt schneller Antworten, fürs Beschreiben eines Sachverhalts in eigenen Worten. Mit dieser Didaktik haben die FFR Erfolg. Sie fanden bereits Eingang in die Ausbildung an den Staatlichen Seminaren für Didaktik und Lehrerbildung sowie in staatliche Bildungspläne. Zudem dienen sie als Grundlage für den „Referenzrahmen Naturwissenschaft“, mit dem Förderer des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts einen Perspektivwechsel beim Lernen und Lehren von Naturwissenschaften anregen wollen.

Fünf Beispiele für erfolgreiche Forschungsräume

Kindergarten: Die blaue Tonne. Bei diesem Beispiel sammeln die Kinder durch eigene Bewegung Erfahrungen über Schwerkraft und Beschleunigung. Sie kriechen in eine blaue Tonne, erkunden sie, verstecken sich, lassen sie rollen und klettern drüber. Sie bohren Löcher in die Tonne und beobachten die Welt außerhalb der Tonne.
 
Grundschule: Mit dem Schatten spielen. Auf eigenen Wegen entdecken die Kinder: Der Schatten hat was mit der Sonne zu tun. Er hat kein Innen, er bleibt bei mir, ich kann ihn nicht loswerden. Er ist ein Teil von mir, aber ich spüre ihn nicht.
 
Weiterführende Schulen: Praxisforschung. In diesem Herbst startet die Stadt Freiburg eine Initiative um die FFR-Didaktik noch stärker im Unterrichtsalltag weiterführender Schulen zu verankern. Geplant ist eine gemeinsame Praxisforschung. Am Ende des Schuljahres 2017/18 soll feststehen, was Lehrkräfte brauchen, um ihren Unterricht in Richtung der FFR-Didaktik entwickeln zu können.
 
Fortbildungen. Die Pädagogische Ideenwerkstatt Bagage bietet
zum siebten Mal die Einstein-Qualifizierungen der FFR an, in der Erzieher, Lehrkräfte und Umweltbildner sich die Didaktik der FFR angeingenen und ihrem eigenen Interesse für naturwissenschaftliches Forschen nachgehen können. Dabei spielt auch die sprachliche Bildung der Kinder und Jugendlichen eine wichtige Rolle. Anmeldung zur Qualifizierung kann in der Auftaktveranstaltung oder danach bei Bagage ev. erfolgen.
 
Forschungsräume im Waldhaus. In Zusammenarbeit mit dem Waldhaus Freiburg bieten das Amt für Kinder, Jugend und Familieund das Amt für Schule und Bildung jedes Jahr insgesamt 16 Waldwochen, in denen Kindergartengruppen und Grundschulklassen die Natur erforschen.

FFR-Auftakt am Dienstag, 17. Oktober, im Rotteck-Gymnasium

Die Auftaktveranstaltung für die Einstein VII-Qualifizierung Freiburger Forschungsräume findet am Dienstag, 17. Oktober, von 15 bis ca. 17.30 Uhr im Rotteck-Gymnasium (Lessingstraße 16) statt. Ulrich Kattman, Professor für Didaktik der Biologie an der Universität Oldenburg, spricht über Alltagserfahrungen der Lernenden und Grundlagen naturwissenschaftlicher Bildung und stellt an Hand von Praxisbeispielen die Umsetzung der Forschungsräume vor. Der Vortrag wendet sich an alle, die sich für naturwissenschaftliche Bildung interessieren, vor allem an Fachkräfte in Kitas, Schulen, Lehrerbildungsstätten und außerschulischen Lernorten. Der Eintritt ist frei.

Weitere Infos zu den FFR gibt es in der Geschäftsstelle Freiburger Forschungsräume (Ute Unteregger, Ökostation, Tel. 0761/892333).

Ihr Ansprechpartner im Presse- und Öffentlichkeitsreferat:
Toni Klein, Telefon: 0761/201-1330
E-Mail: toni.klein@stadt.freiburg.de

Veröffentlicht am 04.10.2017

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